Logbuch
JEU DE PAUME.
Black out in Berlin. Nützt das der Opposition? Und wenn, dann erneut der AfD? Oder im Berliner Milieu den Grünen? Der CDU jedenfalls fehlt die Fortüne. Lokal wie national. Zu den Possen der Politik.
Während Berlin sich von dem Terroranschlag auf die Stromversorgung erholt und gefühlten 13 Grad Minus zu widerstehen hat, offenbart der REGIERENDE eine kleine Notlüge. Er hatte sich zu Beginn der Krise nicht, wie behauptet, in seinem Home Office eingeschlossen, da von dort wenigstens zu telefonieren war, also die Front aus der Etappe in die Schlacht geführt, sondern zunächst versucht, seinen Kopf frei zu kriegen. Er war dieserhalben mit seiner Konkubine Tennis spielen; die Dame ist auch Regierungsmitglied. Beide CDU.
Wie konnte man das ahnen? Nun, es stand, bevor irgendjemand darüber schrieb, hier. Ich hatte mich zu der Formulierung hinreißen lassen, dass der OB als Toy Boy zu Schäferstündchen im Amt neige. Darauf rief ein Leser des Logbuchs an, der bei der örtlichen Boulevardpresse arbeitet, und fragte mich: „Wie sicher ist das?“ In solche Fallen laufe ich nicht; wahrheitsgemäß habe ich ihm gesagt: „Hörensagen. Status: unbestätigt.“ So ist der Jargon in unserem Gewerbe. Heute lese ich, dass ich richtig lag. Da freut sich der Griffelspitzer.
Jetzt zur Entschuldigung des Komischen Kai zu Berlin: Was hätte er auch vor Ort machen sollen? Erfahrungsgemäß verstellen solche Gummistiefel-Promis und die sie begleitenden Gaffer ja nur Rettungswege. Tennis ist allerdings ein wenig Proll. Er hätte Golf wählen sollen. Ich kenne internationale Exempel dazu, die durchaus damit durchkommen. Ich schließe mit Marie Antoinette: „Wenn das Volk kein Brot hat, soll es doch Kuchen essen!“ Hier in der Berliner Version: Wenn gefroren wird, helfen warme Gedanken.
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MEINER MEINUNG NACH.
Traditionelle Zeitungen haben eine Kleiderordnung. Was ein Blatt wirklich meint, das verkündet der LEITARTIKEL, manchmal auch die GLOSSE. Dieses „ceterum censeo“ (im übrigen bin ich der Meinung) gilt als Königsdisziplin; das darf oft nur der Chef oder eben der Clown vom Dienst (CvD) in seiner Kolumne. Unter den Meinungsjournalisten gibt es einen doppelten Anspruch: Man will mit seiner persönlichen Ansicht vom Tage wichtig sein und originell.
Das ging bei mir gestern gründlich schief. In beiden Hauptstadtblättern stand genau dasselbe wie bei mir, zum Teil in ähnlichen Worten. Und ich schwöre, ich habe nicht abgeschrieben vom TAGESSPIEGEL oder der BERLINER ZEITUNG. Es ging um die politische Führung der Stadt angesichts eines Terroranschlages auf die Stromversorgung. Der Regierende, so heißt hier in Berlin der OB, macht keine gute Figur. Wir drei haben das beinahe gleichlautend mit früheren Fällen des fatalen Führungsversagens verglichen. Einer Meinung. Ich war nicht stolz, war mir eher peinlich.
Komisch ist das schon, dass es unter den gewöhnlichen Schafen der Hammelherde den Drang gibt, möglichst einer Meinung zu sein; am liebsten blökt man kollektiv wie die AfD (oder umgekehrt). Bei den Leithammeln der Medien gibt es genau den umgekehrten Trend; man will auch bei Meinungsfragen etwas Besonderes sein, am liebsten originell und ein wenig exotisch. Das führt dazu, dass sich Kolumnisten schon mal versteigen und ganz abgedrehtes Zeug behaupten. Die Meister dessen sind dann Dauergäste in den Talkshows.
