Logbuch
NOTAUSGABE.
Es gibt Premium-Hotels mit allem Drum und Dran. Und es gibt die Budget-Versionen, die mit dem Nötigsten auskommen. Notausgaben des Luxus.
Hamburg hat ein neues Flagschiff der „motel one“ genannten Kette, die zu vernünftigen Preisen einen sehr selektiven Luxus bieten. Ein wirklich großartiges Bett und eine Bar, die schlicht immer geöffnet ist; alles andere fällt aus oder ist auf ein Minimum reduziert. Kostet 100€ die Nacht; man zahlt sonst leicht das Vier- oder Fünffache. Wenn man das Konzept versteht, kommt man zurecht.
Das neue „clouds one“ gefällt mir insoweit. Ich blicke über die Straße auf ein Hochhaus, das vergleichsweise in die Jahre gekommen ist. Scheint jetzt eine „law firm“ zu beherbergen. Irgendetwas rumort in meinem Hinterkopf. Dann klingelt es: Mensch, das alte SPIEGEL-Hochhaus. Sitz einer Redaktion, vor der wir PR-Leute wirklich Respekt hatten. Ich habe hier matte Chefredakteure erlebt und lebendige, eine wache Redaktion und auch mehrere eher selbstbezügliche. Aber man gibt als PR-Mann Journalisten keine Noten, jedenfalls keine guten.
Für alle Informanten, das sind die wahren Lieferanten von „content“, gilt, dass sie ein drittes Motiv haben, jenseits der Wahrheitsliebe. Immer ist der Informant auch Verräter, der Revanche übt. Das weiß man. Der erfahrene Journalist pflegt ihn gleichwohl. Niemals geht er ihm im Blatt persönlich an. Oder er will ihn bewusst verlieren oder gar Seinesgleichen rächen; aber das ist dann eine andere Geschichte, wie Kipling sagt.
So war das jedenfalls früher. Man hat keine „insultatio ad hominem“ ins Blatt gehoben. Solche Niedertracht war dem Selbstverständnis des SPIEGEL nach bei Springers zuhause, aber nicht bei Augsteins. Das hat sich geändert. Ich könnte das am frischen Blatt konkretisieren, will es aber nicht.
Ein paar Blöcke weiter die Straße runter ist das neue SPIEGEL-Gebäude. Schmale Aussengebäude um einen gigantischen Innenhof. Ein Bau von deutlich größerem Volumen. Und innen eben leider leer.
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FIESE MÖPP.
Ich habe mit 16 Lenzen als Autor des Politischen Kabaretts zu schreiben begonnen und werde daran nichts ändern wollen, dass die Tinte gallig zu sein hat. Nur Trottel lecken Stiefel. Mir schauen Heine und Brecht über die Schulter, wenn ich Tinte kleckse, zumindest bilde ich mir das ein. Aber ich habe es auch eine Nummer kleiner.
Der Anlass ist: Es meldet sich ein gelernter Journalist der klassischen Prägung mit dem Eindruck, dass amtierende Politiker hier einseitig abgekanzelt würden. Ob ich denn gar keinen mal cool fände. Da bin ich baff. Wenn dem so wäre, würde ich doch darüber kein Wort verlieren. Es ist nicht meine Aufgabe, die Inhaber der Macht auch noch mit Charisma zu versorgen. Jedenfalls nicht unbezahlt; und dann eben auch nicht hier.
Der große Georg Christoph Lichtenberg hat seine zeitkritischen Schriften schlicht und klar SUDELBÜCHER genannt. Die Einseitigkeit des KRITIKERS ist ein Vorsatz. Man darf von ihm kein ausgewogenes Urteil erwarten, weil er das als intellektuellen Bruch verstehen würde. Sei ne fiese Möpp. Das ist das eine.
Das andere ist, dass hier laufend über Personen gesagt wird, dass man sie schätze. Leider oft über solche, die die BLASE (siehe diese) nicht schätzt oder gar stigmatisiert. Wie es überhaupt hier von Menschenliebe nur so trieft. Verstören könnte nur, dass alle damit gemeint sind, ungeachtet der Stellung, der Herkunft und des Glaubens.
Eine gewisse Unduldsamkeit herrscht allerdings gegen die Unduldsamkeit; das ist wahr. Und man muss als Preuße nicht den Stiefel, der einen tritt, auch noch lecken wollen.
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FIGAROS HOCHZEIT.
Er wird grau, der talentierte Doktor Habeck. Sein Haupthaar zeigt das Zeichen der Alterung, ein zunehmendes Weiß, vielleicht Symbol der Weisheit, vielleicht Ausdruck der Verzweiflung. So richtig gelingt ihm nichts, dem Robert. Er wirkt trotzig, wenn nicht deprimiert. Fassungslos ob der eigenen Entzauberung.
