Logbuch

DAS GENIE UND DIE BIOLOGIE DER SOZIOLOGIE.

Eigentlich wäre es eine Tätigkeit für den Herbst, wenn grässliches Wetter dunkle Gedanken befördert. Aber wie das Leben so geht, ich lese Nachrufe im Hochsommer, da die Sonne, wie unpassend, zu breitem Lachen ansteht. Und komme zu einer Einsicht, die ein Frühlingserwachen sein könnte. Aber gemach.

In meinem Fach hat es einen Weisen gegeben, den ich selbst nie kennengelernt habe; wohl weil mir Bamberg immer ein Unort war, terra incognita. Aber dort hat schon sehr früh ein Manfred Rühl den Bielefelder Niklas Luhmann aufgenommen und anzuwenden gesucht. Muss einem das was sagen? Na ja, räumen wir zunächst ein, dass der Soziologe Luhmann aus Bielefeld sehr viel getan hat, um sich selbst zu vergeheimnissen. Das ist ein akademisches Verfahren, das konsequent Plausibilität vermeidet, während es behauptet, eben diese zu gewähren. Man könnte auch von Okkultisierung reden. Treibt Doofe schlicht in den Wahnsinn.

So begründet man eine „Schule“, deren „Schüler“ den Trick durchschauen und sich darüber amüsieren, mit welch hohlen Augen der Rest der Menschheit in Unverständnis untergeht. Das Marketing im Akademischen besteht nämlich darin, dass man die Ware verknappt, die man zu verkaufen hätte, aber trotzig unter der Theke hält. Früher hat man sich in diesen inneren Zirkel des Wissens nur durch Fleiß und Genie vorkämpfen können. Das ist heute anders. Es reicht Genie & ChatGPT.

Ein Schüler (sic) ruft Rühl epilogisch nach, er sei sein Professor gewesen, aber das mit der „Autopoesis“ habe er noch immer nicht verstanden. Schatz, Du hast gar nichts kapiert. Für normale Menschen: Der Soziologe hatte einen abseitigen Biologen benutzt, um eine Denkfigur dieses Typen so oft zu wiederholen, dass jedermann den Verstand verlor; da hat er dann noch einen abseitigen Kybernetiker draufgesetzt. Humberto Manturana und Heinz von Förster. Alta Schwede. Damit war die Allgemeinverständlichkeit echt im Arsch.

Wenn aber nun ein Schüler dessen in seinem Nachruf auf ihn sagt, dass er die zentrale Figur („Autopoesis“) noch immer nicht kapiert habe, so sagt er, dass er eben kein Schüler war. Man kann nicht Mathematik vertreten, aber Schwierigkeiten mit dem Rechnen haben. Oder Goethe kennen, nur Faust nicht. Jetzt die Auflösung: Mit meiner KI habe ich den gesamten Komplex, obwohl Details vergessen, in vier Fragen wieder komplett geklärt. Ich verstehe jetzt wieder die Biologie der Soziologie. Luhmann entzaubert. Am Handy zum ersten Kaffee. Das Genie und die ChatGPT.

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KLEIDERORDNUNG.

Man betritt ein feines Gebäude, den Sitz einer Manufaktur für Spezialuhren, ein Haus mit Tradition und Anspruch. Das Preisniveau ist knapp unter den Schweizer Häusern, aber immer noch stattlich. Mein Handgelenkwecker ist mir auf einen Steinboden gefallen, das hat die komplizierte Mechanik nicht so gern. Für die Revision nimmt der Laden 600€ und ein neues Metallband kostet das noch mal, so dass ich mit Polieren des Stahlgehäuses einen KVA von 1400 Ocken habe. Dauern wird es etwa ein Quartal; man hat gut zu tun. So sieht ein gutes Geschäft aus.

Ich erzähle das nur als soziale Kennung. Schon ein gehobenes Niveau. Jetzt die Geschichte. Ich entdecke im Show Room den Inhaber. In Shorts und barfuß in Sandalen. Ein buntes Sommerhemdchen mit kurzen Ärmeln spannt sich über den Bauch. Männerkleidung im Hochsommer, ein einziger Offenbarungseid üblen Geschmacks. Was treibt diese Idioten zu Hawaiihemden? Warum darf die Sandale innen eine Schweißgerbung aufweisen? Wenn schon T-Shirts, warum dann labberig am schlaffen Männerbusen, aber gespannt über der Plauze? Das schlimmste aber sind kurze Hosen, die erweisen, ob die Kronjuwelen links oder rechts getragen werden.

