Logbuch
KING OF SATIRE.
Jeremy Clarkson hat es zu Weltruhm gebracht, indem er schlechtes Benehmen zeigte, unverschämt war, auch vor persönlichen Beleidigungen nicht zurückschreckte und in allem einem pubertantem Männlichkeitskult folgte. Er war sarkastischer Autor von sogenannten Meinungskolumnen, Autotester der BBC mit dem erfolgreichsten TV-Format aller Zeiten, Protagonist und Produzent eines Farmer-Story in Wales. Immer mischte sich Kritik mit Klamauk, Motorjournalismus mit Comedy. Ich habe ihn gekannt, weil ich damals für einen großen Autohersteller arbeitete und um sein Wohlwollen bemüht war.
Mit den besten Empfehlungen ausgestattet näherte ich mich ihm, nur um zu erfahren, dass er mich, den Deutschen, gegenüber Dritten als „Nazi prat“ adressierte. Er sah das als sein Recht an und ich winkte es kommentarlos durch. Danach war Ruhe. Man muss die Grundregel verstanden haben: Lieber einen guten Freund verloren, als einen Gag ausgelassen. Leute zu beleidigen ist ein Geschäft, nichts Persönliches…
Jetzt hat er Prostata-Krebs und macht daraus eine große Nummer. So wie ich seinerzeit nicht zu beleidigen war, bin ich jetzt frei von Rachegelüsten; ich werde das nicht kommentieren und beobachte seine larmoyante Inszenierung der Remission mit Mitgefühl und Entsetzen darüber, wie man selbst aus dem nahen Tod eine Comedy machen kann. Möge der Herr gnädig sein und ihm einen weiteren Triumph gönnen; im Himmel kann er mit dem Arsch eh nix anfangen.
Jetzt warum ich ihn liebe. Nie hat er eines meiner Autos zerrissen. Nicht eines. Aber es gibt einen verbotenen TV-Beitrag für TopGear, wo er einen in England zusammengewichsten Schlitten aus US of A in den Hof einer Farm fährt, das Schiebedach öffnet, mit dem Gülle-Trecker vorfährt und die Karre durch’s geöffnete Schiebedach vollständig mit Gülle volllaufen lässt. Er fand den halt Scheiße. War diskriminierend, deshalb zurecht verboten, aber ein sehr großes Vergnügen.
Wer so was als King of Satire kann, sollte nicht im Alter zu Demut gezwungen werden. Lieber Gott, winke ihn durch.
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HEIMATLIEBE.
Es gibt unter Paukern an der Penne (Gymnasiallehrern) eine Hierarchie, wenn nicht mehrere. Zunächst ist da der Gesichtspunkt der Fachlichkeit; mit einem Mathematiker ist schlecht streiten oder dem altsprachlichen Kollegen, zumal wenn selbst schwach in Mengenlehre oder Homer. Dann ist da die andere Elite, die eigene Räume im Schulkomplex hat, während die restlichen Pauker wie eine Hammelherde im Lehrerzimmer aufeinander hocken; die für Chemie, Physik und Kunst. Sie haben Vorbereitungsräume, hier wird geraucht und Allohol konsumiert. Dann sind da noch zwei Funktionseliten, eine mit Überläufern zur Schulleitung, also jene, die mit am Stundenplan basteln, und die Kollaborateure mit der Schülervertretung, Vertrauenslehrer genannt. Das ist das allerletzte.
Ich selbst habe drei Laberfächer vertreten, war also unter jedwedem Kriterium eine Nullnummer. Noch weniger Achtung genoss der Kollege mit Geographie als Fach. Ein Erdkundelehrer gilt nun wirklich aller Orten als Dampfplauderer. Ich finde, zu Unrecht. Noch immer habe ich eine mündliche Abiturprüfung, bei der ich protokollierte, in Erinnerung, in der der Pennäler erklären sollte, warum bei Deutschen der Rhein sagenumwoben, bei Österreichern die Donau, aber von der Elbe einfach gar nichts Kulturelles berichtet wird.
Von der Mosel weiß man zu singen, vom Main ist nichts berühmt. Die Weser ist ein schwarzes Loch, wie die Saar. Das ist mal eine geographische Frage, die die Einbildungskraft herausfordert. An der Länge kann es nicht liegen. In allen Fällen werden die Wässer der Anhöhen in ein Meer geleitet, um dort verdampfen zu können. Das ist elementar. Warum ist es am Rhein so schön? Warum die Donau schön und blau? Hier verbirgt sich ein Hinweis.
