Logbuch

DIE MACHT DES WORTES.

Wer kennt ihn noch, den Traum von dem Kinderschlitten ROSEBUD? Ein Traum der ganz großen Verleger und der ganz kleinen Lohnschreiber.

Wir erleben gerade auf X (früher Twitter), was der Besitzer unter dem Recht auf freie Rede versteht. Elon Musk polemisiert und politisiert in Fragen illegaler Migration in die USA. Mir war immer klar, was der reichste Mann der Welt (er selbst vergleicht sich mit Putin) mit der Plattform wollte, nämlich seine Souveränität unter Beweis stellen: sein persönliches Recht auf FREE SPEECH.

Ich bin darüber nicht empört, weil es zeigt, was ein VERLEGER schon immer war: ein MÄCHTIGER DES WORTES. Pressefreiheit ist die Freiheit von Verlegern, Journalisten schreiben zu lassen, was sie, die Verleger, gerne lesen würden. Respektive, das Publikum eben dies lesen zu lassen. Alles andere ist sekundär. Zum Beispiel das Geldverdienen. Musk hat klar gesagt, was er von Versuchen der Einflussnahmen durch Werbekunden hält („go fuck yourself“).

Ich habe AXEL CÄSAR SPRINGER nicht mehr persönlich kennengelernt, erst seine Witwe und einen recht ungelenken angestellten Verlagschef. Ich kannte den STERN-Mogul HENRI NANNEN nicht selbst, erst die Truppe, die die Hitler-Tagebücher gekauft hat; einer davon war noch letzte Woche im Berliner St. Giorgio essen. Die Ruhrgebiets-Verleger sind mir erst seit Erich Schumann und Bodo Hombach ein Begriff. Eindrucksvoll fand ich als Zeitzeuge aber STEFAN AUST an der Spitze des SPIEGEL. Nun, jetzt gehen die Rollen von Chefredakteuren und Verlegern ein wenig durcheinander.

Den Archetyp des wirklich autokratischen Verlegers hat Orson Welles 1941 in seinem Filmopus CITIZEN KANE gegeben, eine Anspielung auf RANDOLPH HEARST. Bis heute eine eindrucksvolle Gestaltung von Genie und Wahnsinn (hier ist der Ort von ROSEBUD). Man nannte diese Kapitalisten „Medien-Tycoon“. Über einen Engländer jüdischer Abstammung (und seine Tochter) und einen Australier (ehedem mit asiatischer Ehefrau) hört man Tycoon-Sagen bis in die jüngere Vergangenheit.

Der ordnungspolitische Übergriff von Medienmacht auf staatliches Vermögen erscheint mir immer noch sinnbildlich in der Headline der englischen Boulevardzeitung SUN, die nach einer nationalen Wahl in Großbritannien schlicht feststellte: „The Sun won it!“ Weiter runter kann der Souverän nicht sinken. Im Deutschen: „BILD Dir Deine Meinung.“

Jeff Bezos, der Gründer von AMAZON, hat sich die WASHINGTON POST gekauft. Man könnte ohne Ende so weitermachen. Und ich wurde 1969 Redakteur einer Schülerzeitung in Essen-Kettwig; man kann es also auch gründlich vermasseln.

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ALZHEIMER.

Im Netz gibt es einen neuen Star, ein sehr alter Herr, dessen Gedächtnis schwächelt. Sein Sohn lässt große Geduld walten und erklärt wieder und wieder, wer er ist und dass der Verwirrte schon 91 Lenze zählt.

Der Internet-Erfolg des alten Herrn und seines „care takers“ ist erstaunlich. So ein Moment, in dem wirkliches Leben in diesem Universum der Eitelkeiten und des unnützen Wissens auftaucht. Man ist gerührt.

Als mein Herr Vater in diesem Alter war, hatte er auch schon einen Demenz-Vermerk auf seiner Krankenkarte, aber er wusste seine Angehörigen noch immer klar zu erkennen. Und er wusste, was ihm fehlte. Seine Worte waren, während er sich an die Stirn tippte: „Ich habe keinen Speicher mehr.“ Klug, fand ich, obwohl paradox.

Das ist kantisch! Die Frage beantworten zu können, was man überhaupt wissen kann und noch hoffen darf. Dabei war er kein Philosoph, sondern ein Chemotechniker, der es, obwohl es ihm nicht an der Wiege gesungen worden war, zum Ingenieur gebracht hatte. Ein Familienmensch bescheidener Ansprüche, aber ein Freund des großen Wortes. Seine Enkel schätzen ihn; mehr geht im Leben eh nicht.

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AUF DER GLATZE LOCKEN DREHEN.

