Logbuch

KEINE GEHEIMTIPPS.  

Die ehrwürdige FAZ, manche nennen sie auch „alte Tante“, hat die Weine des Elsässischen besprochen und von einer Verköstigung dreier Experten berichtet. Man hat die Grand Crus schnabuliert und war vom symphonischen Charakter begeistert. Da geben die Beckmesser dann 94 oder 95 Punkte von 100.

Der Artikel gefällt mir, weil er meiner Meinung ist, also Qualitätsjournalismus. Man bestätigt dort, dass der beste Riesling überhaupt von Trimbach in Hunawihr gemacht wird, auf den kalkreichen Rosacker gedeiht der CLOS STE. HUNE. Die FAZ preist den Jahrgang 2017. Darüber kann man streiten. Ich finde 2005 besser, habe aber über die Jahre nur drei Flaschen vom 2005 erwischt.

Jetzt aber das Marketing-Wunder: der Wein ist so gut wie nicht zu kriegen und das Fläschchen kostet immer rund 500 € im Einkauf (so man ihn kaufen kann). Alter Schwede, eine halbe Glatze für 0.7 Liter.

Die Kalkulation von Restaurants legt den Faktor 3 bei Weinen an; nur in einer solchen Mischkalkulation ist ein Sterneladen zu betreiben. Er muss dort ein oder zwei Riesen kosten. Ich schaue in einem Topladen in die Karte und finde alle Jahrgänge des CLOS STE HUNE bei 500 bis 700 €; ein absolutes Schnäppchen.

Ich spreche den Maître Oliver N. darauf an, als er die Restaurantrunde macht. Er sagt, er habe vor Jahren einen Keller übernommen und den CLOS dabei günstig geschnappt. Das gäbe er jetzt weiter. Das finde ich mehr als fair. Ich nehme ihn zu einem Aal in grün und einer Gamspastete in Blätterteig.

Wo das war? Nein, Freunde, bleibt Ihr mal brav bei Eurem Edelzwicker im CHEZ HANSI. Die Adresse verrate ich nicht.

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DIE ERSTE GEIGE.

Gestern in der Berliner Philharmonie ein Kunstgenuss besonderer Art: der französische Pianist Alexandre Kantorow mit Franz Liszts Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 in A-Dur. Ich habe keine Ahnung von Musik, beschäftigte mich daher mit Fragen der Soziologie.

Die Erste Geige heute eine Frau; hatte ich hier noch nie. Als die Blondine das Orchester eingangs auf den Kammerton einstimmen will und fast beiläufig auf dem Flügel die Taste anschlägt, wird sie zwei, drei Sekunden von der Meute ignoriert. Man kann spüren, wie eine ganze Horde in vorgetäuschter Langeweile wegschaut. Dann folgt man. Schließlich betritt der Dirigent (ein Tugan Sokhiev) die Bühne und beendet am Pult das Interregnum endgültig.

Ich bin mir sicher: Sie kämpft noch um ihre Autorität, die Erste Geige. Im zweiten Teil des Abends fällt das nicht mehr auf, weil Schostakowitsch angesagt ist, ein bombastischer Revolutionskomponist überbesetzten Lärms. Furchtbar. Aber wie gesagt, ich habe keine Ahnung; und ihn adelt, dass Stalin ihm an die Wäsche wollte. Aber ist pompös und langatmig.

Bei dem feinsinnigen Franz Liszt konzentriere ich mich auf die Mimik der Ersten Geige. In ihren fast strengen Gesichtszügen spiegelt sich in immer neuen Varianten die Erwartung und ein Lächeln darüber, wie der anämische Pianist den Wohlklang löst. Ich bin fasziniert. Eine Kennerin genießt ein Genie. Das war vielleicht eine Viertelstunde, diese beiläufige Innigkeit, länger ist der Liszt nicht, aber sehr spannend.

Ich glaube, die Blondine ist in den französischen Solisten verknallt und die Chauvis im Orchester eifersüchtig. Könnte gut sein. So vertreibe ich mir die Zeit beim Konzert.

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PAROLE.

Einem Kollegen fällt beim Kramen in der Brieftasche gestern ein Zettelchen heraus, das ich ihm angebe. Er errötet; dort steht zuoberst ein Wort, das er aufsagen können muss, wenn er in seinem Freimaurerorden den Tempel betreten will. Das könne er nicht behalten. Dann wohl seine PIN, ein Internetcode und der Geburtstag seiner Frau. Mann kann sich nicht alles merken.

