Logbuch
VERNUNFTBEGABT.
Der MENSCH hält sich für die Krone der Schöpfung, weil nur er denken kann, also ein Hirn hat, in dem er einen Verstand ausbilden kann. Manche bringen es sogar bis zur Vernunft. Weltgeist.
Deshalb darf sich die Krone der Schöpfung ja auch die Erde untertan machen. Homo Sapiens, der weise Mensch. Daran kommen Zweifel auf. Nicht nur bei den naturromantischen Ökos, auch bei evolutionsgeschulten Biologen. Vielleicht sind wir nur eine Art unter vielen. Und andere denken auch, nur anders.
Walforscher (die ohne „h“) haben entdeckt, dass es in der Tiefsee eine Hitparade gibt mit Ohrwürmern und Gassenhauern, sprich Hits. Der Gesang der australischen Wale wird neuerdings auch von den nordatlantischen gesungen. Der Wal kann also zuhören und das Gelernte wiederholen. Ein intelligentes Tier.
Eigentlich ist er ja ein Depp, der Wal. Er hatte es in der Evolution schon an Land geschafft und eine Lunge ausgebildet, um dann wieder ins Wasser zurück zu ziehen. Für ein Säugetier war das eine echt rückschrittliche Entscheidung. Vielleicht sind das ja Trauergesänge, mit denen er nun, wegen seines Fehlers, das Meer nervt. Das ist aber, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Der Delphin stößt einen Flötengesang aus, der jetzt von der Wissenschaft entschlüsselt wurde, in dem er sich namentlich vorstellt (individueller Eigennamen) und die Zeitgenossen über seine Absichten kulinarischer wie sexueller Art informiert. Kein Quatsch. So was wie: „Ich heiße Kurt Kabeljau und suche nach dem Dinner eine Frau!“
Dass Vögel die Nachfahren der Dinosaurier sind und echt schlau, das ist ja bekannt. Die Krähe weiß Werkzeuge zu nutzen. Eigentlich ein Privileg der Gattung Mensch. Und sie redet mit ihren Artgenossen, etwas krächzend zwar, aber mit klaren Ansagen. Wer weiß, was wir wüssten, verstünden wir die Nachtigall. Oder den weisen Raben. „When shall I see Leonore? / Quoth the raven: Nevermore!“
Das schlauste Tier aber ist, jetzt kommt es, das Eichhörnchen. Es kann nicht nur denken, sondern andere Wesen lesen, ja sogar vorsätzlich täuschen. Also, ist es fähig zur METATHEORIE. Wird es bei dem Verstecken der Beute beobachtet, so kann es sich entschließen, den räuberischen Vogel zu verarschen. Es legt Pseudoverstecke an, mit viel Tamtam, um die Nuss dann heimlich andernorts zu vergraben. Die Fähigkeit zum Betrug gilt der Wissenschaft als klarer Ausweis höherer Intelligenz.
Aber auch unter den vernunftbegabten Betrügern gibt es noch Unterschiede, sprich eher doofe und oberschlaue Arten. Das autochthone braune Eichhörnchen ist in England von dem grauen (ursprünglich aus den USA) vollständig verdrängt worden, weil es nicht nur geschickter die Vögel beim Nüsseverstecken verarscht, sondern dann auch noch erfolgreicher beim Vögeln ist. „Language!“
Das zugewanderte graue Eichhörnchen erreichte so Überpopulation. Man sollte so was eigentlich gar nicht erzählen, weil man ja nie weiß, wer von der AfD einem zuhört.
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EIGENLOB STINKT.
Eigenlob ist ein schwieriges Unterfangen. Besonders Eigen-PR für PR. Darüber lese ich in diesem Semester an der Hochschule. Auto-Estimation nennt man dort dieses eitle, oft tragische Unglück.
Warum erzählt der Landarzt abends am Stammtisch nicht mal, wer im Dorf so welches Wehwehchen hat? Und wie er das genial geheilt hat. Es würde ja schon interessieren, wer von der Kegeltour mit welcher peinlichen Infektion nach Hause kam. Oder, erfreulicheres Thema, in anderen Umständen ist.
Warum trägt der Rechtsanwalt nicht mal in seinem Golfclub vor, was er bei seinem jüngsten Scheidungsfall so alles über das Eheleben von Herrn Müller oder Frau Meier erfahren hat. Und auch die Probleme von Herrn Schulze mit dem Finanzamt würden Gesprächsstoff liefern. Erzähl mal, was Du als der tolle Anwalt so machst.
Und nun der Herr Pfarrer. Er erfährt bei der Beichte doch sicher saftige Dinge über die großen und kleinen Sünden seiner Schäfchen. Da könnte er doch mal aus dem Nähkästen plaudern. Warum tut er das nicht?
