Logbuch
GRÜNE SPALTPRODUKTE.
Man kann nicht nur Uran spalten; da geht auch Grünes. Aus der Eifel wird aber leider ein Flop gemeldet; darüber schütteln wir den Kopf. So geht man doch nicht mit Menschheitsträumen um. Hunderte von Wasserstoffbussen stehen mit leerem Tank rum; lese ich in der gleichen Zeitung. Freunde, dies ist das Land von Linde! Nein, nicht der Baum, der Chemiker.
Die wahre Wunderwissenschaft ist die Chemie. Der wirkliche Weise trägt einen weißen Kittel. Drei Beispiele fallen mir ein. Man kann Wasser mittels Strom in seine Bestandteile zerlegen und durch Atomspaltung ein supersauberes Gas erhalten, den Wasserstoff; macht man das dann noch mit grünem Strom, ist die schadstofffreie Zukunft gewonnen. Der Physiker scheitert am Perpetuum Mobile, aber der Chemiker nicht; er schafft Genuss ohne Reue.
Mein Herr Vater kam 1923 als Bergmannssohn zur Welt und bewarb sich 1937 bei der Ruhrchemie in Oberhausen-Holten als Laufjunge; daraus wurde ein Weißkittel, der Wunder zu vollbringen hatte. Man spaltete Luft und wandelte den so gewonnenen Stickstoff zu Kunstdünger. Klappt bis heute. Die Erträge der Bauern sprießen. Brot aus Luft. Das kann man bis heute.
Überhaupt gingen hier im Emscherbruch tolle Dinge. Die Arbeitskameraden Fischer und Tropsch arbeiteten Ende der dreißiger Jahre an der Verflüssigung und Vergasung von Steinkohle. So war man zur Gewinnung von Gas nicht mehr auf die elenden Kokereien angewiesen. Als der Sohn meines Vaters in den achtziger Jahren bei der Ruhrkohle AG war, knüpfte man daran wieder an, versuchsweise. Eine neue Generation von Weißkitteln. Heimisches Gas aus dem Pütt, nicht fremdes von Putin. So geht Vision!
Nicht Kohlenwasserstoffe oder Luft wollte man in der Eifel spalten, sondern Wasser (ein Sauerstoffatom, zwei Wasserstoffatome, H2O). Wasserstoff wird Erdgas ersetzen, das einst Stadtgas ersetzte. Grüner Strom wird speicherbar. Paradise now! Man braucht dazu nur eine Elektrolyse. Sie ahnen es schon, werte Zeitgenossen. Dem Elektrolysör ist das zu schwör. Das Ding lief nicht. E.ON mal wieder als E.OFF. Versuchsbetrieb eingestellt. So geht man doch nicht mit Menschheitsträumen um.
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DER EWIGE GÄRTNER.
Anders als der Fliegende Holländer ist der Ewige Gärtner ein gleichmütiger Trottel, der, wenn er hinten fertig ist, vorne wieder anfängt. Er weiß um die Vergeblichkeit seines Tuns und ignoriert dies stets auf’s Neue. Mental ist der Gärtner Engländer und philosophisch ein Stoiker; vielleicht auch in allem ein dem Leben zugewandter Zyniker. Man weiß es nicht so genau, weil er wenig redet. In einer alten Kiste des Wintergartens versteckt sich eine Flasche guten Scotch. Er ist sonderlich und spricht mit einigen seiner Bäume. Nicht mit allen. Aus den Fallen für den Marder holt er tote Vögel und Mäuse. Sie würden Füchse locken. Er grübelt gelegentlich.
Vier Jahreszeiten sollen es sein, die das Jahr gliedern. Dieser Irrtum ist wahrscheinlich bäuerlichen Ursprungs. Vor allem, wenn damit die Vorstellung verbunden sein soll, dass es sich um gleichwertige Perioden handelt. Ich bitte das zu korrigieren.
Gestern sitze ich, nach längerer Abwesenheit versteht sich, in meinem Garten und es ist alles wieder da. Das satte Grün der Bäume, hier und da rot, die Blüte der Sträucher und der Rasen als Wiese. Beim Gras hat das Wachstum schon etwas Freches; er verlangt gemäht zu werden. Was war er im Herbst vermoost und vertrocknet, von Unkraut gezeichnet. Jetzt verdient er dank Blumen und Gräsern wieder das Lob als Wiese. Die Baumblühte verschwunden, die Früchte noch nicht da, begehen wir den Anfang des Sommers.
