Logbuch
WIE IM DSCHUNGEL.
Das höchste Gut des Landlebens ist die gepflegte Langeweile. Man lernt diese bescheidene Idylle lieben. Der Deutschbanker Hilmar Kopper halt mal über den Westerwald gesagt: Hier schließt man keine Türen ab. Das war deutlich übertrieben, aber nicht so ganz falsch.
Eine junge Frau erzählt von ihrem Lebensgefühl in der Metropole; sie fühlt sich durch die öffentliche Verwahrlosung persönlich bedroht. Übergriffe lauern an jeder Ecke. Ein bloßer Versuch, die U-Bahn zu nutzen, endet am helllichten Tag in der förmlichen Flucht einer von Junkies grundlos Bespuckten. Das sagend hört man schon die Leugner aufheulen, die diese Halbwelt für mondän, sprich wünschenswert halten.
Ich fühle mich zunehmend an Südafrika erinnert, wo in den Städten dem Besucher geraten wird, nächtens nicht an roten Ampeln zu halten, da dann ein Überfall zur Entführung des Autos geradezu wahrscheinlich sei. Das kenne ich auch aus Südamerika, wo neben der Ampel eine Parkbank stand und die dort lungernden Herrschaften keine Anstalten machten, ihre Waffen zu verstecken; ich hörte die Sicherheit im Fahrzeug hinter uns durchladen. Man verstand und blieb brav sitzen. Ohne Sicherheits-Schatten ging man nicht aus.
Man lernt im Moloch der Metropole eine eigene Überaufmerksamkeit, wie sie ansonsten nur in der Wildnis angemessen ist. Das ist vielleicht der treffendste Satz, dass Berlin einem Dschungel gleicht, in dem man tunlichst Gefahren ausweicht, bevor sie überhaupt akut werden. Das färbt auf jene ab, die damit tagtäglich umzugehen haben. Ich meine nicht nur Polizisten und Sanitäter; schon die bloße Ansicht der Fahrkartenkontrolleure in den öffentlichen Verkehrsmitteln lässt in Abgründe schauen; weniger sozial als kulturell. Alta Schwede, was für Kaliber.
Von Mao Tse Tung gibt es den Satz, dass sich der Revolutionär wie ein Fisch im Wasser zu bewegen habe. So ähnlich verhält sich der Metropolenbewohner. Er weicht aus, bevor das Hindernis zur Bedrohung wird. Eine unwirtliche Gegend für Frauen und Kinder und wohl auch Alte. Angenehm ist das nicht, im Bewusstsein ständiger Gefahr zu leben. Das macht ja das Landleben so wertvoll.
Nun zieht es gerade die Dorfschönheiten in die große Stadt mit den vielen Lichtern. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Sicherheit ist ein soziales Gut, das der Staat vor allem jenen zu bieten hat, die sie sich nicht aus der privaten Brieftasche leisten können. Es gibt ein bürgerliches Recht auf Schutz.
Logbuch
KNAST AUF RÄDERN.
Wenn der Anhänger des Campings nicht nur einen Anhänger hat, sondern dieser gar ein eigenes Fahrgestell mit Motor, dann nennt man das wohl TRAILER. Es handelt sich um eine fahrbare Wohndose. Meist mit Chemieklo und Gaskocher. Die Wohndosen gibt es spärlich, aber auch herrlich, vom Bulli rauf bis zum Luxus-LKW. Mir ist alles recht, auch ein Gelsenkirchener Barock auf Fiat-Chassis, das mit Tenpo 100 auf der rechten Spur rumdümpelt. In meiner Welt soll jeder nach seiner eigen Facon selig werden.
Mir fällt aber auf, dass all diese Schüsseln ihr Heck mit Sinnsprüchen zieren. Man erfährt, dass die Besatzung unterwegs sei. On the road. Echt jetzt? Dass man die Rente genieße. Ist das wahr? Und dass man im Hotel nur zu Gast sei, in der Wohndose aber zuhause. Die Besatzung nennt ihre Kosenamen oder den der Hunde; das weiß man nicht so genau. Bildwitze, unbehändte Karikaturen. Alta Schwede.
