Logbuch

VOLKSEMPFÄNGER.

Was haben die Millionen Filmszenen auf den Internetplattformen gemein? Allesamt, die kurzen Dokus oder die gespielten Witze, die grausame Kriegsszene, das Softporno wie die entlarvende Aufnahme übler Migranten? Sie sind Episoden.

Das ist nicht selbstverständlich. Das Leben selbst kommt ja oft langweilig daher, langatmig und unkomisch; wem sage ich das. Hier aber liegt stets in der Kürze die Würze, eine episodische. In den Sozialen Medien herrschen die Witzchenerzähler. Die Episode führt Regie. Niemand hat hier Zeit für einen Sonnenuntergang oder eine Vorlesung Kants oder einen ordnungsgemäßen Geschlechtsverkehr. Das Quicky ist Prinzip. Die Pointe ein Muss. Egal, wie abgedroschen. Episodomanie.

Vor zwanzig Jahren war die politisch-publizistische Klasse bezüglich des Netzes noch voller Euphorie; wer an der Demokratisierung der öffentlichen Rede durch die kalifornischen Oligarchen zweifelte, wurde verbannt. Ich erinnere mich, in meiner Kolumne in der FR das Internet ein „Universum unnützen Wissens“ genannt zu haben. Da war was los. Eine Fachjournalistin schrieb darauf, sie könne ein Blatt, das das drucke, nicht mehr ernstnehmen. Sie wollte mir den Mund verbieten.

Dass ich ferner auch nicht an die Batterie glaube, habe ich hier schon erwähnt. Und zur Besiedlung des Mars möchte ich anmerken, dass dieser Herr der Kriegsgott der Alten war; Krieg und große Geschäfte, was eh kein Widerspruch ist. So wie das Heilsversprechen des „Internet für alle“ eine freundliche Seite hat und die des Ares, wie die Griechen den Mars nannten. Aber das mit dem Arischen, das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Jetzt sind wir in einer Welt, in der mittels KI gefälschte Doku-Szenen über Politiker in Wahlkämpfen als „Parodie“ gelten wollen, sprich Ausweis der Meinungsfreiheit. Ich sehe Aufrufe zu Pogromen im Netz mittels symbolischer Szenen, deren Pointe profane Gewalt eines Mobs ist, der sich hier motiviert und organisiert. Man muss als Deutscher fast froh sein, dass der Joseph nur das Radio hatte, den Volksempfänger. Welch ein Wort!

Logbuch

FREUNDESLOB.

Der Tag beginnt ungewöhnlich. Recht früh ruft ein Freund aus den Bergen an und lobt literarisch Eintragungen ins Logbuch. Das Lob wiegt doppelt und dreifach. Doppelt, weil er ein Kollege ist, in einer Branche, die eigentlich der Neid bestimmt (so wie kein Anwalt dem Herrn Collega ein spendables Mandat gönnt). Dreifach, weil er selbst schreibt (und kein Künstler anderen eine Begabung zubilligt).

Ich hatte, fällt mir dabei wieder auf, nie einen großen Freundeskreis; zwei der engsten hat der Sensemann schon vor Jahren geholt. Man sagt mir nach, ich polarisiere. Zwei oder drei Freunde sind mir aber über die Jahre geblieben; ich ehre sie, indem ich sie nicht nenne. Die Institution der allerbesten Freundin gehört in die Pubertät von plaudernden Schulmädchen. Das ist kein Jungsding.

Mein Berufsleben hat einerseits das Söldnertum bestimmt; man zieht für die Sache Dritter in den Krieg der Worte. Die Söldnerehre aber besteht nicht in der Zahl der Mitkämpfer, sondern die der Opfer. Und zu Opfern empfindet man keine Brüderlichkeit, allenfalls Mitleid, was nicht der Stoff ist, aus dem Freundschaften gewebt sind.

Andererseits bestimmte mich die Wissenschaft, wo der Mitkämpfer in besten Latein Kommilitone heißt. Aber auch hier beseelt die edlen Seelen das Rechthaberische, nicht die Kumpanei. Man stritt und war sich als Streitender mit Streitenden verbunden; auch daraus wächst nichts Sentimentales.

