Logbuch

WAS DER DOKTOR SAGT.

Ärzte gelten, wenn Chefs ihrer Krankenanstalt, als Halbgötter in Weiß, was zum Teil dem notorischen Kittel geschuldet und zum Teil der gnadenlosen Hierarchie in Kliniken. Wirkliche Grundlage ist aber die schon religiöse Verehrung durch den Patienten, der Heilung erfährt, eine Wundertat, die ansonsten nur Gottessohn für sich reklamiert. Und natürlich ist man ganz infantil froh, wenn vom Schmerz befreit.

In dieses göttliche Gewerbe ist Konkurrenz eingetreten, unerwünscht und schlecht gelitten. Der Geduldige (das heißt eigentlich Patient) wartet nicht die Diagnose vom Onkel Doktor ab, sondern befragt vorher dessen Kollegen im Internet, Dr. Google. Mit dessen KI-generierter Diagnose sitzt er nun, gänzlich ungeduldig, vor dem Arzt, den er schlecht gelaunt zu belehren gedenkt, wenn der nicht gleich spurt und verordnet, was an Droge gewünscht. Lehrsatz: Es konstituiert sich verdeckt mittels Künstlicher Intelligenz ein normativer Diskurs dazu, was Gesundheit eigentlich ist; das ist nicht nebensächlich.

Ich rede darüber mit einer wirklichen Koryphäe, einem medizinisch wie ethisch hochgebildeten Arzt, der, obwohl sonst sanftmütig, ganz banal Zorn zeigt. Der Doc ist sauer. KI kann nicht heilen, sagt er. Wenn er ans Bett träte, passiere mehr als Stochastik; das ist Wahrscheinlichkeitsrechnung, die zurecht für die Krückenwissenschaft der Kybernetik gehalten wird. Mir wäre als Patient schon recht, wenn es um mich als Individuum ginge.

Meine Skepsis ist deshalb so groß, weil ich schon als Laie sehe, wie, ich nenne ein Beispiel, in der Propaganda für die Abnehmspritze der Gesundheitsbegriff verschoben wird, um das Lieblingswesen der Pharmaindustrie zu schaffen, den Chroniker. Denn da sind sie von der primitiven Mentalität des Pushers der Drogen-Subkultur; sie schaffen sich sehr gern eine Stammkundschaft, to say the least. Da hilft die Stigmatisierung von Persönlichem als Perversion.

Ich rate zu einer großen empirischen Studie unter dem Titel „Was Doc Google rät“. Freilich nicht um mit den Diagnosen zu hadern, sondern um zu erfahren, was die Leute dort so erfragen. Anamnese. Denn Medizin ist Mentalität. Woran leiden die Menschen wirklich? Natürlich ist das dann ein Parameter der Politik. Deshalb wird sie auch niemand finanzieren wollen, die Studie. So, jetzt übermittle ich Blutdruck, Temperatur und Zucker an mein iPhone und ermittele so, was es zum Frühstück gibt. Echt? Bircher Müsli? Gymnastik? Nein. Full English. Und dann die Spritze.

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LEBENSART.

Wenn es einen durchgängigen Imperativ westlicher Moderne gibt, so ist es die Verfeinerung des Genusses. Dazu hatte ich gestern Gelegenheit. Ein netter Berufskollege hatte mich zu einer Verkostung des Brauerbundes eingeladen. Es gingen die sechs Oktoberfestbiere an den Start, die die dort zugelassenen Brauereien eigens auflegen. Nun wird man schlecht sechs Maßkrüge voll davon zu sich nehmen können und noch zu einem Geschmacksvergleich in der Lage. Es gab daher kleinere Gläser, etwa so wie im Rheinischen üblich. Ergebnis: Ich bleibe beim Hacker.

