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STADTLUFT.

Das war ein verheißungsvolles Motto im Mittelalter: „Stadtluft macht frei!“ Die reichsfreien Städte hatten sich von der Knute des Landadels befreit. Hier gediehen zusammen mit Handel und Wandel aufgeklärte Bildung und die Künste. Ich stehe in Berlin Reinickendorf an der Tanke am Kurt-Schumacher-Platz, kurz Kutschi genannt, und frage mich, was davon über ist.

Der kulturelle Gegensatz von edler Stadt und dummen Landleben ist älter. Schon in der Antike galt URBANITAS, also das Städtische, als fein und fortschrittlich, während auf den Bauernhöfen Blut und Boden zählte, sprich die Dicke der Kartoffeln, der Dümmste hatte die Dicksten. Natürlich ist das ein Mythos, den sich die eitlen Städter selbst gaben, die von Brot und Spielen lebten, ohne sich zu fragen, wo das Korn wohl herkam. Daran zerbrach das Alte Rom.

Es gibt zwei gänzlich unterschiedliche Vorstellungen von der Stadt als Lebensraum. Da ist das Nürnberg Dürers und das Weimar von Goethe und Schiller, die freien Gemäuer der URBANITAS, in denen begnadete Maler sich selbst als Jesus porträtierten sowie Dichterfürsten Minister waren. So kann man sich heute vielleicht noch in Berlin Dahlem fühlen, aber nicht am Kutschi in Reinickendorf.

Städte, das waren eben auch jene Orte, von denen Dickens schrieb oder über die Friedrich Engels in seiner „Lage der arbeitenden Klasse in England“ berichtete. Die Armen aller Herren Länder suchten hier ein Auskommen und die Fabrikglocke bestimmte ihr Leben. Paradigma dieser Moderne war Chicago und seine Fleischhöfe. John Ford stellte Heerscharen der Migranten ans Fließband.

An der Tanke auf dem Kurt-Schumacher-Platz höre ich aus all den verschiedenen Menschen verschiedenster Herkunft den Berliner Ton heraus. Wir führen Interviews zur Lebenslage in der Metropole der Bodenständigkeit. Man ist freundlich und direkt. Der Dünkel der Fürsten und Grafen und ihren frommen Fellachen fehlt; man hat den proletarischen Stolz der Tüchtigen. Das Leben ist kein Ponyhof.

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BAUERNKRIEG.

Das lernen wir noch: Ein MÄRTYRER feixt nicht. Ich sehe den Präsidenten der Bauern im TV schon gestern darüber feixen, was der Mistgabelmob heute anrichten wird. Das ist nicht klug. Die Solidarität gegenüber der Landwirtschaft ist ein knappes Gut, das, einmal geerntet, nicht notwendig nachwächst.

Sein Ponem erinnert mich an den Chef des Lokführermafia, die Mittwoch wieder loslegt, indem sie nicht loslegt. Auch dieser Herr hat sein Minenspiel nicht im Griff. Man sieht, wie der Zorn ihn treibt, nicht eine Sorge. Der Mann aus dem Osten mag von seinen Horden geliebt sein, ein Volkstribun ist er nicht.

Weitere Aufständische könnten folgen. Die Gastronomen erwarte ich noch, weil sie das zwischenzeitliche Steuerprivileg wieder verlieren, das ihnen die Zwangsschließungen wegen Corona versüßen sollte. Mal sehen, wie das die Kunden verändert, wenn man ihnen von der Theke aus den Mittelfinger zeigt.

Wenn die allseitige NÖTIGUNG wirklich als NOTWEHR rüberkommen soll, dann mag man sich selbst als gekreuzigt inszenieren, aber nicht als Henker, die uns Galgen an den Straßenrand stellen.  Das konnte Greta besser, als sie noch die leidende Kinderheilige gab.

Bei den historischen Bauernkriegen hat sich Martin Luther ja eiskalt als Herrschaft geäußert. Ich persönlich wusste mich eigentlich immer Thomas Müntzer verbunden, der die furiosen Fellachen anführte. Das Grinsen von Söder und Dobrindt sowie Aiwanger gestern über die wachsenden Probleme der Ampel vermiesen mir das.

