Logbuch

CHELSEA TRACTOR.

Auf dem Land ist ein Trecker des Mannes größter Stolz, vorzugsweise ein antikeres Modell, sauber restauriert. Mit dem Traktor fährt er nicht nur die Fuhre Mist auf den Acker, sondern auch zum Bäcker Brötchen holen. Der Freund des Diesels ergötzt sich am Tuckern der Maschine, der Sound eines Schiffsdiesels. Ein Jungs-Ding.

In den USA mag das der Pickup sein, man sieht ja die Navarros auch hierzulande. Bei uns ist es der Schlepper von Deutz. Ich geb zu, dass ich da nichts bäuerliches zu bieten habe. Allerdings ist ein T6 Doka Pritsche V6 Diesel kein ganz schlechter Ersatz. Jetzt aber lese ich in der TIMES vom CHELSEA TRACTOR, den junge Frauen der höheren Kreise, die als „posh“ bezeichnet werden, zu steuern suchen.

Gemeint ist damit ein Teil von Kensington, der seit dem 18. Jahrhundert Künstler anzog und als besonders hip gilt. Ich habe hier auf offener Straße Mick Jagger getroffen und Eric Clapton; letzterer grüßt verhalten; wir kennen uns, seit die Volkswagen Sound Foundation eine seiner Touren gesponsert hat. Es gibt hier einen Pizzaservice, der auch eine Mafiatorte mit dem Namen CHELSEA PRIDE anbietet, die 50 Schleifen kostet, weil unter dem Karton ein Briefchen mit bolivianischem Marschierpulver klebt. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Hier fahren zierliche junge Damen mit sehr hochhackigen Pumps hochgebockte Limousinen, die im Fahrwerk der Vorstellung eines Geländewagens entsprechen, aber eigentlich fahrende Wohnzimmer sind. Es hat sich der amerikanische Begriff des SUV auch bei uns eingebürgert, obwohl er völlig fehlleitend ist, ein Nutzfahrzeug für Sportgeräte ist er nämlich eher nicht, der CHELSEA TRACTOR.

Wir reden über einen Trend: es laufen im Automarkt vor allem Verbrenner und zwar als SUV. Der Zeitgeist findet das unangebracht, aber Otto Normalverbraucher kauft den Tiguan, weil er wie der Touareg aussieht. Der Kern ist die Sitzposition. Man gleitet nicht mehr unter Kniehöhe, um fast liegend zu fahren, man will auf den Hochsitz. Erhabenheit, das vermittelt der Hochgebockte. Der Trend wird anhalten.

Wie gesagt, das gefällt dem Zeitgeist nicht, aber dieser grüne Kollege wohnt ohnehin nicht in Kensington. In deutschen Gefilden fährt er, respektive sie, also die als Frau gelesene Person, ein wokes Lastenfahrrad holländischer Provenienz, ein Gerät von der Grazie einer betagten Schubkarre für den Mist. Nicht mein Ding.

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DER GUTE RUF.

Oft gelingt es mir, sie zu vergrätzen, die elenden Tauben, die unter meinem Schlafzimmerfenster gurren, aber nicht immer. Gestern sehe ich, dass es ihnen während meiner Abwesenheit wieder gelungen ist, dort ein Nest zu bauen. Tauben können zur Plage werden. Der mit den Vögeln übersäte Markusplatz in Venedig ist nur für Laien ein Friedenssymbol. Eigentlich sind es fliegende Ratten.

Die Population richtet sich nach der Ernährungslage; werden sie also auch noch gefüttert, nehmen sie schnell überhand. Die Verkotung ganzer Gebäude die Folge. Spatzen sind mir lieber. Ich füttere sie auf dem Land mit Sonnenblumenkernen, was nicht auch noch den Marder anlockt, aber ein nettes Schauspiel abgibt. In der Großen Stadt machen mir dann noch die schwarzen Gesellen Freude, Raben oder Krähen. Sie gelten als die Intelligenzler unter den gefiederten Genossen, die krächzenden Schwarzkittel.

Die farbenfrohe Elster dagegen hat ein Imageproblem; man nennt sie die diebische. Es wird ihr der Raub von Goldschmuck unterstellt. Sie galt schon immer als Galgenvogel und Todesbotin. Die Elster wurde beobachtet, wie sie sich von Aas ernährt, und obendrein ihre Beute sehr trickreich versteckte; eine Kombination, die sie imagetechnisch zum Pechvogel, zur Botin des Bösen machte. Raffinesse nützt nicht in den Augen der tumben Gesellen.