Geladen wurde in ein bayrisches Wirtshaus, dass man in Ostberlin nachgebaut hatte, nahe am Ambiente einer Touristenfalle, aber immerhin. Aufwendig und mit Klasse. Der alltägliche Bierkonsum ist hierzulande zu einem Massenkonsum mittels Mehrwegflaschen und Bauarbeiterkästen verkommen, der als Commodity felsenfest unter einer bestimmten Preisgrenze klebt, für die das Spülen der Pullen nicht mal lohnt. In einer sehr mittelständisch geprägten Industrie scheint niemand die Kraft zu haben, in diese Breite ein Premiumprodukt zu setzen, für das die Leute auch richtig Geld auszugeben gedenken. Und die Giganten wollen vermutlich nicht: Intercourse in a canoe.

An meinem Tisch sitzt der Kollege von Coca-Cola, den ich zu einem Trend befrage. Ich sehe immer öfter die klassische Flasche Kocka mit Strohhalm zu ordentlichem Essen. Wohl eine Marotte von Muslimen, die dem Alkoholverbot ihrer Religion folgen. Wir unterhalten uns über Alu-Dosen; ein Trend, den ich mal leidenschaftlich verfolgt habe. Can the can. Jetzt treibt der Ersatz von Zucker das Geschäft, wie es die Entalkoholisierung bei Bier ist. Selbst Wein und Sekt gibt es schon als Plörre. Das Leben als ein einziger Kindergeburtstag.

Anmerkung: Die Karte in der Schwemme bietet diverse Kräuterliköre. Das geht nicht. Man nimmt zum Bier nur Brände. Doppelkorn. Aus Getreide. Zum Rebensaft Weinbrand. Likör nie. Das ist Sirup. Alles muss man sagen.

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KLEINER KRACH UM KRACH.

Der SPD-Kandidat um das Amt des Regierenden, ich weiß, dass ich ein gut gehütetes Geheimnis verrate, heißt Steffen Krach. Krach wie Lärm; ist aber eher ein leiser Treter, ein netter, stiller Typ. Seine innerparteiliche Popularität gründet darauf, dass er wahrnehmbar nicht (!) die populäre Kandidatin Franziska Giffey ist, die der einschlägige Pate der Sozen nicht mag. So geht hier Macht. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Wegen eines Verdachts der Bestechlichkeit hat die Staatsanwaltschaft Hannover die Privatwohnung von Krach und die Räume der Berliner SPD durchsuchen lassen, vier Tage vor der Kommunalwahl in Hannover und elf vor der in Berlin. Much a do about nothing. Grund sei ein angejahrtes Ermittlungsverfahren wegen einer versuchten Parteispende von einem Bieter in einem Vergabeverfahren um eine alte Klinik in Niedersachsen, wo Krach als Amtsträger im Aufsichtsrat saß. Inzwischen ist klar, dass die Spende damals sofort von der Partei zurückgezahlt wurde. Annahme verweigert. Und der Spender den Zuschlag nicht erhalten hat. Weshalb also die Nacht- und Nebelaktion mit dem Effekt der Wahlbeeinflussung? Das wissen nicht mal die Götter. Apropos Götterdämmerung.

Der örtliche ÖRR, er heißt RBB, im Volksmund Dämmerfunk genannt, macht eine ganz große Nummer draus und bietet unbeabsichtigt und ganz am Rande ein Indiz. Die ursprüngliche Quelle kommt zu Wort, nämlich die Chefredakteurin der HAZ, das Lokalblatt an der Leine, und sie verplappert sich. Man habe in anderer Sache die Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft angerufen und dabei habe die sich verplappert, da gebe es übrigens noch ein Ermittlungsverfahren. Kann das? Kann das sein? Jedenfalls hatte ich als Zuschauer diesen Eindruck. Kann eine so hohe Behörde sich schlicht verplappern? Eine Handbreit vor Wahlen?

Eine Staatsanwaltschaft ist eine weisungsgebundene Behörde, aber die weisungsbefugte Ministerin von der SPD. Kein Anlass zu Verschwörungstheorien. Warum zieht die Intendantin des Dämmerfunks, eine Frau Ulrike Demmer, die Nummer dann so hoch? Sondersendung für ein schlichtes Dementi. Nun, von der Dämmerung liest man unschöne Dinge über ihre Intendanz; da kann es Morgenröte bringen, wenn man sich plustert. Dabei lese ich vom Honorar ihres Kommunikationsberaters. Schau an, eine Intendantin mit Spin Doctor. Das Honorar ist stattlich, hätte ich auch genommen. Aber sie, die dahin Dämmernde, mich nicht. Tjo. Viel Lärm um nichts.

