Logbuch

PARTY IN DER REICHSHAUPTSTADT.

Ferienende. Was für Schüler bitter, ist für Parlamentarier erleichternd. Endlich kann man Ehefrau und Wahlkreis zurücklassen und wieder in der Berliner Blase flanieren. Die Stimmungswende begehen die Sozialdemokraten stets mit dem Gartenfest des Seeheimer Kreises (das ist der schwarze Teil der Roten) in der Parlamentarischen Gesellschaft hinter‘m Reichstag. Ein wichtiger Termin, wenn man die innere Stimmung des politischen Berlin testen will. Ich komme früh wg. guter Sitzplatz mitten drin; alter Lobbyistentrick.

So sitze ich regensicher unter’m Schirm auf Gartenstuhl. Es gibt immer viel Security und Kontrolle, weil man keine Unbefugten hier eindringen lassen will. Das passierte aber gestern. Ich sehe von meinem Gartenstuhl aus plötzlich ein vier-, dann sechsköpfiges Kommando; das hieße, der Kanzler kommt. Wir sind aber bei den Sozen. Friedrich Merz schreitet durch die Menge, schüttelt Hände, hier ein freundliches Wort, dort ein Schulterklopfen. Ein Schwätzchen mit Rudolf Scharping. Der Mann gehört hier hin wie ein Schwein auf‘s Sofa. Merz meine ich. Alle Achtung.

Die gastgebende SPD ist sprachlos. Es fehlt gänzlich Herr Klingbeil, der ungeliebte Bonapartist; es stottert Belangloses Bärbel Bas, die Parteiobere mit betont linker Ambition. Merz kommentiert gutgelaunt von der Bühne zur Partei zwischen Basta und Bullshit. Der Mann kann Kanzler. Ich bin wirklich überrascht. Nach exakt dreißig Minuten sehe ich das sechsköpfige Kommando durch den Hinterausgang abrücken, in der Mitte der Lange aus Brilon. Anders als der unglückselige Olaf Scholz pflegt er seine Koalition. Auch kein leichter Job. Wenn er jetzt noch die Union für sich gewinnt, könnte die Koalition halten.

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TITELEI.

Man sagt ja der österreichischen Kaffeehauskultur nach, dass sie titelsüchtig sei. Nix gegen Ösis. Das wirkliche Übel liegt nämlich in der Inflation der Titel selbst. Inflation ist Entwertung. Sagen wir Papiergeld gegen Gold. Schlimmer: Krypto-Titelei.

Adelstitel sind nur noch Namensbestandteil und tragen einen Hauch Halbwelt. Also beginnt der Run auf die Epauletten des Akademischen. Da ist aber nicht jede Hochschule auch eine wirkliche Universität. Wir schließen die internationale Inflation als erstes aus unserer Betrachtung aus. In einem Schauprozess in Hamburg wirkt laut Boulevard ein Anwalt mit Professorentitel aus Peru; geschenkt.

Eine regelrechte Universität ist qualitativ etwas anderes als eine „University of Applied Science“, auch Fachhochschule genannt. Hier tätige Professoren sind promovierte Fachleute mit erfolgreicher Berufspraxis, die aus diesem doppelten Fundus schöpfen. Der Theorie nach. Inzwischen ist eine geschickte Umgehung beider Voraussetzungen nicht mehr die Ausnahme. Die Fachhochschulen werden zu besseren Berufsschulen; aber zu Berufsschule plus ist am Schluss noch was anzumerken.

Vielen Professoren sind nicht habilitiert und haben den Titel durch einen Lehrauftrag ergattert. Sie hießen korrekt eigentlich Honorarprofessor; was der Berliner Prommi-Anwalt geschickter umschifft als sein Kollege aus Peru in den Anden. Das ist immer der Lackmustest: Hat der Herr Professor eine Venia Legendi, ist etwa Privatdozent (PD), und ist in einem Verfahren berufen? Das muss nicht immer so sein und hat auch dann seine akademische Ordnung; aber ich sage ja nur, die nennen sich zurecht Univ.-Prof.

