Logbuch
John Le Carre’ ist verstorben.
Er war ein toller Schriftsteller und großartiger Gastgeber. Ich erinnere mich gut an meine Verblüffung, als er Gäste in seinem Anwesen durch ein blendendes Deutsch zu unterhalten wusste. Leichter Akzent aus dem Schweizerischen. Er hinterlässt ein großes Werk. Allerdings bei mir auch den Verdacht, dass er nicht von allen seiner Bücher der alleinige Autor ist. Ich halte MICHAEL JÜRGS für den GHOSTWRITER zumindest eines seiner Bücher. Dieses Hamburger Flüchtlingsepos. Nichts gegen JÜRGS, der mich sehr zugeneigt beschrieben hat. Vielleicht fühlte er, der englische Skribent, sich da gerade gesundheitlich nicht so und JÜRGS hat ausgeholfen. SKAKESPEARE hat sich auch mal was schreiben lassen. Man kann nicht Bestseller nach Bestseller produzieren wie andere Brötchen. Und man wird nicht jünger. VITALISMUS. Schreiben wie Lesen ist anstrengend. Wer das älteste Stück Literatur des Abendlandes gelesen hat, eigentlich sind es zwei, der hat fast 30.000 Verse durchlitten. Eine endlose Irrfahrt und einen endlosen Krieg. Unglaubliche Grausamkeiten in nicht enden wollenden Variationen. ZORN und Rache allenthalben. Jetzt aber zur Episode: Wie haben sich die Zeitgenossen vor 3000 Jahren den Autor vorgestellt, der dieses Monsterwerk geschaffen haben soll? Als blinden Greis. Die sehr alten Menschen und die blinden hat man für wach und weitsichtig gehalten. Eine paradoxe Annahme. Ich habe gestern gelernt, dass das biologische Optimum mit 20 Lebensjahren erreicht ist; danach Degeneration. Sagt die Medizin, wenn sie Biologie ist. Wenn sie Psychologie ist oder Soziologie, sieht die Sache anders aus. Und wenn sie, gegen alle Natur, KULTUR ist? Auch gerade erst gelernt: Lebenszufriedenheit ist eine recht nachhaltige Disposition, also keine Folge von Erfahrungen, sondern eine Einstellung. Man erinnere bitte Le Carre‘ als zufriedenen Gentleman. Letzteres hätte er nicht ohne bitteren Kommentar zugelassen. Er mochte das Pompöse der Imperialen nicht.
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BODY SHAMING.
Das geht gar nicht. Jemanden hänseln, weil die Natur es mit ihm nicht gut gemeint hat. Nicht alle Menschen sehen so aus, dass sie ein antiker Bildhauer aus Marmor gehauen haben könnte, als Sinnbild des Schönen. Nicht jeder ernährt sich von Tofu wie der notorisch ungeduscht wirkende KARL LAUTERBACH. Wir sind keine Gottesgestalten. In vielem sind viele eher das KRUMME HOLZ, aus dem Immanuel Kant den Menschen gefertigt sah. Es ist mehr als rechtens, dass man Menschen nicht für Dinge tadelt, für die sie nichts können. Segelohren, zum Beispiel. Das gilt auch für FETTLEIBIGKEIT. Nicht immer soll Adipositas durch Fehlverhalten erworben sein. Aber Kundige achten auf ihr Gewicht. Insbesondere Ärzte, denke ich mir. Und der Mann ist Mediziner! Das nächste, was mir durch den Kopf geht, ist KÖRPERSPRACHE. Insbesondere der Gesichtsausdruck, die MIMIK. Wir suchen als Säugetiere aus dem Antlitz unseres Gegenübers dessen Charakter zu lesen, zumindest sein künftiges Verhalten. Das ist die Urfrage: Kann ich meinem Gegenüber trauen? Oder grinst der aus unerklärlichen Gründen irgendwie verräterisch, und sei es nur unmotiviert dämlich? Ich verstehe den Mann nicht; vielleicht ist es ja nur Verlegenheit. Dritter Punkt: Politische Verantwortung wiegt schwer. Und die handelnden Personen verdienen unseren Respekt. Gerade jetzt, wo unsere Staatsbürgerdisziplin gefordert ist. Respekt gegenüber den Regierenden. Auch, wenn sie grotesk überernährt sind und irgendwie schräg grinsen. Ich äußere mich prinzipiell nicht zynisch über Politik, aber behalte doch meine Bürgerrechte. Auch gegenüber dem Leiter des Bundeskanzleramtes, den Angela Merkel da erwählt hat. Diesen HELGE BRAUN finde ich, jetzt ist es raus, irgendwie komisch. Ich fremdle. Der ist nicht wie HELMUT SCHMIDT bei der Springflut oder CHURCHILL, als er dem Unterhaus „blood, sweat and tears“ versprechen musste. Eher wie LUDWIG EHRHART, der Zigarre rauchend und wohlgenährt seine Landsleute zum MASSHALTEN aufforderte, als es vielen noch eher schlecht als recht ging. Er wirkt auf mich linkisch. Der Mann fordert mich zum Radfahren auf. Kann ich dessen Rad mal sehen? Trotzdem folge ich im Wesentlichen seinen Anweisungen , also denen, seiner Runde. Ich bin Preuße und werde es bleiben.
