Logbuch

SAGEN KOMMA WAS IST.

Im riesigen Atrium des SPIEGEL-Gebäudes prangt an der Wand ein Kommafehler. Das Motto des legendären Gründers Augstein, den kennenzulernen ich die Ehre hatte, formuliert sich in dem Imperativ, dass zu sagen sei, was ist. Offensichtlich keine Binsenweisheit in seinem Gewerbe. Der Satz beseelt die seinen, weil er Gehorsam und Gefälligkeit untersagt. Eine Zensur findet nicht statt.

Dem guten alten Cato ist der Rat geschuldet, dass man sich an die Sache halten möge, die Worte würden dann schon folgen. Ein Affront gegen Rhetorik. Das ist natürlich nicht sein Ernst gewesen. Er wusste, dass man das Wort ergreifen muss, damit die Sache folgt. Der Mann ist schließlich Ur-Vater der PR.

Jetzt zum aktuellen Fall: Der jüngste SPIEGELTITEL zeigt den AfD-Kandidaten für Sachsen-Anhalt im Porträt und nennt ihn den gefährlichsten Mann unserer Tage. Der so gescholtene Rechtsaußen quietscht vor Vergnügen. Gratis PR. Darf das Leib- und Magenblatt der Linksliberalen so was?

In Verteidigung seiner Blattlinie äußert sich Dirk Kurbjuweit, der amtierende Chefredakteur. Jetzt die Nachricht. An dessen Ägide verbitte ich mir jede Kritik. Der Grund ist lapidar: Der Mann ist Kettwicht. So nennen sich die Mitglieder des legendären Schülerkabaretts in Essen-Kettwig, dem anzugehören ich auch die Ehre hatte. Wir sind eine heimliche Elite; gegen uns sind die Freimaurer ein Hausfrauenclub.

Wenn bitte nur das Komma noch nachgetragen werden könnte. So fängt das an, mit dem Untergang des Abendländischen; mit schlampiger Interpunktion. Sagen, was ist.

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DAS SCHNÄPPCHEN.

Bevor wir unseren bürgerlichen Spott über den kleinbürgerlichen Schnäppchenjäger ergießen, nehmen wir uns seines großen Bruders an. Dazu müsste man noch wissen, was die Helden von Mantel und Bogen waren, die als Kuponschneider belächelt wurden. Wir sind im Wertpapierhandel des 19. Jahrhunderts und haben Anteilsscheine im Depot. Die Aktie bestand damals aus dem eigentlichen Wertpapier, dem Mantel, und einem Bogen mit einer Unzahl von Coupons, die man, um an die Dividende zu kommen, jeweils abschneiden musste. Daher der Name. Der Kuponschneider galt den Marxisten als feiger Hund, der spekulierte. Ein geldgeiler Parasit.

Aus den AGs schalte später der Spott, dass der Aktionär dumm und frech sei; dumm, weil er das elende Papier erworben habe, und frech, weil er jetzt auch noch Zinsen verlange. Mit der Legitimation des Raubtierkapitalismus nach dem Prinzip des „shareholder value“ verstummten beide Stimmen. Die Welt wurde wie selbstverständlich zum Casino. Für mich begann es damit, dass das edle Röhrenwerk der Brüder Mannesmann an eine englische Telefonbude verscheuert wurde und der Shorti von CEO sich eine goldene Nase verdiente. Darauf ein Victory-Zeichen! Ich werde das Werturteil von oben nicht wiederholen. Es trifft zu.

Jetzt sehe ich die Gratiszeitung, mit der man zum Wochenende meinen Briefkasten verstopft, voller Gutscheine. Sie sind wieder da, die Kupons. Wer gewillt ist, das Möbelhaus von XXL Lutz aufzusuchen, erhält in der dortigen Kantine, die ich nicht Restaurant nennen werde, einen Nudelauflauf gratis. Auf dem Foto sieht er aus, als habe ihn schon jemand gehabt, wie Mageninhalt. Das Haus des Döners gibt jedem Neukunden für Wasserpfeifen eine Teigtasche mit den Fleischabfällen an Yoghurt für 1€. Man liest, dass das Gutscheinunwesen von Walmart stamme, also aus dem Mutterland der Discounter. Dort macht es Pauper zu Preppern. Der Pepper sammelt Toilettenpapier gegen Corona. Und Pasta gegen die Pest. An der Börse geplatzte Immo-Kredite als Paket.

Jetzt auch die Bäckerin, die meine Bestellung von vier Milchbrötchen barsch kontert mit: „Fünf sind im Angebot!“ Das heißt nicht, dass insgesamt fünf billiger wären als vier; es meint, dass das fünfte, das ich gar nicht wollte, wenn ich es doch auch noch nähme, nur halb so teuer wäre, wie die vier jeweils pro Stück. Damit sinken rechnerisch die spezifischen Kosten, während die Summe steigt. Ich nehme aus bloßem Trotz keine Angebote. Discount ist englisch und bedeutet „kann nicht rechnen“. Damit werde ich leben müssen. Ich kaufe keine Sonderangebote. Eine Frage des Charakters. Klar?

