Logbuch
BISSCHEN SCHWUND.
Der Mensch ist begabt, nach Höherem zu streben. Siegreich berührt er Gipfelkreuze in ungeahnter Höhe. Die Krone der Schöpfung. Ein leerer Wahn.
Bei der Besteigung eines Achttausenders sind fünfzig Bergsteiger über einen verunglückten und gerade sterbenden Hochträger gestiegen, ein Teil dabei dann schon über dessen Leiche, weil es galt, das Wetter auszunutzen. Der Sherpa ist in seinem Seil kopfüberhängend in den Abgrund hängend verreckt. Man hatte das kommen sehen, weil er nur unzureichend ausgerüstet war.
Ich kann mich über die Sensationen dieses Typs nicht mehr richtig empören. Allenfalls erwähnenswert, wie von dem Wahn nur noch die reine Form bleiben kann. Das ist nicht mehr Wandern oder Sport, es ist Wahnsinn. Sieger sein über die Natur. Übrigens sind schon neunzig weitere Opfer dem K2 genannten Gipfel geschuldet. Ich erinnere ein Treffen mit Reinhold Messner und meine Verstörung darüber, wie leer der Mann ist.
Nehme mir vor, heute mal was Wesentliches zu machen. Auf der 17. Juni vor dem Ernst-Reuter-Platz steht bei Wind und Wetter ein Wohnungsloser, der den an der Ampel haltenden Autofahrern die Obdachlosenzeitung anbietet. Gestern bin ich an ihm vorbeigefahren, weil ich gerade telefonierte. Das ist sonst nicht meine Art. Ich fahr heute mal eigens da lang.
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SCHÜLER*INNEN.
Ich vermute, es war der wortgewaltige Martin Luther, der die SCHÜLER des Jesus von Nazareth mit dem Begriff JÜNGER belegt hat. Schräg. Es waren seine Anhänger, Gefolgsleute, Lehrlinge, Fans. Und den Nachfolgern dann auch Augenzeugen. Von mir aus auch APOSTEL (Gesandte); aber da bin ich mir nicht so sicher.
Im Englischen nennt man die 12 Gesellen DISCIPLE, was dem Lateinischen für SCHÜLER entspricht. Mein Lateinlehrer pflegte uns stets mit „Salve discipuli!“ zu begrüßen. Wir antworteten im Chor: „Salve magister!“ Moin Schüler, Moin Lehrer. Darüber sinniere ich, den amtierenden Papst im Fernsehen sehend; was für ein bräsiger alter Sack ganz eigener Bigotterie.
Die Katholischen unter uns mögen mir verzeihen, dem Agnostiker. Aber ich habe noch härteren Stoff. Jesus soll nur mit Kerlen abgehängt haben? Glaube ich nicht. Ich habe nicht nur jene Zeugnisse gelesen, die die klerikalen Bonzen anerkannt haben (die zwölf Jungs), sondern auch die Apokryphen, verworfene Zeugnisse der Lehrlinge (siehe oben). Danach ist die männliche Linie, nach der Jesus nur mit Typen rumgemacht hat, strittig.
Die apostolische Linie des Petrus bis hin zu dem heutigen Papa ist nämlich nur eine Variante. Es gibt auch eine Mama-Linie. Der Nazarener war begleitet von drei Frauen. Da war seine Mutter, Maria, genannt die Jungfrau. Und da war seine Schwester (soviel zum keuschen Status der Unbefleckten). Und da war seine Geliebte Maria Magdalena. Das war sein hood. Der Geltungsanspruch der boy group ist daher mehr als wackelig.
Wer hat den Auferstandenen zuerst gesehen? Keiner der Kerle! Seine Konkubine! Ich sage nur: „Peck mich nich an!“ Besser bekannt als „Noli me tangere!“ Warum hat er das zu Maria Magdalena gesagt? Na, wegen alter Gewohnheiten. Dem patriarchalischen Konkurrenzkampf, der darauf folgte, ist die Diskreditierung der Maria Magdalena als Prostituierte zu verdanken. Männlicher Chauvinismus. Es kann sein, dass Jesus mit den Jungs essen war, sogenanntes Abendmahl; aber gelebt hat er mit den Weibern, nämlich Mama, Schwesterchen und Geliebter.