Ich hätte vielleicht zeitig in einen Verein gehen sollen oder einen Geheimbund, in einen Klüngel also, wo man sich Freund oder Bruder nennt. Oder einer Religion beitreten? Gar einer Sekte oder der Gesellschaft Christi? Oder Partisan mit einem ciao bella ciao? Zu all dem reicht meine mentale Zurichtung nicht. Ich habe im Sentimentalischen (Schiller) etwas Flatterhaftes.

So grüß ich als Freidenker und Flaneur meinen Freund in den Bergen, der sich heute morgen so nett meldete. Salut!

Logbuch

HELDENLOS.

Das Attentatsopfer Donald Trump galt als unbesiegbar. Mit dem Kennedy-Moment wirkte er für den europäischen Betrachter gesichert als neuer Präsident der US of A.

Das erscheint plötzlich wie der Schnee von gestern. Wir sehen eine Frau in den besten Jahren unverstellt fröhlich lachen; und der alte weiße Mann erscheint entzaubert.

Es war genial, dem Imperator Trump als „weird“ zu kommentieren; das meint „seltsam“ in einem eher unheimlichen Sinne. So schlägt das ehemalige Genie des Einfachen in eine Konnotation des Irren um. Wo ist das noch bei Shakespeare, dass der König geisteskrank ist?

Wir sehen den englischen Premier als Inkarnation wiedergewonnener Normalität in schwerer See und müssen um ihn fürchten. Und der deutsche Kanzler verbirgt sich in sicherer Langeweile; das ist für einen Regierungschef aus dem Lager der SPD vielleicht ein kluges Konzept.

Aber geht das auf Dauer? Führung aus dem Unverbindlichen? Kann eine Volkspartei von dem leben, was diese Spitze intellektuell vorträgt? Kaum vorstellbar. Nicht einmal ein befreites Lachen gelingt der bösen Frau.

Wir leben als Nation in einer Zeit arm an Helden. Das ist bitter. Und in den Regionen und Milieus da werden sie kommen, die Westentaschennapoleons, meinst blauer Farbe. Ein Blau durch das der braune Grundton schimmert.

Kann ich die nette Frau noch mal lachen sehen, bitte.

Logbuch

Rote Wiedergänger: Steinmeier und Scheer sind die Untoten der SPD

In der Vorstellungswelt von Graf Dracula gibt es untote Wesen, die jede Nacht ihren Gräbern entsteigen, um als Wiedergänger ihr Unwesen zu treiben. Nicht selten entziehen solche Blutsauger den wirklich Lebenden den Lebenssaft. Diese Mythen aus Transsylvanien sagen einiges über Politiker aus, denen man persönlich zwar alles Gute wünschen mag, deren politische Zeit aber einfach vorbei ist. Sie spuken durch die politische Landschaft, obwohl der Wähler doch längst seinem Wunsch Ausdruck verliehen hat, ihr Wirken möge eine ewige Ruhe finden.

Der gescheiterte Kanzlerkandidat der SPD und selbsternannte Oppositionsführer Frank Bindestrich Walter Steinmeier ist aus diesem Holz, ein roter Wiedergänger. Noch in der Stunde der blamablen Niederlage, in der sogenannten Elefantenrunde des Fernsehens faselt Steinmeier von den Vorzügen der Agenda 2010, seinem Lebenswerk. Noch in seinem ersten Interview als designierter Fraktionsvorsitzender der dahingeschmolzenen SPD-Fraktion des neuen Bundestags wiederholt er sein Bekenntnis zu den Skandalwerken aus 2003. Der Mann hat nichts gekonnt, nichts verstanden und nichts gelernt, will aber genau dafür geliebt werden. Von Bertolt Brecht stammt das bittere Wort: „Er war völlig unfähig, sich in andere Menschen zu versetzen, also zum Führer geboren.“

In der Tat hat die SPD nur mit knapper Not verhindern können, dass sich der Wahlverlierer Steinmeier in der Wahlnacht auch noch zum neuen Parteivorsitzenden ernennt. Man wünschte sich, dass noch ein Lobbyposten für eine Gasleitung frei wäre, um ihn wie Schröder und Fischer entsorgen zu können.

