Logbuch

SEHR SELTEN SOWAS.

Hochzeitsnacht? Das war für eine so promiske Generation wie meine nur ein leeres Wort. Initiationsriten, das hatten nur Verbindungsstudenten, die wir verachteten. Aber es gibt sie, FREUDE, die Tochter aus Elysium.

Ich komme aus einer Zeit, in der Filme im Fernsehen „Straßenfeger“ sein konnten: die Gassen waren menschenleer, weil die Nation vor der Glotze saß und sich einen Krimi antat. Pseudo-anglisiertes Stubentheater, angeblich von Edgar Wallace. Das hat NETFLIX mit einer Überfülle aufgehoben; jetzt nervt mich das wahllose Überangebot der „streaming“-Dienste. Analog zum “binge drinking“ gibt es das „binge viewing“, fünf Folgen am Stück. Und trotzdem bleibt ein schaler Nachgeschmack zurück. Freudlos.

Gestern Abend anders: zufällig sehe ich in der Glotze eine amerikanisch-schwedische Koproduktion mit exzellenten Schauspielern in einer spannenden Inszenierung eines wirklich guten Buches. Toller Film. Alle Achtung! Bis zur letzten Minute bin ich fasziniert. Sehr selten sowas. Ich erinnere mich daran, wie ich zum ersten Mal von Raymond Chandler „The Long Good-Bye“ las. Oder die “Antigone“ des Sophokles in der Version Brechts. Oder Mahlers „Titan“ hörte. Sogenannte INITIALERLEBNISSE. Echt Spaß gemacht.

Vieles wird mit Routine besser, nicht alles.

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DAS EWIGE OPFER.

Wer die Zufälle seines Lebens in das Wirken feindlicher Mächte umlügt, will sich selbst Gewicht geben. Das ist ein Narrativ der Jammer-Ossis, mit dem sie die Jubel-Wessis zu beschämen suchen.

Die langjährige Kanzlerin Frau Merkel nutzt ihre frisch gewonnene Freizeit zum Feilen an ihrem Nachruhm. Sie will die Hagiographie (Jubellebenslauf) doch nicht ihren Gegnern oder, schlimmer, dem Vergessen überlassen. Merkel, die Große. Ich kenne die Frau lange; zuerst sah ich sie als stellvertretende Pressesprecherin des ersten frei gewählten DDR-Chefs, eines bratschespielenden Preußen mit schlechten Zähnen, durch den Helmut Kohl einfach hindurchsah. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Merkel lässt sich im „Spiegel“ von dem Starjournalisten Alexander Osang porträtieren. Ich lese das nicht, weil ich nichts lese, was Osang verzapft hat. Ich mag den nicht. Er ist ein peinlicher Kulissenschieber. Und er gefällt sich in der Pose des Ewigen Opfers, eine ostdeutsche Seuche. Ich will einräumen, dass die Abneigung gegenseitig ist; wir sind mal auf offener Bühne aneinander geraten. Ich war der Veranstalter, er der Gast einer Lesung; er replizierte auf meine Begrüßung ausgesprochen sauertöpfisch und verbat sich Witze über seinen Heimatstaat. „Die DDR war kein Witz“, sagte da der Herr vom Prenzlauer Berg. Humorbefreit, der Mann.

Der Kult, den ich so hasse, nennt man AUTOVIKTIMISIERUNG; das ist die Manie, sich selbst immer und überall zum Opfer zu stilisieren. Eröffnungssatz: “Wir hatten ja nix.“ Die Pose des Opfers gibt dem Selbstmitleidigen Gewicht. Ein Hauch von Tragik durchweht die Banalität des Alltags. So wird aus der Groschenheft-Existenz dann doch noch ein wenig Kafka. Das ist Osang, ein Westentaschen-Kafka.

