Logbuch
HOFNARREN.
Die Kulturgeschichte der Narren, die die Majestäten belustigen durften, indem sie mit Witz gelegentlich die Wahrheit sagten, ist noch nicht geschrieben.
Aber sie ist reich, diese Narrengeschichte. Nicht alles Zwerge, mancher Titan darunter. Intellektuelle verbargen sich unter der bunten Kappe. Philosophische Kapazitäten im Kampf gegen die kleine Münze der Moral. Charakter gegen die Intrige, die Banalität der höfischen Niedertracht. Der Narr als Erscheinung des Weisen. Nicht immer, aber oft. Ich verehre Narren. Ich bin nachsichtig selbst mit Irren.
Der TAGESSPIEGEL hat seinen Kolumnisten Harald Martenstein vergrault, letztlich entsorgt. Damit beweist er, der als Organ die Ursachen der Dinge aufklären will, wes Geistes Kind er inzwischen ist. In ihm gärt jener biedere Ernst, der den Narren schon lange mundtot sehen will. Ideologisch selbstbewiss sind diese zeitgeistigen Kleinbürger bis an die Grenze der Idiotie.
Was war vorgefallen? Es wurde ein TABU so berührt, dass man vom einem Tabubruch reden konnte, womit nur die Opferung des Lamms den Tempel wieder reinigt. Das Tabu darf laut Philisterkritik nicht gesehen, nicht genannt werden, nicht berührt. So stirbt Satire. Es war nicht mal die IRONIEFALLE, die das Gesagte für das Gemeinte hält, obwohl Ironie das Gesagte niemals meint. Das ist ja der gewöhnliche Tod der Narren.
Es war die FALLE der DIFFERENZIERUNG, wo es den Biederen der neuen Zeiten moralisch geboten scheint, rigoros zu verallgemeinern. Radikal wird Assoziationen Raum gegeben, wo jemand einen feinen Unterschied machen wollte. Volkszorn gegen Verstand. Also das besondere Gift des Kognitiven. Wer darüber den Verstand nicht verliert…
Dass der Inquisitor den Delinquenten sein Todesurteil im Blatt veröffentlichen ließ, gilt nun einigen biederen Nachwuchsnarren als Beweis der Liberalität dieser Inquisition. Innere Pressefreiheit, höre ich, aber doch wohl im Akt der Zensur! Das ist so bitter, dass selbst Narren verstummen. Man forsche: NON EST DEUS.
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ZWANGSEHEN.
Unternehmen haben eine Kultur. Je eine. Die meisten passen nicht zusammen. Das wissen die Schlaumeier an den Börsen aber nicht. Darum scheitern die dort gestifteten Ehen.
Anfang der Siebziger sehe ich mir eine Autofabrik von RENAULT in Frankreich an. Was fasziniert mich? Das Band in der Motorenmontage ist so getaktet, dass sich die Kollegen mit einer Hand Zigaretten drehen können, während die andere den Pressluftschrauber aufsetzt. Die Kippe dann locker im Mundwinkel. Das fand ich als junger Mann toll; Lebensart. Der Hallenboden klebt vom Öl und Fett. In der Mülltonne am Pausenraum leere Weinflaschen.
Dreißig Jahre später in Japan bei NISSAN. Man kann vom Boden essen, hätte meine Frau Mutter gesagt. Picko Bello. Über den Köpfen der Weißkittel Leuchttafeln mit deren Fehlerstatistiken. Der kalkulierte Gesichtsverlust der Arbeiter als Führungsprinzip. Natürlich wird weder geraucht noch gesoffen. NISSAN ist aber leider pleite. Und RENAULT beteiligt sich. Unter dem legendären LOUIS SCHWEITZER, einem Verwandten des ALBERT SCHWEITZER (der Urwalddoktor aus dem Elsässischen) und JEAN PAUL SARTREs (des Philosophen). MITSUBISHI kommt auch noch dazu, zwei Japaner unter französischem Dach. Eine beachtliche Fusion droht damals.
