Logbuch
ENERGIE & POLITIK.
Was uns ein sorgloses Leben versaut, ist, dass Politik ein schmutziges Geschäft ist; jedenfalls ENERGIEPOLITIK. Schon als Halbgebildeter weiß man zu viel. Etwa, wen ich an der Tankstelle reich mache. Oder warum LNG nicht helfen wird.
Erdgas gibt es auch flüssig. Wenn man Erdgas auf Minustemperaturen von -160 Grad Celsius herunterkühlt und diese Temperatur beständig beibehalten kann, dann verringert sich das Volumen auf ein Sechshunderstel, so wie es sich bei Abnahme der Kühlung wieder um den Faktor 600 ausdehnt. Der gewaltige LNG-Tanker mit den Kugelaufbauten ist kein Problem, solange man die Temperatur halten und jede Fremdeinwirkung verhindern kann. Raketen oder Kamikaze-Flieger unerwünscht. Ich werde mich nicht neben ein LNG-Terminal etwa im Hamburger Hafen in einen Liegestuhl legen und in Ruhe ein Holsten trinken.
Das LNG-Verfahren kann wirtschaftlich sein, wenn der Transportweg weiter als 2500 km ist; Wissenschaftler sprechen auch von mindestens 6000 km. Einmal um die Welt. Sonst gewinnt immer das Rohr, unter Umständen mit leicht verdichteten Erdgas. „Blick auf eine Erdgasleitung“ war für mich immer eine Idylle; gerne im Liegestuhl. Energetisch wird für das tiefgefrorene Flüssigerdgas etwa ein Viertel im Eigenverbrauch zu der dramatischen Kühlung verzehrt. Das zur Energiebilanz. Die Methanemissionen sollen im Übrigen beachtlich sein; Methan gilt als besonders klimaschädlich. Ferner: bei -160 Grad Celsius versprödet selbst Stahl wie Blätterteig. Keine Liegestuhl-Idylle.
Ich lese bei einem besorgten Hamburger, dass Rotterdam auf einen LNG-Terminal nicht scharf sei und die schwimmenden Bomben in der Bucht vor Tokio nicht erwünscht. Ein explodierender LNG-Tanker käme für seine nähere Umgebung einer mittleren Atombombe gleich, so die Sorge des Hanseaten. Es hat schon immer eine völlig irrationale Diskussion von Risiken der Energieversorgung gegeben. Die GRÜNEN sind politisch groß geworden mit dem Mythos der gefährlichen Castor-Transporte; das wollen sie vergessen machen, aber es war immer sachlich-fachlich Unsinn. Die Entsorgung von Kernbrennstoff, sprich von Atommüll, ist möglich und, wenn vernünftig betrieben, ein vertretbares Risiko, auch im Nahbereich. Vielleicht gilt das auch für den Betrieb eines LNG-Terminals. Ich bin nicht sicher, siehe Liegestuhl.
Was uns das Erdgas verleidet, ist das Kernproblem jeder IMPORTENERGIE, nämlich der IMPERIALISMUS des Herkunftslandes, jedenfalls jetzt Russlands, das einen Nachbarn brutal überfallen hat und eines wesentlichen Teils seines Territoriums kriegerisch berauben will. Norwegisches und holländisches Erdgas hat dieses Problem nicht. Es gibt gutes und böses Gas. Wir sind im Übrigen aus mehreren Gründen von der Politik gebeten, die Herkunft des LNG-Gases nicht zu erörtern; dem Wunsch folge ich.
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GRENZEN DER MEDIZIN.
Früher verschwiegen Mediziner ihren Patienten besonders tragische Diagnosen. Man wollte, dass der Tod unerwartet kommt; allenfalls erahnt. Heute gilt das als unzulässige Bevormundung. Auch der Todgeweihte ist vernunftbegabt.
Auf einer Ehrung von Palliativmedizinern erfahre ich, dass schon der alte Hippokrates eine strikte Trennung vornahm von Medizin und Seelsorge. Wenn der Arzt die Einsicht hatte, dass er nicht mehr heilen kann, sollte er von dem Kranken zurücktreten und ihn der Seelsorge überlassen. Das ist eine Vorstellung von Medizin als Reparatur des Körpers, ohne dass dazu allzu großes Aufhebens vom Psychischen gemacht wurde. Verstandesmächtige Maschinen.