Der in seiner Russlandpolitik spektakulär gescheiterte Herr Steinmeier, jetzt als Fossil ewiger Bundespräsident, vergleicht die Lage mit dem innenpolitischen Scheitern der Regierung Schröder. Ich schätze den Gerd, wie Sozis ihn nannten, und erinnere mich gut, wie hohl das Agenda-Projekt plötzlich war. Entzaubert, enttäuschend.
Der entzauberte Joschka Fischer wurde dann wieder fett, Habeck wird grau. Da hilft auch der Dreitagebart nicht mehr zur Aura eines James Dean. Abgestandener Sekt schmeckt halt schal. Der Barbier von Sevilla: Sie will ja… Den Grünen hilft auch die proper durchgefärbte Außenministerin im Drei-Wetter-Taft nicht, die den Genscher-Mythos wiederbelebt, nachdem man so oft im Regierungsflieger hockt, dass man sich über dem Atlantik selbst begegnet.
Wenn ein Symbol seine Strahlkraft verloren hat, also leer ist, spricht man von einer Chiffre. Schauen wir uns die politische Partnerin von Olaf Scholz um den Parteivorsitz an, die noch immer weitgehend unbekannte Klara Geywitz aus Brandenburch, Ehefrau von Steinmeiers Redenschreiber Ulli D., sie sitzt als Proporz-Ossi im Bundeskabinett und ist Bauministerin. Sie sollte die Wohnungsnot beheben. Das Gegenteil ist erreicht.
Fast tut sie mir leid. Das Heizungsgesetz von Habeck hat den Markt für Wohnimmobilien aller Orten schlicht trocken gelegt; nichts geht mehr. Aber das ist ja das Zeichen für die Chiffrierung von Politik, wenn Politiker nicht mehr Bewunderung provozieren oder Verachtung auslösen, sondern nur noch Mitleid. Auf Olafs Glatze lassen sich halt keine Locken drehen. Auf der von Fritze Merz auch nicht.
Figaro, figaro! Man färbe und töne! Her mit den Perücken! Figaro, auf mit dem Toupet. Oder wir machen es so, wie der junge Herr von der FDP. Welch eine Posse. Opera buffa.
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Rufmord als Volkssport: Der Fall Sarrazin und die Empörungskommunikation
Empörend fand es der Präsident der Bundesbank Axel Weber. An die Nazis Göring und Goebbels fühlte sich eilfertig der Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland erinnert. Peter Gauweiler von der CSU sind die Kopftuchmädchen lieber als die Arschgeweihmädchen, sagte er mit diesen Worten.
Kulturkampf, Rufmord als Volkssport. Braunes Gesindel grinste Zustimmung. Und die schweigende Mehrheit wurde vom Boulevard angetestet. Entweder hätte man es jetzt mal wieder den Türken und Arabern in Deutschland geben können. Oder dem ungeliebten Sozi Sarrazin. Oder beiden.
In einen solchen Sumpf darf ein vornehmer Bundesbanker aber nicht geraten, auch wenn er in der Sache recht hat. Eigentlich war der grimmige Thilo Sarrazin, ehemaliger Berliner Finanzsenator und jetziges Vorstandsmitglied der Bundesbank, erledigt. Ein veritabler Skandal wollte ihn zum Opfer nehmen, da er sich nicht maßvoll, sondern ausländerfeindlich geäußert habe. Solche Skandalisierungen wüten in einer Ökonomie des gesunden Volksempfindens: Das will sein Opfer und den Sünden-bock ausbluten sehen. Jenes Ritual sollte greifen, nach dem die zum Rudel erregte Herde der Schafsköpfe einen der ihren in die Wüste schickt. Tabubrüche, so fürchten die feigen Hammel, führen zum Zorn der Götter, den man nur durch ein Opferlamm zu beruhigen weiß. Berühmtes Goethe-Wort: Schlagt ihn tot, den Hund.
Doch, wie immer, war fast alles ganz anders. Der Rufmord zeugt von einer handfesten Intrige, in der Täter wie Opfer teils vorsätzlich und hinterhältig, teils hinnehmend, teils trottelig ihre Rollen spielten. In welchem Stück, fragt das Publikum. Bei der Bundesbank tobt wohl ein interner Machtkampf, bei dem es um Karrieren von Topbankern geht, aber auch um die künftigen Strukturen der Bankenaufsicht in diesem Lande und damit um die politische Wende im Land. Die Spuren des Sozialdemokraten Steinbrück sollen aus der Finanz-verwaltung getilgt werden. Axel Weber war aber, so wollen Insider wissen, über die SPD auf seinem Posten gelandet; diese Schmach gelte es nun zu tilgen.