Ich dachte mir: Da bin ich aber mal gespannt. Auf der Pariser Frühjahrsmesse vor 5 oder 6 Jahren sah ich dann das Genie, dass dies konkret bewerkstelligen sollte. Ein Herr Carlos G-Punkt. Hmmm. Zu kurze Hosen, krumm gelaufene Absätze. Ein im Libanon aufgewachsener frankophoner Brasilianer, der beim Reden (er redete laut, sehr viel und sehr schnell) mit den Armen ruderte. Eigentlich wedelte er. Ein agiler Shorty. Kein Urwalddoktor, kein Philosoph weit und breit, nur ein Kostenkiller von besonderen Gnaden. Da dachte ich: Das wird spannend.
Jetzt lese ich ein Buch über ihn, er ist zwischenzeitlich wohl gescheitert, der G-Punkt. Üble Nachrede, zum Beispiel üver diese eine Party in Versailles, die für einen Abend 800.000 gekostet haben soll. Ich weiß die Währung nicht mehr. Angeblich Spesenbetrug. Er hatte zudem verdeckte Aktienoptionen über 140 Millionen Dollar, sagte die amerikanische Börsenaufsicht. Seine Gegner hellwach. Die japanische Justiz war dann irgendwann hinter ihm her. Er soll aus Japan in einem Contrabass-Koffer per Privatflieger in den Libanon geflohen sein. Da sitzt er jetzt mit einem Martini im Schatten eines Zedernhains. Die berühmten Zedern des Libanon. Wehmütig auf eine gescheiterte Ehe blickend. Wundert mich nicht.
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PROVINZKÄFFER. ELENDE.
Ein großer Geist kann aus kleinsten Verhältnissen stammen, aus einem regelrechten Provinzkaff. Ich habe da so meine Erfahrungen. Im Westerwald wie unter den Berliner Kiezen. Nicht-Orte. Jedenfalls keine Schweiz.
Schweiz war früher das Attribut des ganz Besonderen. Also der Ort Bretten im Schwäbischen ist keine Schweiz, sondern von jener spröden Hässlichkeit, die die mittlere Kleinstadt in der tiefen Provinz auszeichnet. Grausig. Ich fahr da auf dem Weg nach Tübingen durch. Dabei war hier im frühen 16. Jahrhundert der Mittelpunkt der gelehrten Welt. Hier schlug der Puls des Fortschritts, damals Reformation genannt. Hinter dem brutalen MARTIN LUTHER stand ein zärtlicherer Feingeist namens PHILIPP SCHWARZERDT. Ein Mann aus Bretten.
Bescheidenheit war allerdings nicht sein Problem. Er nannte sich PRAECEPTOR GERMANIAE, das ist: „der Lehrer Deutschlands“ (im Singular, mit bestimmten Artikel). Der Lehrer der Deutschen. Alle Achtung. Den Mut musst Du in einem schwäbischen Kaff wie Bretten erstmal haben. Er zog dann in ein anderes Kaff, in einem nicht minder öden Landstrich. Es zog den Schwaben zu den Ossis, und zwar nach Wittenberg. Ein Problem war ihm nicht genug. Kennt man in Berlin ja, die Schwaben im Osten.
Wittenberg also. Dort unterrichtete er an der damals berühmten Uni Griechisch. Jetzt kommt es. Was macht der Schwabe Schwartzerdt, der der Meister aller Deutschen werden will? Er benennt sich schlicht um. Aus dem deutschen Begriff der „schwarzen Erde“ wird im Altgriechischen „melanch ton“. So wurde PHILIPP MELANCHTON geboren, der seinen Studenten als griechischer Professor für Griechisch entgegen treten konnte. Meisterlich! Ein PR-Genie.
In Wittenberg war übrigens auch ein Däne edler Abstanmung eingeschrieben, ein gewisser HAMLET. Näheres bei SHAKESPEARE. Aber das ist, man ahnt es schon, eine andere Geschichte.
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Nächtens im Hinterzimmer um Posten schachern: Geht so Politik?
