Logbuch
HALLO SCHATZI.
Mit einem englischen Hotelier sprach ich mal darüber, ob ihn an Wochenenden nicht störe, wenn die Jackenjungens bei ihm im Teegarten einkehrten. Nein, sagte er, er behandle die Rocker wie Gentlemen und die würden das wertschätzen. Wenn die Jackenjungs mal einen derben Scherz etwas zu laut machten, pflegte er nur zu rufen „Gentlemen, language!“ und es war prompt wieder Ruhe.
Wie man in den Wald hineinruft. An diese Regel habe ich oft denken müssen, als ich noch Bahn fuhr und die Kundenkommunikation der BahnbeamtInnen im Netz verfolgte. Man sprach einen Pubertätsjargon und duzte frechweg. Man wollte so der systematischen Leistungsverweigerung eine komische Seite abringen. Es war aber nichts anderes als dreiste Respektlosigkeit. Ich meide die Bahn inzwischen, wo ich kann. Die Bahnhöfe gehören ohnehin schon, lese ich, den Messerstechern.
Mir fällt allerdings auf, dass sich Vorstände der bundeseigenen Bude so verhalten, als hätten sie zu ihren Dienstobliegenheiten auch noch ein allgemeinpolitisches Mandat. Eine einzelne Dame äußert sich in dienstlichem Habitus zu allem und jedem. Wie wäre es, wenn sie die dafür geopferte Zeit mal zur Erledigung ihres Jobs nützte? Das woke Krakelen gehört nämlich auch zu der angesprochenen Respektlosigkeit; man ist in allem übergriffig.
Früher war es im Flieger besser. Man pflegte seitens der Flugomas die Paxe wie Herrschaften zu behandeln. Tomatensaft und Lächeln, das war Routine. Das hat sich endgültig durch den irischen Investmentbanker geändert, der den Billigflieger Ryan Air betreibt. Mache ich auch nicht mehr. Ich fliege Business oder bleibe schlicht zuhause, wenn zu teuer. Kein Viehtrieb mehr. Alles andere mache ich mit dem Selbstzünder (vulgo Diesel).
Ich glaube ja nicht an die Batterie, eh klar. Da wird mir von einer koreanischen Elektro-Schüssel berichtet, die mit dem Fahrer spricht. Sie begrüßt den Fahrer beim Einsteigen mit dem Vornamen. Und drückt ihre Freude über den anstehenden gemeinsamen „Ride“ aus, während sie den Sitz einstellt und das Radio. Fehlt nur noch, dass sie den Berliner Proletenjargon einstudiert: „Weil wir Dich lieben, Alta!“
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HOHE KÜCHE.
Dem Franzosen verdanken wir die HAUTE CUISINE, wie man dort das bessere Kochen nennt. Für den Alltagsverstand des germanischen Kartoffelfreundes ist die Gastronomie des Franzmanns mit Froschschenkeln verbunden. Oder mit dem Bressehuhn in der Kalbsblase. Uns, den Teutonen, wird dabei eher das sogenannte Eisbein zugerechnet, ein gekochter Oberschenkel der krummbeinigen Sau mit Erbsenstampf.
Gestern hatten wir, ganz erlesen, Tintenfisch und Krustentiere in der Paprikapfanne als Vorspeise, dann einen ganzen Wolfsbarsch vom Grill, schließlich ein feines Nudelgebäck in Honig. Wenn da die Produkte stimmen, kann eigentlich nichts schief gehen. Der weißbeschürzte Kellner herzlicher Freundlichkeit präsentierte auf einem Tablett vorher noch zur Auswahl Thunfisch, Seezunge und so einen kleinen Kollegen, dessen Name ich vergessen habe. Wir wählten den Loup de Mer, der gut die Größe eines Unterarms hatte, prächtiger Fang.
Daran allein unterscheidet man aber nicht die niedrige von der hohen Küche. Die Details sind aufschlussreich. Man achte etwa auf das gereichte Brot. Ein lieblos zerschnittenes Weißbrot? Oder aufgebackene Minibrötchen? Dröges Pizzabrot? Gar harte Brotstücke ungewisser Provenience? Tiefe Küche. Hier gab es einen mittelgroßen Fladen frisch gebackenen Weißbrotes mit einem süßen Möhrenjoghurt und Oliven. Sehr lecker.