Man spürt, wie die mächtigen Bäume zu neuem Wachstum anheben. Wasser sollte genug sein; sonst hat der Schlauch nachzuhelfen. Alles im Ausdruck des Lebens, dem strikten Gegenteil des weißen Todes, den ein knackiger Winter zu bringen hat. Und geben wir es zu, zwischen diesen beiden gibt es nur elende Übergangszeiten. Der Herbst ist Wehmut über den verlorenen Sommer und der Frühling Hoffnung auf ihn. Man sollte seinen gesamten Jahresurlaub im Sommer zusammenziehen und nur die restlichen drei Monate arbeiten gehen.
Der Tourismus, dieses eigenartige Phänomen der Realitätsflucht, hat daraus die Konsequenz gezogen, unwirtliche Wüsten zum quasisommerlichen Aufenthalt anzubieten. Als bestünde die Glorie des Sommers darin, dass Hitze herrscht. Mit Kreuzfahrschiffen, diesen Lagern zur See, ist dann der Gipfel des Rudelurlaubs erreicht. Bleiben wir bei der Idylle, die die Jahreszeit uns schenkt und im eigenen Garten. Möge er lang sein, der Sommer.
Der Trost der Jahreszeiten liegt in der Garantie ihrer Wiederkehr; so das Leben hält, wird es einen weiteren Sommer geben. Und wenn nicht für den Einzelnen, so doch seine Kinder und Kindeskinder. Darin liegt ja das Verrückte des grünen Weltschmerzes, dass er mit dem Gedanken eines apokalyptischen Endes spielt. Natur endet nicht. Ich blicke auf die zahlreichen Ginkgo-Bäume in meinem Garten und erinnere mich daran, dass sie schon mit den Dinos da waren und noch nach Hiroshima; es fehlt mir die Fähigkeit zur Hysterie. Ich lobe den Gleichmut des Gärtners.
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RUND UM SORGLOS.
Sprache ist ein Verräter, immer. Sie teilt stets mehr mit, als sie eigentlich sollte. Nun sind es nicht nur die Münder, die plappern, sondern auch die Ohren, die man aufstellen können muss. Ich reagiere auf bestimmte Redewendungen allergisch. Etwa auf jene Werbesprüche, die ein Rundumsorglos-Paket zu bieten geloben. Unerträglich.
Dabei stört mich sprachlich schon diese Betulichkeit der Nachkriegszeit, mit der der Schoko-Pudding von Doktor Oetker daherkam und Muttis Backpulver oder Miele, die weiß, was Frauen wünschen. Nirgendwo ist Deutschland piefiger als in Ostwestfalen, wo die Bertelsmänner Hof halten. Dort stand die Wiege der kleinbürgerlichen Rundumsorglosigkeit.
Nicht zufällig haben es die Vertriebsdeppen der grünen Spießigkeit aufgegriffen, deren Schulbänke in Bielefeld standen und deren Hörsäle in Vallendar; das ist bei Koblenz am Rhein, wo der minderbegabte Pinsel von Papas Geld Ökonomie studierte. Noch so ein schwarzes Loch des mentalen Mittelmaßes. Hier studierte, wer dann ENPAL gründete, die Wiege der grünen Wende mit Solardächlein und Wärmepümpchen. Dazu lese ich gerade einen Verriss bei Gabor Steingart (auch aus Bielefeld).
Mich stört nicht, dass ein Start Up die Backen aufbläst und Wind macht. Ich bin da zurückhaltend, weil ich um meine Rückständigkeit weiß. Ich heize auf dem Land mit Buche und sorge so, dass der Wald nicht stirbt, weil der Forst ihn erhält. Dass der deutsche Wald aber des Försters bedarf, das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Es geht zuvor um die vollständige Sorglosigkeit, die laut Enpal ein koreanischer Kompressor und ein chinesisches Panel mir bringen sollen.
Der Anlass liegt im Diabolischen des Karbons, das zu entsorgen die Valium-Visionäre von Enpal mir versprechen. Sei ohne Sorge, sagen sie. Sei gänzlich entsorgt. Ist es das, was ich sein will? Bar jeder Sorge? Man lese bitte das wunderbare Gedicht von Ingeborg Bachmann mit dem Titel REKLAME und verstumme.
Wir ersparen uns angesichts so großer Lyrik die naheliegende Ironie darüber, dass der Herr über das Rundumsorglospaket der hier gescholtenen Firma ausgerechnet MARIO KOHLE heißt. Jedenfalls möchte ich religiöse Grundsatzfragen nicht von einem Heizungsbauer behandelt wissen. Auch wenn dem Installatör ja eigentlich nix zu schwör ist.