Eine technokratische Vorstellung von Heilung, die den Gegenstand der ärztlichen Ingenieurtätigkeit entmündigt. Wie bei allen Entmündigungen wurde das fürsorglich gedacht. Daran stimmt vor allem das Menschenbild nicht. Ich erfahre, dass die Palliativmedizin und die Hospizbewegung das anders sieht und auch so handelt. Historischer Fortschritt.
Bizarr dagegen, jetzt ein Ortswechsel, die aus dem Internetmilieu Floridas stammende Bewegung des ewigen Lebens, wohlgemerkt des ewigen irdischen Lebens. Man will nicht mehr altern. Altern ist analog. Zu den sicherlich gesunden Ratschlägen der Ernährung und der Bewegung kommt hier eine enorme Kontrolldichte, was den eigenen Körper angeht. Nicht nur die Schritte werden gezählt, alle Vitaldaten in Diagrammen auf dem Computer, der in der Armbanduhr sitzt. Sogar, wann man müde zu sein hat, weiß sie und fiepst dann. Dabei habe ich wieder die Frage nach dem Menschenbild. Und es bleibt meine Skepsis gegenüber dem Ingenieurwesen; jedenfalls wenn es um den Menschen geht, die beseelte Kreatur.
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TRUE CRIME.
Warum gilt als besonders spannend, was angeblich WIRKLICH passiert ist? Das Phänomen der WAHREN Geschichte. Nacherzählte Verbrechen haben gerade Konjunktur. Als Podcast. Verwegenes für Feige.
Diese Mode der Hörspielchen wundert mich. Aber vielleicht erklärbar, weil passend für Leute, die gerade nicht lesen können; situative Analphabeten mit diesen weißen Knöpfen von Apple im Ohr. Und dann trägt da eine tantenhafte Kriminalreporterin der unsäglichen ZEIT bräsig gehaltene Nacherzählungen vor, die sich selbst dadurch adeln, dass ihre Geschichte nicht „erfunden“ ist, sondern wirklich passiert. Wie banal. Mich erinnert der Stil an den stockbiederen Schulfunk meiner Jugend; statt “Neues aus Waldhagen“ nunmehr „Merkwürdige Begebenheiten“ zum Ungeheuerlichen der Menschheit.
Sensationslüsternes für den gehobenen Sesselbewohner am Coffeetable. Dass ihre Erzählung faktisch sei, das haben sie schon immer behauptet die Literaten; so Daniel Defoe, der uns neben dem Piraten Henry Every auch Robinson Crusoe nahebrachte. Oder der dramatisch überschätzte Truman Capote. Dabei war das Fiktionale immer schon eine Mischung aus Fiktivem und Faktischem. Friedrich Schiller nannte seine Story vom Sonnenwirt, der wilderte, zunächst „Der
Verbrecher aus Infamie (Nebenbemerkung: hatten wir gestern hier). Eine wahre Geschichte“; dann aber DER VERBRECHER AUS VERLORENER EHRE. Eine großartige Entscheidung, toller Titel, aber eben auch fatal: Damit war die Katze aus dem Sack, bevor das Unheil seinen erzählerischen Lauf nehmen konnte.
Gute Kriminalliteratur verdeutlicht, warum das Verbrechen nicht der Moral entspringt, sprich dem BÖSEN, sondern sozial bedingt ist. Sie zeigt den Menschen im Mörder. Sie macht sich damit zum Komplizen. Auch in uns ruht das Ungeheuerliche. Darum lieben wir Krimis, sie erlauben uns Feiglingen einen Moment der Komplizenschaft.
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Schwarz-grünes Hexengebräu
Wenn man in Italien die Weihnacht gerade abgefeiert hat, freut sich der Volksglaube schon auf das Erscheinen der Hexe Befana, die zu Jahresbeginn auftaucht. Nach der heiligen Idylle sehnt die Volksseele sich schnell nach unheilvollerem, schwarz wie die Nacht, grün wie Galle.
Aus den Nebelschwaden des germanischen Winters tauchen in der politischen Fantasie Wesen auf, die die Männerwelt mit Furcht und Schrecken erfüllen werden. Ein Gruselmärchen für Rüttgers, Beck und Wowereit. Drei Hexen werden 2010 die politische Landschaft verändern. Mit einem neuen Zaubertrunk, der verrührt, was bisher als Feuer und Wasser galt: Schwarzes mit Grünem.
