Logbuch
PHILOSOPH BLEIBEN.
Der amtierende amerikanische Präsident bricht ein TV-Interview vor laufender Kamera ab und nennt die ihn befragende Journalistin bestochen oder blöd; irgendwas in der Liga. Er flieht sichtlich erzürnt. Nicht sehr souverän für einen Souverän.
Begrifflich: Ein Interview ist kein Gespräch. Die Journalisten sprechen untereinander von Grillen und Zerlegen, sehen im Gast als nur ein Brathuhn. Da ist es kein Wunder, wenn der Vogel das „chicken“ gibt und vermeintlich feige flieht. Nur die dümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber.
Besonders markig sind jene Interviewer, die einen Knopf im Ohr haben, über das Scharfmacher aus dem Hinterzimmer ihnen neue Gemeinheiten zuflüstern. Mit dieser Alimentation gibt der Fragende dann den Gnadenlosen. Ich sehe die Überheblichkeit schon in der Pose. Ach, wie abgeschmackt.
Die Mutter aller knallharten Interviews war auf BBC der „Hard Talk“; wenn auch eher durch tiefgründige Recherche als durch gezielte Beleidigung. Man lernt das in Oxbridge an der Uni, scharf zu fragen. Für manchen versierten Lügner wurde es ein Opfergang.
Neuere Formate setzen auf Intimität und Dauer: Niemandem gelingt es, wenn umschmeichelt, über Stunden seinen wahren Charakter zu verbergen; so das Kalkül. Die Wirkung in den Sozialen entsteht dann nachträglich und für immer durch die Schere. So entstehen dann jene „Sound Bites“, die den Tag überdauern.
Man sagt Politikern nach, dass sie an keinem Mikro vorbeigehen können. Mein Rat: Willst Du was gelten, mach Dich selten. Das beste Interview ist das vermiedene. Hättest Du geschwiegen, wärst Du Philosoph geblieben.
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DIE UHR.
Woran erkennt man den Charakter eines Menschen? Wie erhellt man, wes Geistes Kind er ist? Die alten Römer veranstalteten dieserhalben Saufgelage; sie waren der Auffassung, dass der Mensch im Zustand der Weinseligkeit die Gabe zur Verstellung verliere, man also seine finsteren Absichten entdecken könne. Das Konzept klappt nicht, da im Vollzug dessen beide besoffen, sprich ihrer Urteilskraft verlustig.
Aber man versteht schon die Nöte eines Personalchefs, der eine wichtige Position zu besetzen hat und der Papierfassung des Kandidaten misstraut. Ein alter Hase des HR-Gewerbes gibt mir einen Tipp zur Auswahl des höheren Angestellten: Achte auf die Uhr. Gemeint ist nicht die Zeit als solche, sondern das Chronometer am Handgelenk. Wenn der Wecker nix taugt, taugt der Kerl nix. Gute Hypothese.
Zeit über einen neuen, weiteren Herrn K. zu reden, wie hier häufig. Jetzt widmen wir uns „Klaus von der Kö“, ein sehr erfolgreicher Uhrenhändler aus dem Pott, der sich an Düsseldorfs Edelmeile einen Ruf erworben hat mit dem Verramschen teurer und sehr teurer Armbanduhren. Sein Publikum ist möglicherweise von überschaubarer Bildung, aber sicher unbegrenzt geltungssüchtig. Man erkennt den Idioten als Experten schon daran, dass er nur „full set“ kauft; das meint mit dem originalen Karton und Quittung. Als wenn es schwer sei, nach der Uhr auch das zu fälschen. Fälschungen nennen sich „Blender“; hübsch, passt auch auf den Träger.
Zu Herrn K.: Klaus ist der Prototyp des Proletenmillionärs, er fährt ostentativ Rolls Royce und pafft dicke Zigarren. Der Mann redet von sich in der dritten Person als „Pappa“ und macht Mörderumsätze mit „Pepsi“ und anderen Osnicken (Rotwelsch für Handgelenkswecker). Pepsi ist ein gängiger Spitzname wegen der Farbgestaltung der Drehlünette, eine gängige Rolex, aller Ehren wert.
Ich werde hier keine Stillehre der edlen Uhren versuchen; da kann man nur scheitern, insbesondere wenn die Preise in die Höhe von Mittelklasse-PKW oder gar Einfamilienhäuser steigen. Ich liebäugle allerdings mit „Big Pilot‘s Watch Perpetual Calender Le Petit Prince Ref. 3396“, ein Klasse Wecker von IWC Schaffhausen. In Keramik für 40k.
Eigentlich trage ich Sinn. Meine Sinn-Uhren hat mir noch der alte Sinn selbst verkauft; er muss da schon weit über 90 gewesen sein. Pilots never die! Flieger sterben nicht, sie fliegen nur höher, sagte er mir. So jetzt ist es raus: Man braucht für die Uhrenwahl vor allem eine gute Geschichte. Habe ich schon erzählt, wie ich beim Dornblüth in Sachsen-Anhalt war? Also, das war so…
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DAS SCHWERT.
