Logbuch

KEIN GEHEIMNIS.

Ein Skribent, den ich nicht schätze, bläht sich im Feuilleton damit, sein letztes Buch vorzulegen. Ach Herrje. Meine Zusage, keine Autobiographie zu verfassen, gilt uneingeschränkt. Naive Zeitgenossen fragen sich (und mich), welche Geheimnisse ich zu bewahren gedenke. Die Kenner wissen, es gibt nicht nur keine Geheimnisse, die des Bewahrens wert wären. Es gibt keine Geheimnisse.

Das ist ja schon eine verschwörungstheoretische Konstruktion, dass das Universum an Belanglosigkeiten sich zu einer Offenbarung drängen ließe, indem man den Schleier vor einem ominösen Geheimnis lüftet. In Wirklichkeit ist alles noch viel banaler, als man anzunehmen bereit wäre. Die Wahrheiten zerfallen und Irrtümer gebiert jeder Tag.

Auch das Vergessen ist ein Segen. Mein Rezept in der Vernehmung: fehlende Erinnerung; prozesssicher. Wer nicht im Valium des Vergessens dahindöst, wird auf der Intensivstation der Erinnerung ausbluten. Ein Dichterwort, rezitiert ein Freund. Die Medizin glaubt, dass der Demente seine Demenz nicht bemerkt; das aber halte ich nicht für gesichert. Mein Herr Vater beklagte in der zweiten Hälfte seiner neunziger Jahre den Verlust der Speicher.

Jedenfalls werde ich kein Opus Magnum ankündigen; schon um die Eitelkeit zu vermeiden, ich nähme an, sowas sei mir gegeben. Kalendergeschichten, dazu sollte es gelegentlich reichen. Reisebilder. Also Johann Peter Hebel, Bert Brecht, Heinrich Heine, ab und zu ein Lichtenberg. Mehr nicht.

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BARBIE.

Die Verlächerlichung der Bundesaußenministerin hat einen Grad erreicht, den ich aus staatsbürgerlichen Gründen nicht mehr für ratsam halte. Wir sollten uns wieder dem Ernst des Lebens stellen und auf das Witzereißen verzichten. Schluss mit BARBIE IM AA.

Die demonstrativ prahlsüchtige Reisetätigkeit, diesmal ein Potpourri aus Asiatischem bis hin zu den Fidschiinseln, wird durch ein großes Pressechor begleitet, das dann, so der Plan, von den Fidschiinseln in die Heimat berichtet, wie sich die feministische Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland so weltweit als VORBILDLICH gestaltet. Zumindest das Lungern nach geilen Pressefotos sollte unterbunden werden; man merkt die Absicht und ist verstimmt.

Erstens war der Eindruck, dass es sich vor allem um „Event PR“ aus Steuergeld handelt, nie ganz zu vermeiden, zweitens ist die Luftwaffe, was ihre Einsatzbereitschaft angeht, auf größere Diskretion angewiesen. Wir fliegen älteres Gerät. Dieses Land ist nur bedingt abwehrbereit.

Das Fiasco der staatseigenen Bundesbahn ist im gleichen Paradigma wie die Bundeswehr: Ein Land wird in der Substanz auf Verschleiß gefahren. Das ist bitter. Nur auf der nach oben offenen Skala der Eitelkeit, ich bitte um Nachsicht, geht es weiter: Es widmet sich der Zeitgeist der Selbstbefriedigung. Und das auch noch vor Publikum. Das ist, sorry Frau Bundesministerin, insgesamt zu leichtfertig, oft vordergründig und in Teilen schlicht obszön.

Wollen wir es nach gefälschtem Lebenslauf, gekupfertem Buch und Pumps-PR jetzt mal mit aufrichtigem Ernst und ehrlicher Arbeit probieren? BARBIE isch over. KEN hat das schon nach der Heizungsnummer kapiert.

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PELLKARTOFFELN.

An einem Stammlokal vorbeischlendernd fordert mich die Wirtin auf, Pommes zu verköstigen. Vor der Köchin des Hauses stehen zwei Teller mit einem alternativen Angebot der frittierten Kartoffelstäbchen. Das Lokal scheint den Lieferanten wechseln zu wollen. Seltsamer Siegeszug der tiefgekühlten Fettfänger.

Potatismus, Herrschaft der Kartoffel. Der Schwede bietet die Erdäpfel vorwiegend als Püree an. Der Kartoffelbrei lautet im Norden tatsächlich „potatismos“, das Mus von der Kartoffel. Ich will gar nicht wissen, was in der Pampe alles drin ist; sieht aus wie der Reparaturmörtel aus dem Baumarkt. Überhaupt besteht die Kernlogik der Lebensmittelindustrie in der Analogie: es soll aussehen wie hochwertige Nahrung, Natur assoziieren, darf aber nichts kosten und muss zehn Jahre haltbar sein.

Über die gemeine deutsche Kantinenkartoffel, aus unerfindlichen Gründen trotz des matten Geschmacks „Salzkartoffel“ genannt, soll hier kein Wort verloren werden. Mit dem Begriff der Sättigungsbeilage ist sie hinreichend gedemütigt. Reden wir also von der Königin, der unübertroffenen Vollendung der Knolle des Nachtschattengewächses, der Pellkartoffel.

