Logbuch
DEUTSCHE DIKTATUR.
Dass die DDR ein Unrechtsstaat war, daran ist nicht zu zweifeln; sie sperrte ihre Menschen ein. Mittels sowjetischer Macht.
Die DDR wäre als deutsche Diktatur fast nur vier Jahre alt geworden. Am 17. Juni 1953 führte eine Arbeitsnormverschärfung zur Forderung nach freien Wahlen. Es sollen eine Million Menschen auf der Straße gewesen sein. Die SED ließ sowjetische Panzer auffahren. Die Revolte wurde niedergeschossen. So sollte die kommunistische Partei Recht behalten. Wie später in Prag. Ich war damals beim Prager Frühling Schüler und erinnere die Besprechung im Unterricht.
Zurück zum 17. Juni. 1953 war ich noch in Windeln und meine Eltern wohnten im Ruhrgebiet bei einem kommunistischen Ost-Agenten zur Untermiete; man sprach auch im Westen nicht offen. Jedenfalls nicht laut. Das Wegsehen gegenüber dem Stalinschen Erbe hielt bei mir ein Leben lang an, wohl nicht untypisch. Bis ich dann vor gut dreißig Jahren die Mauer fallen sah. Ich war in Westberlin in der historischen Nacht und sehe noch am nächsten Morgen die mit Trabis zugeparkten Bürgersteige. Westberlin war vorbei.
Rückblickend ist die epochale Ignoranz der Wessis gegenüber dieser Diktatur geradezu peinlich. Zweifel an der politischen Position gibt es bis heute bei Bertolt Brecht, der ja damals in Ostberlin wirkte. Ich hab daher noch mal nachgeschaut. Brecht zum 17. Juni vor 70 Jahren:
„Nach dem Aufstand des 17. Juni // Ließ der Sekretär des Schriftstellerverbands // In der Stalinallee Flugblätter verteilen // Auf denen zu lesen war, daß das Volk // Das Vertrauen der Regierung verscherzt habe // Und es nur durch verdoppelte Arbeit // Zurückerobern könne. Wäre es da // Nicht doch einfacher, die Regierung // Löste das Volk auf und // Wählte ein anderes?“
Fragen? Brechts Alterswerk tarnt sich als Elegien, meinte aber Politik. So, wenn er metaphorisch sagt, dass ein Sturm an den Baugerüsten der Stalinallee die starren Stahlplanken (Stalin!) abgerissen habe, während das biegsame Holz hielt. Oder der Radwechsel, bei dem er sein Ungemach zwischen faschistischer Vergangenheit und kommunistischer Zukunft formuliert. Weiteres zu entdecken. Man lese die Buckower Elegien des kryptischen Bert Brecht, der die Zensur der deutschen Diktatur fürchtete.
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RE-BRANDING.
Ein Beruf bedarf eines Leitbildes. So sagt ein berühmter PR-Mann gerade von sich selbst, er sei, symbolisch gesprochen, Unfallchirurg und nicht Geburtshelfer. Taugt das als Metapher?
Gefallene Journalisten, die dann PR machen, so wie dieser Mensch, sind von einer unerträglichen Eitelkeit getragen, die sie auf immer als Striezer ausweisen. Kurpfuscher, Badeärzte, Quacksalber. Wirkliche Profi sind bescheiden. So wie ich. Ich war nicht BILD; ich war ein eher kleines Licht, eigentlich war ich immer nur ich.
Der Herr Kollege ist gefallener BILD-Chef und breitet diese LARMOYANZ in einem Band auf 554 Seiten aus, sich selbst mit Churchill und dessen dreibändiger Autobiografie vergleichend: da könne noch mehr kommen. Gutes Marketing. Ich mag den nicht, diesen Habitus und gleich den ganzen Typ; „not a bird of my feather“. Das abgeschmackte Konvolut vom großen Ego werde ich nicht lesen. Ein altes Opfer dieses Boulevard-Clan-Chefs, der unglückselige Christian Wulff, nennt die gedruckten Prahlereien unnötigerweise gar einen „Schrei nach Liebe“. Welch ein Zugeständnis. Er hat es noch immer nicht kapiert, der Christian, das mit der Ware Liebe. No typo.
Sind also PR-Manager Unfallchirurgen, die versuchen, notdürftig zusammenflicken, um zu retten, was zu retten ist? Und Journalisten bringen also, edel, hilfreich und gut, die Babys zur Welt? Wie bei viele Metaphern sind in den gewählten Bildern narzisstische Selbstbeschreibungen verborgen. Im gleichen Atemzug nennt der Engelmacher von „storymachine“ (so heißt seine PR-Bude) den Strafverteidiger als Berufsmetapher, der eben nicht brav Eheverträge aufsetze, sondern mit Verbrechern zusammensitze.