Auch die Etikette des Kellners. Auf die Ansage „trockener Weißwein“ holt er Weinkarte und deutet auf seine Wahl, um dem Gast ein Blick auf den Preis der von ihm gewählten Flasche zu gewähren. Er lag zielsicher im mittleren Segment, aber man weiß ja nie. Kurzum, wir waren beim Türken, der mit seinem Fischrestaurant am Ort die Spitze des FINE DINING belegt. Wir hätten auch zum Italiener gehen können, nur nicht zum Chinamann, der ziemlich sicher Tiefkühlkost mit Glutamat verfüttert. Womit wir bei dem sind, was man die Pseudoethnisierung der Restaurantkultur nennt.
Ich lobe die mediterrane Gastfreundschaft und den Fisch als Nahrung. Vielleicht sollte man öfter kulinarisch an den Bosporus reisen und am Ende Karthago doch nicht zerstört werden.
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KIRMES.
Auf dem Land, da ist ein einziges Mal im Jahr Kirmes; meist sehr nett, die Kinder freuen sich. In der großen Stadt nutzen sie jedes zweite Wochenende; jüngst für etwas, das Rave hieß. Dazu werden die Hauptverkehrsstraßen gesperrt und den Feierwütigen übereignet. Anwohner leben auf einem Kirmesplatz; nicht ständig, aber doch sehr oft.
Ich höre freitags die Provinz aus Tuttlingen anrücken und sonntags wieder heim ziehen, zwischenzeitlich bevölkern sie die AirBnBs. Man hört sie, die feiergeilen Schwaben, weil sie Rollkoffer hinter sich herziehen. Man fragt sich, wie man die billigen Kleidercontainer mit so nervigen Plastikrädern ausstatten kann. Und warum es die Gundula und den Sören aus Tuttlingen nicht selbst nervt.
Eigentlich ist Kirmes ja die Kirchweih, aber das wissen die schwäbischen Protestanten nicht, denen anders als den Juden oder den Moslems kein Tempel gegeben ist. Sie folgen dem Hinweis des Paulus, nach dem ihr Körper der Tempel des Herrn sei, in dem Gott wohne. Nun gut, warum statten wir diesen Heiligen Raum dann mit Amphetaminen aus vietnamesischen Laboren in Tschechischer Provinz aus?
Und hinterlassen nächtens den Inhalt von Magen und Blase in meinem Vorgarten? Ich frage für einen Freund.
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Die beste Regierung aller Zeiten
Nie waren die Deutschen zufriedener mit ihrer Bundesregierung. Schon immer haben sie Politik, das schmutzige Geschäft und die ewigen Kontroversen, misstraut. GroKo hieß dagegen das Zauberwort, und das Bündnis von Union und SPD hat gehalten, was wir uns von ihm versprochen haben, business as usual. Dem deutschen Wesen ist Routine und Harmonie wichtig. Weihnachten ist, geht es nach der Volksseele, am liebsten immer. Das hat Mutti geschafft: das Ende von Politik. Jedwedes Regierungshandeln soll alternativlos wirken. Normal, solange dieses Land seine Füße unter den Familientisch streckt, wird gemacht, was man halt machen muss. Normaaal.
Man muss diese politische Ödnis nicht in den Bildern einer Familienidylle beschreiben; man kann es auch begrifflich fassen. Das Kabinett Merkel perfektioniert in der Politik einen flexiblen Normalismus. In dessen Situationsethik ist immer richtig, was gerade geht. Was im Kleinen wie im Großen gerade geht, darüber behält sie eine Definitionshoheit, die nicht zur Diskussion steht, auch nicht im Parlament. Man liefert eigentlich keine Waffen in Kriegsgebiete, außer es passt gerade. Man hält die Kernenergie für eine industrielle Option, außer es passt gerade nicht. Man will Wahlen in Europa, außer die Briten mögen den Gewählten nicht. Man gewährt politisches Asyl, außer diese Hungerleider kommen wirklich und wollen auch noch bleiben. Dieses Kabinett ist immer ein bisschen schwanger; auf Wunsch aber auch ein bisschen Jungfrau, und manchmal etwas bitchy… Mutti kann jede Rolle, solange sie die Hosen anhat.