Auf einen Dreispitz noch heiß aus dem Topf gehoben, wird sie einem Trüffel gleich vorsichtig enthäutet und als Ganzes in eine Lache heißer Butter gelegt und mit einem scharfen Messer in gerade Scheiben zerkleinert. Grobes Meersalz aus der Mühle. Ja, Matjes geht dazu. Wie bitte? Nein, Leberwurst geht nicht. Ossis, man glaubt es nicht.

Und Kräuterquark geht eh nicht. Frevel auch im Griechischen. Dazu hörte ich neulich als Bestellung einen „Kaputt Schino mit Hafermilch“. Cappuccino? Abends um sechs? Alter. Jedenfalls Pellkartoffeln. Mit zerlassener Butter.

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Wohlfeile Gedenktage, die abgenudelt werden – und einen wichtigen, der vergessen scheint

So, so, lieber Helmut Kohl, die Wiedervereinigung des deutschen Vaterlands haben die Menschen im Osten gewollt. Der alte deutschnationale Traum fand durch Sie, Gorbatschow und Bush sen. seine Erfüllung?  Das ist eine billige Geschichtsklitterung. Die Wahrheit ist: Die maroden postkommunistischen Diktaturen sind in ganz Mittel- und Osteuropa aus Altersschwäche in sich selbst zusammengefallen. Und die Deutschen waren nicht vorne weg. Zentralverwaltungswirtschaften funktionieren einfach nicht. Regime, die die Menschen vor sich selbst beschützen wollen, halten nicht. Mit Deutschnationalem hat das alles rein gar nichts zu tun. Zwanzig Jahre Mauerfall, allgemeine deutsche Volksbetörung und Neuauflage der alten Lebenslügen: Man kann es langsam nicht mehr hören.

Kommen wir mal zu den wirklich wichtigen Gedenktagen: Wir begehen in wenigen Tagen den vierzigsten Jahrestag von Altamont. Wir erinnern uns an den Tod von Meredith Hunter. Sein gewaltsames Ende markiert den Tod eines Traumes vom besseren Menschen. Das ist für meine Generation so bedeutungsvoll wie die Attentate auf Rudi Dutschke, Robert F. Kennedy oder Martin Luther King, die zuvor geschahen. Wir sahen vor vierzig Jahren hier eine historische Serie; was eine unzulässige Verallgemeinerung ist, aber nicht ohne Berechtigung. Unser Glaube an das Gute in allseitiger Liebe und jedermanns Friedfertigkeit ging zu Bruch. Der unselige Rocker der Hell’s Angels, der damals Meredith Hunter abstach, hat Geschichte geschrieben. Wer war Hunter, was war Altamont? Wo war die historische Lektion?

Altamont war, obwohl fast vergessen, die bedeutendere Schwester des weltbekannten Woodstock. Die Hippie-Kultur feierte Urstände auf dem „Woodstock Music and Art Festival“ im August des Jahres 1969. Blumen im Haar statt Napalm auf Vietnam. Von freier Liebe und ewigem Frieden träumte eine Generation, die der Vietnam-Krieg wachgerüttelt hatte; so hieß damals das Afghanistan der USA. Die Lieder und Bilder aus Woodstock wurden zu den Leitmotiven einer Generation, die ihre Lebensweise als Kulturrevolution begriff. Zwischen haschischgeräucherten Zelten und buntbemalten VW-Käfern griffen Sex, Drugs and Rock `n Roll platz: give peace a chance. Wer das singen konnte, war ein besserer Mensch. Der Hippie-Traum währte kein halbes Jahr.

Die Rolling Stones wollten hinter dem Woodstock-Paradies im Staate New York nicht zurückstehen und planten ein Gratis-Konzert in Altamont,  Kalifornien. Auf einem kahlen Hügel an einer Rennbahn sollten 300.000 Fans den Rausch der „counterculture“ erleben dürfen. Die Ordnungsdienste hatte man den örtlichen Rockern, den Oakland Hells Angels, übertragen, gegen eine früh ausgezahlte Gage in Form von Freibier im Wert von 500 Dollar. Die Jackenjungs sollten die Generatoren für die Verstärker beschützen, mehr nicht. Man war alternativ und spontan in diesen Tagen: Ohne Sanitäranlage, ohne Lebensmittelversorgung, auf einer niedrigen publikumsnahen Bühne erlebten die Bands den sich aufbauenden Furor einer bösen Menge. Der Mob wollte Blood, Sweat & Tears. Die Idylle von Woodstock roch hier in Altamont nach Progrom. Mick Jagger hat seine seither notorische Angst in einem Satz zusammengefasst: „Wäre Jesus da gewesen, sie hätten ihn gekreuzigt.“

Die Rolling Stones verlassen mit diesem Tag die Gegenkultur und beschließen, ins professsionelle Show Business zu gehen. Aus der sozialen Bewegung wird ein Geschäft, eine Industrie. Dort sind sie, als ältere Herren, noch heute. Altamont vor vierzig Jahren, das war der heilsame Schock unserer Jugendkultur. Wer ihn verarbeitet hatte, war später auch im linken Lager davor gefeit, Freibeuterträumen nachzugehen. Wer vor vierzig Jahren Altamont verstanden hatte, wusste plötzlich um die Vorzüge des Gewaltmonopols in einem Rechtsstaat. Das klingt jetzt schon wieder wie auf einer der vermaledeiten Zwanzigjahrfeier zur deutschen Einheit; also lassen wir es dabei.

Quelle: starke-meinungen.de