Gemälde des 17. Jahrhunderts zeigen Maria Magdalena noch halbbekleidet. Und ich muss sagen, der Alte hatte echt Geschmack.
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BARMHERZIGKEIT.
Ich kann von dem Berliner Krankenhaus namens BARMHERZIGKEIT nicht reden, ohne dass mich eine gewisse Sentimentalität angeht. Der sterbende Bertolt Brecht hat hier sein letztes Gedicht geschrieben, das an Größe nicht zu übertreffen ist.
Heute ist die gelernte Bettenburg der DDR eine moderne Klinik, schon organisatorisch ein Meisterwerk; ich darf das sagen, weil ich drei Jahrzehnte in der deutschen Industrie verbracht habe und weiß, wie Missmanagement geht. Man riecht das nach einiger Zeit und sieht es schon an Details. Ich höre stets am Ton der Domestiken, ob die Herrschaft was taugt.
Also, ich bedanke mich bei meinem Operateur für gute Arbeit und er erwidert, der glückliche Ausgang sei dem Umstand geschuldet, dass ich ein guter Patient sei. Wenn nicht glatt gelogen, so ist das doch übertrieben. Aber der kleine Dialog hinterlässt uns beide als Sieger. Wie klug.
Im Wartebereich hängen die Motive einer Imagekampagne an den Wänden. Mein Fach. Und ich staune: wirklich gut gemacht. Die Themen stimmen, der Slogan passt. Glatt getextet, interessant fotografiert, raffiniert gestaltet. Wer so für sich wirbt, kann nicht doof sein. Und das bei dem miefigen Erbe des Sozialismus in dieser Stadt der dreisten Inkompetenz.
Ich habe heute keinen Skandal zu beklagen und keine Idioten zu geißeln. Vom Pförtner bis zum Patrizier alles patent. Das ist das Ende der Literatur, jedenfalls des Journalismus. So kann kein Mensch bloggen!
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Redest du noch oder pöbelst du schon?
Die Konversation, das Miteinander als Unterhaltung, ändert sich allerorten. Das Weiße Haus redet als Regierung wie ein zügelloser Zecher am Stammtisch. Selbst gesetzte Wutbürger schlagen in der Politik einen Ton an, den man früher eben nicht als bürgerlich bezeichnet hätte. Die Hassrede wird Gemeingut. Allenthalben herrscht ein Informalitäts-Gebot; man muss unbedingt locker sein. Unser Autor Klaus Kocks fragt nach den politischen Konsequenzen der neuen Alltagskultur.
Eine Gesellschaft besteht ausschließlich aus der Kommunikation, die sie bildet. Das hat der große Soziologe Niklas Luhmann gesagt. Wenn das stimmt, besteht Anlass zu tiefer Sorge. Die Menschen verlieren den Respekt vor einander, weil sie keinen Respekt mehr vor der anderen Meinung haben. Oder der anderen Religion oder Hautfarbe. Den Ton beherrscht dabei ein Zwang zur Originalität, zum allseits und immer Lockeren, der Privatheit verletzt und Pöbeln als Ausdrucksform anerkennt. Die neue Distanzlosigkeit muss erschrecken. „Klar, Alta, was ich voll Geiles meine?“
Das Gutsherren-Du
In autoritär geführten Unternehmen herrschte früher ein Umgangston, der sehr genau zwischen den Hierarchien zu unterscheiden wusste; jedenfalls war immer klar, wer den Herrn und wer den Diener zu geben hatte. In der Aktiengesellschaft, in der ich meine ersten Sporen als Manager verdiente, wurde ein sogenannter Gutsherrenton gepflegt. Der Boss in dem Laden adressierte mich, seinen Redenschreiber, also den Stift des Meisters, mit einem „Du“ und dem Nachnamen, mal quasi-kameradschaftlich, mal in harschem Befehlston. Auf akademische Titel wurde gegenüber Untergebenen sowieso immer verzichtet. Im Umkehrverhältnis adressierte man den Vorstandsvorsitzenden, so man überhaupt in der Stellung war, ihn anzusprechen, mit seinem Adelstitel als „Herr von XY“. Es gab Nuancen in dieser Montankultur zu dem Feudalsystem des Absolutismus, allein die Machtfrage blieb auch hier nie offen. Die Struktur stand immer vor der Funktion. Man trug eisenbeschlagene Schuhe („Budapester“) und dreiteilige Anzüge in grauem Flanell, dazu selbstverständlich Krawatte.