Diese Metapher für PR gibt es auch von mir. Jetzt ist der Präsident des Deutschen Rates der PR gefordert, der geschätzte Professor Rademacher! Lars, übernehmen Sie! Er hat genau dazu nämlich einen Aufsatz geschrieben. In einer Festschrift übrigens, die sich mit einem anderen berühmten PR-Mann beschäftigt. Mit mir.
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LENIN-KULT.
Berlin-Buch ist nicht nur irgend so ein Vorort der Metropole; hier wurde und wird Wissenschaftsgeschichte geschrieben. Und korrigiert. Die „cancel culture“ tilgt gerade einen Ärztenamen. Und kommt vom Regen in die Traufe.
In Berlin-Buch residierte ein Außenstandort der Charité, eine noblere Marke für Medizin gibt es nicht. Die PANKOWER Lokalpolitik entdeckt jetzt aber, dass der Namensgeber einer kleinen Straße ein „Eugeniker“ gewesen sei, jener Nazi-Wissenschaft, die Menschen züchten wollte. Ob das stimmt, ist mehr als strittig. Aber egal. Weg damit!
Man will auch den Makel tilgen, dass der Namensgeber ein Mann war. Und findet in den Lehrbüchern der DDR eine Frau. „Cancel Culture go! In PANKO!“ Pun intended. Jetzt haben wir die französische Konkubine eines moskauhörigen Psychiaters, mit deren Namen er seine Forschungsarbeiten versah. Plagiatsverdacht. Nach seinem Tod wanderte die Dame nach England aus. Jetzt kriegt sie eine Straße in Buch.
Berühmt aber wurde sie, weil sie das kostbarste Hirn aller Zeiten präparieren sollte. Eines Genies! In allerbester Tradition hat man das in PANKOW in den grauen Zellen des Sowjetherrschers W. I. LENIN gesehen. Die Frau, die Lenins Hirn präparierte. Vielleicht tue ich der Dame ja Unrecht. Aber wie die LINKS-Partei in PANKOW da in den alten DDR-Lexika neue Held*Innen sucht und findet, das irritiert mich schon.
Die Geschichte wiederholt sich. Zunächst als Tragödie, dann als Farce. Sagt Marx. Hatte er von Hegel. Plagiat.
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Die Volkspartei: Ein Nachkriegsmodell läuft aus
Die Politik wird im nächsten Jahrzehnt endgültig ein Teil der Unterhaltungsindustrie. Wir stehen vor italienischen Verhältnissen. Wie in Italien und Frankreich hängt das mit dem Ende der Volksparteien zusammen.
Eine zentrale Institution unseres Vaterlandes ist, das müssen wir uns jetzt eingestehen, unwiederbringlich dahin, die Volkspartei. Für alle und für alle Zeiten. Es heißt Abschied nehmen von der heilen Welt der Nachkriegsära.
Es geht auch die Westminster-Demokratie, das uns von den Alliierten verliehene Erfolgsmodell, vor die Hunde. Die SPD hat diesen Schierlingsbecher schon geleert und liegt zerschlagen am Boden. Der CSU, einst die modernste Volkspartei Europas, wird der Todestrunk gerade gereicht. Noch windet sich Seehofer, aber auf verlorenem Posten. Aufkommende Sehnsucht nach Franz Josef Strauß wird der CSU so viel helfen wie Willy Brandt den heutigen Sozialdemokraten.
Die große demagogische Kraft der Schein-Alternativen von Freiheit oder Sozialismus, Krieg oder Frieden, bürgerlich oder links, all jene Heil-oder-Hölle-Paradigmen haben ihre Wirkkraft verloren. Die Union beginnt zu ahnen, was Linke und Rechte schon wissen.
Merkel hat bis gestern versucht, Debatte und Denken auszusetzen. Merkel, nicht nur Kanzlerin, sondern auch Parteivorsitzende der Union, beginnt erst jetzt mit der offiziellen Aufarbeitung des letzten Wahlergebnisses. Mit berüchtigt ruhiger Hand und zusammengepressten Lippen hat sie, die Meisterin des Ungefähren, Strategin des Zögerns, eine Diskussion innerhalb ihrer Partei verhindern wollen, die nun nicht mehr zu verhindern ist. Auch die betschwesternhaften Verteidigungsversuche von Frau Schavan halten Kritik aus den eigenen Reihen nicht mehr auf.
CDU und SPD waren gefangen in der miefigen Nestwärme der großen Koalition. Das politische Ehepaar Merkel/Steinmeier gedachte sich irgendwie am Volksvotum vorbei zu labern. Steinmeier singt den öden Gospel („Frau Merkel kann es ohne mich nicht.“) noch als Oppositionsführer, ein Entrückter, einem Untoten gleich. Und Merkel zeigt sich in ihrer neuen Beziehung zur ersehnten FDP seltsam unbeglückt. Demoskopisch betrachtet führt sie eine Regierung nicht aus eigenem Vermögen, sondern dank Steinmeier und Westerwelle. Ihr selbst verdankt die Partei nur ein Desaster. Steinmeier verdankt sie aber das miserable Abschneiden der konkurrierenden SPD und dem Bonner Politiker Westerwelle dessen unbedingten Willen zur Macht auf schwarzem Ticket. Jedweder Segen ist dem schwarz-gelben Notbündnis bis zum heutigen Tage versagt geblieben. Merkel wird sich nun, zu ihrer Entlastung und um so Führung zu zeigen, von ihren Wahlforschern bescheinigen lassen, dass der Fehler nicht bei ihr liegt.
