Logbuch

LEIDER NICHT GEDECKT.

Was ist die Aufgabe einer, jetzt mal Obacht, VERSICHERUNG? Nun, der Laie glaubt, sie sei dazu da, berechtigte Ansprüche ihrer Kunden großzügig zu bedienen. Fast richtig. Falsch. Der Fachmann weiß, dass sie ihre Pflicht vor allem darin sieht, unberechtigte Ansprüche von Versicherungsnehmern konsequent abzuwehren. Eine VERSICHERUNG ist großzügig in ihren Werbeversprechen und kleinlich im Schadensfall. Das ist ihre innere Logik.

Warum kann die Branche dann Policen für Zahnärztliches großzügig anbieten und ausdrücklich auf jede Gesundheitsprüfung verzichten? Weil der Missbrauch ausgeschlossen ist. Kein Mensch geht aus Spaß und Dollerei zum Zahnarzt. Ich kann mir da ein Urteil erlauben, weil meine Frau Mutter beruflich einen weißen Kittel trug, sie war Helferin, und ich beim Dentisten nicht zucken durfte. Der Dok sollte einen guten Eindruck von mir haben, während er mich folterte.

Dem  „Wirtschaftsrat der Union“ fehlt offenbar beides, das Versicherungswissen wie das Dentistische, darum hat er vorgeschlagen, den „Paradigmenwechsel in den Sozialsystemen“ (Merz) damit zu beginnen, dass die Kassen den Zahnarzt nicht mehr zahlen. Der junge Generalsekretär der CDU war baff. Welch ein Selbsttor. Der AIDS-Doktor in ihren Reihen will zudem die Zigarettenraucher diskreditiert wissen; warum musste Rita gehen und der Schönling darf bleiben?

Disclaimer: Dies ist kein Szenario nur der Union. Den Koalitionspartner, die SPD, werde solche Fragen mit noch viel größerem inneren Schaden treffen. Ich warne vor dem Irrsinn einer Opposition in der Regierung (das Verfahren, das die FDP zerstört hat) und bin frei von jeder Häme. Der Paradigmenwechsel wird nur die nicht fordern, die sich eine andere Republik wünschen, respektive gar keine. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Stellen wir uns darauf ein, dass die nächsten drei Jahre bis zur nächsten Bundestagswahl schmutzig werden. Vater Staat ist trotz 500 Milliarden Schuldenaufnahme knapp bei Kasse. Wieso eigentlich? Jetzt beginnt im schlimmsten Fall die Guerilla der Heckenschützen auf die Klientel der jeweils anderen zu schießen. Das wird im Zweifel hässlich. Ich sage: Kollateralschäden sind zu reduzieren. Hört das jemand?

Ich erinnere mich noch gut, wie vor dreißig Jahren mir ein Versicherungsvertreter in meinem Wohnzimmer kackfrech eine Zusatzversicherung für meine Frau verkaufen wollte, die „Frauenleiden“ ausdrücklich auszuschließen gedachte. Er erläuterte auf Nachfrage, dass Schwangerschaften und Geburten zu den Frauenkrankheiten gehören, also deren privates persönliches Problem seien. Leider nicht gedeckt. Ich habe den Kerl damals rausgeschmissen.

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KASSE MACHEN.

Der Lebensmittelmogul ALDI macht keine Fehler. Das mal als Lehrsatz vorweg. Neuerdings kassiert die freundliche junge Dame in der blauen Kittelschürze zwei Kunden gleichzeitig ab; die Kasse schert sich auf, direkt hinter der flotten Kassiererin teilt sich der Tresen, um stets zwei langweilige Kunden gleichzeitig einpacken und zahlen zu lassen. Genial, die Arbeitskosten sind halbiert. Und die Arbeitsdichte verdoppelt. So geht Rationalisierung. Mit dem Pfennig fuchsen.

Der Schrauberladen OBI hat inzwischen auch automatische Kassen, wo der Kunde sich selbst abkassiert; bei IKEA geht es nur noch so. Man macht es sich auf der App selbst. Der einzige Mensch, der sich dann noch telefonisch krankschreiben lassen könnte oder einen Anspruch auf Teilzeit durchsetzen, ist der Kunde selbst. Das müsste den „Wirtschaftsrat der CDU“ doch begeistern. Man kämpft dort gegen die Pervertierung des Sozialen Netzes in eine Hängematte für die Faulen. Alte Nummer. Klassenkampf von oben.

