Logbuch
DAS KANN WEG.
Der deutsche Dichter Martin Walser ist verstorben. Ich habe nie eine Zeile von ihm gelesen. Er schien mir schon in seinen Posen als belanglos.
In den Nachrufen lese ich nun, dass er seine Tagebücher und Notizen als VORLASS an das Literaturarchiv in Marbach gegeben habe. Welch eine Anmaßung, einem NACHLASS präsumptuös vorgreifend, sich seiner eingebildeten Bedeutung bewusst.
Mit Marcel Reich-Ranicki soll er sich gerieben haben und Ignaz Bubis beleidigt; vergessen wir es. Mit Rudolf Augstein hatte er ein Kind, sei‘s drum. Viel Geschwurbel, nicht ein großes Wort. Darin Peter Handke ähnlich.
Wenn man bitte an den Kisten aus dem Hause Walser in Marbach einen Zettel anbringen möge, der darauf hinweist, dass ich den Inhalt für belanglos halte. Als Text schlage ich vor: „Das kann weg.“
Danke.
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DER GLAUBE AN DIE BATTERIE.
Die Nordseezeitung informiert aus Bremerhaven über die schwimmenden Parkhäuser, in deren Ladung sich E-Autos als tickende Zeitbomben erweisen. Ruhig und kompetent. Fazit: Mit jetziger Ausrüstung sind brennende Batterien unlöschbar. Sechstausend dieser Monster mit jeweils sechstausend Autos befahren die Weltmeere.
Ich habe nie an die Batterie geglaubt. Es schien mir immer widersinnig, Fahrzeuge des Individualverkehrs vorwiegend mit einer leitungsgebundenen Energie zu betreiben, die nicht speicherbar ist. Der Umweg über Akkumulatoren setzt aufwendige Umwandlungen der Sekundärenergie Strom voraus, die eine doppelte chemische Konversion bedeutet. Das schlummernde Monster im Fahrzeugboden ist nicht ohne. Und selbst wenn ich dem traue, muss ich nichts kaufen, das um die Welt geschwommen ist.
Anders als die öffentliche Wahrnehmung fackeln E-Autos statistisch deutlich seltener ab als die mit Verbrennermotoren versehenen. Wenn der gute alte Selbstzünder brennt (pun intended), löscht das die Freiwillige Feuerwehr mit Wasser; nicht schön, aber beherrschbar. Das brennende E-Auto auf der Fähre wird das schwimmende Parkhaus versenken; für die Tiefsee vielleicht kein Problem, für das Wattenmeer schon.
Keine Versicherung der Welt wird sich ein solches Risiko aufhalsen wollen. Ein Verbot von E-Autos in Innenstadt-Parkhäusern wird kommen, weil im Schadensfall ein Fiasko vom Format 9-11 droht. Und auch im Einfamilienhaus steigt die Behaglichkeit nicht, wenn in der Doppelgarage eine Feuersbrunst schlummert, der mit dem Gartenschlauch nicht mehr beizukommen ist.
Ich bin frei von jeder Schadenfreude, finde aber doch, dass die Verteufelung des Diesels vorschnell war. Ein technisches Risiko ist immer das Produkt aus Schadenshöhe und Eintrittswahrscheinlichkeit. Was uns jetzt vor Ameland beschäftigt, passiert selten, aber die Schadenshöhe ist erheblich.
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ZEICHEN UND WUNDER.
Wenn der Engländer sich über das Opernhafte der Welt lustig machen will, verweist er auf den Auftritt der singenden Walküre („the fat lady“). Wetterleuchten aus Bayreuth, dem germanischen Gral düsteren Inszenierungswillens.
Zu den Wagner-Festspielen sind die bayrische Ober-Grüne und die Bundes-Ober-Grüne mit einem „Kleinwagen“ angereist; man sieht die in Tüll gehüllten Damen dem mickrigen Vehikel entsteigen. Alle Achtung. Ein Akt der Kulturrevolution. Es geschehen noch ZEICHEN UND WUNDER.