So selten echte Habilitationen geworden sind, so häufig wurden Promotionen. Der Onkel Doktor ist in der Medizin Legion. Den Scheffarzt immer ein Prof. Aber bei den Geisteswissenschaften hält sie noch, die Promotionsordnung. Natürlich gibt es auch hier Ehrendoktoren (humoris causa) und die Peru-Variante. Ich selbst habe mir mal einen Professoren- wie Doktortitel in Metaphysik (sic) bei einer amerikanischen Kirchen-Uni gekauft; hängt im Büro in der Küche zum allgemeinen Amüsemang.

Jetzt zu den Berufsschulen plus, zu denen die FHs verkommen; das ist ungerecht. Der Studienrat hat eine ordentliche Assessorenausbildung und ein Zweites Staatsexamen. Ich selbst habe meinen Assessorentitel früher trotz allgemeinem Amüsemang geführt. Nichts gegen Studienräte! Zwei Staatsexamen, das haben die frisch promovierten Praktikantinnen auf ihren mit Fortune ergatterten Leerstühlen an den einschlägigen Flachhochschulen nicht vorzuweisen. Also wären, mit den Augen des Teufels betrachtet, solche FH eigentlich Berufsschule minus. Ich kenne aber viele, sehr gute FHs und profunde Wissenschaftler dort, von denen ich einiges gelernt habe. Honi soit…

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PHILIPPIKA.

Tiefe im Seichten. Ich höre einen englischen Stand-up-Comedian die Frage aufwerfen, was man tun würde, hätte der Arzt mitgeteilt, dass man nur noch ein halbes Jahr zu leben habe. Wem dann dazu einfach gar nichts einfiele, sagt der Satiriker, und wer deshalb einfach nur weitermachte, der lebe glücklich. Das hohe Lied auf Routine und Ritual.

Das ist zum Beispiel die Frage nach dem Lotto-Gewinn. Was würde sich im Leben des Glücklichen ändern, wenn tatsächlich eine halbe Million auf‘s Konto käme? Die Glücksspieler hoffen auf eine riesige Wende. Anderen ist dieser Hang zum Spiel gänzlich fremd. Eine halbe Mille? Das kauft doch heutzutage nicht mal mehr eine Villa am Meer. Vielleicht könnte man sich entschulden, etwa die Hypothek los werden. Und dann? Ein Wohnmobil erwerben und mit 95 km/h auf einen Parkplatz vor Sankt Moritz schleichen? Ravioli auf dem Gaskocher.

Ähnliche Feststellung gestern Abend in einer alten Doku über das Leben des Modeschöpfers Karl Lagerfeld, der sich zum Ende seines Lebens zum Ziel gesetzt habe, einfach irgendwann wie ein alter Elefant verschwunden zu sein und vorher mit preußischer Routine seiner Arbeit nachging. Ein Deutscher in Paris.

In der Biografie eines emeritierten Wissenschaftlers lese ich, dass das Standardwerk, das er verfasst hat, einer Stiftung zu verdanken ist, die OPUS MAGNUM heißt. Sie hatte ihn für zwei Jahre von Lehrverpflichtungen freigestellt. Das war sicher schön für ihn, hinterlässt bei mir aber einen schalen Nachgeschmack. Wüsste ich, worüber ich schreibe, wenn mir zwei Jahre geschenkt würden? Nicht so richtig. Wenn es wichtig wäre, ginge es doch wohl auch ohne Freisemester.

Hätte ich der Menschheit einen großen Gedanken zu hinterlassen, so wäre das schon geschehen oder eben schnell getan. Von größerem moralischen Gewicht wäre die Frage offener Schuld. Im Großen tritt man damit ohnehin vor Gott. Und im Kleinen? Wem wäre noch ein gutes Wort zu sagen? Gar ein Pardon, sprich die Bitte um Entschuldigung. Vielleicht gar öffentliche Reue?