Wer eine Vertrauensposition als Berater hat, unterliegt einer Schweigepflicht. Der Arzt, der Anwalt, der Pater. Auch der Steuerberater. Und mancher Wirt sieht das für sich auch so. Nur für PR-Berater, da gilt diese Regel nicht. Denn Öffentlichkeitsarbeit ist dazu zu eitel. PR plappert gern.
Ich lese in Branchenblättchen, wie sich PR-Berater:Innen ihres Gewerbes brüsten. Aus üblichen PR-Mätzchen werden so Geniestreiche, die aber, jetzt kommt es, die Kund:Innen dieser PR-Schaffenden unfreiwillig zu ihren Marionetten machen und die Wahlberechtigten oder Verbraucher, das ist übel, zu vermeintlich Verführten. Und so geraten jene in ein schiefes Licht, die das am wenigsten verdient haben. Ein parasitärer Schaden verursacht durch Prahl-Hans & PR-Liesel.
Ich würde über solches Eigen-PR als PR noch mal nachdenken. To say the least. Für meine Generation war das stets ein absolutes Unding. Jedenfalls für die wirklichen Profis. Ausnahmen gab es auch früher schon. Peinlich genug. Kollateralschäden stets gewiss.
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DER QUALITATIVE SPRUNG.
Der bayrische Ministerpräsident verschickt täglich 1700 persönliche Glückwünsche, im Jahr 635.000 vom ihm unterzeichnete Briefe. Das macht für ihn ein Automat.
Von Johannes Rau stammt der Trick. Der nordrhein-westfälische MP nahm sich täglich Zeit für mindestens einen handgeschriebenen Brief, eine ganze Seite mit sauberer Handschrift und ganz persönlichen Worten der Zuwendung. So entstand über die Jahre eine regelrechte Gemeinde der so geehrten Rau-Fans. Das verband auf eine tiefe Art. Er konnte das, der oberbergische Christ Bruder Johannes, ein MENSCHENFISCHER, wie er in der Bibel steht. Ich war beeindruckt.
Der barsche Franke Söder hat dagegen etwas abgeschmacktes: immer bemerkt man die schale Absicht und ist verstimmt. Der Mann hat die Herzlichkeit einer Klobrille. Er nennt einen Schreibautomaten sein Eigen, der unter die Standardtexte für Senioren und Langverheiratete seine Unterschrift ferkelt. Portokosten der Behörde stiegen um 1 Million. Steuergeld. Verdeckter Wahlkampf.
Mehr ist nicht immer mehr. Manchmal ist die Multiplikation der Geste ihre Entleerung. Man nennt solche Handschriften AUTOGRAPHEN. Meiner Erinnerung nach habe ich unter meinen Büchern zwei, drei. Eine von Wolfgang Abendroth aus Marburg, ein eindrucksvoller Hochschullehrer. Und einen von Monica Lewinsky, die lautet: „In love to Klaus“; wie ich diese Dame in Washington traf, das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Und dann war da noch eine Widmung von meinem ersten Chef Karlheinz Bund („Mit Dank für viele gute Reden“), dessen junger Ghostwriter ich bei der Ruhrkohle AG war, weshalb ich damals den Spitznamen DER BUNDSTIFT trug. Spott der gestandenen Bergleute über den Maulhelden aus der Schreibstube. Muss ich mal im Chaos meiner Bibliothek suchen. CHARLY FEDERAL war sein Spitzname. Man ist respektlos an der Ruhr.
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Freund-Feind-Beziehungen als Wesen der Politik
Politik ist paradox. Sie ist die Fähigkeit, das Trennende herauszustellen, obwohl man auf das Gemeinsame hinaus soll. Durch die Betonung des Trennenden schließt man nämlich die Reihen der Anhänger, deren Votum dann die Macht verleiht, die man braucht, um beim Gemeinsamen das durchzusetzen, was einem näher liegt. Wer das kann, der ist dann ein charismatischer Politiker.
Politik ist also zunächst Differenz und Dissens und erst dann, wenn sie gelingt, Kompromiss und Konsens. Im Wesen einer aufgeklärten demokratischen Gesellschaft liegt es, dass es Gegner geben mag, aber daraus keine Feinde werden sollten. Man darf anderer Meinungen sein, ohne dem anderen den Schädel einschlagen zu müssen. Das alles ist leichter gedacht als getan.