Merkel war da, von der Leyen auch, der Söder und das Auwanger. Bei Vorfahrt der Herrschaften lungern Heerscharen von Fotografen herum zur allfälligen Gesellschaftsreportage. Kleine Possen auf dem Vorplatz vor den großen Possen des Herrn Wagner im Festspielhaus. Ich mag diesen reaktionären Wagner nicht; ich finde den halbseidenen Zirkus vermeintlicher Prominenz drumherum albern.
Aber dass sich auch die Grünen hier aufbrezeln, das scheint mir typisch. Nun kann man Wagner (der Komponist, nicht der Legionärskommandant) nicht vorwerfen, dass der Führer ihn verehrte; alles andere aber sehr wohl. Was für eine mythische Monumentalkacke. Und Merkel setzte auch ein Zeichen; sie kam in dem Kostüm von 2019. Eine große Geste, findet die Presse.
Ich könnte jetzt eine Bemerkung machen zu den Wagnerschen Walküren und Ricarda Lang, die, so ihre Geste, in einen Kleinwagen gepasst hatte: „It‘s not over till the fat lady sings.“(Kipling) Das haben wir also noch zu kommen.
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DESK SHARING.
Das Büro macht den Menschen. Dieser Satz ist nach meiner Erinnerung von Franz Kafka, dem großen Literaten des Bürokratischen. Nach dem sogenannten Home-Office (Heimarbeit) werden die Menschen zwar ein- oder dreimal in der Woche zur Befehlsausgabe ins OFFICE-OFFICE zurück müssen, aber die Zeiten des eigenen Büros, die sind ein für alle Mal vorbei. Dabei war das Büro früher nicht nur Rückzugsmöglichkeit und quasi-privat, es war ein echtes Status-Symbol.
Ich erinnere mich noch gut an meine Überraschung, als ich an meinem ersten Arbeitstag bei der Aral AG in Bochum feststellte, dass mein Büro die Größe einer Tennishalle hatte und zum Innenhof hin eine deckenhohe Fensterfront mit vier großen Fenstern aufwies. Von meiner damaligen Sekretärin erfuhr ich, dass es im Haus 1-Fenster-Männer, 2-Fenster-Männer und 3-Fenster-Männer gebe. Ich aber war nun ein 4-Fenster-Mann, obwohl ich nach der Hierarchie nur den Dienstgrad des Hauptabteilungsleiters trug.
Das vermeintliche Wunder klärte sich sehr schnell auf, als am ersten sonnigen Sommertag die Klarglasscheiben über zehn volle Stunden der Strahlung ausgesetzt waren. Ich hatte zwar vier Fenster, aber keine Klimaanlage, und obendrein die Südseite. Ich war ein 40-Grad-Mann; die Kollegen spotteten. In dem Büro war es so unerträglich heiß, dass ich mir über eine „befreundete Werbeagentur“ ein Klimagerät besorgte, dessen Abluftrüssel aus dem halb geöffneten Fenster gehängt wurde, womit die Klimatisierung eher ein schlechter Witz als eine Freude wurde.
Aber nach dem sogenannten Home-Office ist die Welt der Büros zerstört. Zu groß sind die Kostenersparnisse. Daran geht niemand vorbei; jedenfalls kein Controller. Was wir künftig erleben werden, ist die Situation, dass sich jeder Mitarbeiter in einer kargen Halle (“Großraum“) aus einem Meer von blanken Tischplatten eine blanke Tischplatte wird aussuchen dürfen, an der er sein Tagwerk verbringt.
Nach dem Carsharing also das Desksharing. Immer wieder aufs Neue der demütigende Kampf um einen Sitzplatz, nicht ausgerechnet neben dem verhassten Teil der Kollegen. Reise nach Jerusalem im Büro. Nach diesem morgendlichen Kinderspiel, dann nachmittags die obligatorische Tatortreinigung: Aufstehen nur nach dem Aufräumen. Erst müssen alle kompromittierenden Spuren, dass man je an diesem Tisch saß, vernichtet werden. Clean-desk-Policy nennt sich das. Sagrotan. Das wird es gewesen sein mit Vertraulichkeit und Heimelichkeit. So bleibt die Belegschaft froh, dass sie den Rest der Woche wieder im häuslichen Wohnzimmer arbeiten darf.