Schon unter Stalin löschte man Makel in der Biographie durch Denunziation der alten Freunde aus. Mit der symbolischen Säuberung zulasten Sarrazins sollte der Inquisitor Weber den neuen schwarz-gelben Machthabern als Günstling erscheinen, so entschlüsselt die irritierte Bankenwelt.
Darum also ging es wirklich, nicht um die Gemüsehändler in Berlin Kreuzberg. Und schon gar nicht um deren Töchter, über die man sich jetzt klassenkämpferisch erhebt. Die Integrationsfrage ist der Schmutz, mit dem geworfen wird, nicht das Problem, zu dessen Lösung man beitragen will. Für die politische Kultur in diesem Land ist es dabei nicht unwesentlich, genau hinzusehen, wie denn so was geht, symbolischer Meuchelmord als Massensport.
Immer, wenn es nach politischer Intrige riecht, entwickelt das Publikum Verschwörungstheorien und Verfolgungswahn. Aber genau das erklärt nicht, was hier passiert. Dies ist kein Schurkenstück von Shakespeare. Dies ist keine Ausnahme, sondern der Normalfall. Menschen wie Sie und ich. Viele der Protagonisten kenne ich persönlich.
Axel Weber war unter Akademikern ein stocklangweiliger Professorenkollege, der kein Wässerchen trüben konnte, ein Philister vor dem Herrn, von keinem Genie beseelt, von keinem Teufel geplagt. Thilo Sarrazin, ein kluger Ökonom, ist kein Volksverhetzer, ihn treibt die Sorge um Berlin; er ist ein integrer Mann, der alle Achtung verdient.
Der Chefredakteur der vermeintlichen Skandalzeitschrift „Lettre International“ ist nicht islamophob oder fremdenfeindlich. Sein Wirken wie sein Blatt sind ein wirkliches Flaggschiff deutschen Feuilletons, ein untadeliger Mann. Und in der Pressestelle der Bundesbank, die Sarrazin in diese Falle gelockt hat, sitzen keine Spin Doctors, sondern nur die üblichen PR-Tröpfe; branchenbekannt als minderbemittelt, aber doch keine Schurken.
Wir haben es mit einer unglücklichen Konstellation zu tun, die vom „Fürsten zu Frankfurt“ gegen den „Berliner Populisten“ ausgenutzt wurde. Nun, da die niedrigen Beweggründe die Blätter füllen, darf man ihn nicht mal als Genie bezeichnen. Weber wirkt nun eher wie ein tumber Geselle. Sollte das Kalkül seines andienerischen Rufmordversuches sich auf Merkel gerichtet haben, wird er die Klasse dieser Kanzlerin unterschätzt haben.
Empörend ist schließlich nicht nur Sarrazins oder Gauweilers Proletenschelte, der Rufmord als Volkssport, sondern der Mist, auf dem solche Blumen blühen. Auf Empörung zielt unsere gesamte Kommunikationslandschaft. Auch die sogenannten Sach- und Fachfragen finden nur noch Beachtung, wenn sie zu Empörungsthemen transformiert werden können. Beim Boulevard hieß das Prinzip früher A&T: Arsch und Titten. Im Land der Dichter und Denker.
Der Zusammenbruch des klassischen Werbemarktes bringt zudem die elektronischen Medien an den Rand des Abgrundes. Während in Deutschland nur nachhaltig geschwächelt wird, geht in England die gewaltige Fernsehgruppe ITV schon über die Wupper. Man flieht ins billige Internet, in dem aber bisher außer den Googles und der Pornoindustrie niemand ordentliches Geld verdient hat.
Neben der ökonomischen Frage steht die der publizistischen Qualität. Was sich in der tagebuchschreibenden Blogosphäre an Empörungskommunikation Bahn bricht, lässt den Fall Sarrazin als Altherren-Episode erscheinen. Unter einer verlogenen Piratenromantik tarnt sich hier publizistischer Schund als Kommunikation der neuen Zeit.
Aber Vorsicht, wer das anmerkt, wird mit einem rhetorischen Vernichtungswillen konfrontiert, der so rigoros ist wie religiös motivierter Fundamentalismus. Das Paradigma ist nicht mehr der Debattierclub in Cambridge, sondern der heiße Atem von Agitation und Propaganda. Die Tugenden der Westminsterdemokratie gelten wegen der neuen Zeiten nichts mehr.
Das geht zu weit. Thilo Sarrazin sollte „Lettre International“ dazu mal ein Interview geben.
Quelle: starke-meinungen.de