Woher der Legitimationsdruck? Die Karre kostet mindestens 200k; dafür kann ich zwanzig Jahresurlaube ins Hotel. Mit Mitte siebzig Lenzen eine kühne Kalkulation. Man kann das auch anders rechnen. Boulevardnotorisch sind die sehr attraktiven Damen russischer Zunge an der Hotelbar, die der Plebs „Tausend-Dollar-Nutten“ nennt. Rechnen wir das mal in Euro. Statt der Wohndose könnte man sich 200 dieser Professionellen leisten. Damit wäre man ja 30 Wochen beschäftigt, vorausgesetzt man würde jeden Abend wollen; sprich wollen können. Wer sich an das Luthersche Maß „In der Woche zwie/ das ist des Weibs Gebühr“ hielte, der hätte geschlossene zwei Jahre abzudienen. Das ist auch für einen 75jährigen rüstigen Rentner mal ein Programm.
Aber der Boulevardvergleich geht fehl. Das Trailertum ist familiär angelegt. Es reisen jene so mit ihren Gatten, die schon heimlich auf das Witwentum hoffen. Und die Abstellplätze vor den touristischen Attraktionen sehen ja auch aus wie Lager; wären die Räder nicht, könnte man von einem Knast mit Doppelzellen sprechen. Jeweils mit einer ungeduldig wartenden Witwe. Folglich verstehe ich die Entschuldigungssprüche auf den Campern. Die Jungs haben sich halt dramatisch verrechnet und trösten sich nun mit den albernen Ausreden selbst. Eigentlich bitter.
Logbuch
FUSIONSKÜCHE.
Gestern zum Dinner zu Dong A, einem Hotelrestaurant, das sich selbst mit den Modewörtern einer mediterranen Fusionsküche der feinen asiatischen Art bewirbt und die Anmutung eines etwas edleren Vietnamesen hat. Ich hatte von FUSION schon gelesen, aber stets als ein Chi-Chi gemieden. Nun, es war gut. Panierte Langusten und eine Entenbrust in Honig.
Kleine, aber klug zusammengestellte Weinkarte. Zehn deutsche Weiße von 30 bis 99 €; kann man nicht meckern. Dessert wie bei allen Asiaten dürftig, weil diskultural. Womit wir bei der FUSION als die Verbindung von Unterschiedlichem sind. Eine Fusion von japanischer Küche mit koreanischer, das würde hierzulande niemand bemerken. Zu chinesischer Küche habe ich mich schon geäußert: Ich nehme weltweit die 69; meist als „Acht Köstlichkeiten“ in der Karte, sprich Essensreste in Glutamat.
Keine ironische Anmerkung möchte ich zu meinen Berliner Mitbürgern machen, die aus Vietnam stammen, schon zu DDR-Zeiten zugewandert sind und sich nun als sehr fleißige Betreiber von Garküchen beweisen. Oder, das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte im Blumenhandel. Ich vermute dahinter Höheres. In allen Mischkulturen, die sich aus Migration nähren (pun intended) gehen Esskulturen der Heimaten Milderungen ein oder Substitution seltener Zutaten durch verfügbare Lebensmittel. Vely hot is no good fol toulist. Das ist verzeihlich.
Kritisch sollte man das kulinarische Mischmasch sehen, in dem der Exotismus des Fremden nur vordergründig erhalten bleibt und lediglich den örtlichen Fraß aufhübscht. Ich esse kein Säbelfleisch vom Drehspieß, vulgo Döner, wo Gehacktes von der Pute als „Hähnchenfilet“ vermarktet wird. Mit der Fusion genannten Panscherei liegen dann auch Schweinswürste direkt neben dem halal Lamm. Das Zicklein in der Milch seiner Mutter. Ich frage also: Ist mir das koscher?
In den Städten, die als Schmelztiegel gelten, assimilieren sich die Küchen wie die Kulturen. In England gilt „chicken marsala“ als beliebtestes Gericht der Küche Indiens, worüber der Pakistani staunt, der es für urbritisches Junk Food hält. Auf Berlins Kantstraße hängen Enten am eigenen Schlund im Fenster, die es von Peking bis hier geschafft haben. Das wahre Fusionsgericht ist aber von der deutschen Sau, und zwar im Schafsdarm, mit dem amerikanischen Tomatenzucker und indischem Gewürz, zusammen mit Stäbchen von französischen Erdäpfeln aus der Fritteuse.
