Logbuch

KÖRPERSPRACHE. HEIKEL.

Es lassen sich fotografieren vor spektakulärer Alpenkulisse die Führer der sieben führenden Industrienationen. Und die Welt liest deren Körpersprache. Dabei gibt es auch heikles.

Der adipöse Inglese namens Boris Brexit Johnson verliert fast die Hosen. Nun ist der Herr ohnehin Teil jener Bourgeoisie, die die kleinbürgerliche Attitüde des Adretten verlassen hat, um ungekämmt und schlecht gekleidet ihre Souveränität zu beweisen. Dekadenz gehört zum populistischen Inszenierungsstil. Seine Lässigkeit ist in rechts, was Herr Habeck in links vorführt. Aber der war nicht da.

Peinlicher noch als der englische Populist erschien der Lokalmatador, der den Umstand nutzte, dass die Weltenführer in München, Bayern, landeten, bevor der Hubschrauber sie ins entlegene Elmau flog, der Franke Markus Söder. Er führte Trachtenvereine vor, bayrische Folkloristik eines vermodernen Bauernvolkes, nett anzusehen. Ich hatte als Kind auch eine KRACHLEDERNE und habe sie gehasst. Er selbst, der Herr Söder, der seine Gattin in einem Freibad kennengelernt hat, war gekleidet in einer Jankerl genannten Jacke mit fehlfarbenem Schlips (Trumpsche Länge) und einer hellbeigen Hose, über die zu reden ist.

Das Chino genannte Beinkleid war deutlich zu lang; über den schwarzen Straßenschuhen, auch ein Stilbruch, stülpen sich an den Knöcheln die überlangen Hosenbeine wie leere Wurstpellen. Wanderte der Blick des Betrachters an die Hüftgegend malt sich dort deutlich eine weitere Wurst ab, die zu entdecken nicht schicklich ist. Wir erröten ob der Peinlichkeit. Man ist gehalten über HEIKLES vorsichtig zu reden.

Söder hat sich einen Verstoß gegen die ZWICKEL-VERORDNUNG von 1932 zuschulden kommen lassen. Danach ist es für Männer unangebracht, Bademode so zu tragen, dass das Verborgene in Form und Volumen erkennbar wird. Man habe in die Herrenhose ein Stoffdreieck einzunähen, den sogenannten ZWICKEL, der das verhindere. Herren in abmalender Badehose galten als peinlich; man frage Friedrich Ebert. Nun, hat Markus Söder seine Gattin im Nürnberger Freibad trotz des fehlenden ZWICKELS kennengelernt oder wegen? Man wagt gar nicht seinen Gedanken zu folgen.

Privates gehört nicht in die Politik. Aber der amerikanische Präsident Joe Biden, bestens gekleidet, und neben ihm der fränkische Strolch mit HASENPFOTE, das war fast ein Politikum. Die HASENPFOTE hat eine entsprechende Geschichte seit dem frühen Mittelalter, zu Zwecken des Prahlens. Heute noch bei Balletttänzern beliebt. Übrigens gilt das ZWICKEL-GEBOT nicht nur für Männer; den Frauen ist aufgegeben, den KAMELZEH zu vermeiden. Mein Gott, bis gestern wusste ich nicht mal, was ein „camel toe“ ist; das kriege ich jetzt nicht mehr aus dem Sinn. Unfreiwilliges Kopfkino. Und das alles nur, weil G7 nicht mehr G8 ist. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

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BILDUNGSDÜNKEL.

Für das Fachgebiet „Investor Relations“ habe ich mal eine brillante Engländerin eingestellt, die einen Abschluss in „literature“ hatte. Sie wurde von einem BWLer gefragt, ob das reiche. Typisch deutsch.

Nicht mehr. An englischen Universitäten werden jetzt auch die GEISTESWISSENSCHAFTEN abgewertet, weil ein Abschluss in „humanities“ nicht direkt zu einem aussichtsreichen BERUF führe. Darin liegt der Glaube, dass BILDUNG nichts tauge. Man will an Universitäten eine AUSBILDUNG liefern. Ein Irrweg.

Es ist nicht zufällig, dass ich diesen Unsinn von einer Hochschule in Sheffield lese, die mal ein Polytechnikum war. Man hat dort einst Schrauber (vulgo Ingenieure) ausgebildet; da will man frühzeitig wissen, für welches Fach. Fächer sind diesen Flachköpfen zum Beispiel „Elektro“ oder „Gas, Wasser, Scheiße“. In der Tat unterschiedliche Welten. Für diese Horizonte gibt es bei uns aber eine MEISTER-Prüfung im Handwerk (aller Ehren wert) oder FACHHOCHSCHULEN, sogenannte „universities of applied scienties“: eine Ausbildung zum Anwendungstechniker (auch aller Ehren wert).