Ich habe keine christliche Erziehung genossen, in dem Sinne, dass ich als Heranwachsender einer Religion unterworfen worden wäre. Aber als Pfadfinder und Katechomäne war man mit Vorgesetzten oder Vorbildern vertraut, die eine Hausbibel unter‘m Arm hatten. Meine genetische Disposition zur Rechthaberei verband sich unter solchen Einflüssen bald mit dem Habitus eines Protestanten. Das bin ich wohl, ein Nazarener, obwohl religiös eher unmusikalisch.
Meine Eltern hatte ihre Ehe in Glaubensfragen als Kompromiss angelegt. Meine Mutter war zuvor katholisch und mein Vater „in der Versammlung“, was eine dem ostpreußisch Evangelischen entwachsene Sekte war, die es in Oberhausen wohl noch immer gibt. Jedenfalls traf man sich, wie es meine Frau Mutter formulierte, auf der Mitte und beide traten der Evangelischen Amtskirche bei; dort wurden ihre Kinder getauft und konfirmiert. So weit, alles wie normal. Ich habe dabei irgendwann Interesse am Neuen Testament entwickelt und das Ding am Stück gelesen; seitdem gelte ich als „bibelfest“. Welch ein Wort.
Was mich an der „frohen Botschaft“ literarisch fasziniert, das sind die „Wunder“, die der Nazarener vollbringt. Das ist ja weit mehr als hier und da ein Kunststückchen eines Magiers oder Wunderheilungen von medizinischen Scharlatanen. Es sollen als Zeichen Gottes vielfältige Legitimationen des Anspruchs darauf sein, dass der Nazarener der verheißene Messias ist. Hier verläuft die Konfliktlinie zum Judentum der Pharisäer. Deren Opposition gibt der römische Statthalter nach, als er den Nazarener kreuzigen lässt.
Ich könnte an den Wundern des aufmüpfigen Messias wirkliche Freude entwickeln. Er sorgt bei Feiern für ausreichend Brot und Wein. Welch eine Geste! Er segnet die Prostituierte und berührt das Seuchenopfer: Geheilt werden die Stigmatisierten. Ich verstehe sein „Event PR“ nicht in allen Facetten, zum Beispiel das mit dem barfüßigen Surfen auf dem See Genezareth, aber es sind dreißig PR-Stücke besonderer Güte. Für mich gehört auch die sogenannte Tempelreinigung zu den großen Nummern (er wirft die Banker aus dem Tempel).
Man kann den Nazarener als Revolutionär lesen. Das wird dem Messianischen nicht vollständig gerecht, aber begeistert. Zwei Bibelworte zum Schluss. Zunächst das des Neuen Bundes: „Euch ist von den Alten gesagt… Ich aber sage Euch…“ Der Rechthaber. Und dann: „Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert!“ Der Protestant. Vielleicht sogar der Kreuzritter? Ich zögere. Das sollen die klären, die reinen Glaubens sind.
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Rufmord als Volkssport: Der Fall Sarrazin und die Empörungskommunikation
Empörend fand es der Präsident der Bundesbank Axel Weber. An die Nazis Göring und Goebbels fühlte sich eilfertig der Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland erinnert. Peter Gauweiler von der CSU sind die Kopftuchmädchen lieber als die Arschgeweihmädchen, sagte er mit diesen Worten.
Kulturkampf, Rufmord als Volkssport. Braunes Gesindel grinste Zustimmung. Und die schweigende Mehrheit wurde vom Boulevard angetestet. Entweder hätte man es jetzt mal wieder den Türken und Arabern in Deutschland geben können. Oder dem ungeliebten Sozi Sarrazin. Oder beiden.
In einen solchen Sumpf darf ein vornehmer Bundesbanker aber nicht geraten, auch wenn er in der Sache recht hat. Eigentlich war der grimmige Thilo Sarrazin, ehemaliger Berliner Finanzsenator und jetziges Vorstandsmitglied der Bundesbank, erledigt. Ein veritabler Skandal wollte ihn zum Opfer nehmen, da er sich nicht maßvoll, sondern ausländerfeindlich geäußert habe. Solche Skandalisierungen wüten in einer Ökonomie des gesunden Volksempfindens: Das will sein Opfer und den Sünden-bock ausbluten sehen. Jenes Ritual sollte greifen, nach dem die zum Rudel erregte Herde der Schafsköpfe einen der ihren in die Wüste schickt. Tabubrüche, so fürchten die feigen Hammel, führen zum Zorn der Götter, den man nur durch ein Opferlamm zu beruhigen weiß. Berühmtes Goethe-Wort: Schlagt ihn tot, den Hund.
