Logbuch
SO WIRD DAS NIX.
Als ich noch bei ARAL war, gab es den Spruch: „DIE SHELL MACHT KEINE FEHLER.“ Man hatte im Binnenwettbewerb innerhalb des Tankstellengeschäfts als BLAUER einen gewissen Respekt vor den GELBEN. Klammheimlich lag auch noch ein Argusauge auf der JET, die eine aggressive Preispolitik machte. Ob die Verachtung gegenüber den ROTEN, sprich der ESSO, berechtigt war, lasse ich mal offen.
Was für den Laden insgesamt galt, galt auch für die Pressepolitik. Bei den GELBEN war mein Kollege der legendäre JOHANSSEN, der leider viel zu früh verstorben ist (und dessen Witwe Uli Mayer ich kürzlich traf und herzlich gegrüßt wissen möchte). KLAUS-PETER war jedenfalls ein Leuchtturm. Ich habe nicht alles geteilt, was er so anstellte, aber wen traf ich auf Pressebällen morgens um eins an der Bar? Genau. Man achtete sich. Der von den ROTEN war ein Pinsel.
Regel: Wähle Dir in Deiner Branche einen „relevanten Wettbewerber“ und lerne von ihm. Macht er irgendetwas anders als Du, nimm zunächst an, dass er (!) Recht hat. Und nicht Du. So entsteht Exzellenz.
Darf ich die Herrschaften, die Ladestationen für Batterie-Autos unter freiem Himmel in den schmutzigsten Teil abgerockter Industrieflächen stellen und als öffentlichen Toiletten für Fernfahrer so zugemüllt stehen lassen, dass die Flucht zu McDoof oder WürgerKing noch attraktiv erscheint, fragen, wo genau sie sich das abgeschaut haben?
Warum treiben die Gesellschaften, die das hundert Jahre machen, einen Aufwand, den Du Dir als genialer Stromversorger glatt sparen kannst? Weil nach Deinem Bauchgefühl, nur einer keine Fehler macht: Du selbst. Na, und Elon Tesla. Ihr zwei beide. So wird das nix.
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DAS SOZIALE MENU.
Wie zu Studentenzeiten an der wilden Ruhr Universität lauschte ich gestern einer Vorlesung von HANS ULRICH GUMBRECHT, diesmal als Aufzeichnung am iPad. Er ist nur unwesentlich älter als ich und war damals einer der jüngsten Professoren in Bochum und ist nun an der Stanford University emeritiert. Hierzulande gilt er als Exot, da er die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen hat. Er spielt den Bildungseuropäer mit US-Faible. Sein Vortrag war in Luzern, wo sie ihn als einen der letzten Universalgelehrten preisen.
Gemach. Es geht um eine angeblich fixe Idee, die der GLEICHHEIT (im Französischen der BRÜDERLICHKEIT), die dem Schweizer Publikum als „Sozialdemokratismus“ erscheinen und nach „Unverteilung“ riechen. Das widerspricht dem bürgerlichen Liberalismus am Ort. Daran kann man sich also getrost abarbeiten. Der Professor sprich Deutsch, nennt aber einen einzelnen Begriff immer wieder nur auf Englisch: „affirmative action“. So werde in den US-Unis Gleichheit garantiert. Entgegen dem üblichen Schlendrian gucke ich das mir unbekannte Wort nach. Das wurde spannend.
Der Begriff stammt aus der Bürgerrechtsbewegung, also der Emanzipation der afrikanischen Amerikaner gegen weiße Vorherrschaft. Er stammt angeblich von John F. Kennedy und meint „positive Diskriminierung“; welch ein Wort. Gemeint ist vorsätzliche Vorteilsgewährung bei solchen sozialen Gruppen, die ansonsten Nachteile zu erwarten hätten. Die Leitvorstellung ist zum Beispiel eine möglichst vielfältige Population an Unis, die man eben durch eine solche positive Diskriminierung erreichen könne. So wie man ein Menu zusammenstellt.
Wohlgemerkt, es geht nicht um Chancengleichheit im allgemeinen Sinne, so wie wir das aus dem Hinweis kennen, dass bei gleichen fachlichen Voraussetzungen eine bestimmte Gruppe bevorzugt werde, etwa Menschen mit einer körperlichen Einschränkung. Es geht um die Verhinderung des Zufalls durch gestaltenden Eingriff in die soziale Selektion. Oder die Verhinderung des Vorurteils; das muss man schon einräumen. Aber wer gestaltet mit welchem Mandat nach wessen Maßgabe? Die Elite macht sich eine Elite.
Dagegen kann nur die Vorstellung der MERITOKRATIE stehen, nach der wirkliche individuelle Verdienste steuern sollen, wer vorne liegt und wer weiter hinten. Fairer Wettkampf der Leistungen. Darauf geht der grauhaarige Prof aus Kalifornien nicht weiter ein. So leicht hätten wir ihn damals nicht vom Pult gelassen. Alta, affirmative action, ich glaube es nicht.