Auch die EU pflegt das Janusköpfige: Sie ist ein alberner Moloch, der uns nach den Glühbirnen die Staubsauger nimmt, und dabei beiläufig der halbseidenen Ukraine einen NATO-Beitritt verspricht, was die Russen so beantworten, wie sie so etwas beantworten müssen. Let’s have a little war or two. Die britische Kritik an den „unelected officials“ ist verständlich und reaktionär zugleich. Die Zukunft kann ja nicht in einer Rückbesinnung auf verfeindete Nationalstaaten liegen. Schon gar nicht in einem Regress auf solche von der Größe Schottlands oder der Disparität des Balkans oder Belgiens. Europa müsste definieren und behaupten können, was der Westen kulturell und politisch ist. Und dann gehörte die Türkei des Kalifen Erdogan eben nicht dazu, aber viele meiner Freunde, die vielleicht nicht katholisch oder evangelisch, sondern islamisch sind, aber eben doch europäisch. Man muss aus Europa wegen uneuropäischem, unwestlichem Verhalten rausfliegen können. Zumindest der Menschenrechtskatalog sollte gelten, prinzipiell; dann kann man immer noch schauen, ob es auch im Einzelfall passt…
Einen Genscher hätte ich nie nach den Prinzipien der deutschen Außenpolitik gefragt, weil dessen Liberalismus ohnehin nur die Camouflage für bedingungslosen Pragmatismus war. Er hat das Beckerbauer Prinzip des Schaun-mer-mal in die internationalen Beziehungen eingeführt. Der Mann stand für nichts und bog sich für vieles; vielleicht nicht für alles, aber für vieles. Bei dem Sozialdemokraten Steinmeier hätte ich gerne gefragt, wie es um das Verdikt seines Ziehvaters steht, nach dem Putin ein lupenreiner Demokrat sei. Aber inzwischen käme ich mir doof dabei vor. Zumindest gegen Krieg jedenfalls war er, bis gestern. Jetzt rüsten wir die Kurden gegen die Islamisten auf und provozieren einen Bürgerkrieg in der Ukraine. Dieses Rezept der Stellvertreterkriege blickt ja auf eine lange Erfolgsgeschichte zurück.
In der Sozialpolitik muss bei uns der demografische Wandel gemeistert werden. Das verstehe ich, und die dem entsprechende Rente mit 70 wäre goldrichtig. Es gibt aber eine mit 60. Das verstehe ich nicht. Den Mindestlohn halte ich für sinnvoll, wenn von Maximallohn nicht mehr die Rede ist. Unten zu, oben auf: das ist sozial und liberal. Ich bin nicht sicher, ob die Andrea aus der Eifel das auch geschnallt hat und nicht doch wieder an die Umverteilung von oben nach unten geht. So verteilt man nämlich das Brot, das gar nicht mehr gebacken wird. Man munkelt in der SPD vom linken Flügel, der das aber trotzdem wolle. Darf ich mal den rechten Flügel sehen und den Körper des Vogels in der Mitte, einschließlich des Kopfes? Oder gibt es gar keinen Kopf? Sigmar, bist Du der Kopf in dem Gewurtschtel?
„Muddling thru“ heißt das, da ist Germany nicht allein. An dem afroamerikanischen Präsidenten Obama kann man lernen, wie das geht, wenn man sich doppelgesichtig durchmogelt. Flexibler Normalismus, das heißt, dass man Werte hat, wenn sie nicht gefragt sind, und sich anpassungsfähig zeigt, wenn es schwierig wird. Obama beherrscht ja immer beides: Sozialpolitiker und Imperialist, Bürgerrechtler und Folterfreund, Farbiger sein und Rassismus im eigenen Land tolerieren. Liegt dieser farbige Schuljunge in Jeans und T-Shirt mit acht Einschüssen im Rücken mitten auf der Kreuzung und reckt noch im Tod zwei leere Hände in die Luft, sagt der weiße Sheriff: So’n schrecklichen Selbstmord hatten wir hier schon lange nicht mehr. Shit happens. Yep.
Merkel kultivierte eine unaufgeregte Normalität, die das Publikum beruhigt und erst gar nicht den Verdacht aufkommen lässt, dass hier Intrigen geschmiedet würden. Sie verbirgt Macht hinter Routine, sie überdeckt Inspiration mit Transpiration und vermeidet den Eindruck von Esprit, weil das Dummköpfen nicht gefällt, wenn Witze gerissen werden, die sie nicht verstehen. Schon darum musste Steinbrück, der pointengeile Schlaumeier, scheitern. Andere Länder mögen Helden haben, wir haben Hosenrollen. Der Stil einer preußisch protestantischen Katharina der Großen prägt die gesamte politische Klasse. Siehe Frau von der Leyen, einst liebevoll als „Röschen“ liebkost, die sie heute in der Union „das Fretchen“ nennen, die Panzer mit McKinsey führt, und Muttis Nachfolgerin werden soll. Muttis Mehltau liegt auf dem Land. Ich habe den Verdacht, dass das Trinkwasser heimlich mit Valium versetzt wird. Ich wäre eher für Viagra. Ich wandere aus.
Quelle: starke-meinungen.de