Logbuch
DASEINSVORSORGE.
Zu den ambivalentesten Dingen, die man in meinem Beruf auszuhalten hat, ohne sich darüber auch nur im Ansatz beschweren zu dürfen, gehört HERSTELLERSTOLZ. Man hat einen lieben Menschen vor sich stehen, der, aller Ehren wert, ein solides Handwerk ausübt und nun, da die Welt ihn zwar braucht, aber noch immer nicht anpreist, berühmt werden will. Früher sagten dann solche HOMO FABER: "Bring mich in die Zeitung! Ich will meinen Namen lesen!" Wir erinnern uns an einem Klebstofffabrikanten im Münchner Schicki-Micki-Milieu, der den Reporter Baby Schimmerlos auf seiner Gehaltsliste sehen wollte.
Das mag ja in der Ordnung der Zünfte und Gilden so in Ordnung sein, dass ein Jedermann nicht ein Nobody sein will, sondern ein Mann von Welt, über sein eigenes kleines Milieu weit und ewig hinausglänzend, und sich so einer MISSION verschreibt, die Ehre und Ruhm verdient. Wenn das Leben so gnadenvoll war und einen Dippel Insch zu höherer Bedeutung befördert hat, so ist er, jetzt komme ich zum Thema, Vorstand eines Stadtwerks. Damit dient er der DASEINSVORSORGE.
Das Wort klingt wie aus dem Katechismus und man muss es nicht mögen. Was machen die schon? Im Volksmund spricht man von der Branche, die sich um "Gas, Wasser, Scheiße" kümmert. So, jetzt ist Schluss mit dem billigen Spott. Man richte seinen Blick auf Zehlendorf, die Kleinstadt in der Mitte der Metropole, in der die Stromversorgung von linksextremen Spinnern weggesprengt worden ist. Es rührt mich erheblich, sehr alte Menschen erschreckt auf Notliegen in Turnhallen zu sehen, und Krankenhäuser am Tropf ihrer Diesel zu wissen, die den Notstrom liefern. Strom ist Leben. Leben braucht Energie.
Ich will dem HERSTELLERSTOLZ der Energiewerker aller Professionen freie Bahn brechen und dem Dienst der DASEINSVORSORGE, an die wir uns offensichtlich allzu sehr gewöhnt haben. Ich schaue mir gerade im Internet Angebote für Notstromaggregate an, während ich im Fernsehen Frau Giffey sehe, die einen ordentlichen Eindruck macht, während der Regierende selbst irgendwo den Toy Boy spielt. Dem Mann fehlt Ernsthaftigkeit; eine kleine Nummer.
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DEN DICKEN AM DAMM.
Kleine Kulturgeschichte am Beispiel eines Ausflugslokals. Ich fahre durch das Ruhrtal zwischen Kettwig und Mülheim und entdecke eine Lokalität, die MA DAMM heißt. Wohl gemerkt mit einem Leerzeichen zwischen den beiden Wörtern. Bei Madamme hätte man an einen Rotlichtbetrieb denken mögen; das gab es im katholischen Mintard an der Ruhr aber nie. Das „Damm“ bezieht sich auf die Deiche des Flusses. Ein Wortspiel, sollte verboten werden. Hier habe ich als kleines Kind einen handfesten Krach meiner Eltern erlebt, den ich noch erinnere, obwohl beide schon lange im Himmel. Dazu später.
Das MA DAMM ist jetzt, wie ich lese, eine „Lounge“. Wer das für Englisch hält, war auf der Realschule. Eigentlich Bezeichnung einer Sitzecke wurden irgendwann mal Aufenthaltsräume so benannt, wenn den Gästen ein gewisser Komfort geboten wurde. Fluglinien hatten das für den mittleren Angestellten („Business“) oder gehobenes Publikum („First“), ausgestattet mit gratis Snacks und jenem Teil der weiblichen Belegschaft, den man „Flugomas“ nannte. Ich hatte eine Senatorkarte, kam also rein. Beide Angebote wurden im Laufe der Zeit immer karger. Inzwischen gibt es auch in der First nur noch Nüsschen und statt der koketten Purserin einen Automaten namens KI. Ryan Air everywhere. Ich erinnere mich, dass Bahnhöfe Aufenthaltsräume als öffentliche Wärmehallen hatten, wo man winters mit Bahnsteigkarte reinkam. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Zum wohlbeleibten Wirt am Deich, dem Dicken am Damm, fuhr man Sonntags, um den Nachmittag bei Torte und Kaffee zu verbringen und gesehen zu werden. Wurde es gemütlich, gab es schon mal ein Piccolöchen oder Eierlikör. Mein Vater war ein sparsamer Mann und empfand den Brauch als albern; meine Mutter war anderer Meinung und wollte ausgeführt werden. Irgendwann hatte sie sich durchgesetzt und man fuhr sonntags zum Dicken am Damm in den berühmten Garten. Die Promenadenidylle sollte nicht lange währen.