Zu einem solchen Nachsinnen darf man einen Satiriker nicht animieren. Es dauert keine halbe Stunde und eine Tasse starken Kaffees, bis er es zu der Frage gewandelt hat, wen er noch ohrfeigen sollte, bevor seine Zeit auf Gottes Erden zur Neige geht. Auf wen steht noch eine Philippika aus? Wem darf welcher Spott nun wirklich nicht erspart bleiben?

Lieber einen guten Freund verloren, als einen Witz ausgelassen.

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Wohlwollend entmündigt: vom Recht, Verbraucher vor sich selbst zu beschützen

Eine Schere geht auf zwischen den politischen Bürgerrechten und der fürsorglichen Entmündigung von Verbrauchern. Als Bürger dürfen die Bürger wählen, wen sie wollen, aber nicht essen, was sie mögen. Geraucht wird ja ohnehin schon auf der Straße.

Ich rauche nicht, aber schon das stinkt mir. Auf den Lebensmitteln tauchen die ersten Ampeln auf, die mir sagen, ob und wieviel ich davon verzehren sollte. Ich starre im Schnellrestaurant am Autobahnrand auf die Belehrung und stelle entsetzt fest, Thilo Bode war schon da: food watch is watching me.

Jetzt sind sie schon bis hier vorgedrungen, die Oberlehrer gesunder Ernährung und einer, so heißt der Quatsch, nachhaltigen Lebensführung. Die Verbraucherschützer helfen mir bei Essen und Trinken, weil sie annehmen, dass ich damit überfordert bin.

Mit dieser Hypothese habe ich Frau Aigner aus dem Bundeskabinett am Hals, die staatlich alimentierten Verbraucherschützer und die vollends Selbsternannten aus der Müsli-Fraktion. Sie wissen, dass ich der Werbung völlig schutzlos ausgeliefert bin und alles tue, was die food mafia von mir verlangt. Sie kennen mich als überfordert.

Diese Fragestellung nach Unter- und Überforderung der Verbraucher ist pädagogischer Natur. Sie ist der Ausdruck einer Lehrerrolle in einem Schüler-Lehrer-Verhältnis. Ob die Menschen lesen und schreiben können, belegt unser Staat mit einem hoheitlichen Vorbehalt, der Schulpflicht. Und das ist ja auch gut so.

Diese Frage kommt dann zu einer höheren Bedeutung, wenn die Belehrung quasi hoheitlich daherkommt und/oder durch Steuermittel finanziert wird. Denn Schüler sein zu müssen und Belehrung ertragen zu dürfen, ist natürlich eine asymmetrische Situation, sprich ein Machtverhältnis. In einer Demokratie fragt man nach, wenn man das Objekt von Herrschaftsansprüchen wird.  Bundesministerin Aigner aus Merkels Kabinett vielleicht, aber Thilo Bode von den ökobehauchten Lebensmittelwächtern? Sich unaufgeforderten Belehrungen aussetzen zu müssen, beschneidet jedermanns bürgerliche Freiheit, also darf er fragen, mit welchem Recht er zwangsbelehrt werden soll. Die Menschen haben nämlich  nach dem Abdienen der Schulpflicht, spätestens mit der Volljährigkeit, das Recht, ohne Oberlehrer für sich selbst zu entscheiden, übrigens auch falsch.

Man darf in einem freien Land Dinge tun, die andere für dumm halten; man darf sogar Dinge tun, die wirklich dumm sind. Ich hätte, so ich wollte, das Recht, mich mit Messer und Gabel langsam umzubringen. Der Kern der Aufklärung ist in Kants Worten die Bereitschaft, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, und zwar ohne Anleitung. Der Verbraucher hat als Bürger das Recht zu fragen, in welche Rolle ihn bestimmte Parolen des Verbraucherschutzes als gesellschaftliches oder politisches Wesen versetzen.

Welcher Macht- und Herrschaftsanspruch verbirgt sich hinter all diesen schönen Worten?  Man sollte Wohltaten  misstrauen, solange man die Absichten der Wohltäter nicht wirklich kennt, also immer. Verbraucherschützer unterliegen nämlich einem Selbsternennungsverfahren. Es ist in diesem Land weit schwerer, Fahrlehrer oder Wirt zu werden als Verbraucherschützer.