Die Taube dagegen im Image auf der Gewinnerstraße. Liebessymbol wurde das gurrende Täubchen, Ausdruck von Frieden und schließlich gar christliche Metapher für den Heiligen Geist. Mehr geht nicht, wenn Du eigentlich eine fliegende Ratte bist. Die Elster ist vor allem im Verschiss, weil sie Nesträuber ist; man hatte beobachtet, wie sie aus den Nestern der guten Vögel die Gelege stiehlt, um sich daran zu laben. Vergessen wir mal, was wir zu Ostern so anstellen oder zum Frühstück, und sagen: Das geht ja nicht! Man frisst doch nicht anderer Leute Kinder.

Heute morgen, ich hole die Zeitung rein, scheuche ich unfreiwillig die Täubin auf, zeternd verlässt sie das Nest, und ich sehe: Sie brütet. Zwei Eier im Nest. Damit ist es zu spät, sich des Nestes zu entledigen. Wir lassen sie ausbrüten. Schließlich bin ich vielleicht ein Rabenvater, aber sicher keine Elster.

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KEINE KINDER.

Denksportaufgabe: Wenn Geld keine Rolle spielte und Du sechs Wochen Zeit hättest, wohin ginge Deine WELTREISE? Gute Frage, schwere Antwort. Wo vermuten wir denn das Paradies auf Erden? Den Maler Paul Gauguin zog es nach Neuguinea, wo er mit postkolonialem Blick schöne nackte Frauen entdeckte. Gemälde beweisen bis heute seinen lüsternen Blick.

Den deutschen Kleinbürger zieht es vielleicht noch immer auf die „Fidschi-Inseln“, begeistert von der Barbusigkeit fremder Völker. Oder nach Kirrwiller bei Straßburg, in ein Tanztheater ohne BHs. Casino-Cultur, Porno light. Aber das ist ja doch sehr vordergründig. Die Naturschönheit der Welt begeistert uns, Wasserfälle, endlose Sandstrände und dann einen Hummerschwanz am Tisch des Kapitäns. Weil man das Biest ja nie aus der Schale kriegt, kommt der frisch aus der Tiefkühlkammer der Kombüse. Dort liegen auch auf der Reise verstorbene Passagiere; altersbedingt nicht wenige.

Das Traumschiff-Syndrom lässt schwimmende Hotels entstehen, die nur noch als groteske Gigantonomie bewertet werden können. Vergnügungskasernen zur See, gegen die jede unwirtliche Werkskantine wie eine Idylle wirkt. Und ab und zu fährt ein angetrunkener Captn, der seiner bulgarischen Gespielin imponieren will, den Pott an einen Felsen und sinkt.

Die bessere Klientel, zum Beispiel Oberstudienrat Piffermann aus Oer-Erckenschwick mit Gattin Helga, zieht es in den Norden; er wählt ein schnelles Postschiff („hurtig“), um die Fjorde zu sehen, in denen die Norweger in riesigen Netzen Fischfarmen betreiben, um Lachse zu züchten, die sie mit asiatischem Fischmehl und eigen Drogen mästen und ins Aldi bringen. Die Wikinger sind die Asiaten Europas.

Dazu höre ich auf einem englischen Radiosender eine interessante Werbung. Den reisewilligen Tommies wird ein Erlebnisurlaub auf den Booten der Wikinger versprochen. Na gut. Sonnenuntergang am Sognefjord. Der Spot endet aber mit einem lapidaren Hinweis: „No casinos, no children, over fifty only“. Alter Schwede.

Keine Kinder zugelassen, das ist also ein Glückswertversprechen für Urlaub? Ein Paradies ohne Kids und Titten, dafür lauter alte Leute? Ein Altersheim zur See. No kids, over fifty only? Liebe Wikinger, das ist wirklich obszön. Ohne mich.

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Freund-Feind-Beziehungen als Wesen der Politik

Politik ist paradox. Sie ist die Fähigkeit, das Trennende herauszustellen, obwohl man auf das Gemeinsame hinaus soll. Durch die Betonung des Trennenden schließt man nämlich die Reihen der Anhänger, deren Votum dann die Macht verleiht, die man braucht, um beim Gemeinsamen das durchzusetzen, was einem näher liegt. Wer das kann, der ist dann ein charismatischer Politiker.