Mein Kollege Peter D. fragt gestern, ob ich in Katar war, weil er eine feine Uhr japanischer Provenienz für einen Blender hält. Mangelnde Wertschätzung gegenüber japanischer Technologie. Banaler Fehler. Und ich bin nicht in Katar, sondern in Istanbul, also dem europäischen Teil der Türkei.

Wir schlendern durch den Basar zum Frühstück. Ich verstehe meinen türkischen Freund nicht auf Anhieb; wir sprechen Englisch miteinander und Ali hat einen beträchtlichen Akzent. Rauskommt am Ende das Schlagwort „brazilian butt lift“, also ein Anheben des Gesäß nach südamerikanischer Art. Ein brasilianischer Arsch. Ich hatte gefragt, was Damen aus den Vorstädten Nordenglands in die Hotels Istanbuls treibt, wo sie offensichtlich einen Pauschalurlaub mit einer chirurgischen Behandlung verbinden.

Ich ahne, wie hier die der Fehlernährung geschuldete Figur korrigiert wird. Man entfernt Viszeralfett („Wampe“, bei Männern „Bierbauch“) und lagert das am Hintern des Weibchens so ein, dass eine Attraktivität der Rückseite entsteht, die den Begattungswillen der Männchen steigert. Sie machen, was ich in Kreuzberg bei den Lippen junger Mädchen an gewünschter Deformation sehe, am Hintern. Geht das chirurgisch gut? Nicht immer. Es bleibt auch schon mal eine Aphrodite auf dem Tisch, scherzt er; meint: Es gibt Kunstfehler, auch Todesfälle.

Die spinnen, die Ladies aus Hull. Aber gemach. Ich sehe Gentlemen mit blutigen Verbänden auf dem Haupt. Sie machen den Kloppo und lassen sich Haupthaar einpflanzen. So erhält die Glatze wieder Locken, womit man dann jene lockt, die mit dem Popo wackeln, der mal ein Bäuchlein war. Im Ernst: Für kleines Geld gibt es Locken für den Liverpooler und Urlaub für die mitreisende Gattin und das Kind. Ein neuer Tourismus für Flüchtige vor dem NHS. Das ist das blühende englische Gesundheitssystem, das sie mit den Milliarden finanzieren, die sie durch den Brexit gespart haben. Ironie aus.

Ali spottet über die Inglesen; ich kann es ihm nicht verdenken, als ich erfahre, was da bei den Herren der Schöpfung verpflanzt wird. Genitalbehaarung. Auf den Kopf. Haupthaar vom Sack. Alta!

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Rufmord als Volkssport: Der Fall Sarrazin und die Empörungskommunikation

Empörend fand es der Präsident der Bundesbank Axel Weber. An die Nazis Göring und Goebbels fühlte sich eilfertig der Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland erinnert. Peter Gauweiler von der CSU sind die Kopftuchmädchen lieber als die Arschgeweihmädchen, sagte er mit diesen Worten.

Kulturkampf, Rufmord als Volkssport. Braunes Gesindel grinste Zustimmung. Und die schweigende Mehrheit wurde vom Boulevard angetestet. Entweder hätte man es jetzt mal wieder den Türken und Arabern in Deutschland geben können. Oder dem ungeliebten Sozi Sarrazin. Oder beiden.

In einen solchen Sumpf darf ein vornehmer Bundesbanker aber nicht geraten, auch wenn er in der Sache recht hat. Eigentlich war der grimmige Thilo Sarrazin,  ehemaliger Berliner Finanzsenator und jetziges Vorstandsmitglied der Bundesbank, erledigt. Ein veritabler Skandal wollte ihn zum Opfer nehmen, da er sich nicht maßvoll, sondern ausländerfeindlich geäußert habe. Solche Skandalisierungen wüten in einer Ökonomie des gesunden Volksempfindens: Das will sein Opfer und den Sünden-bock ausbluten sehen. Jenes Ritual sollte greifen, nach dem die zum  Rudel erregte Herde der Schafsköpfe einen der ihren in die Wüste schickt. Tabubrüche, so fürchten die feigen Hammel, führen zum Zorn der Götter, den man nur durch ein Opferlamm zu beruhigen weiß. Berühmtes Goethe-Wort: Schlagt ihn tot, den Hund.

Doch, wie immer, war fast alles ganz anders.  Der Rufmord zeugt von einer handfesten Intrige, in der Täter wie Opfer teils vorsätzlich und hinterhältig, teils hinnehmend, teils trottelig ihre Rollen spielten. In welchem Stück, fragt das Publikum. Bei der Bundesbank tobt wohl ein interner Machtkampf, bei dem es um Karrieren von Topbankern geht, aber auch um die künftigen Strukturen der Bankenaufsicht in diesem Lande und damit um die politische Wende im Land. Die Spuren des Sozialdemokraten Steinbrück sollen aus der Finanz-verwaltung getilgt werden. Axel Weber war aber, so wollen Insider wissen, über die SPD auf seinem Posten gelandet; diese Schmach gelte es nun zu tilgen.