Wer als Moselaner mal im Kremstal war, weiß sich dort zuhause. Die Römer haben hier wie dort die steilen Hänge des Flusses zum Weinbau genutzt. Es ist der Allohol, der die Phantasie der Römer wie all ihrer Nachgeborenen entzündete. Wer hätte je von Elbwein gehört. Oder käme auf die Idee, den Nibelungenschatz in diesem langweiligsten Gewässer aller Zeiten zu vermuten. Weinbau, das ist Antwort.
Wie immer ist die erste Wahrheit nur die halbe. Die großen Flüsse waren nicht nur Wasserstraßen, sondern auch Grenzziehungen. Sie haben uns die ganz unliebsamen Nachbarn vom Hals gehalten. Das will ich jetzt nicht ausführen, weil es politisch missdeutet werden könnte. Zum Beispiel von dem gelernten Turnlehrer in Thüringen, der an seiner Schule Vertrauenslehrer war. Mehr muss man über den eigentlich nicht wissen.
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APOCALYPSE NOW.
Gestern, einem heißen Sommertag abschließend, ein sehr kräftiges Gewitter mit Hagel. Apokalyptisch. Gleichzeitig lese ich von Johannes Fried eine „Geschichte des Weltuntergangs“, genauer der Weltuntergänge, die sich jede Generation neu vorgestellt hat. Das Buch hat den Titel „Dies Irae“, sprich Tage des Zorns. Das trifft den Kern. Das Jüngste Gericht hat mit einem strengen Urteil zu erwarten, wer sündigte. Wir denken uns unseren Gott als rachsüchtig. Irgendwann ist die allfällige Vergebung der Sünden mal aufgezehrt; dann gibt es Hölle auf Erden. Die Apokalypse ist die ultimative Erfüllung der Wünsche des Masochisten.
Dazu ein Beweis, ein Witz und eine politische Bewertung. Sagt der Masochist zum Sadisten: „Bitte quäl mich!“ Sagt der Sadist zum Masochisten: „Nein!“ Grüne Politik ist im Kern religiös; ihr dient der Weltuntergang nur als Hilfsargument für Symbolhandlungen der Selbstkasteiung. Jetzt der Beweis.
Das Erdbeben in Chili
In St. Jago, der Hauptstadt des Königreichs Chili, stand gerade in dem Augenblicke der großen Erderschütterung vom Jahre 1647, bei welcher viele tausend Menschen ihren Untergang fanden, ein junger, auf ein Verbrechen angeklagter Spanier, namens Jeronimo Rugera, an einem Pfeiler des Gefängnisses, in welches man ihn eingesperrt hatte, und wollte sich erhenken. Don Henrico Asteron, einer der reichsten Edelleute der Stadt, hatte ihn ungefähr ein Jahr zuvor aus seinem Hause, wo er als Lehrer angestellt war, entfernt, weil er sich mit Donna Josephe, seiner einzigen Tochter, in einem zärtlichen Einverständnis befunden hatte. Eine geheime Bestellung, die dem alten Don, nachdem er die Tochter nachdrücklich gewarnt hatte, durch die hämische Aufmerksamkeit seines stolzen Sohnes verraten worden war, entrüstete ihn dergestalt, daß er sie in dem Karmeliterkloster unsrer lieben Frauen vom Berge daselbst unterbrachte. Durch einen glücklichen Zufall hatte Jeronimo hier die Verbindung von neuem anzuknüpfen gewußt, und in einer verschwiegenen Nacht den Klostergarten zum Schauplatze seines vollen Glückes gemacht. Es war am Fronleichnamsfeste, und die feierliche Prozession der Nonnen, welchen die Novizen folgten, nahm eben ihren Anfang, als die unglückliche Josephe, bei dem Anklange der Glocken, in Mutterwehen auf den Stufen…
Was sage ich? Nonnen kriegen Kinder der Liebe. Gut so. Es ist das schlechte Gewissen des vollen Glücks. Beides.
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Clowns an der Macht
Der amerikanische Präsident gilt als eitel und minderbegabt. Der englische Premierminister als ein Scharlatan. In beiden Ländern, sagen die Kommentare, sei die Lüge an der Macht. Fremdschämen allenthalben über das miese Niveau der Herrschenden. Unser Autor Klaus Kocks warnt vor vorschnellem Spott.