Die BERLINER ist ein verqueres Ossi-Blatt geworden, mit dem man nicht im Chor singen möchte. Der TAGESSPIEGEL ist ein Holtzbrinck-Blatt, in dem das woke Virus nachwirkt; es ist auch nicht alles erträglich. Und was der Bötchen-Publizisten und Pionier STEINGART so verlautet, na ja, was soll ich sagen, wenn die Hetäre als Heilige wirken will. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Das Motto des genannten TS lautet: An den Dingen die Ursachen erkennen! Zu Latein: Rerum cognoscere causas. Das ist richtig gut. So abgeschmackt und betulich wie der CHECKPOINT des TAGESSPIEGEL oft daherkommt, das gefällt mir. Das sollte die Meinungsbildung leiten. Meisterliches Motto: Ursachenforschung. Nicht nur, warum in Zehlendorf die Raumtemperatur heute Morgen innen ganze acht Grad Celsius ist. Auch was dazu, was der GI eigentlich in Caracas macht. Oder diese jämmerliche Koalition der Willfährigen so treibt.
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KEIN TITAN, NUR EIN TROTTEL.
Im Berliner Vorort Zehlendorf hat ein Terroranschlag den Strom für eine geschlagene Woche abgestellt und es herrscht neben allgemeiner Verzweiflung hier und dort auch bittere Not. Ohne Elektrizität ist die Zivilisation schlicht aufgeschmissen. Das beweist zudem meine alte These, dass der Kern der Stromversorgung nicht die Erzeugung, sondern der Netzbetrieb ist, was keiner der grünen Schlaumeier versteht. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Es erlebt in der Krise sein Fiasco der Regierende Bürgermeister Berlins, ohnehin häufiger Schäferstündchen im Amt verdächtigt, weil zu Anfang der Katastrophale nicht sichtbar. Man hört dazu polemische Vergleiche mit anderen Schwänzern; eine Anne Spiegel (Grüne) beim überschwemmten Aartal oder eine Josefine Paul anlässlich Terrors in Solingen. Seit einem Flutauftritt des damaligen Kanzlers Schröder (SPD) auch Gummistiefel-Moment genannt, mit dem er seinen Kontrahenten Stoiber (CSU) seinerzeit symbolisch erledigte.
Wenn Politik symbolisches Handeln zum Gegenstand hat, dann gibt es bei einer solchen Verdichtung des öffentlichen Interesses wg. Katastrophe ein kinetisches Moment, dessen Symbolkraft ganze Karrieren regelrecht beenden kann. Beispiel: Der feixende Armin Laschet (CDU) beim Bundespräsidentenbesuch im Aartal. Was den Katalysator auslöst, der den Abbrand der Reputation so dramatisch beschleunigt, ist nicht der einzelne Fehltritt als solcher. Das kinetische Moment kommt daraus, dass diese Episode als typisch gilt. Nicht eine Ausnahme, die Regel. Kein Titan, immer nur ein Trottel.
Laschet galt seinen innerparteilichen Gegnern schon immer als „Bruder Leichtfuß“. Die grünen Damen Spiegel und Paul werfen intellektuell keinen langen Schatten, wollen sich aber wohl bestallt sehen. Ich formuliere vorsichtig, weil NRW auf Betreiben der Genannten Meldestellen für zwar legale, aber unerwünschte Meinungen betreibt. Da will man ja keine Akte.
Schuld an den sekundären Desastern für Verantwortungsträger sind wir, die Zuschauer. Die in uns schwelende Glut aus Neugier, Wut und Mitleid steigert die Erwartung an die Politiker; wir wollen ausgleichende Gerechtigkeit sehen angesichts des Schicksalsschlages und erkennen doch nur Fehlbare. Und dann und wann einen regelrechten Trottel. So wird aus der Glut ein veritabler Abbrand. Miserables PR als Brandbeschleuniger.
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Wohlfeile Gedenktage, die abgenudelt werden – und einen wichtigen, der vergessen scheint
So, so, lieber Helmut Kohl, die Wiedervereinigung des deutschen Vaterlands haben die Menschen im Osten gewollt. Der alte deutschnationale Traum fand durch Sie, Gorbatschow und Bush sen. seine Erfüllung? Das ist eine billige Geschichtsklitterung. Die Wahrheit ist: Die maroden postkommunistischen Diktaturen sind in ganz Mittel- und Osteuropa aus Altersschwäche in sich selbst zusammengefallen. Und die Deutschen waren nicht vorne weg. Zentralverwaltungswirtschaften funktionieren einfach nicht. Regime, die die Menschen vor sich selbst beschützen wollen, halten nicht. Mit Deutschnationalem hat das alles rein gar nichts zu tun. Zwanzig Jahre Mauerfall, allgemeine deutsche Volksbetörung und Neuauflage der alten Lebenslügen: Man kann es langsam nicht mehr hören.