Steinmeier wird in der neuen Republik der schwarz-gelben Regierung jene Frische entgegenzusetzen haben, die man von den Untoten Kim Il-sung oder Enver Hoxha kennt. Natürlich ist eben dies ein tief ungerechter Vergleich, weil er kein alternder Diktator ist, sondern nur der Büroleiter der verharzten Regierung Schröder, nur ein unglücklicher Demokrat ohne Fortune. Sein Altvorderer ist freilich glücklich im Partykeller seiner Hannoveraner Freunde verschwunden. Auch seinem Parteivorsitzenden Müntefering ist ähnliches Glück zu wünschen. Er ist gerade nach Berlin-Kreuzberg gezogen, zu seiner vierzig Jahre jüngeren Freundin. So etwas wissen wir aus der mit Home-Stories versorgten Boulevardpresse. Sei’s drum. Ein solch idyllisches Nachleben sei dem Gespann Müntefering/Steinmeier gegönnt. Das wäre nicht die einzige schräge WG auf dem Kiez am Prenzlauer Berg.

Die Lage der SPD wäre einfach, litte sie nur an Schröders Wiedergängern. Auch der sogenannte linke Flügel der Genossen hat seinen Graf Dracula. Er heißt Hermann Scheer und macht jüngst Schlagzeilen durch Putschgerüchte. Das ist in einer Demokratie ja ein ähnliches Geschoss wie der Vergleich mit Diktatoren. Für Scheer, den Solarpapst aus Ahrweiler, ist die Designierung von Sigmar Gabriel, Andrea Nahles und Klaus Wowereit ein Putsch. Das nasaliert er in Berlin in jede Kamera. Was bewegt den Mann? Er hätte so gern auch noch Andrea Ypsilanti untergebracht. Erinnern wir uns: Die hessische Spitzenpolitikerin hatte nach einem Wahlerfolg, der eindrucksvoll, aber unzureichend war, mit einem schlanken Wahlbetrug versucht, an die Macht zu kommen. Der eigentliche Skandal lag aber nicht in dem versuchten Wortbruch.

Nach elf Jahren an der Regierung ist die SPD an der Macht verkommen. Die ersten Auftritte von Sigmar Gabriel und Andrea Nahles lassen zumindest notorische Sozialdemokraten hoffen, dass die älteste deutsche Partei jetzt wieder zu sich selbst findet. Natürlich gehört es dann zu ihrer historischen Mission, eine rot-rote Allianz in der parlamentarischen Demokratie zu schmieden. Vielleicht sogar eine rot-rot-grüne Allianz, die wieder sehr nahe an der parlamentarischen Mehrheit wäre. Mit einigen FDP-Stimmen reicht es dann für ein konstruktives Misstrauensvotum. Hatten wir alles schon in dieser Republik.

Und natürlich war von zwei Untoten bisher noch gar nicht die Rede: Oskar Lafontaine und Gregor Gysi, dem großen Feigling und dem kleinen Advokaten. Im Sinne einer zukunftsfähigen Opposition muss man wünschen, dass die Marmorplatten auf den Grabstätten dieser Politikergeneration nicht mehr Nacht für Nacht an die Seite geschoben werden. Zumindest Lafontaine scheint das zu spüren und will sich an die Saar umbetten lassen. Dann spukt es da.

In einer solchen unheilschwangeren Nacht schaltete ich neulich den Fernseher an und sah ein Kellermeier-Interview mit Herbert Wehner, dem großen alten Zuchtmeister der SPD-Fraktion im Bonner Bundestag. Ich habe ihn zu seinen Lebzeiten gut gekannt und wohl auch gemocht. Das war damals ein eher seltenes Hobby. Und wie ich den giftigen Wehner da gegen Mitternacht wieder giften sah, habe ich ihn vermisst. Wehmut ergriff mein Herz nach Onkel Herbert, dessen Herz aus dem Moskauer Exil nie heimgekehrt ist, sich nie vom Schrecken Stalins erholt hat. Wehmut ist ein Leiden alter Menschen. Vielleicht bin ich inzwischen auch zu alt für neue Politik, „dementia praecox“ heißt das, wenn der Schwachsinn einsetzt. Aber, ich bin noch nicht senil genug, um mir Wowereit als Kanzler einer rot-rot-grünen Republik zu wünschen, noch nicht.

Quelle: starke-meinungen.de