Logbuch

ZUR PRAXIS DER GALAXIS.

Ich habe keine Lust, am beliebten Bärbel-Bashing teilzunehmen. Gemeint ist die Bundesarbeitsministerin Bas aus Walsum, wo sie ein Direktmandat als SPD-Kandidatin verteidigt; sie ist zugleich Vorsitzende der Partei. Hohe Ämter schützen aber nicht vor den Niederungen des politischen Geschäfts. Frau Bas wird notorisch missverstanden, worauf sie die Patzer zum Prinzip erklärt. Das ist nicht klug, weil kommunikativ eine Sackgasse.

Jüngst höre ich von ihrer Sorge um jene Empfänger staatlicher Leistungen, die eigentlich Sanktionen gewärtigen müssten, weil sie nicht auf Aufforderungen des Amtes reagieren, aber eben, so Bas, psychisch nicht in der Lage seien, Briefe zu öffnen, da sie Angst vor Behörden hätten. Diese sozialpolitische Fürsorge trifft in der Öffentlichkeit auf das, was man „gesunden Menschenverstand“ nennt, im Englischen „common sense“: Die Leute fassen sich an den Kopf. Insbesondere die, die jeden Morgen ihren Arsch aus dem Bett kriegen und zur Arbeit gehen. Früher Klientel der SPD.

Mir gefällt der Begriff des „gesunden“ Menschenverstandes nicht, weil er eine Krankheit suggeriert, die der habe, der anderer Meinung sei. Das ist aber normal. Die Stimme des Volkes irrt oft und übrigens auch gern. Die Bas‘sche Kommunikation verunglückt ja nicht deswegen. Die Frau fühlt sich verkannt, weil sie verkannt wird. Das ist ärgerlich, aber das Wesen von Politik.

In der Politik bist Du für das Maß Deiner Verkennbarkeit verantwortlich. Alles und jedes steht in der Gefahr der Verhetzung; darum drücken sich kluge Köpfe so aus, dass diese Gefahr gering. Das Merz‘sche Stadtbild war ein solcher Patzer, aber er erhebt ihn dann nicht auch noch zum Prinzip.

Das ist das eine, das andere ist das Gesetz von Ausnahme und Regel. Wer sich in das Moor der Ausnahmen locken lässt, versinkt darin und Moorleichen halten lang. Wer die Regel erklären will, möge von seinen Grundsätzen reden und im Vagen den freien Auslauf finden. Nicht ins Moor, auf die Milchstraße! Don‘t get lost in detail! Man studiere, wie große Politik mit beiden Beinen fest im Himmel steht. Und darin auf die Begeisterung des Publikums stößt. Zur Praxis der Galaxis.

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MUTTERLÄNDISCHES.

Debatte um Nationales, weil in unterschiedlichen Verkleidungen wieder die Vorstellung einer „Volksgemeinschaft“ auftaucht, sprich das völkische Konzept einer abstammungsidentischen Monokultur. Hühnerzucht. Historisch immer verbunden mit einer Exilierungspraxis, der Zwangsneurose der „Säuberung“. Vaterländische Idiotie. Das ist vor allem bitter, wenn man es von den eigenen Urgroßeltern ab besser wissen könnte.

Das Vaterland war für meine Familie eine politische Floskel der Kaisertreuen. Hurra und Säbelrasseln. Innerhalb der Familie hatten ohnehin die Frauen das Sagen. Mutterland. Mein Urgroßvater wanderte aus Ostpreußen zu, weil er „Pferdeverstand“ hatte und mit Grubenpferden konnte. Er sprach, obwohl aus dem heutigen Russland, Deutsch und war evangelisch gestimmt. Zeitgleich arbeitete Italiener im Ruhrbergbau, katholisch wie die Nacht und von cäsarischer Statur, meint untersetzt. Man kann nicht ausschließen, dass meine Großmutter väterlicherseits fraternisiert hat. Man nimmt Italienisches wahr. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Ins ehemals bäuerlich geprägte Ruhrgebiet wanderten dann Bergleute aus Polen zu, Katholische, die die Heilige Barbara verehrten. Danach kamen Kumpel aus der Türkei, die ihre muslimische Kultur mitbrachten und pflegten. Vieles assimilierte. Sagt der türkische Steiger: „Franteck, bring mich die zwei beiden Motecks!“ Und der polnische Hauer verstand ihn. Man muss wissen, dass Bergleute Kumpel sind, weil Angehörige einer Gefahrengemeinschaft; das schweißt zusammen, auch wenn unterschiedliche Gebetsbücher. Man hat hier keine Säuberungsneurosen. Die Montanen wissen: „Vor Hacke ist duster!“

