Logbuch
DOOF WIE BROT.
Dass ein Lebenslauf geschönt ist, das kann einen PR-Manager nicht überraschen. Das ist ja sein Handwerk, aus Tand eine Torte zu formen, aus Krümeln einen Kuchen. Nie würde ein Profi das bestreiten.
Die Kanzlerkandidatin der Grünen, Frau BÄRBOCK ist bei so einem „Pimp your CV“ („Möbel Deinen Lebenslauf auf!“) erwischt worden. Lässliche Sünde, Schnee von gestern. Wie aber verteidigt sie das heute? Dazu wusste die Sonntagszeitung nun wirklich Sensationelles zu berichten. Dort wird die PR-Truppe der „Kanzlerin in spe“ ausdrücklich erwähnt.
Man hat der Zeitung nämlich eine Liste gezeigt von biografischen Rühmlichkeiten, die BÄRBOCK auch noch im Lebenslauf hätte nennen können, aber es versäumt hatte. Sie hätte also noch mit ganz anderen Dingen prahlen können, als nur mit den geschummelten. Das ist das Argument. Man ist sprachlos. Aha. Was soll das jetzt beweisen?
Es soll beweisen, dass Frau BÄRBOCK nicht eitel ist, sondern nur schusselig war. Und ab und an mal schlampig zu sein, das ist ja kein Verbrechen. Stimmt. Der Artikel schildert sie überhaupt als SPIELERIN, die gerne fünf gerade sein lässt. Annalena zockt gern. Das wird dort politisch gelobt. Nur schlampig also. Will man eine Schlampe im Kanzleramt, fragt nun der Teufel. Diese Verteidigung ist so dumm, dass man Mitleid mit den Grünen zu spüren beginnt. TAND statt TORTE. Vom KUCHEN bleiben KRÜMEL.
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DER KRIEG DIE MUTTER.
Der Trenchcoat heißt nach dem bösen Schützengraben („trench“) so. Er war Kriegsuniform. His Majesty’s Waterproof. Der Rock des Kaisers, so hieß die Uniform im gegenüberliegenden Graben. Unselige Zeiten.
Der englische Schneider BURBURRY hat ihn dann als zivile Mode berühmt gemacht. So berühmt, dass Touristen aus Asien heutzutage unbedingt ein Teil mit dem Schottenmuster von BURBURRY ergattern müssen. Dabei ist die Erfindung des regendichten Gabardines einem anderen Schneider zuzurechnen. Der Kenner trug schon immer den Raincoat von AQUASCUTUM.
Aqua, das ist das Wasser, beispielsweise der berühmte englische Regen. Und scutum, das ist der Schutzschild des römischen Gladiators. Womit AQUASCUTUM den Kämpfer vor dem Wasser schützt. HM Waterproof. Das Schottenmuster im Innenfutur heißt hier CLUB CHECK und ist ein braun gehaltenes Karo. Auch dieses Teil wurde Mode, und zwar besserer Kreise. Das wussten nur Insider: Der Angeber trug damals BURBERRY, der Gentleman bevorzugte immer AQUASCUTUM.
Beides Früchte des Militärischen. Wie so vieles. Der Krieg als Mutter des Fortschritts. Ich erinnere aus meinem Studium einen Professor Kittler, der das UKW-Radio schon der Rüstungsindustrie zuschob. Ich würde mich nicht wundern, wenn das Internet eigentlich auch daherkommt. Zu sehr wird der nette-Jungs-Garagen-Mythos aus Silicon Valley gepflegt, als das ich diesem Braten traue. Ich traue auch Elon Musk und diesem Bezoss nicht. Die spielen mir zu viel mit Raketen für wirklich Zivile.
Niemand muss heute noch in Europa in feuchten Schützengräben liegen, wie noch mein Herr Großvater. Krieg geht so nicht mehr. Es reicht heute, wenn Du in Kabul auf einem Mohnsack sitzend an Deinem iPhone spielst und schon kommt eine Drone geflogen. Auf den Punkt genau macht es BUMM und das Problem ist gelöst. Ohne, dass Menschen zu Schaden kommen. Also auf der Täterseite, die Opferseite ist ausgelöscht. Fortschritt der (Kriegs-) Technik.
AQUASCUTUM ist als Marke aus meiner Wahrnehmung verschwunden. Das Haus ging in den Siebzigern erst nach Japan, dann vor kurzem nach China. Mein persönlicher Raincoat von denen ist mittlerweile dreißig Jahre alt und wurde noch gestern ins Brauhaus ausgeführt. Mein BURBERRY geht auf die Fünfzig zu und liegt stets hinten im Auto, für alle Fälle. Beides sehr feine Beispiele englischer Kleidungskunst. Halten ewig, werden immer chicer. Wird es nicht mehr geben, weil Krieg ja heute im T-Shirt vom Rechner aus geht.