Schon unter Stalin löschte man Makel in der Biographie durch Denunziation der alten Freunde aus. Mit der symbolischen Säuberung zulasten Sarrazins sollte der Inquisitor Weber den neuen schwarz-gelben Machthabern als Günstling erscheinen, so entschlüsselt die irritierte Bankenwelt.

Darum also ging es wirklich, nicht um die Gemüsehändler in Berlin Kreuzberg. Und schon gar nicht um deren Töchter, über die man sich jetzt klassenkämpferisch erhebt.  Die Integrationsfrage ist der Schmutz, mit dem geworfen wird, nicht das Problem, zu dessen Lösung man beitragen will. Für die politische Kultur in diesem Land ist es dabei nicht unwesentlich, genau hinzusehen, wie denn so was geht, symbolischer Meuchelmord als Massensport.

Immer, wenn es nach politischer Intrige riecht, entwickelt das Publikum Verschwörungstheorien und Verfolgungswahn. Aber genau das erklärt nicht, was hier passiert. Dies ist kein Schurkenstück von Shakespeare. Dies ist keine Ausnahme, sondern der Normalfall. Menschen wie Sie und ich. Viele der Protagonisten kenne ich persönlich.

Axel Weber war unter Akademikern ein stocklangweiliger Professorenkollege, der kein Wässerchen trüben konnte, ein Philister vor dem Herrn, von keinem Genie beseelt, von keinem Teufel geplagt. Thilo Sarrazin, ein kluger Ökonom, ist kein Volksverhetzer, ihn treibt die Sorge um Berlin; er ist ein integrer Mann, der alle Achtung verdient.

Der Chefredakteur der vermeintlichen Skandalzeitschrift „Lettre International“ ist nicht islamophob oder fremdenfeindlich. Sein Wirken wie sein Blatt sind ein wirkliches Flaggschiff deutschen Feuilletons, ein untadeliger Mann. Und in der Pressestelle der Bundesbank, die Sarrazin in diese Falle gelockt hat, sitzen keine Spin Doctors, sondern nur die üblichen PR-Tröpfe; branchenbekannt als minderbemittelt, aber doch keine Schurken.

Wir haben es mit einer unglücklichen Konstellation zu tun, die vom „Fürsten zu Frankfurt“ gegen den „Berliner Populisten“  ausgenutzt wurde. Nun, da die niedrigen Beweggründe die Blätter füllen, darf man ihn nicht mal als Genie bezeichnen. Weber wirkt nun eher wie ein tumber Geselle. Sollte das Kalkül seines andienerischen Rufmordversuches sich auf Merkel gerichtet haben, wird er die Klasse dieser Kanzlerin unterschätzt haben.

Empörend ist schließlich nicht nur Sarrazins oder Gauweilers Proletenschelte, der Rufmord als Volkssport, sondern der Mist, auf dem solche Blumen blühen.  Auf Empörung zielt unsere gesamte Kommunikationslandschaft. Auch die sogenannten Sach- und Fachfragen finden nur noch Beachtung, wenn sie zu Empörungsthemen transformiert werden können.  Beim Boulevard hieß das Prinzip früher A&T: Arsch und Titten. Im Land der Dichter und Denker.

Der Zusammenbruch des klassischen Werbemarktes bringt zudem die elektronischen Medien an den Rand des Abgrundes. Während in Deutschland nur nachhaltig geschwächelt wird, geht in England die gewaltige Fernsehgruppe ITV schon über die Wupper. Man flieht ins billige Internet, in dem aber bisher außer den Googles und  der Pornoindustrie niemand ordentliches Geld verdient hat.

Neben der ökonomischen Frage steht die der publizistischen Qualität. Was sich in der tagebuchschreibenden Blogosphäre an Empörungskommunikation Bahn bricht, lässt den Fall Sarrazin als Altherren-Episode erscheinen. Unter einer verlogenen Piratenromantik tarnt sich hier publizistischer Schund als Kommunikation der neuen Zeit.

Aber Vorsicht, wer das anmerkt, wird mit einem rhetorischen Vernichtungswillen konfrontiert, der so rigoros ist wie religiös motivierter Fundamentalismus. Das Paradigma ist nicht mehr der Debattierclub in Cambridge, sondern der heiße Atem von Agitation und Propaganda. Die Tugenden der Westminsterdemokratie gelten wegen der neuen Zeiten nichts mehr.

Das geht zu weit. Thilo Sarrazin sollte „Lettre International“ dazu mal ein Interview geben.

Quelle: starke-meinungen.de