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Wohlfeile Gedenktage, die abgenudelt werden – und einen wichtigen, der vergessen scheint
So, so, lieber Helmut Kohl, die Wiedervereinigung des deutschen Vaterlands haben die Menschen im Osten gewollt. Der alte deutschnationale Traum fand durch Sie, Gorbatschow und Bush sen. seine Erfüllung? Das ist eine billige Geschichtsklitterung. Die Wahrheit ist: Die maroden postkommunistischen Diktaturen sind in ganz Mittel- und Osteuropa aus Altersschwäche in sich selbst zusammengefallen. Und die Deutschen waren nicht vorne weg. Zentralverwaltungswirtschaften funktionieren einfach nicht. Regime, die die Menschen vor sich selbst beschützen wollen, halten nicht. Mit Deutschnationalem hat das alles rein gar nichts zu tun. Zwanzig Jahre Mauerfall, allgemeine deutsche Volksbetörung und Neuauflage der alten Lebenslügen: Man kann es langsam nicht mehr hören.
Kommen wir mal zu den wirklich wichtigen Gedenktagen: Wir begehen in wenigen Tagen den vierzigsten Jahrestag von Altamont. Wir erinnern uns an den Tod von Meredith Hunter. Sein gewaltsames Ende markiert den Tod eines Traumes vom besseren Menschen. Das ist für meine Generation so bedeutungsvoll wie die Attentate auf Rudi Dutschke, Robert F. Kennedy oder Martin Luther King, die zuvor geschahen. Wir sahen vor vierzig Jahren hier eine historische Serie; was eine unzulässige Verallgemeinerung ist, aber nicht ohne Berechtigung. Unser Glaube an das Gute in allseitiger Liebe und jedermanns Friedfertigkeit ging zu Bruch. Der unselige Rocker der Hell’s Angels, der damals Meredith Hunter abstach, hat Geschichte geschrieben. Wer war Hunter, was war Altamont? Wo war die historische Lektion?
Altamont war, obwohl fast vergessen, die bedeutendere Schwester des weltbekannten Woodstock. Die Hippie-Kultur feierte Urstände auf dem „Woodstock Music and Art Festival“ im August des Jahres 1969. Blumen im Haar statt Napalm auf Vietnam. Von freier Liebe und ewigem Frieden träumte eine Generation, die der Vietnam-Krieg wachgerüttelt hatte; so hieß damals das Afghanistan der USA. Die Lieder und Bilder aus Woodstock wurden zu den Leitmotiven einer Generation, die ihre Lebensweise als Kulturrevolution begriff. Zwischen haschischgeräucherten Zelten und buntbemalten VW-Käfern griffen Sex, Drugs and Rock `n Roll platz: give peace a chance. Wer das singen konnte, war ein besserer Mensch. Der Hippie-Traum währte kein halbes Jahr.
Die Rolling Stones wollten hinter dem Woodstock-Paradies im Staate New York nicht zurückstehen und planten ein Gratis-Konzert in Altamont, Kalifornien. Auf einem kahlen Hügel an einer Rennbahn sollten 300.000 Fans den Rausch der „counterculture“ erleben dürfen. Die Ordnungsdienste hatte man den örtlichen Rockern, den Oakland Hells Angels, übertragen, gegen eine früh ausgezahlte Gage in Form von Freibier im Wert von 500 Dollar. Die Jackenjungs sollten die Generatoren für die Verstärker beschützen, mehr nicht. Man war alternativ und spontan in diesen Tagen: Ohne Sanitäranlage, ohne Lebensmittelversorgung, auf einer niedrigen publikumsnahen Bühne erlebten die Bands den sich aufbauenden Furor einer bösen Menge. Der Mob wollte Blood, Sweat & Tears. Die Idylle von Woodstock roch hier in Altamont nach Progrom. Mick Jagger hat seine seither notorische Angst in einem Satz zusammengefasst: „Wäre Jesus da gewesen, sie hätten ihn gekreuzigt.“
Die Rolling Stones verlassen mit diesem Tag die Gegenkultur und beschließen, ins professsionelle Show Business zu gehen. Aus der sozialen Bewegung wird ein Geschäft, eine Industrie. Dort sind sie, als ältere Herren, noch heute. Altamont vor vierzig Jahren, das war der heilsame Schock unserer Jugendkultur. Wer ihn verarbeitet hatte, war später auch im linken Lager davor gefeit, Freibeuterträumen nachzugehen. Wer vor vierzig Jahren Altamont verstanden hatte, wusste plötzlich um die Vorzüge des Gewaltmonopols in einem Rechtsstaat. Das klingt jetzt schon wieder wie auf einer der vermaledeiten Zwanzigjahrfeier zur deutschen Einheit; also lassen wir es dabei.
Quelle: starke-meinungen.de