Absolute Mehrheiten auf Bundesebene gehören unwiederbringlich der Vergangenheit an. Keine Partei wird es national jemals wieder auf Werte oberhalb von 40 Prozent bringen; darin sind sich alle Demoskopen einig. Ich füge dem die Prognose hinzu, dass selbst 36 Prozent nur schwer erreichbar sind. Das neue Maß der Republik für Erfolgswerte liegt bei 33 Prozent. Die Wahlkämpfe für die (ehemaligen) Volksparteien werden sich im Korridor zwischen einem Viertel und einem Drittel abspielen. Für alle und für alle Zeiten.
Wenn die SPD Pech hat, landet sie bei Westerwelles 18 Prozent, wenn sie sich erholt, kann sie bei 25 Prozent starten, und der Himmel endet bei 33. Das gleiche gilt für die Union in Bundestagswahlkämpfen. Die Parole „40 plus x“ ist dahin, von jetzt an wird ab 33 nach oben gezählt. Da droht manchem Abgeordneten wieder ein bürgerliches Erwerbsleben in der Provinz; das haben sie gar nicht gerne.
Nie mehr Mehrheit aus eigner Kraft: Vordergründig liegt das an einem Parteisystem mit fünf Kombattanten. Grund der Vielfalt: Spätestens seit der Wiedervereinigung hat die gewachsene Republik eine strukturelle Mehrheit links der Mitte, ob man das nun mag oder nicht. Hintergründig kommt hinzu, dass im ideologischen Vakuum unserer Zeiten jeder mit jedem kann: Grün und schwarz ist zu kombinieren wie Jamaika oder Trinidad oder welcher Unsinn uns noch erreicht.
Die Bindekräfte der Volksparteien haben sich historisch selbst erledigt. Aus einem geordneten Bild der Blöcke links und rechts der Mitte, also der klassischen parlamentarischen Sitzordnung; ist ein Mosaik geworden. Und anders als beim Puzzeln fügt sich in der Neuen Welt der fünf Parteien jedes Mosaiksteinchen an jedes. Die Werteordnung ist dahin, die so lange Freund und Feind definiert hat. Die katholische Kirche reibt sich die Augen, dass Protestanten in der CDU das Sagen haben, weibliche Protestanten, Leute, die bei ihr nicht mal die Messe lesen dürfen. Brave, nicht sonderlich helle Männer aus der Ost-CDU oder Baden-Württemberg wollen von Merkel mal was richtig Konservatives hören, schwarz-braun ist die Haselnuss, vertrauen sie der Presse an. Aber die Vorsitzende bereitet die weitere Öffnung in die Gegenrichtung, sprich nach links vor. Dazu wird sie jede vom Volk vermeintlich oder tatsächlich gewünschte Politik machen.
Mit dem dümmsten Gesicht stehen freilich die Sozis da: An ihnen ist ein doppelter Diebstahl vollführt worden. Die sozialdemokratischen Inhalte waren so gut, dass sie Begehrlichkeiten weckten, sie wurden geklaut. Zwei Diebe sind auszumachen: Der eine sitzt links im Lafontaine-PDS-Laden und der andere ist die Merkel-CDU. Nie ist überzeugender SPD-Politik gemacht worden als durch CDU-Ministerinnen im Kabinett Merkel. Es gehört zur Tragik der SPD, in so vielen Dingen recht gehabt zu haben, aber nicht mehr an der Macht zu sein. Und ihre Mitglieder fühlen sich mit dieser Tragik nicht mal sonderlich unwohl. Die fundamentale historische Logik ist diese: Werte und Meinungen scheiden nicht mehr die Menschen in Lager. Werte vagabundieren durch alle politischen Parteien. Und die Politik pflückt sie zur Dekoration ihrer Machtinteressen mit jener Sorgfalt, mit der sich der Stutzer ein Blümchen an sein Revers steckt, mal dieses, mal jenes.
Die Politik wird dann endgültig Teil der Unterhaltungsindustrie; jedenfalls jener Teil, der für uns Wähler aufgeführt wird. Ich weiß nicht, wer dann obamahafter deutscher Kanzler sein, aber er wird aus anderem Holz sein. Weniger wie Horst Köhler, eher wie Günther Jauch, wenn nicht gar wie Dieter Bohlen. Bundestagswahlen heißen dann Deutschland sucht seinen Superstar.
Quelle: starke-meinungen.de