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POLITISCHE PARADOXIEN.

Als ich gestern durch‘s Lahntal fuhr, waren alle Brücken über meiner Strecke mit Treckern gefüllt; gelbe Warnlampen erleuchteten die Szenarien. Ich habe die Drohung verstanden. Morgen wollen sie die Zufahrten sperren. Es geht um verbilligten Diesel für Trecker.

Meiner Freizügigkeit beraubt, soll ich mich der NÖTIGUNG beugen und Druck auf den grünen Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir ausüben, der derweil so tut, als sei er gar nicht in der Regierung. Er verspricht trotzdem eine Fortsetzung des Diesel-Privilegs für Landwirte.

Dessen Partei will zugleich den Diesel-SUV verbieten, dessen Betankung gerade wieder deutlich teurer geworden ist und animiert Klimakleber, die Straße zu blockieren. So meiner Freizügigkeit durch NÖTIGUNG beraubt, soll ich dem Individualverkehr abschwören, außer ich fahre ein Batterieauto. Trecker würden sich technisch übrigens tatsächlich für diesen Antrieb eignen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Gleichzeitig wird mir von den Grünen Rüstungswillen abverlangt, Aufrüstungswillen, jedenfalls wenn es gegen den russischen Aggressor in Osteuropa geht. Was den Terror der HAMAS im Nahen Osten angeht, so ist man im grünen Lager deutlich zurückhaltender. Teile der Klimakleber sind wohl Antisemiten. Könnte ich da bitte auch noch erfahren, zu welcher Einstellung ich hier genötigt werden soll?

Ich erspare mir den Hinweis auf die staatliche Zwangsbeheizung von Wohnraum mittels der heilsbewehrten Wärmepumpe. Hier ist die NÖTIGUNG ja bereits ausgesprochen, nur der Vollzug ausgesetzt. Derweil geht der Immobilienmarkt in die Knie.

Ich versteh das durchaus. Politische Paradoxien. Wenn sich Politik aber nicht mehr aus der Sachlogik erschließt, hilft ja nur Gehorsam: „Gib Zeichen, wir weichen!“

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Liebe Nation: Mutti ist die Beste!

TROTZ ANDERSLAUTENDER LIPPENBEKENNTNISSE: DIE SOZIALDEMOKRATIN MERKEL UND IHR AUSSENMINISTER WOLLEN WEITERREGIEREN

TV-Duelle sind so berühmt, weil auf ihnen ein doppelter Mythos ruht. Zunächst einmal erscheinen alle Duelle wie die dramatische Auseinandersetzung zweier Helden, von denen nur einer überleben kann. Kampf um Troja, großes Kino. Es geht um Krieg oder Frieden, um Wohl oder Wehe. Schon der Altgrieche Homer hat dabei über das Imponiergehabe der duellierenden Feldherren Menelaos und Paris spotten lassen. Auf den Paukböden der studentischen Verbindungen hat sich dann der Kult der Duelle über die Zeiten gerettet. Und seit einem halben Jahrhundert glauben wir daran, dass im Fernseh-Streitgespräch sogar Wahlen entschieden werden. Damals trat der sonnengebräunte John F. Kennedy gegen einen bösbärtigen Richard Nixon an. Nixon wollte sich wie ein verletzter Gladiator in Kennedy verbeißen, dieser aber übersah ihn, gab den Sonnyboy, lächelte in die Kamera und gewann. Die politische Sensation war perfekt.

Aber auch das ist ein Mythos, denn TV-Duelle entscheiden keine Wahlen. Sie bestätigen die ohnehin vorhandenen Ressentiments, bei Freunden wie Feinden der Kandidaten. Das Fernsehen mobilisiert bestenfalls, aber es erteilt Wählern keine Lektionen. Alles andere ist Kaffeesatzleserei, an der sich leider auch seriöse Meinungsforscher und eitle Professoren beteiligen. Die wissenschaftliche Tiefe solcher Duell-Analysen entspricht im Kern den Diskussionen beim Hahnenkampf im mexikanischen Hinterhof oder den Wetten beim Kirmesboxen auf dem Schützenfest. Es gewinnt immer die Politik, und es verliert der Wähler. Das TV-Duell hat keine Wahl geboten, es suggerierte alternative Lösungen, die additiv sind. Die Helden der großen Koalition haben sich in Wirklichkeit im Doppelpack angeboten. Was die Sozis programmatisch offerieren, das kriegt die Nation auch bei Angela Merkel. In Wahrheit wollte Steinmeier schon den ganzen Wahlkampf über die große Koalition. Die Republik kollabiert politisch in der Mitte.