Seriös sei das nicht, was in Amerika und England da an PR-getriebener Politik veranstaltet wird, finden die „Altparteien“. Das amüsiert die spaßigen Erfolgspolitiker, die sich diesen Begriff der Altparteien ausgedacht haben. Und den der Systemmedien. Der Populist lebt vom anti-elitären Syndrom. Man darf aber das diabolische Potenzial der vermeintlichen Trottel nicht unterschätzen. Denn, bei Licht besehen, ist der Spott über Donald Trump und Boris Johnson zu billig, weil unpolitisch. Die hochgezogenen Augenbrauen verstehen nämlich nicht, dass das Lächerliche dieser Figuren in den Augen des Betrachters liegt, nicht in dem Objekt der voreiligen Missbilligung selbst. Schon immer waren Macht und Mythos liiert, eine Neigungsehe zwischen Herrschaft und deren Theatralisierung. Die Geschichte ist voller Lügen dieser Art: Napoleon war ein herrschsüchtiger Zwerg, Cäsar lag mit sehr korpulenten Männern im Badehaus, Nero, der Irre, hat sich den Brand Roms zuzurechnen lassen und Caligula, ein anderer Kaiser, schließlich sein Pferd geheiratet. Der Mythos, auch wenn ein dreistes Märchen, schadet Macht nicht, er begründet sie.
Spaltung des Publikums
Adolf Hitler war für den amerikanischen Komiker Charlie Chaplin eine rundheraus alberne Figur, die er nur zu kopieren brauchte, um sie dem allgemeinen Gelächter auszusetzen. Für seine Gefolgsleute, immerhin eine Mehrheit im deutschen Volk, wirkte der „Führer“ aber nicht lächerlich. Der italienische Faschistenführer Benito Mussolini mag von Widerstandskämpfern als Waldschrat verspottet worden sein; seine Anhänger verehrten den kleinen dicken Mann als heroischen „duce“. Wir mögen im Zeitalter der gesetzten Damentrios (AM, UvdL, AKK) irritiert sein, wenn sich Putin mit nacktem Oberkörper bei der Jagd zeigt; viele russische Seelen fremdeln ob des starken Mannes eben nicht. Die Welt ist ein Theater. Die neuen Helden spalten ihr Publikum. Und zwar mit politischem Kalkül.
Politisch inkorrekt aus Vorsatz
Wenn die bildungsbürgerliche Brille Aufsteiger betrachtet, die aus einfachen Verhältnissen emporgekommen sind, so neigt sie zur Betonung der kulturellen Defizite und der unfreiwilligen Komik dieser Zukurzgekommenen, die es auf den Thron geschafft haben. Gelegentlich geht es um mehr als Bildungsdefizite. Dann nämlich, wenn die Polemik in Rassismus abgleitet oder in andere Tabubrüche massiver Art. Aber, aber… Erlauben wir uns ein Gedankenexperiment: Betrachten wir den muskulösen Putin auf der Bärenjagd aus den Augen des Bauern, der von seiner Hände Arbeit nicht mehr leben kann und den glorreichen Zeiten der russischen Weltmacht nachtrauert. Dem gefällt das Bild, weil er es als Symbol liest. Und Putin gefällt seine Lesart, weil sie seine Macht begründet. In den Public Relations, der PR, ist man mit den Mitteln nicht zimperlich. Ebenso PR ist die Inszenierung von Trump und Johnson als Kämpfer wider das Establishment, wurden beide doch in privilegierte Umstände hineingeboren.
Nützliche Idioten
Wollen wir gar behaupten, dass die Clowns an der Macht aus einer raffinierten Strategie so handeln? Spielen die Irren an der Macht das Irre nur? Werden wir als Wähler also verschaukelt? Ja klar, aber das gilt immer und ist hier nicht der springende Punkt. Der Populist wird von der Begeisterung seiner Wähler wegen seiner Tabubrüche getragen, nicht trotz dieser. Werden seine Anhänger, die sich über die deftigen Parolen Trumps oder BoJos begeistern, also für dumm verkauft, regelrecht verschaukelt? Die Frage beantwortet sich dialektisch: Ja, sie sind Opfer einer wirklich perfiden Demagogie. Die Clowns spielen mit dieser Rolle und damit mit ihren Anhängern. Nur mit ihren Anhänger oder auch mit ihren Gegnern? Was nun, wenn auch wir, die klugen Kritiker des bösen Clowns, ein unfreiwilliger Teil dieses Spiels sind? Die bildungsbürgerlichen Kritiker der Clowns auf den Königsthronen wären dann nur die nützlichen Idioten in deren Spiel um die Mythen der Macht. Der Autor dieser Zeilen eingeschlossen.
Quelle: starke-meinungen.de