Aber gemach. Ich bin da gegen billige Polemik. Der Kunde ist nämlich wirklich ein Problem beim Abkassieren. Die unglaublichsten Umstandskrämer lungern an der Kasse herum und kramen Hartgeld aus kleinen Portemonnaies. Der Kupfergeld-Plebs! Pfennigfuchser. Als wäre man auf dem Wochenmarkt bei Bauer Paul. Das Bezahlen mit Apple Pay würde hier nicht wesentlich helfen, da man dann Omas in ihren Handtaschen nach ihren Handys kramen sähe. Das gleiche Elend. Die kalifornischen Oligarchen haben schon recht: Chip hinter‘s Ohr und ab dafür!

Mir als Kunden behagt die zunehmende Sklavenhaltung bei ALDI nicht. Gestern erzählt die Nachbarin, dass der REWE jetzt termingenau nach Hause liefere; so greift die AMAZON-Logik langsam um sich. Auch die schweren Wasserkästen bringt er. Der Chef eines großen Versicherers in Hannover berichtete neulich, dass er seine gesamte Rechenkapazität jetzt bei AMAZON in der Cloud habe; kühnes Votum in diesen Zeiten, sich künftig in den USA zu wissen, auch wenn man deutsche Anleger legt. Das kann KI noch nicht so gut wie der Fuß in der Tür.

Wo enden wir mit unserem Lamento? Bei Tante Emma als Jeff Bezos. Das wundert mich nicht. Retail is detail. Wer den Pfennig nicht ehrt. Bezos hat einen Stundenlohn von 12 Millionen Dollar; im Monat sind es knapp 10 Milliarden Dollar. Vor Steuer, falls er welche zahlt. Ob er sich telefonisch krankschreiben lässt oder wg. Work-Life-Balance auf Teilzeit besteht, ist allerdings nicht bekannt. Es könnte sein, dass er da denkt wie der Wirtschaftsrat.

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LOVELY RITA.

Mit Nachrufen sollte man bedächtig umgehen, jedenfalls wenn man den Verstorbenen noch mal tadeln möchte, was sich nicht gehört. Nihil nisi, so heißt der Code für dieses Gesetz der Totenruhe. Ich will jemanden, den ich gar nicht näher kannte, loben. Rita Süssmuth war eine beachtliche Frau, weil sie das Konservative in liberaler Gesinnung konnte, ohne jemals reaktionär zu sein. Sie konnte CDU ohne auf die schiefe Ebene zu AfD zu geraten. Das wird das Land künftig brauchen.

Ich habe früher manchen Spott geäußert. Sie war für uns, die linken Studenten der linken Fächer linker Unis, eine katholische PH-Professorin, sprich von jenen halben Hochschulen, die Lehrer für Minderbegabte ausbildeten, heute Flachhochschulen oder „Berufsschule plus“ genannt. Es gab akademischen Dünkel. Dort promovierte man nach Schavan-Manier; das nahm niemand mit wissenschaftlicher Ambition ernst.

Dann kam für die Politikerin eine wirkliche Herausforderung gesundheitspolitischer Art, nämlich AIDS. Es hätte nahe liegen können, daraus ein gesellschaftspolitisches Fiasco zu machen, eine soziale Epidemie der Schwulenfeindlichkeit. Rita hätte versagen können, wie es Jahrzehnte später Angela in anderer Sache passierte. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Rita versagte nicht, sie setzte eine pragmatische und mutige Anti-AIDS-Politik durch; es kann nicht leicht gewesen sein, über Pariser zu reden, wo Paternalismus herrschte. Der Hass des Dicken war ihr gewiss; der dumpfe Kohl hat sie gemobbt, wo er konnte. Rita hatte regelrecht Angst vor ihm, erzählt mir ein hervorragender Journalist, der sie näher kannte. Rita wurde gleichwohl keine Mutti.

Was also lobt mein Vers? Man kann schwarz sein ohne braune oder blaue Töne. Man kann Lehramt ohne Lusche; Frollein, ohne Doofsein. Man kann Mut ohne Macho. Möge ihr die Erde nicht zu schwer werden.

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Burj Dubai, der höchste Turm der Welt: ein gigantisches Menetekel

Heute wird er offiziell eröffnet, der allerneueste Superlativ des Wolkenkratzens. In Dubai wird der Hochhausgigant 800 Meter in den Himmel ragen, ein bisher für unmöglich gehaltenes Wagnis der Stahlbeton-Architektur.

Fast 190 Etagen hat das Monster mit einer Nutzfläche von 300.000 Quadratmetern. 50 Aufzüge bringen täglich 35.000 Menschen mit Spitzengeschwindigkeit in Büros und Luxuswohnungen, die für 30.000 € pro Quadratmeter zu haben sind.