Ich rede von Currywurst Pommes Majo, meiner Fusionsküche. In dem von den Alliierten beherrschten Westberlin geboren, am besten bei Dönninghaus in Bochum. Wer jetzt Grönemeyer sagt, ist tot.
Logbuch
Eigentum ist Diebstahl
Die Berliner Debatte um den Mietendeckel zeigt, dass die Partei der Linken ihr kommunistisches Erbe in Wirklichkeit gar nicht abgelehnt hat. Auch die SPD hat das noch in ihren Genen. Es wird wieder suggeriert, dass es ein allgemeines Recht geben müsse auf soziale Gleichheit. Man soll in besten Lagen auf Kosten anderer wohnen dürfen. Alles andere wäre Mietwucher, sprich ungerecht. Hinter dieser sozialen Gerechtigkeitsforderung steht für unseren Autor Klaus Kocks die Idee eines Naturrechts auf Enteignung.
Die Geschichte des Sozialneids ist lang. Schon Moses hat unter den Zehn Geboten, die er vom Berg Sinai mitgebracht hat, ein bis zwei dabei, die es untersagen, seines Nächsten Gut, Sklave, Rind, Esel oder Weib zu begehren; in welcher Reihenfolge auch immer. Ich höre, dass die katholische Kirche in der Folge den Neid zu den sieben Todsünden zählt; gute Idee, aber wohl ein zweckloses Unterfangen. Denn gegen das Neidverbot hat die Menschheit mit Sicherheit noch öfter verstoßen als gegen das Gebot, das den Ehebruch untersagt. Das fing früh an, nämlich mit den Kindern von Adam und Eva, also mit Kain und Abel, den feindlichen Brüdern, deren einer aus Neid dem anderen den Schädel einschlug.
Sozialneid als politisches Programm
Es geht mir aber hier nicht um menschliche Schwächen, sondern um das politische Kalkül auf Sozialneid, zu dem sich die Linke in besonderer Weise ermächtigt fühlt. Der französische Anarchist Pierre-Joseph Proudhon hat im 19. Jahrhundert den Titel dieses Freibriefs zur Enteignung erfunden: „Eigentum ist Diebstahl.“ Der Klassenkampf des Marxismus-Leninismus hat diese Vorstellung auf die Ausbeutung der Arbeiterklasse zugespitzt und den privaten Besitz an den Produktionsmitteln zum Knackpunkt erklärt. Überführe man die Produktionsmittel in Gemeineigentum, so sei der Grundwiderspruch des Kapitalismus aufgehoben. Bessere Zeiten stünden demnach dann unweigerlich an. Man fragt sich, was in der DDR und der UdSSR schiefgelaufen ist. Insbesondere, wenn man die Verwahrlosung des öffentlichen Wohnungsbaus im Osten kannte und im Kontrast dazu die Liebe und Fürsorge für die Datsche, das kleine private Häuschen im Grünen. Es sind nicht die hehren Ideen von den neidfreien Menschen, die den Kommunismus unsympathisch machten; er funktionierte bisher nur leider nicht im wirklichen Leben.
„Die Gruben in Volkes Hand!“
Sozialneid steht politisch immer auf der „ moralisch richtigen“ Seite. Georg Büchner aus dem damals gar nicht so beschaulichen Darmstadt hat es schon 1834 auf den Punkt gebracht: „Friede den Hütten, Krieg den Palästen!“ Das Motto steht in seinem „Hessischen Landboten“, mit dem der Vormärz-Dichter die Landbevölkerung zum Kampf gegen die adelige Oberschicht aufrufen wollte. Es ging um Enteignung des Grundbesitzes. Darauf sollte es ein Naturrecht geben, fand er. Und mein Großvater Heinrich Kleine, ein sehr früh schwerbeschädigter Bergmann, hat genau hundert Jahre später in Oberhausen einen lateinisch anmutenden Spruch an eine Fabrikmauer gepinselt, der ihn fast ins Gefängnis gebracht hätte. Der muntere Invalide wollte die Kohlegruben in Volkes Hand sehen und pinselte eine Parole der Kommunisten, nämlich: „Expropriiert die Expropriateure!“ Ich habe mich schon als Kind über die Wortwahl gewundert und mich gefragt, woher er den Zungenbrecher hatte. Heute weiß ich es: KPD-Jargon. So wurde Teddy Thälmann zitiert. Aber auch der war eigentlich kein Lateiner.
