Logbuch
WELTPOLITIK.
Einen richtigen Schuster, Meister des Schuhmacherhandwerks, findet man heutzutage nur noch selten; die Schlüsselbuden von Mister Minit sind kein wirklicher Ersatz. Begeistert über meinen Fund in der Berliner Nachbarschaft bringe ich gleich drei Paar Schuhe hin und ein Uhrenarmband. Ich halte den Meister für einen Türken oder Kurden und habe mir eine ausführlichere Belehrung verdient. Er ist Armenier.
Über der Tür zur Werkstatt sehe ich ein Cruzifix und frage erstaunt, ob es denn auch christliche Armenier gebe. Damit habe ich mich als Depp erwiesen. Klar, sagt er, die ersten! Was ich erst zuhause nachlese: Zur Zeit des Ersten Weltkrieges hat es einen regelrechten Völkermord an den Armeniern gegeben, was nationalistisch gesinnte Türken nicht gern hören, aber stimmt. Ich nehme mir vor, Menschen, die ich treffe, nach ihrer Geschichte zu fragen; ohne Scheu, geradeheraus.
Ich kenne hier um die Ecke eine Kosmetikerin, die aus dem Iran hat fliehen müssen, weil die Diktatur der Mullahs ihr Leben als Wissenschaftlerin beendete. Die Mutter in bitterer Armut zurücklassend. Ich werde sie demnächst darauf ansprechen. Und dann kenne ich den Pressesprecher einer Urananreicherungsanlage in Gronau; das ist in NRW. Da wird seit vierzig Jahren Uran in Zentrifugen angereichert, bis es zum Kernbrennstoff reicht. Sind das jene Anlagen, die im Iran beschossen werden sollen? Wo ist die Grenze zur Bombe? Man wird sich über Rüstung schlau machen müssen.
Wo wir über Schuster reden; der im Westerwald klingt mir nach einem Russlanddeutschen. Auch ein netter Mann. Da könnte ich mich über Stalin schlaumachen. Und das Leben unter russischer Hegemonie. Wir sollten die großen Fragen der Geschichte wieder zu den kleinen Leuten zurückbringen. Die Menschen machen ihre Geschichte selbst, wenn auch nicht aus freien Stücken. Lasst uns darüber im Alltag ohne Scheu reden.
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SCHULE DES LEBENS.
Zum Gespött meiner Jugend gehörte der Beruf des Schiffschaukelbremsers. Fasziniert haben mich Kirmesboxer, Teslafahrer und Raupengrabscher. Helden, aber auch Halbseidene. Fahrendes Volk. Aber der Reihe nach.
Fronleichnam ist heute, ein sehr katholischer Feiertag, an dem man in Prozessionen Monstranzen vor sich herträgt mit einer geweihten Hostie, was die Anwesenheit des Körpers des Herrn („vron“) feiern soll; viel religiöser Humbug. Für Kinder des Reviers war dies ein ganz eigener Festtag: es eröffnete die Fronleichnamskirmes in Oberhausen-Sterkrade, ein Volksfest gigantischen Ausmaßes, jedenfalls für Kinderseelen.
Und eine Schule des Lebens.
Exemplum Nummer Eins: Die Boxbude. Ich entdeckte früh, dass die jungen Männer aus dem Publikum, die die zahnlosen Matadore nach Strich und Faden verdroschen (das Publikum johlte vor Vergnügen) immer die gleichen waren. Volksschauspieler der Kategorie „Junger Mann zum Mitreisen gesucht“ (Plakataufschrift). Nur ab und an ließ sich ein Betrunkener von seinen Saufkumpanen in den Ring heben, der dem wirklichen Publikum entstammte; das ging eigentlich immer übel aus. No dutch courage.
Exemplum Nummer Zwei: Der Autoscooter. Die kleinen Elektrogefährte waren mit dicken Ballonpolstern ummantelt, so dass man es auf willkürliche Crash-Situationen geradezu anlegte (insbesondere weibliche Festplatzbesucher zum Ziel nehmend). Bezahlt wurde mit Chips, die vorher am Kassenwagen zu lösen waren. Die jungen Männer des Mitreisens hatten allerdings eine Art Schuhlöffel, den sie in die Chipschlitze steckten und so unbegrenzt fahren konnten; man rettete damit auch schon mal festgefahrene Mädchen (was unsere Bewunderung wie Neid erzeugte). Die mit dem Schuhlöffel waren die Helden der Selbstfahrerinnen. Dicke Hose.