Keine Frau würde sich so unter Menschen wagen. Ferner entdecke ich zunehmend die Handgelenktasche, sie ist zurück, jenes Täschchen mit Gurt, in dem der Talahon seine Autoschlüssel, Brieftasche und die Zaretten mit Feuerzeuch sowie Präser und den Kamm versteckt. Unsagbar peinlich. Neuerdings auch als Cross Over mit langem Gurt geschultert vor der Brust zu tragen. Alta Schwede, wie diese Heinis zu Begattungshandlungen kommen, wird mir immer schleierhaft bleiben. Frauen müssen ein großes Herz und schlechte Augen haben; anders ist ein Bevölkerungswachstum nach dem Sommer nicht zu erklären.

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POZILEI.

Wir sind hier ja nicht im Wilden Westen. Oder bei der alternativen Rechten. Über die Polizei macht man keine blöden Witze, schon gar nicht im europäischen Mutterland westlicher Demokratie. Mich hat immer beeindruckt, dass der Bobby in Westminster unbewaffnet war, bewehrt nur mit einer Trillerpfeife, ganz Autorität aus der Achtung der Bürger. Soviel zur Pozilei, die ich nicht mit Vieh der Klasse Bulle oder Schwein vergleiche. In Berlin Anwohner des Kleinen Tiergartens, eines Parks, der sich zum Hotspot von Drogendealern und ihrer verwahrlosten Klientel wandelt, bin ich froh, wenn es jemanden gibt, der den wüstesten Übergriffen Einhalt gebietet. Wir hätten gern Kinderspielplätze ohne Spritzen. Ich sage den jungen Beamten oft, wenn ich ihre Einsätze sehe, dass ich ihre Arbeit schätze.

Aber der Missbrauch liegt nahe. Ein Journalist seriöser Presse ist von der Kripo in Oxbridge aufgefordert worden, einen Professor der altehrwürdigen Uni keine Fragen mehr zu stellen, weil dieser sich ob seiner Hautfarbe diskriminiert fühle. Diskriminiert wegen Nachfragen zu seiner öffentlichen Funktion. Nun, das Seelchen hatte, wie inzwischen klar, seine Doktorarbeit gefälscht, von olympischen Sporterfolgen gelogen und sich der Teilnahme an TV-Sendungen gerühmt, die vor seiner Geburt gedreht worden waren. Der pathologisch Prahlsüchtige reklamierte zudem Patientenschutz, weil gelernter Autist. Exotismus extremer Art. Er hat inzwischen seinen Lehrstuhl aufgegeben, der längst überfälligen Prüfung der Alma Mater vorgreifend.

Mir geht es nicht um den Verwirrten, obwohl Betrug durch Plagiate kein Kavaliersdelikt; denn das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Darüber soll die Academica selbst wachen. Mir geht es darum, dass der Staat einschreitet, wenn eine Recherche der Presse unerwünscht. Fragen verboten. Da müssen wir ja nicht nach England schauen; auch hierzulande gab es eine Praxis, dass morgens die Kripo klingelt und mal den PC sehen möchte, mit dem man einen Beitrag in den Sozialen getippt hatte.

Jetzt mal die Juristen nach vorn. Was ist das, diese „Untersuchung als Strafe“? Hier ist ja völlig klar, dass der Zirkus niemals für einen Staatsanwalt reichte oder gar einen Richter. Aber zur Einschüchterung, da reicht es? Das darf die Kripo, in England Met genannt? Ich kenne ähnliche Fälle eine Stufe weiter, wo abstruse Anklagen erhoben werden, die erkennbar unbegründet sind und es auch bleiben, nur um den so bedrohten Schergen zu erschrecken und damit abzustrafen. Das mag ja als zivilrechtlicher Rechtsmissbrauch noch durchgehen, aber im Strafrecht? Mittels politisch motivierter Pozilei? Der Bobby als Schutz- und Putztruppe? Ich bitte Euch. „It never rains in California. Man, it pours!“

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Wohlfeile Gedenktage, die abgenudelt werden – und einen wichtigen, der vergessen scheint

So, so, lieber Helmut Kohl, die Wiedervereinigung des deutschen Vaterlands haben die Menschen im Osten gewollt. Der alte deutschnationale Traum fand durch Sie, Gorbatschow und Bush sen. seine Erfüllung?  Das ist eine billige Geschichtsklitterung. Die Wahrheit ist: Die maroden postkommunistischen Diktaturen sind in ganz Mittel- und Osteuropa aus Altersschwäche in sich selbst zusammengefallen. Und die Deutschen waren nicht vorne weg. Zentralverwaltungswirtschaften funktionieren einfach nicht. Regime, die die Menschen vor sich selbst beschützen wollen, halten nicht. Mit Deutschnationalem hat das alles rein gar nichts zu tun. Zwanzig Jahre Mauerfall, allgemeine deutsche Volksbetörung und Neuauflage der alten Lebenslügen: Man kann es langsam nicht mehr hören.