Ein akademisches Studium fragt nicht nach Berufsmöglichkeiten, weil das den wissenschaftlichen Blick verstellt. Man kann Humanmedizin studieren, aber nicht auf Kassenarzt für Fußpilz. Ich bin zudem großer Anhänger der zweigliedrigen Ausbildung für Staatsämter, wo nach dem ersten Staatsexamen ein Referendariat abzulegen ist, das mit einem zweiten Staatsexamen abschließt. Im Ernst: Der Mensch beginnt eigentlich erst beim Assessor.

Das gilt für den Volljuristen (wie bei den netten Notar, der mein Nachbar ist) oder der Archivarin (die in einem Unternehmensarchiv mal meine Mitarbeiterin war) oder dem Studiendirektor (dessen germanistischer Ruf von der Ruhr bis nach Reval reicht). Was dem Staatsdiener der Assessor, das ist dem Akademiker die Promotion, jedenfalls akademisch (!) das FACH. Dazu bilden die geschmähten GEISTESWISSENSCHAFTEN nun mal die Grundlage. Ja, man muss HOMER und die BIBEL gelesen haben; übrigens auch das KAPITAL.

Allgemeinbildung schützt vor Fachidiotentum. Jetzt die Rehabilitation der Ingenieure. Noch mehr, die der Physiker. Ich rede nicht mit Leuten, die nicht den „Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik“ erläutern können. Und die Mathematik ist eine Geisteswissenschaft (die ich leider nicht beherrsche, ein klarer Charaktermangel). Das alles klingt reichlich arrogant. Ist es nicht. Ich selbst habe nur „humanities“ studiert und lehre an einer Hochschule, die mal Fachhochschule war. Und lobpreise den geachteten Meister des Handwerks; wenn er denn mal kommt.

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SPUKSCHLOSS ELMAU.

Die Welt ist zu Gast in Bayern, in dem alpinen SCHLOSS ELMAU. Wegen seiner Naturschönheit gelobt. Für mich ein Ort der Verlogenheit, eher beängstigend. Es spukt. Angela Merkel erlag dem Charme.

Ich war über all die Jahre nur drei oder vier Mal in dem entlegenen Hotel und bin noch immer irritiert. Die Schönheit der Natur ist so ausgeprägt, dass man von gigantischem Kitsch sprechen könnte, ließe sie den Menschen nicht verstummen. Das war das Kalkül der Gründer. URLAUB VOM ICH sollte hier möglich sein. Eine sehr frugale Restauration unterstützte das.

Ein Wallfahrtsort des Protestantismus. Ich war mit JOHANNES RAU hier, dem späteren Bundespräsidenten, der schätzte, dass die Gäste reinen Herzens beim gemeinschaftlichen Frühstück an Holzbänken von den Töchtern in adretten Dirndl bedient wurden. Bircher Müsli und ein Hauch von König Ödipus. Das war sehr befremdlich. Fast wie in diesem Film mit Jack Nicholsen in dem eingeschneiten Berghotel namens SHINING. Nachts raunte es „Redrum“ auch auf den Gänge von Elmau.

Der Gründer von Elmau war ein protestantischer SEKTENFÜHRER namens Müller, der Erfinder des URLAUB VOM ICH, ein Freund auch jüdischer Kultur wie auch (Achtung!) Verehrer Adolf Hitlers. Ja, das ging. Der Evangele verehrte dessen Ideologie der Volksgemeinschaft. Weil eben auch Hitler einen Urlaub vom Ich vorschwebte. Gruselig, da hilft dann auch die ganze Kulturbeflissenheit nicht. Redrum von hinten lesen! Murder! Der Herrgott war öfters entsetzt und hat die Bude deshalb auch mehrmals abbrennen lassen.

Dann war ich dort als PETER SLOTERDIJK seine legendäre Rede unter dem Titel „Regeln im Menschenpark“ hielt, die eine regelrechte VENDETTA gegen ihn auslöste. Nicht von Dummen, nein, von den Intellektuellen seiner Zeit, die ihn hätten verstehen können, aber es nicht wollten. Eine Schande des Wissenschaftsbetriebes bis heute. Aber er hat Elmau überstanden und lebt nun weltberühmt in Berlin-Zehlendorf oder Klein-Manchow. REDRUM als Rufmord verhindert.