Kommen wir mal zu den wirklich wichtigen Gedenktagen: Wir begehen in wenigen Tagen den vierzigsten Jahrestag von Altamont. Wir erinnern uns an den Tod von Meredith Hunter. Sein gewaltsames Ende markiert den Tod eines Traumes vom besseren Menschen. Das ist für meine Generation so bedeutungsvoll wie die Attentate auf Rudi Dutschke, Robert F. Kennedy oder Martin Luther King, die zuvor geschahen. Wir sahen vor vierzig Jahren hier eine historische Serie; was eine unzulässige Verallgemeinerung ist, aber nicht ohne Berechtigung. Unser Glaube an das Gute in allseitiger Liebe und jedermanns Friedfertigkeit ging zu Bruch. Der unselige Rocker der Hell’s Angels, der damals Meredith Hunter abstach, hat Geschichte geschrieben. Wer war Hunter, was war Altamont? Wo war die historische Lektion?
Altamont war, obwohl fast vergessen, die bedeutendere Schwester des weltbekannten Woodstock. Die Hippie-Kultur feierte Urstände auf dem „Woodstock Music and Art Festival“ im August des Jahres 1969. Blumen im Haar statt Napalm auf Vietnam. Von freier Liebe und ewigem Frieden träumte eine Generation, die der Vietnam-Krieg wachgerüttelt hatte; so hieß damals das Afghanistan der USA. Die Lieder und Bilder aus Woodstock wurden zu den Leitmotiven einer Generation, die ihre Lebensweise als Kulturrevolution begriff. Zwischen haschischgeräucherten Zelten und buntbemalten VW-Käfern griffen Sex, Drugs and Rock `n Roll platz: give peace a chance. Wer das singen konnte, war ein besserer Mensch. Der Hippie-Traum währte kein halbes Jahr.
Die Rolling Stones wollten hinter dem Woodstock-Paradies im Staate New York nicht zurückstehen und planten ein Gratis-Konzert in Altamont, Kalifornien. Auf einem kahlen Hügel an einer Rennbahn sollten 300.000 Fans den Rausch der „counterculture“ erleben dürfen. Die Ordnungsdienste hatte man den örtlichen Rockern, den Oakland Hells Angels, übertragen, gegen eine früh ausgezahlte Gage in Form von Freibier im Wert von 500 Dollar. Die Jackenjungs sollten die Generatoren für die Verstärker beschützen, mehr nicht. Man war alternativ und spontan in diesen Tagen: Ohne Sanitäranlage, ohne Lebensmittelversorgung, auf einer niedrigen publikumsnahen Bühne erlebten die Bands den sich aufbauenden Furor einer bösen Menge. Der Mob wollte Blood, Sweat & Tears. Die Idylle von Woodstock roch hier in Altamont nach Progrom. Mick Jagger hat seine seither notorische Angst in einem Satz zusammengefasst: „Wäre Jesus da gewesen, sie hätten ihn gekreuzigt.“
Die Rolling Stones verlassen mit diesem Tag die Gegenkultur und beschließen, ins professsionelle Show Business zu gehen. Aus der sozialen Bewegung wird ein Geschäft, eine Industrie. Dort sind sie, als ältere Herren, noch heute. Altamont vor vierzig Jahren, das war der heilsame Schock unserer Jugendkultur. Wer ihn verarbeitet hatte, war später auch im linken Lager davor gefeit, Freibeuterträumen nachzugehen. Wer vor vierzig Jahren Altamont verstanden hatte, wusste plötzlich um die Vorzüge des Gewaltmonopols in einem Rechtsstaat. Das klingt jetzt schon wieder wie auf einer der vermaledeiten Zwanzigjahrfeier zur deutschen Einheit; also lassen wir es dabei.
Quelle: starke-meinungen.de