Der „Spiegel“ hat damals den Ostberliner Lokaljournalisten Osang zum Korrespondenten in New York gemacht, einer der begehrtesten Posten, der Traum vieler Federn. Und wie erzählt das das EWIGE OPFER? Der Chefredakteur Stefan Aust habe ihn allen Ernstes vorher gefragt, ob er überhaupt Englisch könne. Für den so viktimisierten Ossi ein echter Skandal. Na klar konnte er Englisch. Wie bei Merkel; zweite Fremdsprache nach Russisch. Das zu erwähnen, ist aber nicht in Ordnung, weil es die Ossis diskriminiert. Osang mag das Nassforsche der Wessis nicht. Das zelebriert er in verdecktem Selbstmitleid.

Manchmal verstehe ich den Getto-Gebrauch des Wortes „Opfer“, der bei meinen türkischstämmigen Nachbarn im Wedding eher ein Vorwurf ist, frei von jedem Mitleid. „Alta, Du Opfa!“

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CHRISTBAUM.

Der Advent steht für Behaglichkeit. Das ist ein idyllischer Binnenzustand in einer an und für sich feindlichen Welt. Ein trotziges Bedürfnis nach Kitsch wird jahreszeitlich wieder raumgreifend.

Beobachtung des schlendernden Passanten vor „BLUME 2000“: An dem unsäglichen Blumenladen Scharen gebeugter Witwen, die sich am Boden um Tannenzweige bemühen. Das Gesäß in die Luft gereckt, wühlen sie im Grün. Dann sehe ich sie mit ein, zwei der amputierten Fichtenäste beglückt an die Kasse streben. Seltsamer Anblick auch für den Kenner des Milieus der Wilmersdorfer Witwen. Ein klares jahreszeitliches Signal: der weihnachtliche DEKO-ZWANG ist aufgerufen. Wir scheinen Advent zu haben.

Der Höhepunkt dieser DEKO-MANIE war in meiner Jugend die weihnachtliche Offenbarung des geschmückten Christbaums an Heiligabend, den meine Frau Mutter mit aufgesetztem Pathos und einem Glöckchen zelebrierte. Unter dem Baum lagen die Geschenke. Einige Glühwein später war dann von anderen Christbäumen die Rede, die ihr Erleben als junge Frau bestimmt hatten. So nannte die vom englischen Bombenhagel betroffene Zivilbevölkerung die Lichtsignale der Air Force am Himmel über den Zielgebieten. Wer da im Schatten der Kruppschen Waffenschmiede wohnte, kriegte unter diesen Christbäumen einiges ab. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Als ich dann bei meiner vietnamesischen Freundin die Lilien hole, sehe ich den Pavillon in der U-Bahn noch frei vom Tannen-Kitsch. Noch geht der kleine Strauß mit welken Schnittblumen in Zellophan für 9.80€. Die Wilmersdorfer Witwen sind wohl immer die ersten, die die Lebkuchen-Hysterie erfasst. Der immergrüne Nadelbaum mit Schnick und Schnack hat inzwischen die Welt erobert, einst Symbol des Paradieses ist er global zur kitschigen Ikone der Idylle geworden: „driving home for christmas“!

IKONE DER IDYLLE? Ein schönes Wort. Tannenzweige und dann der Christbaum als Ausdruck einer kontrafaktischen Sehnsucht nach Frieden. Auch die Krippe in Bethlehem war ja eine eher karge Zuflucht in einer sehr feindlichen Welt. Daran hat sich nichts geändert. Weihnachtsmärkte allerorts mit Panzersperren umzäunt. Mich zieht nichts an die Glühweinstände in den Wagenburgen dieser aufgesetzten Behaglichkeit.

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Gaffer – Hat Angela Merkel gezittert?

Die Bundeskanzlerin erlitt jüngst einen Zitteranfall. Statt sich um sie zu sorgen, steigerten sich Internet-Gaffer in groteske Häme hinein. Unser Autor Klaus Kocks analysiert dieses Verhalten und das Gaffertum als solches.