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DIE LUST ZU FABULIEREN.
Der hier geschätzte Brecht hat den Rat zu verantworten, dass man sich in großen Geschäften und wichtiger Politik „immer streng an die Unwahrheit zu halten“ habe. Eine Kettenreaktion erreicht man nicht mit lauen Notlügen.
Sollten Sie sich in Kreisen bolivianischer Dragqueens, sprich Fummeltunten, bewegen, die als Söhne portugiesisch sprechender Putzfrauen nachts die billigeren Clubs in New Yorker Stadtteil Queens bevölkern, nachdem sie tagsüber in Call Center als Drücker die Schmutzarbeit der Wall Street erledigt haben, dann könnten Sie den talentierten George Anthony Devolder Santos kennengelernt haben.
Gegen den Mann läuft schon einige Monate eine Hexenjagd, eine „witch hunt“, wie sie auch der Hausherr von Mar-a-Lago beklagt. Dabei ist Congressman Santos ein Grundguter, wie sein republikanisches Vorbild. Man leidet halt an „pseudologia fantastica“, dem Zwang, den Banalitäten des Lebens eine literarische Krone aufzusetzen: „living a fictionalized life“.
Santos erfand sich eine anständige Schule, eine gute Uni, einen bedeutenden Arbeitgeber. Das nennt man „Pimp up your CV“, wenn das Aufgehübschte noch halbwegs stimmt. Congressman Santos macht sich aber nicht die Mühe einer halben Lüge. Keine der vorgenannten Autoritären hatte je von ihm auch nur gehört. Aufgeklärt haben das Lügenjäger, sprich Journalisten der alten Schule, wie wir sie hierzulande nicht mehr so gern haben; aber das ist, wie Kipling sagt eine andere Geschichte.
Santos, der einer Familie von belgischen Brasilienmigranten entstammt, machte sich dann auch noch zum amerikanischen Juden mit Holocaustvergangenheit und ließ seine Mutter bei 9/11 in einem der Twin Towers sterben, die ihn einst nach einer 24wöchigen Schwangerschaft zur Welt gebracht hatte. Lug und Trug. Alles Geschichten, die seiner Fabalierlust geschuldet sind. Erkennbar gelogen, aber mit eitler Inbrunst erzählt.
Ich entnehme das dem neuen Buch von Mark Chuisano über Santos und teile sein Urteil. Das ist sehr amerikanisch. Das ist sehr aktuell. Das wird auf immer mit dem Namen Donald Trump verbunden bleiben. Dessen Staatsstreich vom 6. Januar des Vorjahres, sagt mir mein amerikanischer Freund, noch nicht gescheitert ist. Dabei ist jede Lüge recht, wenn sie nur monströs genug ist.
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Eine Schweinepolitik ist das mit der Schweinegrippe
Die junge Ärztin, die gerade die Praxis ihres Vaters übernimmt, ist eigentlich von zarter Gestalt und fürsorglichem Ton. Jetzt platzt es aus ihr heraus. Eine Schweinerei sei, was unsere Gesundheitspolitik sich bei der vermeintlichen Massenseuche namens Schweinegrippe erlaube. Wenn sie mich impft, erhält sie fünf Euro Honorar.
Dafür nimmt sie meine Krankengeschichte auf, erwägt meinen Gesundheitszustand und trägt die ärztliche Verantwortung. Aber sie impft mich nicht, weil ich nicht bei der Feuerwehr bin, uralt und schwanger. Zudem, und das ist meine Schuld, ich habe meinen Impfpass verloren. Es geht um so einen Lappen wie der alte Führerschein, in den unzählige Helferinnen mit Kuli und Gummistempel gekrakelt hatten. So wie man früher an der Grenze ohne Pass ein Gar-Nichts war, ein staatenloses, so ist man heute ohne Impfpass nicht mal ein Patient, den man impfen kann.
Ich biete diese Scheckkarte an, die ich von meiner Krankenkasse habe. Frau Doktor reißt die Arme hoch: Der Chip weiß, wie ich heiße, aber sonst schlicht nichts.
Mein Apotheker ist nicht fürsorglich, hübsch und verzweifelt, sondern riecht schon morgens nach Schnaps. Er politisiert. Der Impfstoff gehört ihm nicht. Alle Arzneien darf er erwerben und verkaufen, aber das Mittel gegen die Pandemie mit dem Schweinetitel, das darf er nur „händeln“. Er reicht staatlich gesteuerte Zuteilungen weiter. „Wie in der DDR“, sagt er, und natürlich laufe es mit der HO Pharma nicht.
Es sei eine Schweinerei, wie sich die Politik von den Pharmakonzernen vorführen lasse. Da ich ihn gut kenne und er gefügig wirkt, flüstere ich über die Theke, ob er mir nicht etwas zustecken könne von der besseren Droge, die Regierung und Militär bekämen. Die Ehefrau des Verteidigungsministers lässt nämlich gerade verlauten, sie habe auch nur das Mittel für Normalsterbliche bekommen. Wenn Regierungs-PR solche home stories absondert, weiß ich als Bürger, die Sache stinkt. Da ist eine Schweinerei im Gange. Ich will das Zeug, das ihr Gatte Karl Theodor zu Guttenberg gekriegt hat, nicht die Ersatzspritze für den Plebs.
