Logbuch
WEHE DEN VERLIERERN.
Das Römische Reich, ehrfürchtig das ALTE ROM genannt, war nicht nur im positiven Sinne ein Imperium, sondern auch im bösen: es verhielt sich imperialistisch. Das bedeutete in Friedenszeiten, dass die unterworfenen Provinzen den Hegemon zu ernähren hatten. Das Brot für die Römer wie der Wein waren weitgereist. Steuern wurden überall eingetrieben. Roms Vasallen genossen den militärischen Schutz der Mutter, zahlten dafür aber auch den Preis.
Ganz hässlich ging es zu, wenn Rom militärisch durchregieren wollte. Man weiß von Cato dem Älteren, dass er die phönizische Hochkultur in Nordafrika regelrecht ausradiert wissen wollte. Jede seine Reden beendete mit dem Satz, dass er im übrigen der Meinung sei, dass Karthago vernichtet werden müsse. Geschleift bis nur noch Wüstensand zu sehen. Soll so gekommen sein.
Ähnliches ist von dem Gallier Brennus berichtet, der, von Rom unterworfen, Reparationszahlungen zu leisten hatte, Goldschätze, die öffentlich aufgewogen wurden. Man war als Sieger nicht bescheiden im Alten Rom. Der Besiegte bemängelte nun, dass die Gewichte der Waage gefälscht seien, mit denen sein Lösegeld aufgewogen wurde, und forderte Marktgerechtigkeit. Jetzt kam das Versailler Moment: Der römische Sieger schnallte sein schweres Schwert ab und warf es auch noch auf die Gewichte. Siegerlogik.
Es fiel der historische Satz: VAE VICTIS. Wehe den Besiegten. Mit dieser historischen Episode habe ich mich als Student oft wieder an die Arbeit getrieben, wenn die Kräfte nachließen. Der Satz klang in meinen Ohren, wenn berufliche Konkurrenten mir an die Wäsche wollten. Er beschreibt bis heute meine Erwartungen, wenn Friedensverträge zu schließen sind. Wohl gemerkt, nicht als Hoffnung, als tiefe Furcht. Vae victis. Die Versailler Unvernunft.
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OUT OF BRILON.
Mir fehlt das Gen zur Vereinsmeierei, damit die Anlage zum Fanatischen schon im Kleinen. Fußballtechnisch eher ein Blauer, weiß ich doch der Rivalität zu dem Gelb-Schwarzen rein gar nichts abzugewinnen. Das Defizit an rigorosem Engagement ist so tief, dass mir selbst Siege einer Nationalmannschaft eher am Arsch vorbeigehen. Eh nur ein Spiel mit Söldnern auf beiden Seiten.
Was schon im Sport fehlt, geht in der Politik auch verlustig. Parteipolitisch ein gelernter Roter, konnte ich immer mit den Gelben und hier und da auch mit den Schwarzen. Wahlsiege nehme ich als Zustand der verbreiteten Gesinnung zur Kenntnis; sie beflügeln mich nicht. Hier stößt mich allerdings das Blaue ab, weil es eigentlich braun ist.
Im Nationalen Deutsch gehört mein Herz auch dem Land, in dem die Zitronen blühen oder jenem, in der der Große Ben schlägt. Ich glaube, dass wir alle Kinder des Römischen Reiches sind, am Ende Gottes. Ganz und gar nicht religiös, höre ich doch die Stimme Luthers in mir. Sola scriptura.
Ich könnte noch manches weitere Thema nennen. Warum man Nudeln nicht mit Löffel isst und beim Wein weiß wählt und beim Lebenswasser schottisch, da der irische Whiskey lediglich zum Abbeizen von Möbeln gedacht. Dass Musik Bach und Beethoven meint, aber nicht Wagner oder Rieu. Rock&Roll fand sich für mich bei den Rolling Stones, aber nicht den gelackten Bubis vom Mersey. You name it.