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Immer schon habe ich so gelebt, wie jetzt alle leben sollen. Selten war ich zu großfamiliären Treffen von mehr als fünf Personen aus mehr als zwei Haushalten, nie zu sippenhaften Weihnachtsfeiern oder auf Hochzeiten mit dreihundert Gästen oder zu evangelischen Gottesdiensten westfälischer Sekten. Beim Einkaufen lag mir immer schon sehr am gehörigen Abstand; nur Touristen aus Asien hatten das anders gelernt, davon allerdings einige mit Maske. Die Begrüßung „Küsschen links / Küsschen rechts“ vollzieht man für meine Begriffe englisch, also nur angedeutet und kontaktfrei. Nicht dass Aerosole nicht doch gefährlich sein könnten und ich auch nur eine Spur der Arroganz gegenüber den Infizierten hätte. Wir sind hier alle in Gotteshand. Jenen, die das wahllose Virus erwischt hat, jede Fürsorge und von Herzen gute Genesung. Aber man kann, so hoffe ich, vorsichtig sein oder, so fürchte ich, fahrlässig oder gar grob fahrlässig. Nehmen wir Silvester. Mit tausend Besoffenen nächtens auf der 17. Juni open-air-Knutschen? Eher nicht. Nie. Nach dem Essen in kleinem Kreis und einem guten Schluck ist es auch schon vorgekommen, dass ich die mitternächtliche Knallerei schlicht verschlafen habe. Also zwingt mich der Lockdown nicht zu wirklichem Verzicht. Außer vielleicht dass die gute KÜCHE der GASTLICHKEIT ausfällt. Der wöchentliche Termin im BORCHARDT, im BÄREN, der TRAUBE oder dem VECCHIA , die Weihnachtsferien im SÖLLRING HOF oder dem CHOMBARD, der Martini bei HARRY, alles Sense. In Venedig Hochwasser ohne mich; sehnsüchtig sehe ich die Fernsehbilder. Nun, das ist schon ein Verzicht. Mehr aber nicht. Möge das allgemeine Meiden allgemein nützen.
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Overbeck wird Kanzler
Der amtierende Vizekanzler und Finanzminister Olaf Scholz will Vorsitzender seiner Partei, der SPD, werden. Er verband seine Kandidatur mit der Ankündigung einer Reichensteuer, die die Klientel der SPD beseelen soll. Wer ist der Mann, dessen Image zwischen dem eines seriösen Hanseaten und dem Ruf eines Apparatschiks namens Scholz-o-mat schwankt? Unser Autor Klaus Kocks blickt hin und ist wenig begeistert.
Bei Ereignissen von historischer Bedeutung erinnert man sich in der Regel an den Ort, an dem man sie zuerst erfahren hat. So ging es mir, als mein Smartphone die Vorabmeldung der BILD am SONNTAG puschte, dass Olaf Scholz noch immer Kanzler werden wolle und nun auch, Sensation, SPD-Chef, ein Posten, der bis dato als unbesetzbar galt. Ich stand im braven Münster in Westfalen vor dem Antiquariat Solder. Der beschauliche Ort ist fernsehbekannt, weil hier die ZDF-Krimi-Serie gedreht wird, in der ein gescheiterter Jurist und Buchhändler namens Wilsberg als Privatdetektiv agiert.
„Oh je“, schoss es mir durch den Kopf, „Overbeck hat Ambition!“ Overbeck ist dem TV-Publikum als der Vize von Hauptkommissarin Anna Springer bekannt, ein Mann, der viel von sich hält. Wenn Scholz von Merkel die Kanzlerschaft übernimmt, dann kann Overbeck auch die Mordkommission in Münster leiten.
Statt Soli jetzt eine neue Reichensteuer
Zunächst zur Sache, dann zur Person. Olaf Scholz verbindet seine Ankündigung in der BamS mit einem klaren Rechtsbruch. Es geht um den Soli, eine Abgabe, die für den Aufbau Ost als eine Sonderlast der deutschen Wiedervereinigung erhoben wurde. Das Geld floss nicht nach Gelsenkirchen, sondern nach Bautzen; und es war keine allgemeine Steuer, mit der der Staat nun machen kann, was er will. Die Bürger haben diese Abgabe getragen, weil ihnen versprochen wurde, dass sie zeitlich begrenzt sei und sicher wieder abgeschafft werde.