So war das schon bei den Pfadfindern. Man musste die Parole kennen und auf Geheiß mit fester Stimme aufsagen. Ich weiß sie noch („Kok-a-lol-lol“), kriege aber nicht mehr zusammen, woher der Unsinn kam. In der politischen Rhetorik sucht man nach Parolen, die Gesinnung formulieren und die der Parole Mächtigen eint. Fritze Merz hat gerade etwas Derartiges aus dem Dentistischen versucht; ist aber, wie immer bei dem unglückseligen Rocker aus Brilon, schiefgegangen.

Die amerikanische Rechte hat sich unter dem Trump-Wort der FAKE NEWS gefunden; alles, was ihr zu widersprechen scheint oder auch nur unerwünscht ist, wird damit belegt und ist sofort erledigt. Herr Aiwanger übt sich darin im Bayerischen gegenüber der trotteligen SZ. Die verhängnisvollste Parole unserer Geschichte war die, dass die Juden unser Unglück seien. Das ist übrigens die binnenfaschistische Bedeutung des Aiwanger-Flugblattes, man spielt klammheimlich und verdruckst auf solche Parolen an. Die Vorhaltung, das sei nicht antisemitisch, ist ein faschistischer Witz.

Unter gelernten Linken war „Rotfront“ mal Parole. Bei den Nazis die Heilszumessung an einen Postkartenmaler. In der DDR gab es einen standardisierten Gebrauch von „Freundschaft“. Was die Freimaurer sich zu raunen, habe ich auf dem Zettel mit halbem Auge zwar gelesen, aber sofort wieder vergessen. Im Westerwald lautet der Gruß „Gudde“ (und irgendwas mit „Wäller ho“). In Berlin blickt man grundsätzlich durch andere durch; hier grüßen nur Zugereiste, meist mit schwäbischem Tonfall.

Was also hätten wir für die Schwarzen als Parole, das nicht vorher schon die Braunen hatten, nachdem das mit den Sozialschmarotzern beim Zahnarzt nicht so richtig geklappt hat? „Alles für Deutschland“ ist strafbar, weil historisch Parole der SA. Von „Blut und Ehre“ oder „Treue“ fangen wir erst gar nicht an. Folgt man dem „JFK aus Düsseldorf“ (dortige CDU-MP, der die Haare schönt hat), ist der Markenkern der CDU nicht „konservativ“, sondern „christlich“. Ich schlage deshalb „Gelobt sei Jesus Christus“ vor; notorisch beantwortet mit einem „In Ewigkeit Amen.“ Oder kürzer GRÜSSGOTT, mit klarer lauter Stimme. Vielleicht ergänzt durch eine kurze Bekreuzigung und Blick zum Himmel. Oder ist das zu aufwendig?

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Babyklappen sind ein Gebot der Menschenwürde

Man kann mit Leuten, die keine Kinder haben, nicht über Kinder reden. Und mit Moralisten nicht über Politik. So lebensfremd, wie es sich anhört, wenn zölibatäre Priester oder greise Professoren leibhaftigen Müttern raten, so verhängnisvoll ist es, wenn man Prinzipienreiterei über die Nächstenliebe stellt.

Eine christliche Kultur besteht im Verzeihen gegenüber dem reuigen Sünder, nicht in der rigorosen Sanktionierung falschen Lebens. Das Wort sie sollen lassen stahn, hat Luther gesagt. Nun also: Jesus hat angesichts der Steinigung einer Ehebrecherin danach gefragt, wer das Recht habe, den ersten Stein zu werfen. Hier kommt eine Antwort: Der Deutsche Ethikrat krempelt gerade seine Ärmel auf.

Von Gesetzes wegen darf sich diese Kohorte von pensionsreifen Wissenschaftlern  als Deutscher Ethikrat bezeichnen und sich nun, das Bürgerliche Gesetzbuch und einen Regierungsauftrag im Rücken, zu ethischen Fragen der sogenannten Lebenswissenschaften äußern.

Wer bisher nicht wusste, dass es das als akademische Disziplin gibt, die Lebenswissenschaft, dem ist nun geholfen: diese höchste Autorität in Sachen Moral ist für die Abschaffung von Babyklappen und gegen das Recht auf anonyme Geburten. Dies sind Einrichtungen für Mütter in höchster seelischer Not, für Frauen, die ihr Neugeborenes nicht betreuen zu können glauben – und es nicht töten wollen. Alle kommen wir aus den Schößen unserer Mütter, denen allein dafür unser lebenslanger Respekt zu gelten hat. Elternschaft steht unter dem besonderen Schutz des Staates, auch die verunglückende.