Was also soll die ständige Beckmesserei an Friedrich Merz? Ich mag den nicht, weil er ein Pinsel ist, aber diese manischen Studien mit der Leselupe? Ich finde, der macht das gar nicht schlecht für einen alten weißen Mann mit schwarzer Seele. Kommen Sie mal aus Brilon und haben zuhause eine solche Alte zu sitzen.
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KRUPPSTAHL.
Als sich der englische Schriftsteller George Orwell die Zukunft vorstellen wollte, man schrieb das Jahr 1948, wählte er, um den Stein weit nach vorne zu werfen, das Jahr 1984. So lautete der Titel seiner grimmigen Utopie. Das ist jetzt auch schon gut vierzig Jahre her. Seine Annahme, dass nur herrsche, wer die Semantik beliebig breche, stimmt noch immer. Verstand und Vernunft gelten als feige.
Wir erwarteten früher von der Macht, in höchsten Tönen und auf eine raffinierte Art hinter die Fichte geführt zu werden, auf eine sanfte Art belogen, wie man kleine Kinder dumm hält oder Spießbürger guten Benehmens. Alles sollte politisch rechtens sein. Der Angreifer tarnte sich stets als Verteidiger. Die Schwanengesänge sind aber nicht mehr so raffiniert. Oder gar honigsüß. Das Derbe kommt in Mode. Gossensprache tönt von dem Olymp der Macht.
Man nennt die Behörde der Vaterlandsverteidigung wieder Kriegsministerium. Und spricht statt von flexibler Antwort auf versuchte Verletzungen von maximaler Tötlichkeit („maximum lethality“), die ganz bestimmt nicht politisch korrekt sein werde. Versprochen. Man rühmt sich, auf diplomatische Eiertänze gänzlich verzichten zu wollen. War die Logik mal Verteidigung, so preist die Rhetorik nun Konnotationen der Vernichtung. Und zwar ohne die früher notorischen Euphemismen. Keine Schönfärberei mehr.
Es dereguliert sich auch die einer Gewaltenteilung gehorchenden Teilung zwischen unterschiedlichen Staatsorganen. Weder der Einsatz der Armee im Inneren ist ein Tabu, noch gegen Verbrecher anderer Nationen, mit denen man noch gar nicht im Kriegszustand lebt. Als gegen einen Einsatz von Kriegswaffen gegen venezolanische Drogendealer von den üblichen Liberalen Bedenken aufflammen, schreibt der Vizepräsident: „Don‘t give a shit!“ Kapiert? Klartext, knallhart.
Es gibt ihn nicht mehr, den Beifall aus der falschen Ecke; man spekuliert geradezu auf den Applaus jedweden Pöbels. Solang der viril ist; diese Männlichkeit mag den Macho. Das ist mit Patriachat oder Paternalismus zu kurz benannt, weil Väter ja auch fürsorglich sein können; hier geht es nicht um den „pater familias“. Es ist als Leitmotiv strukturell immer eine Pose des durchgestreckten Mittelfingers. So brutal und so banal.
Neue Zeiten. Man mag alldem folgen, aber es gibt Grenzen. Das sage ich mit der historischen Autorität des Pressesprechers der VAW Aluminium AG zu Berlin und Bonn. Vor Offizieren preist jüngst der amerikanische Inhaber der obersten Befehlsgewalt die Marine wg. Stahl zur See, sprich battleships: „nice six-inch sides, solid steel, not aluminum (…) which melts if it looks at a missile coming at it“. Als „alu guy“ habe ich wenig Vergnügen daran, die Härte von Kruppstahl gepriesen zu wissen. Dem Weisen genügt das.
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Ich beginne, mich zu schämen: Was sind die Deutschen nur für Pfeifen?
Jetzt mal ehrlich, die Wiedervereinigung haben die Ossis uns Wessis aufgezwungen. Im Westen hat kein Mensch gerufen: „Wir sind das Volk.“ Und kein Mensch unter meinen Bekannten, vielleicht außer einigen schrägen Vögeln, hatte Sehnsucht nach den Sachsen oder Thüringern oder Mecklenburgern. Wir wussten im Westen nicht mal richtig, was ein Sorbe ist; und jetzt ist einer Ministerpräsident in einem Dresden, in dem die Frauenkirche wieder ein Dach hat. Und eine Blockflöte, das haben wir für ein Musikinstrument gehalten.