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RESTAURANT-REGELN.

Mich packt kaltes Entsetzen, wenn sich Restaurantbesucher ihre Essensreste einpacken lassen. Eine Viertel Pizza in Alufolie. Was fängt man damit zuhause an? Das nimmt ja nicht mal mehr der Hund. Erstens erwähnt ein anständiger Kellner nicht den Zustand des abgegessenen Tellers und erfragt Kommentare zur Portion oder gar dem Appetit des Gastes. Zweitens verlässt man ein Lokal nicht mit den restlichen Pommes im Plastikbeutelchen. Oder dem Schnitzelrest in der Handtasche. Banausen! Peinlich.

Lehrsatz: Die Leute kommen wegen der Speisen, der Wirt lebt aber von den Getränken. Jedenfalls in einem guten Restaurant mit ausgezeichneter Küche. Wer das weiß, verhält sich entsprechend. Man bestellt eine anständige Flasche Wein; vielleicht sogar eine zweite, wenn zu viert. Dazu am Schluss noch ein Rat.

Wer eine gute Küche unterhält und nicht nur den Convenience-Scheiß warm macht, der darf für eine Vorspeise zwanzig und einen Hauptgang dreißig Euro nehmen. So gestern Garnelen in Glasnudeln oder ein Kalbstafelspitz rosa mit Pfifferlingen und im Hauptgang ein Saltimbocca oder ein feiner Fisch. Dazu ein Fläschchen Mosel von Fritz Haag, die Juffer Sonnenuhr. Weil zu dritt, noch ein zweites aufziehen lassen. Der Wein dürfte mit dreißig € im Einkauf zu haben sein und kostet nun zur Restauration 89; nicht billig. Faktor drei, das ist normal.

Gute Küche geht nur mit einer solchen Mischkalkulation. Leistet man sich ja auch nicht jede Woche. Interessante Beobachtung: Anfahrt im Porsche, das betuchte Paar am Nachbartisch, nimmt jeder nur einen Hauptgang, sie ein Wasser, er ein Pils; Zahlen mit schwarzer Kreditkarte; Münzen als Trinkgeld auf den Tisch. So kann ein solcher Laden nicht überleben.

Jetzt der Tipp: Wenn mit dem Auto, zweite Flasche wieder korken lassen. Denn man kann sich die angetrunkene Flasche in einem Papiertäschchen ohne weiteres mitgeben lassen und zuhause austrinken. So sind dann alle aus dem Schneider.

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Die Dinner Party von abgehalfterten Politikern beim ZDF

Das ZDF ist ein Kombinat. Und Wandlitz will das Sagen haben. Das wissen wir jetzt, Roland Koch sei dank.

Um das Zweite Deutsche Fernsehen tobt eine öffentliche Debatte, die die Gemüter erhitzt. Auslöser ist nicht das TV-Programm, dessen Kernzielgruppe (Durchschnittsalter 70) ohnehin bereits aus dem Altersheim zuschaut.

Hier erregt nichts, weil es nichts Erregendes gibt. Wer jemals den Geist des Ortes am Sitz der Anstalt in Mainz-Lerchenberg geatmet hat, weiß, warum der Vergleich mit einem Kombinat polemisch angemessen ist: Ein Staat im Staate hat sich hier etabliert, dessen Beamte aus gutgepolsterten Sesseln auf die Holzbänke der freien Medienrepublik herabblicken. Darum gebaut ist eine Landschaft von festen Freien für die wirkliche Arbeit.

Wer den ausgeschiedenen und den amtierenden ZDF-Intendanten jemals mit Wagnerschem Mantel hat durch die Menge schweben sehen, weiß, was Mediokratie ist. Jetzt geht es um den Einfluss der Politik auf das Haus, das Konrad Adenauer einst als Alternative zu dem linken Sumpf namens ARD gegründet hat.

Eine von dem hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch organisierte Mehrheit von Unionspolitikern will den Chefredakteur Nikolaus Brender abgelöst wissen, früher oder später. Man bezichtigt ihn aus der Union der Zivilcourage und professionellen Arbeitens ohne Ansehen der Person. Das führt reflexartig zum Aufheulen des Intendanten-Hofstaats und aller Kombinatsmitarbeiter und mühsam organisierter Hilfstruppen, weil damit die „Staatsferne“ des Rundfunks gefährdet sei. Dies ist eine hohe Zeit der Krokodilstränen und der Pharisäersprüche. Man wird einiges unterscheiden müssen, will man den Kopf aus dem liberal gestimmten Empörungssumpf stecken.