Die Öko-Wächter haben zunächst einmal nur ein Mandat, das sie sich selbst gegeben haben. Alle sogenannten NGOs sind Selbstmandatierungsinstitutionen. Ich erlebe bulemische Sozialpädagoginnen, die mich gegen meinen Willen bemuttern dürfen. Ekelhaft. Aber auch Staatsinterventionismus darf man hinterfragen. Wo mein Selbstbestimmungsrecht ausgesetzt wird, sollten mich Legalität und Legitimität interessieren. Auch wenn dabei hochtrabene moralische Vokabeln im Mund geführt werden. Auch eine Gutmenschendiktatur ist eine Diktatur.

Mir ist der Zustand der wohlwollenden Entmündigung nicht geheuer. Gibt es ein Recht, Menschen vor sich selbst zu beschützen? Und wenn ja, von wem, für wen und zu welchem Zweck? Zwischen Verbraucherberatung und Bedarfslenkung liegt ordnungspolitisch eine ganze Welt. Man darf in Fragen der Ordnungspolitik penibel sein, weil die Freiheit immer scheibchenweise stirbt.  Kriegen wir die Ampeln demnächst auch auf Büchern und Websites?

Gegen das Angebot der Fürsorge wagt man sich kaum zu wehren, weil ihm ein moralisches Gefälle eigen ist.  Es ist aber der Obrigkeitsstaat, der seine Bürger als Untertanen wahrnimmt und folgende Proportion herstellt: Der Staat verlangt den Gehorsam des Untertanen und gewährt ihm im Gegenzug seine Fürsorge. Das ist ein autoritäres Konzept. Erst der Sozialstaatsgedanke unserer Tage fügt dem Fürsorgeverlangen eine gewisse emotionale Wärme hinzu. Aber im Kern ist Fürsorge die andere Seite einer Medaille, auf der Unterwerfung steht.

Man darf das selbstbewusst fragen. Einen Verfassungsauftrag zum Kuschen gibt es nicht. Staatliche Intervention in bürgerliche Freiheit oder Selbstmandatierung von sonstigen Fürsorgern ist also immer ordnungspolitisch prekär. Mit welchem Recht werde ich in eine Schulbank gedrückt? Mit welchem Recht werde ich als weisungsbedürftiger Untertan behandelt? Solche Fragen haben immer einen doppelten Horizont, den nach der Rechtslage und den nach der moralischen oder politischen Rechtfertigung, sprich Legalität und Legitimität. Dicke Bretter sind dann zu bohren. In der ideologischen Praxis der Oberlehrer weicht man dem Bohren dieser dicken Bretter gerne aus.

Dazu nutzt man vor allem den mehr oder weniger geschickten Entzug der Mündigkeit. Man denkt den Verbraucher wohlwollend als verführte Unschuld. Zum Beispiel als Schüler, dem man eine Unterrichtung schuldet und der diese zu ertragen habe in seinem eigenen wohlverstandenen Interesse. Fürsorge beginnt hier mit dem unaufgeforderten Entzug der Geschäftsfähigkeit. Da waltet eine Re-Infantilisierung, die der Paternalismus vornimmt, um sich selbst auf den Plan rufen zu können. So wird der mündige Verbraucher zum Schutzbefohlenen des Verbraucherschützers. Das ist eine ideologische Zwangsadoption.

Ich bin ein dummer Junge, der froh sein darf, dass sein Papa Thilo Bode ihm sagt, was er essen und trinken soll. Implizite Re-Infantilisierung ist der Mechanismus, der Fürsorge als sozialpädagogische Legitimation möglich macht. Wenn wir schon von den Öko-Diktatoren verkindert werden, lasst uns mit pubertärem Trotz reagieren: Organisieren wir einen Kinderkreuzzug gegen die fürsorgliche Bevormundung. Teachers, leave them kids alone!

Quelle: starke-meinungen.de