Kommen wir mal zu den wirklich wichtigen Gedenktagen: Wir begehen in wenigen Tagen den vierzigsten Jahrestag von Altamont. Wir erinnern uns an den Tod von Meredith Hunter. Sein gewaltsames Ende markiert den Tod eines Traumes vom besseren Menschen. Das ist für meine Generation so bedeutungsvoll wie die Attentate auf Rudi Dutschke, Robert F. Kennedy oder Martin Luther King, die zuvor geschahen. Wir sahen vor vierzig Jahren hier eine historische Serie; was eine unzulässige Verallgemeinerung ist, aber nicht ohne Berechtigung. Unser Glaube an das Gute in allseitiger Liebe und jedermanns Friedfertigkeit ging zu Bruch. Der unselige Rocker der Hell’s Angels, der damals Meredith Hunter abstach, hat Geschichte geschrieben. Wer war Hunter, was war Altamont? Wo war die historische Lektion?

Altamont war, obwohl fast vergessen, die bedeutendere Schwester des weltbekannten Woodstock. Die Hippie-Kultur feierte Urstände auf dem „Woodstock Music and Art Festival“ im August des Jahres 1969. Blumen im Haar statt Napalm auf Vietnam. Von freier Liebe und ewigem Frieden träumte eine Generation, die der Vietnam-Krieg wachgerüttelt hatte; so hieß damals das Afghanistan der USA. Die Lieder und Bilder aus Woodstock wurden zu den Leitmotiven einer Generation, die ihre Lebensweise als Kulturrevolution begriff. Zwischen haschischgeräucherten Zelten und buntbemalten VW-Käfern griffen Sex, Drugs and Rock `n Roll platz: give peace a chance. Wer das singen konnte, war ein besserer Mensch. Der Hippie-Traum währte kein halbes Jahr.

Die Rolling Stones wollten hinter dem Woodstock-Paradies im Staate New York nicht zurückstehen und planten ein Gratis-Konzert in Altamont,  Kalifornien. Auf einem kahlen Hügel an einer Rennbahn sollten 300.000 Fans den Rausch der „counterculture“ erleben dürfen. Die Ordnungsdienste hatte man den örtlichen Rockern, den Oakland Hells Angels, übertragen, gegen eine früh ausgezahlte Gage in Form von Freibier im Wert von 500 Dollar. Die Jackenjungs sollten die Generatoren für die Verstärker beschützen, mehr nicht. Man war alternativ und spontan in diesen Tagen: Ohne Sanitäranlage, ohne Lebensmittelversorgung, auf einer niedrigen publikumsnahen Bühne erlebten die Bands den sich aufbauenden Furor einer bösen Menge. Der Mob wollte Blood, Sweat & Tears. Die Idylle von Woodstock roch hier in Altamont nach Progrom. Mick Jagger hat seine seither notorische Angst in einem Satz zusammengefasst: „Wäre Jesus da gewesen, sie hätten ihn gekreuzigt.“

Die Rolling Stones verlassen mit diesem Tag die Gegenkultur und beschließen, ins professsionelle Show Business zu gehen. Aus der sozialen Bewegung wird ein Geschäft, eine Industrie. Dort sind sie, als ältere Herren, noch heute. Altamont vor vierzig Jahren, das war der heilsame Schock unserer Jugendkultur. Wer ihn verarbeitet hatte, war später auch im linken Lager davor gefeit, Freibeuterträumen nachzugehen. Wer vor vierzig Jahren Altamont verstanden hatte, wusste plötzlich um die Vorzüge des Gewaltmonopols in einem Rechtsstaat. Das klingt jetzt schon wieder wie auf einer der vermaledeiten Zwanzigjahrfeier zur deutschen Einheit; also lassen wir es dabei.

Quelle: starke-meinungen.de