Man muss nicht Hegel gelesen haben oder Preuße sein, um zu ahnen, dass das Geplärre der kleinen Seelen in den immer kleineren Parteien alles sein mag, aber nicht der Staat. Das ZDF wird, sagen auch unverdächtige Insider wie Claus Kleber, von „parteipolitischen Seilschaften“ bedroht, aber nicht von staatlichem Handeln. Die Legitimation der Heckenschützen des Roland Koch ist weit geringer, als angenommen wird.

Zweitens: Das ZDF finanziert sich aus Zwangsgebühren, die es über die GEZ in rüder und obrigkeitsstaatlicher Manier bei uns einzieht, ob wir uns das Langweilerprogramm aus Mainz ansehen oder nicht. Derart durch quasi-staatliche Macht privilegiert, soll es durch einen Verwaltungsrat beaufsichtigt werden, der diese institutionelle Macht legitimieren soll.

Das ist nach meinem staatsrechtlichen Verständnis nicht eine Dinner Party abgehalfterter Politiker, sondern eine hoheitliche Behörde, sagen wir, besetzt mit Richtern oder Philosophen, jedenfalls Beamten. Wer aber sitzt dort? Franz Maget, Christine Bergmann, Edmund Stoiber, Dietmar Bartsch, David McAllister, Laurenz Meyer…eine bunte Schar zweit- und drittrangiger Parteisoldaten, deren staatliche Qualität nicht erkennbar ist, weil sie gar keine Ämter innehaben, die sie als Staatsdiener ausweisen können. Erneut weht der Ludergeruch parteipolitischer Geschaftlhuberei.

Drittens: Ein stattliches Quorum von 35 deutschen Staatsrechtlern bemängelt folgerichtig den Fall Brender als den Versuch, „den Einfluss der Parteipolitik zu stärken“. Dabei weiß man, dass die bunte Mischung ohnehin nicht verfassungsgemäß ist; was Roland Koch dreist öffentlich eingesteht. Aber man will dem ZDF-Intendanten Markus Schächter, eigentlich ein Parvenu mit erstaunlicher diplomatischer Gelenkigkeit, der hier unerwartet Versteifungen bis an den Rand eines eigenen Willens erkennen ließ, den Rücken stärken. Denn er hat in der Vergangenheit dafür Sorge getragen, dass Einflussnahmen nicht öffentlich wurden, vulgo: die Unabhängigkeit des Senders gewahrt. Demokratietheoretisch ist aber der offene Eklat der verdeckten Einflussnahme vorzuziehen.

Viertens: Wenn der Rundfunk staatsfern sein soll, dann gilt dieser Abstand allemal für die Parteien. Sie schicken sich immer öfter und immer dreister an, den Staat zu ihrer Beute zu machen. Das ist das generelle Problem, das hier aufscheint. Liberales Denken handelt aber von den Grenzen des Staates, nicht von einer freiheitlich gestimmten Allgegenwart.

Fünftens: Die ARD-Anstalten sind nicht besser. Auch ein Überflug von Hamburg Lokstedt zeigt ein Kombinat, den NDR. Die Existenzberechtigung des öffentlich rechtlichen Rundfunks liegt in den besonderen Möglichkeiten eines Qualitätsjournalismus jenseits der Quote, der Parteipolitik und der Werbewirtschaft. Ich kenne niemanden, der diesen Gedanken in den Anstalten wirklich wirken sieht. Wäre man radikal, würde man die Zwangsbewirtschaftung an diese publizistische Qualität binden. Für ein RTL III ,und sei es von Herrn Schächter und seinem Major Domus Kurt Beck, gebe ich die Gebühren nicht her.

Siebtens: All diese Fragen stellen sich nicht mehr im Internet, in dem niemand mehr Herr und niemand mehr Knecht ist. Sagen dessen euphorische Freunde,  die allzeit grundnaiven Blogger. Worüber sich Google totlacht. Für die dezentral privaten Nutzer des Webs gilt, dass nicht alle frei sind, die ihrer Ketten spotten.

Achtens: Die Meinungsfreiheit hängt an der relativen Freiheit von Redaktionen, nicht prinzipiell an dieser oder jener ökonomischen oder politischen Verfassung von Medien, solange diese in einem Wettbewerb auch um Reputation, sprich vertrauenswürdige Inhalte, stehen. Das Wesen von Presse in einer aufgeklärten Gesellschaft ist einerseits Verlegermacht, private oder staatliche, andererseits aber Redaktionsfreiheit.

Um diese relative Freiheit des Journalisten gegenüber seinem Verleger geht die Auseinandersetzung. Da gibt es Freunde großer Freiheiten und Gegner, weil es unterschiedliche Entwürfe von Freiheit gibt. Koch sei dank kann das jetzt jeder wissen.

Quelle: starke-meinungen.de