Denn dann quittiert der Kellner die Bestellung von zwei Tassen Kaffee barsch mit dem Satz „Draußen nur Kännchen!“ Mein Vater erzürnt, steht auf und zwingt die Familie zum Aufbruch. Der Haussegen hing danach lange schief. Jetzt ist der Adipöse hinter‘m Deich also eine Madamm, die launscht. Ich kehre nicht ein.
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RUDEL.
Debatte mit geschätzten Freunden um Massenpsychologie. Mein Argument: Massenphänomene, zumal bei kollektivem Gebrauch berauschender Drogen, sind nicht durch PSYCHOLOGIE zu klären, wenn man dabei das Verhalten der Gruppe durch Verallgemeinerung des individuellen Seelenlebens erklären will. Auch was Sigmund Freud dazu 1921 geschrieben hat, ist unzureichend.
Freud erklärt in „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ seine eigene Trieblehre, also sich selbst, aber nicht, was den Einzelnen zur Meute drängt. Warum wollen wir das? Eine tiefere Einsicht könnten man nur durch SOZIOLOGIE gewinnen. Und hier fehlt bisher ein bahnbrechendes Standardwerk. Kein OPUS MAGNUM. Ich weiß, dass das die Psychologen schmerzt, ganz besonders die Psychoanalytiker, die sich schon immer im Besitz tieferer Erkenntnis und höherer Wahrheit wähnten.
Wer hier in der Wissenschaftsgeschichte graben möchte, sollte sich von der Vorherrschaft der Psychoanalyse befreien und FREUD zurückstellen. Ich empfehle zwei andere Linien, die sich noch unversöhnlich zueinander verhalten, aber, wenn zu neuem Niveau gekommen, aus der kleinbürgerlichen Sex-Falle Freuds rausführen könnten.
Zunächst C. G. JUNG, der eine Dominanz kultureller ARCHETYPEN erahnt hat. Das tickt in uns. Dann den BEHAVIORISMUS, der empirisch auf faktisches Verhalten schaut. Was fühlen wir als Rudelwesen und wie verhalten wir uns im Rudel? Wir sind vor allem nämlich geschichtenerzählende und diese inszenierende Gemeinschaftswesen. Rudel halt. Das macht Religion so populär. Und Rädelsführer in der Meute stark. Lehrsatz: Religionssüchtige Rudel.
Sorry, heute keine Pointe. Soll nicht wieder vorkommen.
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Maulhelden, keine Märtyrer – warum der Rauswurf der Linken goldrichtig war
Ein einmaliger Vorgang in der Geschichte der bundesdeutschen Demokratie: 50 Abgeordnete des deutschen Bundestages, gewählte Volksvertreter werden vom Präsidenten des Plenarsaales verwiesen; rausgeworfen – wegen ihres Protests gegen den Kriegseinsatz der Bundeswehr in Afghanistan. Darf man in diesem Land nicht mal mehr als Abgeordneter für den Frieden sein? Friedensengel werden rausgeworfen? Ein Skandal?
Die Stimmen derer, die darin einen undemokratischen Auswuchs, gar einen Rückfall in längst vergessene Zeiten sehen, überschlagen sich. In den Kommentarspalten einiger Zeitungen, in den Online-Foren diverser Medienangebote und in den politischen Weblogs, überall tobt der Volkszorn. Es weht ein scharfer Wind gegen Norbert Lammert (CDU), den Parlamentspräsidenten. Man vermutet parteipolitische Interessen hinter seiner Entscheidung, nimmt an, dass hier Menschen, die mutig für ihre Meinung einstehen, hinterrücks mundtot gemacht werden sollen, sieht eine allgemeine Diskriminierung der Linken am Werk.