So sind wir an der Ruhr alle Migranten unterschiedlicher Heimaten und alle Kumpel; die paar Doofen hierzulande sind die autochthonen Eingeborenen, sprich Bauern; aber wir lassen es sie nicht spüren. Dann kamen Araber aus Nordafrika. Zu den arabischen Clans darunter haben wir eine Meinung. Da stimmt schon deshalb etwas nicht, weil dort die Mütter nicht das Sagen haben. Dass sich auf unsere aufgeklärte Montankultur im Erzgebirge und sonstigem Osten die Faschos setzen, tut in der Seele weh. Ja, leider auch hier hört man Vaterländisches, wo „unsern Mutterland“ ist. Mutterland, das ist ein utopisches Konzept, über das nachzudenken sich politisch lohnte.

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REINHEIT DES VÖLKISCHEN.

Der sich genial gebende Verleger des Internet-Dienstes, den auch ich nutze, schreibt dort als seine Meinung, dass eine Nation durch eine gemeinsame Kultur („common culture“) gestiftet werde; ohne diese kulturelle Homogenität sei es keine Nation. In der praktischen Konsequenz heißt das wohl, dass man nicht kompatible Mitglieder zu entfernen gedenkt.

Fachliche Anmerkung: Das ist schlicht falsch. Ein Staat ist ein juristisches Bündnis, das sich praktisch durch einen Pass ausweist. Staatsbürgerschaft ist ein juristisches Privileg. Aber es gibt die eigenartige Vorstellung meines Verlegers durchaus historisch. Sie nennt sich im Deutschen „Volksgemeinschaft“ und ist der Kerngedanke des Faschismus.

Mein Verleger ist zudem, das sei zusätzlich angemerkt, in die USA emigrierter Bure. Er variiert diese Zugehörigkeit rhetorisch, indem er statt der holländischen Wurzeln englische reklamiert. Jedenfalls kolonialer Weißer. Wir reden über historische Begriffe des südafrikanischen Apartheid-Regimes.

Wollte ich kurz angemerkt haben.

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Bomben-Boni und Mindestlohn – zwei Seiten einer Medaille

Man kann dem deutschen Volk einiges zumuten, auch wenn es um Geld geht. Eine saftige Mehrwertsteuererhöhung, das winkt der Wahlbürger durch. Ein gebrochenes Wahlversprechen zu Steuersenkungen, was soll’s ?

Wenn aber der Sozialneid angestachelt wird, dann ist Schluss mit lustig. Die Gerechtigkeitsdebatte wird grimmig, wenn es um die Boni der Banker geht. Im Englischen nennt man sie „fat cats“, die überfütterten Katzen, die sich selbst üppig bedienen. Der britische Finanzminister versucht sich gerade in einem Taschenspielertrick, mit dem er die Boni wegzusteuern glaubt. Dem Volkszorn soll in allen europäischen Ländern Tribut gezollt werden.

Dabei feiert ein kommunistisches Argument Urstände: das Gehalt der Spitzenmanager dürfe nur mit einem bestimmten Faktor dem der einfachen Arbeiter und Angestellten entsprechen.

Der Umverteilungswahn wird ökonomisch nicht sinnvoller, wenn er sich als Herz-Jesu-Marxismus verbrämt oder im Gewerkschaftsjargon daherkommt. Er ist im Kern Unsinn.

Da wir aber eine Gerechtigkeitsfrage behandeln, beginnen wir am anderen Ende der Einkommensskala. Gerade in einer Marktwirtschaft, die einen freien Arbeitsmarkt bemüht, muss der Staat darauf achten, dass die Ware Arbeit nicht so billig wird, dass die Menschenwürde berührt ist.

Man muss von seiner Hände Arbeit anständig leben können. Zu den Rahmenbedingungen, die der Staat dem Markt setzen darf, gehört, dass wir keinen Pauperismus institutionalisieren wollen. Von einem Vollzeitjob muss man zur Not bescheiden, aber immer anständig leben können und nicht von dreien, die alle obszön niedrig honoriert werden.