Es sah übrigens aus wie ein Sack Reis, den jemand unvorsichtigerweise aufgeschlitzt hatte. Die Rede ist von der historischen Nacht. Eine noble Gesellschaft war aus anderem Grund zu Gast im Presseclub des Springer-Hochhauses an der Kochstraße; irgendwie hatte ich mich da reingemogelt. Man konnte auf die Mauer runtersehen, Axel Cäsar Springer hatte vorsätzlich so gebaut. Walter Momper war damals Regierender Bürgermeister in Berlin. Als ihm der erste Zettel mit der Nachricht „Die Mauer ist auf!“ gebracht wurde, schaute er verwirrt. Und trat ans Fenster. Da unten war das Phänomen. Der Reis staute sich hinter der Mauer und ergoss sich wie ein Nildelta in den Westen. Als ich am nächsten Morgen das Interconti verließ, waren alle Bürgersteige mit Trabbis zugeparkt. Und kein Taxi gab es weit und breit. Ich musste aber nach Tegel, um heim nach Düsseldorf zu fliegen.
Sehen Sie, Ärger von Anfang an. Und worauf waren sie dann scharf, nachdem sie das erste richtige Geld in der Hand hatten, die Ossis?
Bananen und Pornos. Und Klimbim. Grenznahe Tankstellen machten einen stattlichen Erdrusch, indem man allen Tant, den man nur auftreiben konnte, in die Auslagen schaufelte. Und die Sets von 48 Töpfen mit Ratenvertrag, die liefen gut. Und eine Sonderkonjunktur mit miesen alten Autos wie zu jüngsten Abwrackzeiten: ab nach Osten. Am Anfang hat der Westen profitiert, dann kam der Soli und wir haben die ganze Show finanzieren dürfen. Wer anschafft, bestimmt.
Während ich solchen Worten lausche, beginne ich mich zu schämen. Was sind die Deutschen nur für Pfeifen? Da haben wir eine wahrhaft demokratische Revolution und eine friedliche dazu, und wir reden wie profane Piefges. Manchmal klingt es gar wie bei den Glatzen. Der Alltagsjargon spiegelt eine erbärmliche politische Kultur, jedenfalls was das Nationale betrifft. Unvorstellbar, dass so Frankreich über die Revolution von 1789 und die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte spricht. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit: so lautet die Ansage in einer Grande Nation. Und selbst auf die autoritären Ausläufer sind die Franzosen stolz: der Code Civil des Napoleon Bonaparte gilt als Begründung bürgerlicher Rechtsprechung. Unvorstellbar, dass die Briten so über die Glorious Revolution von 1689 reden, die Magna Charta, die Bill of Rights oder die Westminster Demokratie.
Nun reicht es aber mit schlecht verdautem Geschichtsunterricht. Es ging ja nur um die Einforderung von nationalem Stolz über die friedliche Revolution, die die Diktatur DDR zu Fall gebracht hat, einen Unrechtsstaat auf deutschem Boden. Aber mit nationalem Stolz haben wir Deutsche so unsere Probleme. Das hat historische Gründe. Zwei Weltkriege sind von deutschem Boden ausgegangen und mindestens ein Völkermord.
Mein Großvater ist mit Hurra in den Ersten Weltkrieg gezogen und hat das Eiserne Kreuz mit großem Stolz getragen. Er hat es nicht besser gewusst, seinen Kaiser zu verehren schien ihm eine Bergmanns Pflicht. Mein Vater ist widerwillig in den Zweiten Weltkrieg gegangen, der ihn zu meinem Glück verschonte, und hat nach dem Krieg genau jene in der Bundesrepublik wiedergefunden, die ihn im Reich zuvor an die Front schicken wollten. Jedenfalls hat das kurze Tausendjährige Reich des Hitler-Faschismus ein Erbe hinterlassen , ein nationales, das der Verpflichtung, solchem Nationalismus nicht mehr anheim zu fallen. Alle Staaten des alten Europa haben ihre Schuld am desaströsen Beginn des 20. Jahrhunderts; aber die postfaschistische Staatsräson verbietet Relativierungen. Bertolt Brecht hat gesagt: andere mögen von ihrer Schande reden, ich rede von meiner.