Smart & casual
Heute ist es in den Unternehmen ganzjährig wie im Rheinland an Weiberfastnacht; der Schlips ist weg. Ich habe noch in einem großen Verlagshaus erlebt, wie die versammelten Manager sich den Binder vom Hals rissen, wenn der CEO „sans cravate“ dem Firmenflieger entstieg. Sie nannten ihn, den Herrn Doktor an ihrer Spitze, damals salopp „Big T“, weil sein Vornahme Thomas lautete. Es begann ein Wandel von der alten Firmensprache hin zum Idiolekt der Ghetto-Gangs. Man pflegt seitdem eine Anredeform, die sich „on first names“ nennt und selbst vor Spitznamen nicht zurückscheut. Dazu hat der Vorstandsvorsitzende, jetzt „chief executive officer“, seinen christlichen Taufnamen auf eine einsilbige Kurzform heruntergekürzt, die dem amerikanischen Idiom entgegenkommt. Es ist wie in dem Kinderlied, „Jill and Joe“ sind darob happy und froh. Man trägt keine Krawatten, oft gar eine ausdrückliche Freizeitkleidung, die sich selbst als „smart casual“ definiert. Turnschuhe im Büro gehen auch. Ich bin irritiert: Zwischen dem Plauderton von Schulmädchen und Personalentscheidungen des Aufsichtsrates besteht im Stil kein Unterschied mehr. Und so hat es den Anschein, als stehe nun die Funktion über der Struktur. Weil ja nur noch Leistung zähle… Das ist ein Trugschluss. Am Ende des Tages macht der Boss das Licht über deiner Karriere aus, wenn ihm danach ist. Auch wenn er nun nicht mehr Heinrich von Plittwitz heißt, sondern Joe Kaiser.
Pöbelnde Propaganda
Mein Onkel Heinz, der nach dem Krieg als ehemaliger Marineoffizier zum gehobeneren Teil der Familie gehörte, war Nachrichtenchef im Bundespresseamt unter Adenauer. Er gab sich stets die allergrößte Mühe, als Diplomat zu erscheinen. So war er sehr darauf bedacht, seine proletarischen Wurzeln als Sohn eines Bergmanns nicht mehr aufscheinen zu lassen. Der Regierungssprecher, sein Chef, war damals, wenn ich mich recht erinnere, auch Offizier und ein Herr mit Adelstitel. Die Regierung war, so wie die Banken, wie die Unternehmen, ein geordneter Raum. Nie hätte mein Onkel Heinz für möglich gehalten, was uns heute als regierungsamtliche Kommunikation aus dem Weißen Haus erreicht. Donald Trump pflegt, vermutlich von der Bettkante, einen Twitter-Stil, der nicht nur informell ist, sondern ganz bewusst die Grenze zum Stammtisch überschreitet. Seine Sprache wird als rassistisch erlebt. Der Mann wertet rigoros, ja, er pöbelt, was die durch ihn reicher gewordene Upper Class an der Wall Street hinnimmt und den Lastwagenfahrer Joe Sixpack im Honky Tonk erfreut. Es findet eine rhetorische Deregulierung des Ghetto-Slang und der Schmährede statt, und zwar von höchster Stelle. Wie weit man sinken kann, erlebt, wer die Boulevardzeitungen liest, die die englischen Rechtspopulisten auf ihrer Mission begleiten. Dem entsprechend heißt der amtierende Premierminister zwar nicht kurz und knackig Joe, aber eben doch BoJo.