Was die Fremdwörter verbergen, das ist ein moralisch verwerflicher Umkehrschluss: Wenn die anderen gestohlen haben, so darf ich auch stehlen. Das frühere Unrecht soll das künftige heilen. So denken die Umverteiler bis heute. Ich beginne hier gar nicht die Debatte, ob die Hypothese des initialen Diebstahls („ursprüngliche Akkumulation“ bei Karl Marx) zutrifft oder nicht. Die Dinge sind nicht ganz aus der Luft gegriffen. Der Kern der politischen Zustimmung, den die Kommunisten und Sozialisten für ihre Enteignungsfantasien erfuhren, war die wirklich prekäre Lage der arbeitenden Klasse. Unter miserablen Bedingungen schufteten sich die Menschen die Seele aus dem Leib. Kinderarbeit war gang und gäbe. Es reichte nicht mal zu dem, was Friedrich Engels die Reproduktion der Arbeitskraft genannt hat.
Gleiches Recht für alle, nicht gleiches Auskommen
Die historische Linke glaubte der Ausbeutung der Arbeiterklasse durch die Kapitalisten ein Enteignungsbegehren politisch entgegenstellen zu sollen. Es entstanden historisch Gewerkschaftsbewegung und Sozialdemokratie mit dem Anspruch, für die Arbeitskraft einen angemessenen Preis durchsetzen zu können, vulgo einen gerechten Lohn. Auch in der sozialen Marktwirtschaft blieb die soziale Frage bestehen, bis heute; wer das leugnet, der ist ein Zyniker. Der Anspruch, dass wir im Osten wie im Westen ein Volk sind, darf aber nicht meinen, dass nun die Faulen Anspruch auf die Früchte der Arbeit anderer haben. Auch nicht, im biblischen Sinne, auf dessen Frau und Kind. Auch nicht auf eine erneute Versteuerung bereits versteuerter Einkommen, vulgo Vermögenssteuer genannt. Es gibt kein Naturrecht auf Enteignung.
Demokratie beruht auf Privateigentum
Was die demokratische Verfassung des Staates in unseren Tagen veränderte, war die Rechtslage. Allerdings muss man sie auch durchsetzen wollen. So haben Konzerne Steuern zu bezahlen wie einfache Bürger. Weil die Steuerpflicht eine Rechtsvorschrift ist. Es besteht rechtliche Gleichheit, aber eben nicht nur als Anspruch, sondern auch als Pflicht. Teil dieser Rechtsgleichheit ist die Garantie des Privateigentums, das zugleich dem Gemeinwohl zu dienen habe. Über diesen Doppelcharakter wird jetzt wieder gestritten. Mir bleibt als Bürger dieses Landes von jedem verdienten Euro noch fünfzig Cent; akzeptiert. Bitte dann aber auch bei Herrn Facebook und Frau Starbucks.
Dem Gemeinwohl verpflichtet
Zurück zur Frage des Mietwuchers in begehrten Lagen (nur dort findet er statt). Wo liegt die mittlere Linie zwischen Gewinnstreben von Investoren und dem Interesse von Mietern an bezahlbarem Wohnraum? Nicht in einem Zwangsregime überforderter Staatsdiener in Wohnungsverwaltungsbehörden. In der Vielfalt des Angebots. Wie immer. Die Monopolsituationen ruinieren die soziale Marktwirtschaft. Wenn ein Vermieter seine Bude nicht los wird, muss er die Preise senken. Oder er hat Leerstand, also gar nichts verdient. Wenn ein Mieter die Preise in der begehrten Lage nicht bezahlen kann, muss er in die nicht ganz so gute ziehen. Auch in Berlin gibt es Regionen, in denen die Mieten seit Jahren nicht gestiegen sind. Wo liegt der Knackpunkt? Darin, dass hier das Angebot größer ist als die Nachfrage. Also muss man Leute ermuntern, ihr Geld ins Bauen zu stecken. Angebot erhöhen! Das exakte Gegenteil erreicht das kommunistisch animierte Regime der Enteignung, das die Linke wieder errichten will: zurück in den wohligen Mief verfallender Altbauten.
Quelle: starke-meinungen.de