Nur in Deutschland gibt es eine Nationalhymne, bei der man die falsche Strophe singen kann, was als mega-peinlich gilt. Das Lied der Deutschen wurde im heutigen Wolfsburg von einem demokratischen Kopf namens Hoffmann von Fallersleben gedichtet. Das war auf einem Ausflug nach Helgoland Anno Piependeckel 1841. Ab 1922 sang man die erste Strophe des Hoffmann-Liedes mit Inbrunst, auch die Nazis stimmten es an. Ab 1952 wurde dann, ein typisch fauler Kompromiss für das Adenauersche Nachkriegsdeutschland, die dritte Strophe zur Nationalhymne erklärt. Was war so schlimm? In der ersten Strophe wird „Deutschland über alles gestellt“ und ein Reichsgebiet von der Maas bis an die Memel, vom Etsch bis an den Belt ausgerufen, das wäre dann von Holland bis Südtirol, sprich Italien, und von Dänemark bis Polen. Solchen großdeutschen Wahn haben die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg schlicht verboten. Daran wollte auch die junge Bundesrepublik nicht anschließen. Und deshalb wünschen wir heute (in der dritten Strophe) dem deutschen Vaterland nur noch „Einigkeit und Recht und Freiheit“, aber stellen es nicht mehr über alle Völker in der Welt. Eine angemessene Bescheidenheit, wenn man aus Ruinen auferstanden ist und nach böser Vergangenheit dem Guten dienen will, damit die Sonne schön wie nie über Deutschland scheine, wie es die vorübergehende DDR als ihre Nationalhymne vorübergehend formulierte.
Also tue ich mich als Deutscher mit nationalen Superlativen schwer. Aber es ist der Tag der deutschen Einheit, wir vereinen die Wiedervereinigung, die unsere Kanzlerin an die Macht gebracht hat. Und jetzt soll ich als gelernter Preuße die Sachsen lieben, die die besseren Preußen geben und vor Kraft nicht gehen können? Ich weiß nicht. Aber auch die Waliser hassen die Engländer, und die Engländer finden die Schotten doof. Aber irgendwann haben sie alle Fahnen übereinander gelegt, das Georgskreuz der Engländer und das Andreaskreuz der Schotten und den Union Jack als Kriegsfahne auf ihren Schiffen geflaggt. Vereinigtes Königreich nennen sie das jenseits des Kanals, jedenfalls solange sich die, ich zitiere, verdammten Iren raushalten. Auch die USA sind nicht mehr als die Vereinigten Staaten von Amerika, ein Verbund mit einer starken föderalen Note.
Das gefällt mir, Deutschland nicht als Nationalstaat neuer Stärke, Deutschland als Bund der Bundesländer. Eigentlich gefällt mir sogar Europa so besser: ein Europa der Regionen. Mit Türkei? Nein, ohne Türkei. Wenn die aufhören, ihre Frauen dem Sachrecht zuzurechnen und ihre Töchter zwangsweise zu verheiraten, können wir wieder reden. Das tun die gar nicht? Dann lass sie kommen. Die Italiener müssten noch mal über das Gewaltmonopol des Staates nachdenken. Und die Norweger über unsere Ansprüche auf ihre Öl- und Gaserlöse. Und Griechenland? Der Grieche ist ja ein Albaner, der meint, er sei Italiener. Na ja, wenn der Grieche aufhört überall Joghurt mit Knoblauch dran zu tun und seinen Wein zu verharzen, dann können wir reden, oder? Europa, einig Vaterland, das gefällt mir. Und da, da ist dann auch Platz für die Sachsen und Thüringer. Sogar für Sorben.
Quelle: starke-meinungen.de