An dieses Versprechen will sich Olaf Scholz nicht mehr gebunden fühlen, jedenfalls nicht, was die Millionäre in diesem Land betrifft. Der Soli soll für 96,5% der Bevölkerung abgeschafft werden, aber nicht für jene 3,5%, die die Sozis für „Millionäre“ halten. Hier soll er bleiben oder ersatzweise eine Reichensteuer erhoben werden. Das dient dem allgemeinen Sozialneid und hebt die Stimmung in der Arbeiterpartei SPD, so jedenfalls das Kalkül. Es ist aber eine Strafsteuer gegen jene, die ohnehin schon den Spitzensteuersatz zahlen und auch am Soli einen deutlich höheren Anteil hatten als alle anderen. Ein solcher Wortbruch soll Stimmen bringen; er ist trotzdem schlicht unanständig. Früher galt Anstand in der SPD was. Zur Tonlage des Umverteilers Scholz gehört, dass er die Reichensteuer nur moderat gestalten will und sich selbst zu den Millionären zählt, die davon betroffen sein sollen. Die Vorstellung eines Sozialismus mit sympathischem Antlitz prägt seinen Weg seit Juso-Zeiten, in denen er einst dem krypto-kommunistischen STAMOKAP-Flügel angehörte.
Es gibt mindestens drei Scholze
Wer Olaf Scholz aus der Nähe erlebt, kann ganz unterschiedliche Erfahrungen machen. Ich sitze im Hörsaal der Bonner Uni und Scholz kämpft sich durch ein Manuskript zu einem von ihm selbst gewählten Thema. Es ist ein wirkliches Elend, wie schlecht der Mann spricht. Von Zeile zu Zeile fremdelt er mit seinem eigenen Text, dessen Vorlesen nicht einmal unter Sonderschullehrern als „sinnbetont“ hätte gewertet werden können. Am Ende, als es endlich geschafft ist, ist der Saal peinlich berührt. Ich höre aus der Reihe hinter mir das böse Wort vom „Scholz-o-maten“, einer Sprechpuppe, die irgendjemand aufgezogen hat, damit sie Sprachregelungen absondern kann. So kennt die Hauptstadtpresse ihn aus früheren Funktionen.
Danach, zweite Rolle, eine ganz passable Teilnahme an einer Diskussionsrunde. Der gelernte Arbeitsrechtler ist diszipliniert, hört zu, wirkt konziliant, gelegentlich gar witzig. Sein Lächeln hat zwar etwas Gequältes (mein Hintermann vermutet, dass die Milch sauer werde), aber bei aller Zwanghaftigkeit der Körpersprache kommt doch hier und da Sympathie auf. In Hamburg sollen die Menschen diesen Stil des verkniffenen Pfeffersacks sogar mögen. Dritte Rolle: Beim Essen in kleinem Kreis zeigt sich Scholz als konversationsstark, zugewandt, gebildet; ein ganz anderer Mann. Nun könnte man die Frage, wie Scholz wirklich ist, dadurch lösen, dass man ihn mal privat erlebt. Das ist mir aber bisher nicht vergönnt. Ich kenne auch niemanden, der schon mal in der Mietwohnung in Potsdam war, die er mit seiner Frau, einer Ministerin in Brandenburg, teilt und die einem bekannten Lobbyisten gehören soll. Den Menschen hinter dem Funktionär kennen wir nicht.
Kein Volkstribun, ein Funktionär
Spricht gegen den künftigen Kanzler Scholz, Chef einer künftigen rot-rot-grünen Bundesregierung, dass er sich als Parteifunktionär hochgedient hat? Nein. Das spräche dann ja auch gegen Michael Müller, den Regierenden in Berlin, der noch nie eine Wahl gewonnen hat. Und Scholz hat Wahlen eindrucksvoll gewonnen, nur nicht innerhalb der SPD, deren Chef er jetzt werden will. Die Genossinnen und Genossen mögen ihn nicht. Aber das ist weiß Gott kein Urteil, auf das man etwas geben könnte. Diese Partei hat schon immer ein pathologisches Verhältnis zu ihrer eigenen Führung gehabt, zu den charismatischen Figuren wie Oskar Lafontaine und den verkniffenen wie Rudolf Scharping. Andrea Nahles war es übrigens, die den Sturz von Scharping, ihrem historischen Förderer, mit einer Freudenfete auf dem Parteitag gefeiert hat. Bätschi. Es gibt so etwas wie einen gleichzeitigen Anarchismus und Stalinismus in der SPD, sagt mir ein langjähriger Vorsitzender des Vereins, der es nun wirklich wissen muss. Nun also der Zwangscharakter aus dem Finanzministerium als Willy-Brandt-Impresario.
Doppel- oder Dreifachbelastung
Scholz hatte eine Kandidatur für den SPD-Vorsitz ursprünglich abgelehnt, weil man die zeitliche Belastung von zwei oder drei Ämtern nicht aushalte. Das ist ein Argument, die Belastung ist hoch. Wie kann man eins der vermaledeiten Ämter wieder loswerden und trotzdem den Kanzler geben? Er könnte, sollte sich das mit der Überlastung beweisen, den Trick anwenden, den Gerhard Schröder schon mit Müntefering vollbracht hat und jüngst Merkel mit jenem Wesen, das sie in der Hauptstadt nur noch AKK nennen: Ämterteilung. Weg mit dem Finanzministerium. Overbeck wird Kanzler und SPD-Chef. Wer wird dann aber Finanzminister? Ich habe einen Steuerfachmann, den ich dazu vorschlagen möchte: Ekki Talkötter.
Quelle: starke-meinungen.de