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Was bei uns zählt: jeder einzelne, je einzeln, von Angesicht zu Angesicht

Mich befremden diese grölenden Horden. Ich fürchte sie, wenn sie sich auch noch vermummen. Im Netz werden sie Trolle genannt, die Barbaren mit den anonymisierenden „nick names“. Im wirklichen Leben tarnen sie sich in Uniformen oder mit Gangstertüchern. Im Pogrom hat das Opfer ein Gesicht und die Täter tragen die Kapuzen des Ku-Klux-Klan. Gelegenheit, über den ganzen faulen Zauber zu sagen: nicht in meinem Namen.

Der Grundpfeiler des westlichen Begriffs von Freiheit ist der absolute Wert des Individuums. Er wird erst da relativ, wo die anderen absoluten Werte berührt sind. Das ist mittels Zivilisation erkämpftes Terrain. Den Machtanspruch der Familie und der Sippe galt es zurückzudrängen. Aus Leibeigenen wurden vielleicht keine Herren, aber sie blieben auch keine Sklaven. Und die bedingungslose Beherrschung durch den Staat oder die Religion musste unterbunden werden. Die wesentliche zivilisatorische Leistung der Moderne besteht darin, die Menschenwürde für unveräußerbar zu halten. Mord ist, das war mal anders in Preußens Gloria, keine Heldentat mehr.

Das Verbrechen sucht seitdem das Dunkel. Bei Tageslicht verbirgt es sich durch Uniformen oder mittels Staubtüchern. Ich will aber die Gesichter sehen und die Namen kennen. Das ist westliche Kultur. Damit unvereinbar sind Diktaturen, die Ansprüche vermeintlicher Kollektive über die Selbstverwirklichungsrechte der Individuen stellen. Damit unvereinbar sind Religionen, die Macht ausüben wollen, um das Individuum zugunsten eines Kollektivs zu tilgen. Wir zwingen unsere Frauen und Töchter nicht unter Schleier.

Ein Individuum hat ein Antlitz. Wir bringen nicht, in Abenteuerlust vermummt, Ungläubige um. Wir köpfen keine Journalisten. Und weil dem so ist, haben wir zum Gesicht einen Namen. Der Herr ruft uns bei unserem Namen. Das ist der Herr jener Religionen, die sich um die Zivilisation verdient gemacht haben; das sind nicht alle. Das, was man einen „gerechten Gott“ nennt, das schwelgt nicht unerkannt in Machtmissbrauch und Mord.

Bei den Rittern sprach man vom offenen Visier, das unter dem Helm des Gesicht des Knappen zeigt. So soll es sein. Damit ist es Zeit einzuräumen, dass die Unkultur der anonymen „nick names“ in der Blogosphäre entweder kindisch oder kriminell ist. Wir reden, da wir den Kindergarten verlassen haben, nicht mit mehr Kasperpuppen; warum sollten wir es mit Sockenpuppen tun? Und so befremden mich im Netz die Videoclips von Exekutionen, die vermummte Engländer im Namen des Islam an amerikanischen Journalisten verüben, wie die dazu als „nick names“ schwadronierenden Heckenschützen bösen Willens, die von „shit storm“ zu „shit storm“ eilen und in der ZEIT ein Forum für Antisemitismus erhalten, für das sich die Redaktion nur sehr halbherzig entschuldigt.

Das sei der Preis der Freiheit. Im Netz darf man das. Oh nein, der Troll ist Faschist, so oder so. Da ist die sanftmütige Aufforderung, ihn nicht unnötig zu füttern, den Troll-Fascho, ein skandalöses Appeasement. Kein Raum den Trollen. Kein Raum für Vermummung. So einfach ist das.

Quelle: starke-meinungen.de