Beginnen wir mit der Hauptstadt Berlin, die sich rot-rot regiert findet, durchaus in Entsprechung zu einer nach wie vor geteilten Stadt, neuerdings ohne Mauer. Renate Künast von den Grünen wird dem amtierenden Sozi Klaus Wowereit bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus die Stirn bieten.
Sie will Regierende Bürgermeisterin werden, und dazu soll nicht der dritte Kandidat, Gregor Gysi, den Steigbügel halten. Ein Wahlerfolg der Grünen könnte die rot-rote Mehrheit kippen; eine Koalition der Grünen mit den Konservativen könnte die Berliner CDU aus der Sackgasse befreien, in die sie sich mit und nach dem reaktionären Diepgen manövriert hat.
Künast hat, was insbesondere Berlinern imponiert, und mein Taxifahrer „Revolverschnauze“ nennt. Und sie ist ein Frauentyp aus eigenem Vermögen, jenseits der Rollenklischees, weder Blaustrumpf wie Bundesministerin Schavan noch jener Girlietyp, der mit Bundesministerin Köhler Einzug in die Politik hält.
Künast ist abgebrüht, ein „political animal“, sie könnte das. So würde also ein abgewählter Wowereit für die Bundespolitik frei, als nächster Kanzlerkandidat der SPD. Und tschüss.
Das Unheil, das die Berliner Roten schon 2010 treffen kann, zeichnet sich für Kurt Beck jetzt nur mehr ab, bevor es ihn 2011 dann mit voller Wucht ereilt. Gegen den Pfälzer von Kohlscher Statur tritt jung und frisch Julia Klöckner für die Union an. Fast zwanzig Jahre jünger als Künast vertritt sie eine Generation von Politikerinnen, die intellektuell völlig ungebrochen sind.
Ihr geht Lobbyismus wie Populismus wie Karrierestreben derart burschikos von der Hand, dass sich nachdenklichere Generationen entwaffnet fühlen. Durch Spin Doktoren lässt sie sich in Talkshows per Twitter auf dem Laufenden halten: „Der Typ, der neben Dir sitzt, ist das allerletzte.“, erreicht sie bei „Hart aber fair“. Weinkönigin war sie und Lehrerin für katholische Religion und jetzt Verbraucherschutzexpertin.
Sie gehört dreißig Vereinen gleichzeitig an. Man darf sie zu den stämmigen Frauen zählen, die Männer „patent“ finden, was eine bürgerliche Formulierung für die Berliner „Betriebsnudel“ ist: „Nah bei de Leut“ heißt das in der Pfalz. Sie wird damit dem Provinzfürsten Beck die Mehrheit nehmen und eine neue finden. Man rate, wo. Der Pfälzer Riesling muss dann mal einem schwarz-grünen Cocktail weichen.
Der dritte Hexenschuss gilt Jürgen Rüttgers, Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen. Im Kabinett Kohl wusste er sich „Zukunftsminister“ zu nennen, jetzt will er als „Arbeiterführer“ an Rhein, Ruhr und Lippe gelten. Er hat jenen Herz-Jesu-Marxismus auf den Lippen, der der ideologischen Heimat der Julia Klöckner nicht fern ist: katholischer Familialismus mit der nötigen Provinzialität als Ausweis der Heimatliebe.
Wo Künast zetert, Klöckner sich anbiedert, da argumentiert sie. Sie argumentiert mit Männern, die ihr erkennbar unterlegen sind. Das wird ihr keine populistische Welle bringen, aber Schwarz-gelb in NRW die Mehrheit kosten. Dann wird sie, tragisch wie der Geist, der stets das Gute will und doch das Böse erreicht, die Union und die Liberalen in eine Koalition mit den Grünen drängen.
Wie im Revier an der Saar, wo Peter Müller schon Jamaika lebt, wird im Ruhrrevier dann auch das allzu bunte Fähnlein wehen und SPD wie Linkspartei auf die Oppositionsbänke verweisen. Die Grünen sind zu nichts in der Lage, aber zu allem bereit.
Was also bringt uns das Hexengebräu aus Schwarzem und Grünem? Man weiß es nicht. Mit Cocktails sollte man immer vorsichtig sein. Meine Vermutung ist, dass das Hexengebräu an den Zaubertrank des Obelix, der unbesiegbar macht, nicht so recht ran kommt. Ich bleib auch Sylvester bei Weißwein aus der Pfalz; ich hab’ da noch `ne Kiste von Julia.
Quelle: starke-meinungen.de