Politik ist also zunächst Differenz und Dissens und erst dann, wenn sie gelingt, Kompromiss und Konsens. Im Wesen einer aufgeklärten demokratischen Gesellschaft liegt es, dass es Gegner geben mag, aber daraus keine Feinde werden sollten. Man darf anderer Meinungen sein, ohne dem anderen den Schädel einschlagen zu müssen. Das alles ist leichter gedacht als getan.
Wer das Trennende zwischen den Menschen betonen will, um damit Politik zu machen, der rührt an Tabus. In diesem Graubereich von unterschiedlichen Meinungen einerseits und Verfeindung andererseits gibt es keine klaren Grenzlinien; jedenfalls kann man darüber streiten, wie weit man gehen darf in seiner Polemik gegen den anderen. Wieder eine Paradoxie: Wie bei allen Vergewaltigungen hat nämlich das Opfer das Recht zu definieren, wann eine Grenze überschritten wurde, nicht der Täter. Das ist das eine. Und das andere ist: Das Recht zu beleidigen, steht höher als das Recht, nicht beleidigt zu werden. Beispiel: Ikonoklasmus, sprich das Bildverbot bestimmter Religionen, und das Recht von Karikaturisten, dagegen zu verstoßen.
Dispute auf vermintem Gebiet, ab und zu fliegt einer in die Luft oder beide. Man hat das auch erleben können bei der Diskussion über die genitale Beschneidung von Kindern. Für die einen ein gottgegebener Ritus, der ihre Identität stiftet. Für andere Kindesmisshandlung, jedenfalls ein Verstoß gegen das Selbstbestimmungsrecht des Kindes. Wer sich äußert, gerät zwischen die Fronten und ist schnell als Feind identifiziert. Manchmal zu Recht, oft zu Unrecht; vielleicht auch umgekehrt. In den Social Media muss man registrieren, wie dünn die Decke der Zivilisation dann wird. Vom Mokieren zum Mordaufruf sind es manchmal nur Minuten. Wehe, wenn die eigene Unkultur dann noch Rechtfertigung durch eine Revoluzzerreligion erfährt. Den Ideologen ist alles klar, immer.
Mir ist es gerade eben so ergangen, dass ich auf „facebook“ den Kontakt zu einem Journalisten habe blockieren lassen, ihn also aus meiner virtuellen Welt als Stimme getilgt habe. Jetzt plagt mich der Gedanke, ob ich dabei nicht zu empfindlich war. Es geht um einen Intendanten a.D. und österreichischen Titularprofessor, der seinem Ärger darüber, dass in Berlin vom Parlament ein neuer Regierender gewählt wird und es nicht zu Neuwahlen kommt, Ausdruck verliehen hat. Die Berliner SPD bestimmt nicht in Hinterzimmern, wer aufgestellt wird, sondern führt eine Mitgliederbefragung durch, wen sie nominieren soll. Es gibt drei Kandidaten und 17000 Mitglieder, die jetzt eine Briefwahl vornehmen können.
Der Intendant a. D. nennt das ganze eine Perversion der Demokratie und wirft der SPD schiere Machterhaltungspolitik vor. Dass die CDU eine Neuwahl hätte herbeiführen können, bleibt unberücksichtigt. Nun gut, die Schwarzen suchen das Böse bei den Roten und umgekehrt. Nun kommen wir zur Sollbruchstelle. Der österreichische Professor aus Hessen nennt die abstimmenden Sozialdemokraten wörtlich „Volks-Genossen“. Es ist richtig, dass sich die Sozis als „Genossen“ anreden. Es ist auch richtig, dass die Anrede „Parteigenosse“ nur innerhalb der NSDAP üblich war. Und vor allem ist unbestreitbar, dass „Volksgenossen“ eine politische Kategorie des Faschismus war, die es den Juden verwehren sollte, noch deutsche Staatsangehörige zu sein. Der Herr belegt Sozialdemokraten mit einem üblen Nazi-Jargon, und er tut es berechnend.
An dem Punkt sind die Sozis irgendwie komisch. Es gehört zu ihrer DNA, dass sie die einzige Partei waren, die im Reichstag gegen die Machtergreifung Hitlers gestimmt haben. Die politischen Kräfte, in deren Tradition unser Intendant steht, haben mit Hurra den Steigbügel für Hitler gehalten, die Sozis unter dem legendären Otto Wels nicht und sind dafür ins KZ gegangen. Deshalb kann man finden, dass der Jargon vom Volksgenossen zu weit geht. Auf der anderen Seite hatte ich (als Berufskollege meines Gegenübers) den Herrn Intendanten wegen seiner Vergangenheit als Spin Doctor eines gewissen Alfred Dregger aus der hessischen Union als „Dreggers Dreckschleuder“ bezeichnet (ich meinte seine Verdienste um den rechtspopulistischen Diskurs dieses Politikers der Union). Auch nicht die feine Art.
Politik ist paradox; wir selbst sind es. Manchmal weiß ich nach dem Streit nicht mehr, wer Recht hatte. Vor allem kommen mir am nächsten Morgen viele Reaktionen als überzogen vor. Auch meine. Ein Ausweg kann nur darin liegen, dass wir lernen, über das Streiten zu streiten. Das ist der Diskurs über die Grenzen der Diskurse. Ich fürchte, dabei geht es dann noch polemischer zu: “paradise lost“. Aus dem Dilemma erlöst nur eine stramme Religion. Verloren, wer frei davon.

Quelle: starke-meinungen.de