Doch, wie immer, war fast alles ganz anders. Der Rufmord zeugt von einer handfesten Intrige, in der Täter wie Opfer teils vorsätzlich und hinterhältig, teils hinnehmend, teils trottelig ihre Rollen spielten. In welchem Stück, fragt das Publikum. Bei der Bundesbank tobt wohl ein interner Machtkampf, bei dem es um Karrieren von Topbankern geht, aber auch um die künftigen Strukturen der Bankenaufsicht in diesem Lande und damit um die politische Wende im Land. Die Spuren des Sozialdemokraten Steinbrück sollen aus der Finanz-verwaltung getilgt werden. Axel Weber war aber, so wollen Insider wissen, über die SPD auf seinem Posten gelandet; diese Schmach gelte es nun zu tilgen.
Schon unter Stalin löschte man Makel in der Biographie durch Denunziation der alten Freunde aus. Mit der symbolischen Säuberung zulasten Sarrazins sollte der Inquisitor Weber den neuen schwarz-gelben Machthabern als Günstling erscheinen, so entschlüsselt die irritierte Bankenwelt.
Darum also ging es wirklich, nicht um die Gemüsehändler in Berlin Kreuzberg. Und schon gar nicht um deren Töchter, über die man sich jetzt klassenkämpferisch erhebt. Die Integrationsfrage ist der Schmutz, mit dem geworfen wird, nicht das Problem, zu dessen Lösung man beitragen will. Für die politische Kultur in diesem Land ist es dabei nicht unwesentlich, genau hinzusehen, wie denn so was geht, symbolischer Meuchelmord als Massensport.
Immer, wenn es nach politischer Intrige riecht, entwickelt das Publikum Verschwörungstheorien und Verfolgungswahn. Aber genau das erklärt nicht, was hier passiert. Dies ist kein Schurkenstück von Shakespeare. Dies ist keine Ausnahme, sondern der Normalfall. Menschen wie Sie und ich. Viele der Protagonisten kenne ich persönlich.
Axel Weber war unter Akademikern ein stocklangweiliger Professorenkollege, der kein Wässerchen trüben konnte, ein Philister vor dem Herrn, von keinem Genie beseelt, von keinem Teufel geplagt. Thilo Sarrazin, ein kluger Ökonom, ist kein Volksverhetzer, ihn treibt die Sorge um Berlin; er ist ein integrer Mann, der alle Achtung verdient.
Der Chefredakteur der vermeintlichen Skandalzeitschrift „Lettre International“ ist nicht islamophob oder fremdenfeindlich. Sein Wirken wie sein Blatt sind ein wirkliches Flaggschiff deutschen Feuilletons, ein untadeliger Mann. Und in der Pressestelle der Bundesbank, die Sarrazin in diese Falle gelockt hat, sitzen keine Spin Doctors, sondern nur die üblichen PR-Tröpfe; branchenbekannt als minderbemittelt, aber doch keine Schurken.
Wir haben es mit einer unglücklichen Konstellation zu tun, die vom „Fürsten zu Frankfurt“ gegen den „Berliner Populisten“ ausgenutzt wurde. Nun, da die niedrigen Beweggründe die Blätter füllen, darf man ihn nicht mal als Genie bezeichnen. Weber wirkt nun eher wie ein tumber Geselle. Sollte das Kalkül seines andienerischen Rufmordversuches sich auf Merkel gerichtet haben, wird er die Klasse dieser Kanzlerin unterschätzt haben.
Empörend ist schließlich nicht nur Sarrazins oder Gauweilers Proletenschelte, der Rufmord als Volkssport, sondern der Mist, auf dem solche Blumen blühen. Auf Empörung zielt unsere gesamte Kommunikationslandschaft. Auch die sogenannten Sach- und Fachfragen finden nur noch Beachtung, wenn sie zu Empörungsthemen transformiert werden können. Beim Boulevard hieß das Prinzip früher A&T: Arsch und Titten. Im Land der Dichter und Denker.
Der Zusammenbruch des klassischen Werbemarktes bringt zudem die elektronischen Medien an den Rand des Abgrundes. Während in Deutschland nur nachhaltig geschwächelt wird, geht in England die gewaltige Fernsehgruppe ITV schon über die Wupper. Man flieht ins billige Internet, in dem aber bisher außer den Googles und der Pornoindustrie niemand ordentliches Geld verdient hat.
Neben der ökonomischen Frage steht die der publizistischen Qualität. Was sich in der tagebuchschreibenden Blogosphäre an Empörungskommunikation Bahn bricht, lässt den Fall Sarrazin als Altherren-Episode erscheinen. Unter einer verlogenen Piratenromantik tarnt sich hier publizistischer Schund als Kommunikation der neuen Zeit.
Aber Vorsicht, wer das anmerkt, wird mit einem rhetorischen Vernichtungswillen konfrontiert, der so rigoros ist wie religiös motivierter Fundamentalismus. Das Paradigma ist nicht mehr der Debattierclub in Cambridge, sondern der heiße Atem von Agitation und Propaganda. Die Tugenden der Westminsterdemokratie gelten wegen der neuen Zeiten nichts mehr.
Das geht zu weit. Thilo Sarrazin sollte „Lettre International“ dazu mal ein Interview geben.
Quelle: starke-meinungen.de