Wenn die freie Fahrt freier Bürger auf der Autobahn mal in einer Katastrophe endet, vor der sich der nachfolgende Verkehr staut, dann zücken viele der so Aufgehaltenen das Handy, um ein Erinnerungsfoto vom Blut auf dem Asphalt zu schießen. Das wird allgemein für obszön gehalten. Und doch bedarf es, das wissen wir alle, einer gewissen Disziplin, will man nicht doch einen Blick werfen auf das nahe Unglück. Menschen gaffen gern. Der Fotografierzwang der Handy-Generation oder aller, die sich trotz vorangeschrittenen Alters zu dieser zählen, hat die Unart zur Legion werden lassen. In geschwungenem Französisch spricht man vom Voyeurismus. Jüngst ging es den Voyeuren darum, ob die Kanzlerin bei einem Staatsempfang einen Schwächeanfall erlitten und gezittert habe. Dass der russische Propagandasender RT solche Bilder von der schwächelnden Frau anbot, versteht man; dass auch die bundeseigene Deutsche Welle die Gaffer bediente, weniger.

Die Verlockung des Tabubruchs

Aber es gibt eben auch das andere Laster, das prahlende Zurschaustellen um der Verlockung eines Tabubruchs willen. Die schmuddeligen Kontaktanzeigen in der Wochenzeitung nennen es „zeigefreudig“, wenn die Lust sich zu offenbaren gewohnheitsmäßig ins wirklich Peinliche hinüberwächst. Dieser Exhibitionismus ist aber nicht nur eine anerkannte Perversion des Sexualtriebes (vorwiegend bei Trenchcoatträgern angezeigt), sondern auch eine Grundausstattung der politischen Klasse. Wer die Höhen der Macht bereits erklommen hat, der mag eine vornehme Version des Zeigezwangs pflegen. Wer noch aus dem Getto nach oben will, muss auch schon mal ins Drastische gehen. Die Rechtspopulisten versuchen dabei zunehmend einen Blick in die braunen Abgründe ihrer Seele zu inszenieren. Andere Politiker bedienen sich fragwürdiger Outfits, um nur irgendwie mal aufzufallen. Bei den Grünen feiert sich ein Dichterfürst mit vermeintlicher Gattin, eine sogenannte Doppelspitze. Die von allen guten Geistern verlassene SPD diskutiert das Projekt Kevin & Gesine.

Das gaffende Interesse an der zitternden Kanzlerin ist obzön. Und dies hat nichts mit deren Recht auf Privatheit zu tun. Es ist eine staatsmännische Frage; eine staatsfrauliche gleichermaßen. Das Recht auf Privatheit haben wir alle; es ist ein Menschenrecht. Ich darf schweigen, ich darf mich verbergen, ich muss nicht an jedem Jahrmarkt der Eitelkeiten teilnehmen. Die Unversehrtheit meiner Wohnung ist ein Ausdruck dieser besonderen Form der Ausdrucksfreiheit des Individuums. Wer diese Privatheit den Menschen nehmen will, ist totalitär, ganz gleich, ob er nun ein vulgärer Diktator oder ein hipper Internetdienst ist. Aber darum ging es nicht, was Frau Merkel als Mensch betrifft. Es geht um die Person, wenn sie ein Amt ist.

Bundeskanzlerin Merkel: Wo bleibt die Trennung zwischen Amt und Person?