Dem Wähler wurde europaweit versprochen, er habe das Sagen. Er sei der Souverän. Er allein dürfe die Regierung Europas wählen, indem er für das Europaparlament stimmt. Die Erwartung wurde gründlich enttäuscht. Bekommen hat er eine Kandidatin, die Angela Merkel mit den anderen Regierungschefs ausgekungelt hat. Unser Autor Klaus Kocks grübelt nun über das Wesen von Politik.
Wie naiv kann man sein? Alle europäischen Völker stimmen ab und ihr gemeinsamer Wille gebiert dann den künftigen Chef der vereinten europäischen Regierung. Demokratie pur. Ach, wie lauter. Aber Honigkuchen. Es wird nächtens in dubiosen Hinterzimmern zwischen den Regierungschefs um die Posten geschachert und dann holt Angela Merkel unter dem Beifall der anderen Regierungschefs ein Kaninchen aus dem Hut, das gar nicht zur Wahl stand, aber jetzt gewählt sein soll. Das ist Machtpolitik pur, nennen wir es Politik nach Merkel & Machiavelli. Die vermeintlichen Spitzenkandidaten schluckt am Ende das Sommerloch. Überrascht? So naiv darf man eigentlich nicht sein. Aber man gewinnt plötzlich zum eigenen Entsetzen rechtspopulistischen Parolen gegen Europa etwas ab, die eigentlich nur den Antisemitismus des 19. Jahrhunderts aufwärmen. Die Stimmung wird reaktionär.
Wenn Politik das Dunkel sucht
Aber der Reihe nach, denn dies ist ein Lehrstück. Man kann begreifen lernen, wie Politik gelegentlich wirklich funktioniert. Vergessen wir für einen Moment, wie das Leben sein sollte. Und beschäftigen wir uns uns mit der hässlicheren Wirklichkeit. Erstens: Politik geschieht nicht immer im hellen Licht der Aufklärung, sondern oft im Schatten oder gar im Dunkel der Nacht. Es geht eben auch um Intrigen, Ränkespiele, Rache und Gunsterweisungen. Alles Dinge, die man klammheimlich betreiben kann, aber nicht erkennen lassen darf. Das Merkelsche Schweigen, ihr sphinxhaftes Lächeln, das Sich-nicht-in-die-Karten-schauen-lassen passen in dieses Halbdunkel. Man pokert nächtens. Im Dunkeln ist gut munkeln. Erst wenn die Messe in der Krypta gesungen ist, treten die Hohen Priester wieder ans Licht, sprich vor die Kameras.
Vertraulich, daher an geheimen Orten
Zweitens: Politik findet nicht immer auf Marktplätzen oder Foren statt, nur selten in Parlamenten oder Palästen, sondern agiert eben auch aus verborgenen Hinterzimmern. Dort ist das Biotop der lichtscheuen Gestalten, die eigentlich eine lichtscheue Elite sind. Die Brüsseler Bürokratie hat viele dieser geheimen Orte, nicht nur in den gigantischen Bürokomplexen, vor allem in den Casinos der einschlägigen Vertretungen, in den Luxushotels oder auch nur an den Handys der wirklich Mächtigen aus einer Unzahl von Limousinen. Im Hinterzimmer fühlt man sich nicht beobachtet, kann einander also trauen. Der Lateiner nennt das „genius loci“, Geist des Ortes, nämlich die Heimlichtuerei. Man kann die Uhr danach stellen, dass die Spinner beginnen, von Geheimbünden zu faseln.
Das Sagen hat ohnehin nicht das Parlament
Drittens: Man muss die Physik der EU verstehen. Nicht alles, was hier gewichtig klingt, hat auch was zu melden. Die wirklich Mächtigen sitzen nicht im Europäischen Parlament, das eigentlich gar kein veritables Parlament ist. Es hat kein Initiativrecht. Es braucht nicht mal eine 5 % -Klausel. Weil es, lax gesagt, eigentlich nix zu entscheiden hat; das sagt etwas vornehmer selbst das Bundesverfassungsgericht. Das Zentrum der Macht, das ist die Versammlung der Regierungschefs, der Rat. Und diese sind alle demokratisch in ihren Herkunftsländern gewählt; nichts ist dümmer als das englische Argument, dies seien Ungewählte. Die Ratsmitglieder, sprich die Regierungschefs, haben in der EU das Sagen, auch wenn das Parlament bei der Verabschiedung von Verordnungen und Richtlinien in der Regel ein echtes Mitentscheidungsrecht hat. Ich habe mal in dem alten Versammlungsraum des Rates gestanden, eine riesige Runde von 28 Nationen. Voller Respekt dachte ich, hier also holt Barthel den Most. Das Parlament darf abnicken und könnte hier und dort Schwierigkeiten machen, wenn es dazu den Mut hat. Der Rat ist der Olymp, hier sitzen die Götter.