Zwei Milliarden Euro hat der Turmbau gekostet; als die königlichen Bauherren etwas klamm wurden, haben die Vettern aus dem benachbarten Emirat ausgeholfen. Taipeh 101, einem Monster in Taiwan, wollte man den Titel des höchsten Gebäudes abringen. Nur bis knapp 600 Meter Bauhöhe herrscht im Burj Dubai Bewohnbarkeit. Die oben darauf gesetzten 200 Meter beherbergen Technik und geben dem Willen Ausdruck, jetzt dort zu sein, wo Gott wohnt.

Das Werk soll den Meister loben, und alle Rechtschaffenden wünschen ihm Segen. Wie bei jeder Einweihung wird es gehaltvolle Festreden geben, über die wir noch keine gesicherte Nachrichtenlage haben. Ein Text wird aber wohl nicht zitiert werden. Er handelt von einem Bauwerk mit nur knapp 100 Metern Höhe, das allerdings noch nicht mit Stahlbeton gebaut wurde.

Beim Turmbau zu Babylon verstand Gott dieses Projekt des Hochmutes sehr wohl. Wir lesen im Ersten Buch Mose: „Er sprach: Seht nur, das ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, was sie sich vornehmen.“ Der Herr reagiert nachhaltig, er lässt zwar die Hardware stehen, geht seinem Volk aber an die Software.

Die Sprachen wurden verwirrt und die Menschen wegen des „communications break down“ über die ganze Erde verstreut. Die Vorgabe „bis in den Himmel“ für die Bauhöhe hat dem alttestamentarischen Gott nicht gefallen, weil er wusste, welchen Anspruch sie stellt: Der Mensch ist das Maß aller Dinge, sprich die Maßlosigkeit. Neudeutsch: Gier ist geil.

Was aber ist das Maß aller Dinge? Ich bin im Ruhrgebiet aufgewachsen. Für mich war es als kleiner Junge neben den Malakofftürmen der Zeche Neue Hoffnung (30 Meter) der Oberhausener Gasometer, der es auf über 100 Meter bringt. Im Freibad an seiner Seite habe ich gelegen und mich an seiner Größe berauscht. Er war Teil einer epochemachenden industriellen Struktur rund um die Stahlerzeugung der „Gute Hoffnungs Hütte“, welch ein Name, welch ein Programm. 350.000 Kubikmeter Kokereigas fanden hier Platz, als wir noch nicht am Tropf des Erdgases der Russen und Norweger hingen.

Bis heute ist der Gasometer für mich ein Triumph der Technik, Sinnbild des protestantischen Traums der Glückseligkeit durch Arbeit.

Katholischen Seelen ist natürlich der Kölner Dom das Maß aller Dinge, mit 150 Metern überragt er den profanen Gasspeicher; seine kulturgeschichtliche Bedeutung dahingestellt. Damit erreicht er aber auch keine schwindelerregendere Höhe als die Cheops-Pyramide, die dreitausend Jahre vorher zu vergleichbaren Zwecken entstand.

Nicht der Religion, sondern dem Geschäft dienten die jeweils über 400 Meter hohen Twin Towers in New York, aufeinandergestellt könnten sie also dem Dubai-Riesen die Stirn geboten haben, rein rechnerisch. Nirgendwo findet man in diesen Tagen einen Höhenvergleich des Burj Dubai mit dem New Yorker World Trade Center, das ja bekanntermaßen nicht mehr steht. Und das ist natürlich kein Zufall. Der Schrecken vor dem Menetekel sitzt tief.

Der architektonische Gigant in der Wüste, der gerade bezogen wird, ist komplett verglast, so als wolle man dem Treibhauseffekt ein Denkmal setzen. Bei der allfälligen Sonneneinstrahlung ist der Energiebedarf zur Kühlung des gläsernen Menetekel aberwitzig. Der Natur wird die Stirn geboten. Der Wasserverbrauch jedes Nutzers wird summa summarum bei fast 600 Liter täglich liegen, in der Wüste.

Der vermeintliche Triumph der Technik ist in sich absurd. Als sei er von ökologischer Gesinnung, bricht gleichzeitig der Immobilienmarkt in Dubai zusammen. Analysten sehen Wertberichtigungen um 50 oder 75 Prozent, nach unten, versteht sich. Die Blase ist geplatzt.

Man darf moralisieren: Neben den Gott der Stärke und der Tatkraft, den allgewaltigen Fortitudo, haben die alten Griechen die Göttin des Maßes und des Ausgleichs, Temperantia, gestellt und die schwertbewaffnete Justitia. Mit diesen beiden Anmutigen soll sich die Schaffenskraft verbinden. Das schien der Antike klug. Und ich will gar nicht wiederholen, was der Römer Cato über die Turmbauprojekte in Carthago dachte.

Quelle: starke-meinungen.de