Man liest von Ländern, in denen den Arbeitskräften in der Gastronomie Duschräume angeboten werden, die sie vor Arbeitsbeginn nutzen können, weil sie unter Brücken schlafen.

Es gibt ganz klare Grenzen: Wenn eine Arbeit nicht mehr Sesshaftigkeit finanziert, ist dieser Hungerlohn nicht hinzunehmen. Das Gebot der Menschenwürde verlangt einen Mindestlohn. Eine soziale Marktwirtschaft begrenzt sich nach unten.

Das hat nichts mit dem Arbeitgeberspruch von der Hängematte zu tun, der zynisch ist. Wenn es denn einen niedrigen Mindestlohn braucht, gut, aber der muss gesetzlich festgeschrieben und zur Not polizeilich kontrolliert sein. Dann darf sich eine Marktwirtschaft zu Recht sozial nennen.

Was nach unten gilt, gilt nicht nach oben. Es ist unsinnig zu fragen, um welchen Faktor die Einkünfte eines Fußballstars höher sind als die einer Kassiererin. Weil es nicht so ist, dass auch die nette Kollegin aus dem Aldi die Tore schießt, mit denen der junge Schnösel auf dem Platz das Spiel gewinnt und seinem Verein Millioneneinnahmen beschert.

Recht so, aber dann darf der Bankbesitzer auch freihändig entscheiden, was er seinem Spitzenmann zahlt. Bei Aktiengesellschaften ist das die Gemeinschaft der Anteilseigner, sprich die Hauptversammlung. Eigentümer können in diesem Land mit ihrem Geld machen, was sie wollen; es auf dem Balkon verbrennen oder einem Topmanager hinterherwerfen.

Anders stehen die Dinge bei öffentlichen Banken, da sind für die Allgemeinheit Politiker in der Verantwortung, eben diesen Eigentümer, den Steuerzahler, angemessen zu vertreten.

Aber auch da gilt das Gesetz des relativen Arbeitsmarktes. Niemandem ist gedient, wenn man für kleines Geld große Pfeifen einstellt. Dass in unseren öffentlichen Banken aufgeblasene Versager für sattes Geld gewirkt haben, ist eine andere Geschichte.

Das Schlagwort der sozialen Gerechtigkeit mag fallen, wenn es um eklatante Mängel in der sozialen Sicherung geht. Ein Bürger ohne bezahlbare Krankenversicherung etwa, das ist ein Skandal. Aber es ist immer in sich falsch, weil es soziale Gerechtigkeit nicht gibt.

Der Staat hat Rechtsgleichheit zu garantieren, vor allem Chancengleichheit. Aber er hat kein Mandat, die Tüchtigen im Namen der Faulen zu bestrafen oder auch nur den Glücklichen etwas von der Gunst Gottes zu nehmen und es den Unglückseligen zu schenken.

Die Natur wie das Leben und die Gesellschaft sind nicht gerecht und gleich, im Gegenteil; erst der moderne Staat schafft einen egalitären Boden durch Rechtsgleichheit. Die christliche Identität meint: Wir wollen niemanden verkommen lassen, schon gar nicht, wenn er unverschuldet in Not ist. Aber einen politisch legitimen Auftrag zu einer Diktatur des Mittelmaßes, den gibt es nicht. Nicht mal gegenüber Topmanagern, die unser Mitgefühl wahrlich nicht brauchen, zumal wenn die Boni stimmen.

Was heißt das alles ethisch? Bomben-Boni und Mindestlohn sind zwei Seiten einer Medaille. Für die Arbeitnehmer mögen starke Gewerkschaften kämpfen, gut so. Den Managern sollen Wirtschaftsprüfer, Steuer und Bankenaufsicht auf die Finger schauen, recht so.

Aber einen sozialverträglichen Bonus, den die verschnurgelten Kleinbürger Seehofer, Westerwelle und Merkel festlegen und dabei opportunistisch in die BILD schielen, was die Stimme des Volkes sagt, das ist Murks nach Marx.

Man kann den Kapitalismus nicht dadurch bändigen, dass man ihn Beamten übereignet. Banken funktionieren nicht als Behörde, weil auf den Kapitalmärkten Raubtiere und Schlitzohren agieren, jedenfalls keine Amtsschimmel und Sesselpupser.

Quelle: starke-meinungen.de