Diplomatische Kunst oder ordinäres Schachern?
Viertens. Fast dreißig Nationen, deren Regierungen auch noch aus Koalitionen unterschiedlicher Parteien bestehen können, unter einen Hut zu kriegen, das kann nicht einfach sein. Wer sich hier durchsetzen will und auch noch um Einstimmigkeit bemüht ist, muss mit allen Wassern gewaschen sein. Diplomatische Fähigkeiten sind gefordert, die schon an regelrechte Künste grenzen. Merkel & Machiavelli können das. Diplomatie oder wird zwischen den Ratsmitgliedern, sprich den Regierungschefs, nur geschachert?
Spätestens jetzt sollte man einhalten und nachdenken über das, was da als Wesen der Politik im Frust des getäuschten Wählers aufscheint. Das Schachern ist ein Wort aus dem Jiddischen und ein altes antisemitisches Vorurteil. Es entstammt einem Denken, in dem der deutsche Kaufmann eine ehrliche Haut ist, aber der reisende Händler jüdischer Herkunft die Menschen über’s Ohr haut. Es unterstellt dem ehrbaren Hanseaten lautere Motive und dem Schacherer unseriöses Profitstreben. Gustav Freytag hat im 19. Jahrhundert in seinem Roman „Soll und Haben“ zwei Figuren gegeneinandergestellt, die dieses Vorurteil illustrieren sollten: Ein Anton Wohlfahrt stand gegen einen Veitel Itzig. Man braucht nicht viel Fantasie, um zu raten, wer von beiden der Schurke war. Wir nehmen das hier zum Anlass, uns zu fragen, ob wir in unserer Beschreibung der Politik solche Vorurteile aufwärmen.
Posten ergattern oder Verantwortung übernehmen?
Fünftens folgt ein Lieblingsvorurteil des Populismus. Es gehe allen Beteiligten, so lautet das europafeindliche Narrativ, nur um ihren persönlichen Vorteil. Die Politiker sind, sagt der Volkszorn, postengeil. Nur auf ihren Vorteil aus. Es würden Pfründe gesichert. Das ist ein Ressentiment, das sich vor allem bei jenen hält, die sozial und ökonomisch weit entfernt leben müssen von dem Standard, der in den Eliten herrscht. Es wird als ganz besonders angenehm verstanden, wenn jemand Verteidigungsministerin war und nun Kommissionspräsidentin wird. Wenig gehört werden kundige Stimmen, die diesen Populismus Lügen strafen.
Man kann es ohne Schnörkel sagen: Verteidigungsministerin ist ein echter Sch***job. In der EU an der Spitze der Kommission zu ackern, ist weder gut bezahlt noch ein Vergnügen. Es geht jenen, die hier Posten ergattern, sicher nicht nur um Verantwortung für das Gemeinwesen, schon richtig. Aber um den persönlichen Vorteil geht es eben auch nicht. Jeder Rentner mit einer halbwegs anständigen Pension lebt besser als die Kanzlerin. Es geht um Macht. Und deshalb war es angebracht, hier immer von Merkel & Machiavelli zu reden. Das ist, was Angela Merkel ausmacht; sie ist ein Genie der Macht. Persönlich bescheiden und machtpolitisch unverschämt. Und dieses Genie hat gerade listenreich das höchste Amt mit einer Vertrauten besetzt. Angie lässt regieren. Machiavelli im Quadrat.
Quelle: starke-meinungen.de