Ruinierter Respekt
Wer die vergangenen Zeiten Deutschlands noch mal besichtigen möchte, der reise nach Österreich. Hier heißen die Braunen zwar Blaue oder Freiheitliche, aber ansonsten stimmt halt noch der bourgeois-feudale Ton. Ein respektloser Respekt macht den Umgang aus. Man spürt noch, das ist die Stadt von Karl Kraus. Im Kaffeehaus sagt der Kellner zu meiner Freude nicht nur „Küss die Hand, Gnä Frau“, sondern auch: „Und wenn einer gar nichts ist, dann sage ich halt „Herr Geheimrat“. Jedweder Fachhochschüler wird hier mit „Magister“ adressiert. Es ist fast wie in Italien, wo schon ein regelmäßiger Besuch der Mittelschule zu einem lebenslangen Titel als „dottore“ in der Anrede führt. Im Ernst: Die Adelstitel sind bei uns abgeschafft (seit 1919) und selbst der Doktortitel ist Namensbestandteil. Das aber ist er. Einen promovierten Akademiker unter Verzicht auf den Titel anzureden, dieses Privileg ist ausschließlich eben solchen vorbehalten. Eine weitere Gradierung besteht darin, mit welchem Prädikat der Herr Kollege oder die Frau Kollegin abgeschlossen hat, und wo. Ich darf das hier erwähnen, weil ich ein „summa cum laude“ mein Eigen nenne; leider nur an einer staatlichen Universität; für Oxbridge hat es bei mir finanziell nicht ganz gereicht. Was ist das hier, wovon vermeintlich geschwärmt wird? Die überkommene Etikette einer Standes- oder gar Klassengesellschaft? Ja! Was spricht für sie, außer einer verquasten Nostalgie? Es gab ein formales Gerüst des Respekts. Das ist bei Jill & Joe ruiniert. Im Informalitätsgebot der neuen Zeiten führen das allgemeine Duzen und die Enttabuisierung der Schmährede nicht zu mehr Achtung vor der Privatsphäre, sondern zu weniger. Jeder Übergriff scheint legitim.
Wut & Hass
Wer die Konversation, wenn man das so nennen darf, auf Facebook, vor allem aber auf Twitter verfolgt, kann dem Trend zur Wut- und Hassrede nicht entgehen. Es wird rigoros diskriminiert. Selbst geringe Differenzen eskalieren zu fundamentalen Auseinandersetzungen. Das Privileg des Pöbelns bleibt nicht auf die Präsidenten und Premiers, die Köpfe des Populismus, beschränkt, es wird zur Volkstugend. Der obligatorische Achtungsabstand vor der Meinung eines anderen ist dahin. Viele Pöbler sind zudem im Schutz der Anonymität einer Sockenpuppe unterwegs. Heckenschützen, feige auch noch. Das verändert das politische Klima. Politik selbst konzipiert sich nach etwas, das sie selbst „Verhetzungspotenzial“ nennt.
Das ist die neue Schere im Kopf: „Was könnten niederträchtige Gegner oder auch nur schlecht gelaunte Trolle aus meiner Äußerung anschließend machen?“ Und der Debattenstil wandelt sich in zwei Schritten gen Abgrund. Der erste ist das Ersetzen einer abwägenden Beurteilung durch eine rigorose moralische Kategorisierung. Es ist nicht mehr die gemächliche Waage der Justizia, die uns leitmotivisch vorschwebt, sondern die „Schubläden von gut und böse“ der Moralaposteln, in die jeder Vorgang rechts oder links gesteckt wird, ob nun ethischer Natur oder nicht. Im zweiten Schritt geht es auf das Schafott. Wo sich Empörung entfalten lässt, bahnt sie sich den Weg zur Guillotine. Man will Köpfe rollen sehen. Gelegentlich nicht mal sprichwörtlich, sondern wirklich. Das ist nicht, was Marquis Posa sich vorgestellt hat, als er forderte: „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!“
Quelle: starke-meinungen.de