Das Gerede, Getue, Geplätscher beim TV-Duell Merkel-Steinmeier war mitnichten ein Kampf. Es war wie beim letzten Familienfest das übliche Geplänkel von Tante Paula und Onkel Günter, nur dass die Tante jetzt Angela hieß und der Onkel Frank Bindestrich Walter. Gleichwohl hat Angie, wie ihre Fans sagen, gewonnen; zusammen mit ihrem Lieblings-Außenminister Steinmeier. Denn Deutschland fühlt sich gut regiert.

Merkel ist ferner zu skeptisch und zu sehr Ossi, um dem Zwang zu erliegen, ständig einen Punkt machen zu müssen. Sie geht in keine Luther-Pose: „Hier steh` ich und kann nicht anders“. Kein Männer-Brimborium. Näher ist ihr das Vermögen des geseiften Ferkels, jedem Zugriff entwischen zu können. Merkels Rede ist wie Warmduschen, ohne nass zu werden. Aber man merkt, dass eine Wölfin in dem Schafspelz lauert. Man weiß, Mama kann auch anders! Aber Mama lässt es bei mütterlichem Ernst und liebevoller Unbeholfenheit. Sie ist nie brillant, sie ist nie peinlich. Middle of the road, heißt das im Englischen.

Steinmeier ist davon nicht weit weg, er war mittelmäßig wie immer. Er gab weder den strahlenden John F. Kennedy, noch den kühnen Menelaos, jenen Siegreichen aus dem trojanischen Krieg. Er hat kein Hai-Lächeln wie Schröder und keine Zornes-Stirn wie Joschka Fischer. Sein Gesicht bleibt Teig. Kein Spieler, kein Kämpfer, kein Schlitzohr, kein Showstar, er hat etwas Orientalisches. So reiht er Sprechblasen über Gewichtiges, und die zerplatzten Blasen legen sich wie Mehltau über uns.

Merkel will nicht auf den Punkt kommen, er kann nicht. Wie Merkel ist er nicht sportlich, nicht schön, nicht das, was Jugendliche „geil“ nennen. Er ist ermüdend authentisch, ein authentischer IG Metall-Sekretär, der es zum Büroleiter geschafft hat, den es dann irgendwie an die Spitze eines Wahlkampfes gespült hat. Jemand, der sich redlich Mühe gibt. In Schulnoten ist er immer vier plus und Merkel immer zwei minus. Wir wollen Blut und Spiele und kriegen Worthülsen und Schachtelsätze. Man hat eher Mitleid mit Steinmeier. Seine Freunde loben ihn so, wie man es in der Sonderpädagogik tut: besorgt gönnerhaft. Dafür, dass er es eigentlich nicht kann, war er nicht schlecht. So auch unser Urteil, ein Achtungserfolg. Es ist also wie bei Homer. Zu dem unterlegenen Duellanten Paris sagt dort die schöne Helena: „So kommst Du vom Kampfe zurück, lieber sähe ich Dich getötet. Noch kürzlich prahltest Du, ihn zu besiegen.“ War wohl nix, würden wir heute sagen. Getretener Quark, hat Goethe gesagt, wird breit, aber nicht stark.

Haben Plasberg, Illner und Konsorten die Wahl entschieden? Senken wir unsere Daumen nach einem Kampf der Gladiatoren im Circus Maximus? Die Spitzen der Talkmaster-Kunst haben einen bunten Abend veranstaltet. Wahlkampf im Seniorenheim. Mehr nicht. Jedes Volk hat die Politiker, die es verdient. Und die Journalisten obendrauf. Gute Nacht.

Quelle: starke-meinungen.de