Bedauert man das? Ich frage den KDV in mir. Der ist noch immer wach. KDV heißt „Kriegsdienstverweigerer“, das war ich nämlich, als der Kaiser mir den Rock verpassen wollte, den mein Großvater mit Stolz und mein Herr Vater mit Widerwillen getragen hatten. Ich habe damals dankend abgelehnt. Das konnte man. Dies war inzwischen ein demokratisches Land. Wirklicher Fortschritt.
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GRAFFITI.
Nichts stehen lassen können. Auf alles eine Antwort geben müssen. Der innere Zwang zur REPLIK. Unkultur des Streitens.
Die Schmierereien an Wänden waren im Alten Rom, es fehlte an Sprayfarbe, Kratzereien im Putz der Wände. Daher das „Gekratzte“, also Graffiti. Ganze Wände waren überzogen. Viel Schmähungen. Und jeder musste noch einen draufsetzen.
„Es liebt, wer dies hier schreibt; ihm wird es besorgt. Wer‘s liest, wer‘s hört, der wird lüstern. Eine Schwuchtel, wer vorbeigeht.“
REPLIK: „So schreibt der Knabenschänder Septumius.“
Aus: Dennis Rausch, Virtuose Niedertracht, Die Kunst der Beleidigung in der Antike.
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Merkel zieht man nicht an den Ohren – und Westerwelle sollte es schon gar NICHT tun
Eine bürgerliche Regierungskoalition will er der Nation schenken, ein schwarz-gelbes Bündnis, in dem er dann Außenminister wird. Der ehrgeizige Guido Westerwelle hat einen Traum: Er will die deutsche Hillary Clinton werden. Frank-Walter Steinmeier wäre abgelöst und die Gefahr eines rot-rot-grünen Bündnisses gebannt.
Man sieht Westerwelle an, wie beseelt er von dieser Vision ist. Was Hillary für Obama, wäre er für Merkel, ein ganz, ganz toller Gensch-Man II. Aber viele Wähler reiben sich die Augen. Mit dem Guido-Mobil fahren wir nach Whitehall und vor den Elysée-Palast, vom Big Brother-Container ins Weiße Haus? Nun muss man in der Politik immer den Spott seiner Gegner ertragen können. Das geht auch dem amtierenden Außenminister und SPD-Kandidaten so. Westerwelle wie Steinmeier schadet aber vor allem die Missgunst aus dem eigenen Lager.
Über 40 Prozent seiner eigenen Anhänger, fast die Hälfte der FDP-Wähler, folgen diesem Traum von der Hillary-Rolle nicht; sie können sich Westerwelle schlicht und einfach nicht als Außenminister vorstellen.
Zu Recht. Ambition ist in der Politik nicht alles. Westerwelle ist auf eine nachhaltige Art nicht auf der Höhe der Zeit. Im Gegensatz zu Angela Merkel, die einen sehr modernen Wahlkampf führt und den liberalen Eiferer auf Distanz hält. Merkel weiß, dass der von ihr geforderte Themenwahlkampf ihr nur schaden kann. Man gewinnt in diesem Land und in dieser Zeit keine Wahlen, indem man Kataloge der Zumutungen rezitiert. Niemand will die Hartz-Wunden aufreißen und erneut Salz hineinreiben.
Merkel läuft zudem nicht in die Dementi-Falle, in der Westerwelle sitzt. Er verspricht, dass keine soziale Eiszeit ausbrechen wird ,wenn er an die Macht kommt. Das ist frei von jeder Raffinesse. Und schließlich chargiert er als Ehrenmann. Obwohl gerade er aus gutbürgerlicher Perspektive halbseiden wirkt, bemüht er die Kategorie des Bürgerlichen; das ist eine klassenkämpferische Vokabel gegen die vermeintlichen Proleten in der linken Hälfte der Republik, und für die Ostdeutschen schmeckt es unangenehm nach Bourgeoisie.
Als besonders dumm wird sich erweisen, dass er Merkel die gleichen Ratschläge zu geben versucht wie deren Feinde in der Union: Sie möge doch endlich mal Anlass zur Kontroverse geben. Merkel zieht man nicht an den Ohren, die Frau hat ein gutes Gedächtnis. Der eigentliche Grund für die Tragik im eitlen Streben der deutschen Hillary ist: Die Nation braucht sie nicht, wir haben keine politische Wechselstimmung, das Land fühlt sich gar nicht so schlecht regiert.
Das muss man als politischer Bürger, als Citoyen, bedauern. Angesichts einer Weltwirtschaftskrise zeigt sich die Nation als behäbig. Ein sträflicher Zustand, aber man kann Wähler nicht erziehen. An dem Tag, als Merkel und Steinbrück vor die Kameras traten und sagten, die Sparbücher sind sicher, wurde die große Koalition verlängert. Das muss nicht bis zum Wahlabend halten, aber wir werden nicht erleben, dass Westerwelle als Retter der Nation durch die Straßen getragen wird.
Quelle: starke-meinungen.de