Achtzig Babyklappen gibt es in diesem Land und 130 Angebote zu einer anonymen Betreuung von Niederkommenden. Das verstoße aber gegen das Kindesrecht darauf, seine Herkunft zu kennen. Wohl wahr. Als Findelkind geboren zu werden, das ist nicht wünschenswert. Die rechtliche Situation des Babys ist freilich nicht auskömmlicher, wenn die verzweifelte Mutter es in die nächste Mülltonne wirft oder in Blumentöpfen oder Tiefkühltruhen versteckt. Die Zeitungen sind voll von solchen Fällen.

Was hier Ethik heißt, ist  Machtmissbrauch von Gesinnungswächtern, die selbstgerecht ein Prinzip über das Leben stellen. Am Ende dieser Straße der ethischen Lebenswissenschaften steht die Diktatur des Guten, die das Leben vor sich selbst beschützen will.

Wir nähern uns einer Jahreszeit, in der die Geburtsumstände unseres Religionsstifters allgemein rituelle Würdigung erfahren. Man kann dabei offensichtlich als weihnachtsselige Nation vor der Krippe hinschmelzen und mit den barbarischsten Argumenten gegen Schwangere in Not hantieren. In jener Zeitung, hinter der früher immer ein kluger Kopf steckt, wird die Babyklappe ökonomisch erwogen. Sie erfülle das Saysche Gesetz der Ökonomie, nach der sich jedes Angebot seine Nachfrage schaffe. Mit der Babyklappe würden künstlich erst die Findelkinder produziert; sie setze falsche Anreize für die Mütter. Sie würden Verantwortung abgeben, sich aber den Vollkosten entziehen.

Die Klappen zu schließen, sei nicht nur moralisch und juristisch, sondern auch ökonomisch anzuraten. Na dann, wenn es sich auch noch volkswirtschaftlich rechnet. Vielleicht sollte man dann das Übel doch an der Wurzel packen und auch die Zeugungen dem ökonomischen Kalkül unterwerfen. Dem steht zur Zeit nur die religiöse Vorstellung entgegen, dass der Gebrauch von Präservativen des Teufels ist. Weil aber auch hier das Angebot die Nachfrage schafft, das Verhütungsmittel provoziert ja geradezu den Verkehr, sollte die Frankfurter Allgemeine jetzt auch ein Verbot von Kondomen fordern, oder?

Das alles ist nicht nur absurd, es ist würdelos. Und die Menschenwürde ist ein Verfassungsinstitut. Man kannte schon die Spekulation, dass die Suppenküchen der Heilsarmee die Ursache der Armut sind. Malthus hat recht, wenn sie verhungern, verschandeln sie nicht mehr das Straßenbild, die Pauperisten. Denn die Armut stammt ja, einer alten bürgerlichen Sottise zufolge, von der „pauverté“; und das Volk soll doch, wenn es kein Brot hat, Kuchen essen.

Hier greift ein Abgrund an Zynismus platzt, der im moralischen Fundamentalismus von irgendwelchen Ratssitzungen keinen Schaden anrichtet, der aber niemals Leitlinie politischen Handelns sein darf. Das Abstruse hebt argumentativ sein Haupt: Weil es Babyklappen gibt, werden junge und/oder arme Frauen ungewollt schwanger, deshalb verlassen verantwortungslose Männer sie, dies lässt sie Schwangerschaftsdepressionen ausleben und zur Kindsmörderin werden. Man kennt das Lied und die Herren Verfasser, das sind nicht nur die Zynisten der Zölibatären, sondern auch rigorose Protestanten.

Sekundiert wird dem moralischen Rigorismus von der Sozialpsychologie, eine der windigsten Wissenschaften, die wir unter all den Dampfplauderern und Menschheitsrettern kennen. Denn dort stellt man fest, dass die Findelkindeinlieferinnen gar nicht die potenziellen Kindsmörderinnen seien, statistisch gesehen sozusagen im arithmetischen Mittel. Der Sozialstaat gewährt hier aber Aufsicht und adoptiert vorausgreifend die Ungeborenen, als deren Mündel er nun die Mütter im Unglück vergehen lässt. Solchen Zynismus haben wir als Studenten immer „SA/SP“ gescholten, Sozialarbeit und Sozialpädagogik, der bevormundende Berufsethos der Caritas-Despoten des Fürsorgestaates.

Quelle: starke-meinungen.de