Und dafür ist S-Klasse-Ulla („Das steht mir zu.“) auch durch den Spott der Pharma-Lobby gelaufen, ihre zu eng gewordene Kostümjacke immer wieder zwanghaft mit Gewalt zusammenziehend, als ob sie sich so vor Angriffen schützen könnte. Sie galt als verlässlicher Kaltblüter, ein sozialistisch erzogenes Schlachtross, und hatte mit der in der DDR sozialisierten Kanzlerin die ideale Bündnisgenossin für Kollektivismen wie den Gesundheitsfonds. Nur die FDP erhob gelegentlich die Stimme. Darauf müsste man jetzt bauen können.
Die schwarz-gelbe Wende: jetzt also aus Hannover der in Bundeswehrkasinos erzogene Philipp Rösler, der aus Vietnam stammende Obama der FDP, der so nett rüberkommt. Was aber erwarten wir jetzt von diesem Marktliberalen im Geschenkkarton eines gefallsüchtigen Menschen, dem idealen Schwiegersohn im zweiten Kabinett Merkel? Er eiert herum wie sein Parteichef, der erste Außenminister dieser Republik, der seinen Antrittsbesuch in der Talkshow von Herrn Beckmann macht und sich dort, frisch im Amt, zu seinen sexuellen Präferenzen verbreitet.
Rösler erweist sich allenfalls als politisch klug, so wie sich diese politische Klasse als klug erweisen will. Er lädt fix alle Gesundheitsminister der Länder nach Berlin und stellt sie gesammelt vor die Kameras. Für die SPD spielt Malu Dreyer aus Rheinland-Pfalz den „nützlichen Idioten“ (Lenin) und verhindert die parteipolitische Polarisierung. Jetzt hätte die SPD-Opposition mal zeigen können, was von der politischen Wende zu halten ist. Dazu ist diese Partei aber zu staatsbürgerlich oder, was parteipolitisch auf das Gleiche herauskommt, zu doof.
Das kennt man ja schon. Herr Steinmeier hat die Rolle des nützlichen Idioten für Frau Merkel im Fall Opel ja auch gespielt. In der Tagesschau sehen wir die Gesundheitsminister aller Parteien den Kopf hinhalten für einen unprofessionellen Komödienstadl, der alles hat, um zur Tragödie zu werden. Minister Rösler und die FDP haben alle Chancen, sich an der Schweinegrippe zu infizieren; Ausgang wie im wirklichen Leben offen.
Verdächtiges Schweigen aus den Pharmakonzernen. Keine Gelegenheit für den Ministerpräsidenten aus NRW, den selbsternannten Arbeiterführer Jürgen Rüttgers, von der hässlichen Fratze des Turbokapitalismus zu reden. Nach Jahren der Demütigungen, lästig zwar, aber folgenlos, ist man endlich wieder am Drücker. Solche Macht pflegt man dort, wo die wirkliche Macht ist, still zu genießen.
Wer die Kostenstrukturen im Gesundheitswesen kennt, weiß ohnehin, wo der Löwenanteil unseres Geldes hingeht. Während wir unsere Ärzte schlechter bezahlen als unseren Friseur, während wir der Pflege für Putzfrauenlöhne die menschlich schwerste Arbeit überhaupt aufhalsen, pflegen diese Herren in Deutschland einen der lukrativsten Pharmamärkte der Welt. Mein Apotheker nennt das eine Schweinerei, aber, wie gesagt, er ist nicht ganz nüchtern und kommt aus dem Osten. Was aber sagt der FDP-Mann Rösler? Bisher lächelt er bübisch gegen jedermann. Harald Juhnke in jungen Jahren.
Die Gefahr, dass ich selbst außer starken Meinungen auch Schweinegrippeviren verbreite, ist noch nicht gebannt. Denn geimpft bin ich nach wie vor nicht, weil ich diesen vermaledeiten Impfpass nicht finde. Warum brauche ich einen Lappen statt einer intelligenten Karte? Dann könnte ich zu jedem Arzt und müsste mich nicht diesem Gesundheitsamt-Regime unterwerfen. Manches könnte man doch bei einem Notfall in Sekunden brauchen.
Nichts ist plausibler als ein kluger Chip, der meinen Arzt aufklärt, zweifelsfrei und kompetent, zumal wenn der Patient dies nicht mehr kann. Warum haben wir das nicht? Das wiederum weiß meine nette Ärztin zu beantworten: Weil die FDP das nicht will. Wegen Datenschutz. Ich finde, auch das ist eine Schweinerei. Das wird mir Rösler nicht weggrinsen.
Quelle: starke-meinungen.de