Wer das Trennende zwischen den Menschen betonen will, um damit Politik zu machen, der rührt an Tabus. In diesem Graubereich von unterschiedlichen Meinungen einerseits und Verfeindung andererseits gibt es keine klaren Grenzlinien; jedenfalls kann man darüber streiten, wie weit man gehen darf in seiner Polemik gegen den anderen. Wieder eine Paradoxie: Wie bei allen Vergewaltigungen hat nämlich das Opfer das Recht zu definieren, wann eine Grenze überschritten wurde, nicht der Täter. Das ist das eine. Und das andere ist: Das Recht zu beleidigen, steht höher als das Recht, nicht beleidigt zu werden. Beispiel: Ikonoklasmus, sprich das Bildverbot bestimmter Religionen, und das Recht von Karikaturisten, dagegen zu verstoßen.
Dispute auf vermintem Gebiet, ab und zu fliegt einer in die Luft oder beide. Man hat das auch erleben können bei der Diskussion über die genitale Beschneidung von Kindern. Für die einen ein gottgegebener Ritus, der ihre Identität stiftet. Für andere Kindesmisshandlung, jedenfalls ein Verstoß gegen das Selbstbestimmungsrecht des Kindes. Wer sich äußert, gerät zwischen die Fronten und ist schnell als Feind identifiziert. Manchmal zu Recht, oft zu Unrecht; vielleicht auch umgekehrt. In den Social Media muss man registrieren, wie dünn die Decke der Zivilisation dann wird. Vom Mokieren zum Mordaufruf sind es manchmal nur Minuten. Wehe, wenn die eigene Unkultur dann noch Rechtfertigung durch eine Revoluzzerreligion erfährt. Den Ideologen ist alles klar, immer.
Mir ist es gerade eben so ergangen, dass ich auf „facebook“ den Kontakt zu einem Journalisten habe blockieren lassen, ihn also aus meiner virtuellen Welt als Stimme getilgt habe. Jetzt plagt mich der Gedanke, ob ich dabei nicht zu empfindlich war. Es geht um einen Intendanten a.D. und österreichischen Titularprofessor, der seinem Ärger darüber, dass in Berlin vom Parlament ein neuer Regierender gewählt wird und es nicht zu Neuwahlen kommt, Ausdruck verliehen hat. Die Berliner SPD bestimmt nicht in Hinterzimmern, wer aufgestellt wird, sondern führt eine Mitgliederbefragung durch, wen sie nominieren soll. Es gibt drei Kandidaten und 17000 Mitglieder, die jetzt eine Briefwahl vornehmen können.
Der Intendant a. D. nennt das ganze eine Perversion der Demokratie und wirft der SPD schiere Machterhaltungspolitik vor. Dass die CDU eine Neuwahl hätte herbeiführen können, bleibt unberücksichtigt. Nun gut, die Schwarzen suchen das Böse bei den Roten und umgekehrt. Nun kommen wir zur Sollbruchstelle. Der österreichische Professor aus Hessen nennt die abstimmenden Sozialdemokraten wörtlich „Volks-Genossen“. Es ist richtig, dass sich die Sozis als „Genossen“ anreden. Es ist auch richtig, dass die Anrede „Parteigenosse“ nur innerhalb der NSDAP üblich war. Und vor allem ist unbestreitbar, dass „Volksgenossen“ eine politische Kategorie des Faschismus war, die es den Juden verwehren sollte, noch deutsche Staatsangehörige zu sein. Der Herr belegt Sozialdemokraten mit einem üblen Nazi-Jargon, und er tut es berechnend.
An dem Punkt sind die Sozis irgendwie komisch. Es gehört zu ihrer DNA, dass sie die einzige Partei waren, die im Reichstag gegen die Machtergreifung Hitlers gestimmt haben. Die politischen Kräfte, in deren Tradition unser Intendant steht, haben mit Hurra den Steigbügel für Hitler gehalten, die Sozis unter dem legendären Otto Wels nicht und sind dafür ins KZ gegangen. Deshalb kann man finden, dass der Jargon vom Volksgenossen zu weit geht. Auf der anderen Seite hatte ich (als Berufskollege meines Gegenübers) den Herrn Intendanten wegen seiner Vergangenheit als Spin Doctor eines gewissen Alfred Dregger aus der hessischen Union als „Dreggers Dreckschleuder“ bezeichnet (ich meinte seine Verdienste um den rechtspopulistischen Diskurs dieses Politikers der Union). Auch nicht die feine Art.
Politik ist paradox; wir selbst sind es. Manchmal weiß ich nach dem Streit nicht mehr, wer Recht hatte. Vor allem kommen mir am nächsten Morgen viele Reaktionen als überzogen vor. Auch meine. Ein Ausweg kann nur darin liegen, dass wir lernen, über das Streiten zu streiten. Das ist der Diskurs über die Grenzen der Diskurse. Ich fürchte, dabei geht es dann noch polemischer zu: “paradise lost“. Aus dem Dilemma erlöst nur eine stramme Religion. Verloren, wer frei davon.
Quelle: starke-meinungen.de