Dann war ich dort auf einem Treffen von Berufskollegen, das ein einschlägiger Verleger als GEHEIMSITZUNG geplant hatte. Es herrschte ein Geist der Verdeckung, den sonst nur Freimaurer kennen. Aber der komplette Abend fand sich in einer Gazette nacherzählt. Bei den Freimaurern wäre das mit dem symbolischen Tod bedroht, hier wähnte man verschwörungsbereit Stasi-Mikros unterm Tisch. Banaler! Da ich die Bewirtungskosten für das Event übernommen hatte, bekam ich bei Abreise alle Belege, auch die zu den Telefonaten vom Zimmer. Mit Zeiten und Nummern. Der Journalist der Gazette war noch nächstens von einem der Teilnehmer angerufen worden. Seitdem nehme ich an Geheimtreffen nicht mehr teil.

Ich geh auch nicht mehr nach Elmau. Und Urlaub hätte ich gern im ICH (nicht von ihm) und schon gar nicht in einem von Evangelen begafften Alpenkitsch. Das mag die Pfarrerstochter aus Meck-Pomm fasziniert haben, mir schmeckt das Müsli der VOLKSGEMEINSCHAFT nicht. Im Übrigen ist eben das kein netter Gedanke für die Sommerfrische, sondern die Zentralkategorie des Faschismus.

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WIR SIND FREMDE, FAST ÜBERALL.

Ausgerechnet im Mutterland des multinationalen Commonwealth tobt eine Debatte um „multiculturalism“; nennen wir es MULTIKULTI. Wer die historische Nostalgie eines bunten Weltreiches unter britischer Krone verstehen will, darf es nur von oben nach unten betrachten, aus der herrschenden Perspektive, die die Perspektive der Herrschenden ist, nicht aus den Blickwinkeln der Beherrschten. Das ist das Lehrreiche an KIPLING, der den imperialen Traum der Gentlemen und sein Scheitern schildert.

Nun sehe ich eine TV-Diskussion in der Lobby meines Londoner Hotels (ohne Ton), in der ein einzelnes Umfrageergebnis gezeigt wird; gefragt wurde, ob Multikulti funktionieren könne. 95 Prozent antworteten mit Nein. Also wollen die Menschen eine ethnisch homogene Gesellschaft? Völkisches an der Themse? Ich habe die Kommentare nicht gehört, vermute aber, dass von Remigration oder Deportation zugewanderter Flüchtlinge die Rede war. Ich sah den Faschisten Nigel Farage in der Runde.

Die Stimme des Volkes beantwortet nicht die ihr gestellte Frage, sondern immer die Frage, die man ihr hätte stellen sollen. Offensichtlich will man keine weitere illegale Zuwanderung aus dem afrikanischen und arabischen Raum ohne sozialpolitische Begleitung („Wir schaffen das.“). Es reicht den Leuten. Man lebt aber überall dort, wo vor zwei oder drei Generationen Zuwanderung stattgefunden hat, in gutem nachbarlichen Einvernehmen. Wie kann das?

Man muss aufhören, Migration als Idylle zu denken. Es ist ein konfliktreicher Kampf armer Leute unterschiedlicher Herkunft um knappe Ressourcen. Man kann viel von den Zuwanderungsmilieus in den USA lernen. Auch DER PATE ist ein Epos um diesen Kulturkampf. Die Integration aller Migranten ist immer Kulturkampf. Da ich hier des Öfteren von meinem Großvater erzähle: Obwohl Bergmann nahm er nie an Barbara-Feiern teil. Das war für ihn ein Ritual der „Pollacken“, weil katholisch; das mied der ostpreußische Protestant. Solche Fragen waren in der Siedlung kontrovers, vor Kohle aber war man Kumpel. Nach den Polen kamen die Türken; es galt ein Gleiches. Vor Polen und Türken waren schon die Italiener da; heute gefeiert. Und die Gründer der Montanindustrie hierzulande waren Iren und Belgier. Wir selbst waren zu doof.

Migration bedarf der staatlichen Gestaltung und der dabei unvermeidliche Kulturkampf der Toleranz. Für das aufnehmende Volk kann eine Leitkultur nicht schaden; wohlgemerkt eine liberale mit dem Willen des gutnachbarlichen Respekts. Da war das Englische mal Vorbild. Wer den Respekt von den Zuwanderern auch in der zweiten Generation noch nicht hat, darf wieder nach Hause. Das meinten die 95%.