Es wird wilde Arithmetik betrieben, die 50 Verwiesenen vom Freitag werden den insgesamt nur 23 Ausgeschlossenen der vergangenen 60 Jahre gegenübergestellt, mit Hinblick auf die Parteizugehörigkeit Lammerts wird eine autoritär-antidemokratische Unionslinie von Globke über Oberländer und Filbinger bis hinein in die Neuzeit konstruiert. Und dennoch, nüchtern betrachtet lässt sich die Entscheidung, die der Bundestagspräsident da am vergangenen Freitag getroffen hat, nur als notwendig und richtig charakterisieren.
Ein unabhängiges Parlament, ein Ort, an dem gewählte Volksvertreter unbeeinflusst von kurzfristigen populistischen Affekten repräsentative Entscheidungen für den demokratischen Souverän treffen können ist, gerade auch in Deutschland, ein mühselig errungenes Gut. Es ist Produkt eines Kampfes, der vor über 170 Jahren mit dem Aufbegehren einiger demokratisch gesinnter Menschen gegen die autoritären Obrigkeiten begann.
Eben hierin ergründet sich auch sein Normzweck: Nicht der lauteste Schreihals soll das politische Tagesgeschäft bestimmen, nicht derjenige, der in der Einschüchterung von Parlamentariern die höchste Kunstfertigkeit besitzt, sondern der in freier, gleicher, unmittelbarer, direkter und geheimer Wahl legitimierte Repräsentant.
Diese Grundsätze hat die Linkspartei hier mit Füßen getreten. Ihr Auftreten am vergangenen Freitag hat so gar nichts von einem demokratischen Märtyrer wie Otto Wels, der sich mutig der überbordenden Bedrohung entgegenstellt, der dem Ungeist sein ‚Nein’ entgegenruft, es ist vielmehr der Versuch einer populistischen Instrumentalisierung der eigenen Parlamentspräsenz. Die Bannmeile wird durch diejenigen gebrochen, die durch sie geschützt werden sollen. Die Linke trägt den Druck der Straße hinein in den Plenarsaal.
Man mag zum Bundeswehreinsatz in Afghanistan stehen, wie man will, man mag gegen ihn demonstrieren, agitieren, anschreien, man mag ihm als Abgeordneter seine Zustimmung versagen (dies haben übrigens, unter strikter Einhaltung der demokratischen Spielregeln, am vergangenen Freitag über 40 Abgeordnete aus allen Fraktionen, einschließlich Union und FDP getan). Allein seiner Ablehnung die Beachtung jedweden demokratischen Anstands zu opfern, verbietet sich.
Der Missbrauch des Parlaments als Agitationsbühne hat unter Populisten Tradition. Aus Italien sind einem die Ausfälle der Lega Nord gegenwärtig, aus dem Europaparlament die der United Kingdom Independence Party. Selbst der Bundestag blieb nicht gänzlich verschont, hier echauffierte sich Ronald Schill über Einwanderer bis man ihm das Mikrofon abstellte. Jetzt also die Linkspartei, die sich auf dem Rücken der Opfer eines Bombenangriffs profiliert.
Weit entfernt davon, ein eigenes tragfähiges Konzept zur Beendigung des deutschen Auslandseinsatzes vorgelegt zu haben, geht man mit den Namen getöteter Zivilisten hausieren – die Körper sind kaum begraben, da beginnt die politische Leichenfledderei. In einem Abgrund an Pietätlosigkeit werden Opfer (wessen Opfer eigentlich, die der NATO, die bombardieren ließ oder viel mehr die der Taliban, die sich und ihre Waffen hinter Frauen und Kindern verstecken?) zu Zeugen der eigenen verqueren Haltung gemacht. Da verkommen elend gestorbene Menschen zur Staffage in einem Schaustück von Maulheldentum, Populismus und Heuchelei.
Die Würde des Bundestages, die Bedeutung funktionsfähiger demokratischer Organe gebietet es, dass dem konsequent Einhalt geboten wird, auch um den Preis des Ausschlusses einer stattlichen Anzahl von Abgeordneten. Die Anzahl der Sünder macht den Sündenfall nicht legitimer.
Quelle: starke-meinungen.de