Man muss etwas begriffscharf fassen wollen: Die Bundeskanzlerin ist keine Person, sondern ein Amt. Sie hat als solche keinen Körper, sondern ist Teil des Staates. Die Literatur spricht von den „two bodies“, die die Herrscher hätten, von dem, den ihre Eltern mittels Zeugung, Schwangerschaft, Geburt und Aufzucht gemacht hätten und dem, den der Wähler kreiert hat. Mein Respekt gilt dem Amt. Und ich respektiere, dass sich jemand den Strapazen des Amtsträgertums aussetzt. „Dienend verzehre ich mich“, sagt der Preuße. Gut bezahlt ist der Job nicht. Ja, und es kann sein, dass der Amtsträger, die Person, die das Amt ausübt, physische oder psychische Symptome zeigt, die Anlass zu politischem Interesse sind. Ob die ältere Dame aus der Uckermark aber zittert, weil es am Wasser mangelt, das hat mich als Bürger nicht zu interessieren. Eigentlich.

Der Gaffer nimmt aber auf seine höheren Einsichten keine Rücksicht. Er rationalisiert. Er will ja nicht nur neugierig sein, er wüsste auch schon ganz gern, ob die Person überhaupt fit für’s Amt ist. Wem man das Gemeinwesen anvertraut, der soll auch in der Lage sein, es zu führen. Es ist ja nicht mehr so selten, dass man sich Sorgen um die geistige Gesundheit von Weltführern machen muss, in deren Händen rote Knöpfe zum Start von Massenvernichtungswaffen liegen. Eigenartiger Weise fallen die Irren auf den Thronen in der Gunst ihrer Wähler weniger wegen eines maladen Geisteszustandes als wegen Bedenken zur körperlichen Fitness. Das sitzt tief in uns Wählern, ein Erbe aus unserer biologischen Vergangenheit als Rudel. Wir wollen, dass der Leitwolf das stärkste Tier der Kohorte ist. Man nennt diese Zwangsvorstellung Vitalismus. Die alten Römer hatten dazu einen Spruch: In einem gesunden Körper steckt auch ein gesunder Geist.

Die Gaffer und Jean Claude Juncker

Der bald aus dem Amt scheidende EU-Kommissar Jean Claude Juncker galt Spöttern als Alkoholiker, da es Szenen gab, in denen er auf eine stützende Hand seiner Kollegen angewiesen war. Er soll, so das Narrativ der Gaffer, angeblich auch schon mal mit einem braunen und einem schwarzen Schuh im Parlament erschienen sein. Ich schätze seine Amtsführung und respektiere ihn als Person. Das halten die Feinde der Europäischen Idee aber für ein Menetekel. Die bereits genannten Römer waren da anders. Sie bestanden darauf, dass in der Nacht vor wichtigen Verhandlungen gezecht werden sollte, weil sie der Meinung waren, dass der Mensch unter Alkoholeinfluss die Fähigkeit verlöre, sich zu verstellen. Und Winston Churchill hätte die Unterstellung, er sei nüchtern, mit Verachtung gestraft. Und fit war der Zigarren rauchende Mann an der Krücke auch nicht.

Zu der Gesundheit haben die Götter die Schönheit gestellt. Und sie recht sparsam unter den Sterblichen verteilt. Man schaut bei weiblichen Politikern zudem aufmerksamer hin, eine Frage des gelernten Sexismus. Wir glauben in unserer Rudelseele, dass gut aussehende Menschen edel sind, während die Schurken ebensolche Gesichter ihr Eigen nennen. Und Schöne gesellen sich zu Schönen. Moralische Erhabenheit wird den hübschen Paaren zugewiesen; die Grünen sonnen sich gerade darin. Auch ein hohler Mythos der Macht. Als Barack Obama Präsident seines Landes war, hat man viel von seiner Selbstinszenierung bemerken können und er hat sie politisch eingesetzt. Ein schöner Mann mit großer Eloquenz in der Tradition des John F. Kennedy. Da freut sich die Gafferin. Was den jetzigen Amtsinhaber aber verachtenswürdig macht, ist nicht, dass er ein dicker weißer alter Mann ist. Das nicht. Das, liebe Gaffer, was hier fehlt, ist eine andere Dimension. Man kann es auf einem pic vom VIP nicht sehen.

Quelle: starke-meinungen.de