Exemplum Nummer Drei: Die Raupe. Ein rundlaufendes Karussell mit einer Berg-und-Tal-Strecke, das hohe Geschwindigkeit aufnahm und für die letzten drei oder vier Runden das Verdeck schloss, die Passagiere also in eine erwartbare Intimität hüllte. Die örtlichen Jungfrauen entstiegen der Raupenfahrt dann mit einer leichten Rötung der Wangen, um sich im hinteren Teil der Raupe zusammenzuscharen, auf dass sie ein junger Mann zu einer erneuten Fahrt einlüde. Der Knabe in mir war fassungslos, der Mann ahnte was.
Die Sterkrader Fronleichnamskirmes. Wer so sozialisiert ist, der meidet Mutbeweise, fährt wie Elon Musk elektrisch und ahnt, warum sie Miniröcke tragen, die Luder. Auf zur Geisterbahn.
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VOR-HERRSCHAFTEN.
Habe ich das schon erzählt? Gelegentlich wiederhole ich mich. Das passiert insbesondere bei Geschichten, die ich wirklich erlebt habe. Und solchen, die Luther Gleichnisse genannt hätte. In Berlin ist die grüne Partei aus der Regierung, aber ihre Anhänger noch im Amt; Beamte wird man nicht so schnell wieder los. Mein Doktorvater hat das residuale Normalität genannt, wenn der Zeitgeist von gestern auch heute noch prägt. Ein Gleichnis über Hegemonie von gestern.
Streit an der Tanke. Ich hatte mir einen Kaffee geholt; der Karre wartete vor der Waschstraße. Ein Opelfahrer setzt sich dreist in mein Auto, weil er den Schlüssel sucht, um den Motor abzustellen, der noch laufe, was ein Skandal sei und verboten. Ich werde frech: „Raus aus meiner Karre!“
Der Schlüssel ist in meiner Jackentasche und der A8 läuft gar nicht. Der militante Öko hatte das nachlaufende Gebläse des Kühlers gehört. Er droht: „Jetzt rufe ich meine Kollegen in Uniform!“ Er fordert mich auf, nicht wegzufahren. Es erscheint tatsächlich eine Streife. Es stellt sich dabei aber heraus, dass der Herr gar nicht Polizist ist, sondern nur irgendein Senatsbediensteter. „Ich bin Beamter“, sagt er. Ich beharre: Er möge seine Hoheit nachweisen.
Jetzt steht also eine vermeintliche Ordnungswidrigkeit gegen eine veritable Amtsanmaßung, letzteres eine Straftat. Sagt der uniformierte Bulle zu mir: „Na ja, ein ‚A8 lang’ ist ja schon ein großes Auto.“ Keine Straftat. Aber politisch nicht gewünscht. Zudem mit WOB-Kennzeichen, also vermutlich ein Dienstwagen. Politisch nicht gewünscht. Und das mit dem elektronischen Schlüssel neumodischer Luxus; da kann der Kadett mit dem Kadett schon mal irren. Für einen Moment überlege ich, ob ich gegen den Öko Strafantrag stelle. Aber bin ich Habeck?
Hoheitsfunktion (Polizei) ist Herrschaft. An die Herrschaft kommt eine Vor-Herrschaft, in dem sie sich selbst zur Normalität erklärt und dann tatsächlich vorherrscht. Meine Generation der 68er hat einst gescherzt mit: „Legal, illegal: Scheißegal!“ Die Ökos verkürzten auf: „Legal, scheißegal!“ So wollten sie die Wohnheizungen wandeln, was sie politisch erledigt hat. Ich lasse den Opel-Öko einen guten Mann sein und fahre meines Wegs. Helden von gestern. Vormals Herrschaften.
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BILD Dir Deine Meinung: Kein Judenhass
Man kann froh sein, dass der Springer Verlag vor den Gefahren des Antisemitismus geschützt ist. Das hat auch historische Gründe. Der Gründungsverleger ließ in der Nachkriegszeit seine Berater einen Kanon festlegen, dem sein verlegerisches Imperium unterworfen sein sollte. Und dazu gehörte für ihn, dass die judenfeindlichen Gesinnungen, die in den Vorurteilen der Menschen schlummern, nicht mehr politisch zum Tragen kommen sollten. Gut so.
Allerdings kam der Grundsatz damals aus der Feder eines alten Nazis, der sein Vertrauen genoss, übrigens ebenso wie jüdische Köpfe, die die eigenartige Melange in Axel Cäsars Freundeskreis offenbar zu ertragen wussten. Wie man das wissen kann? Nun, die Formulierung ist verräterisch. Man befürworte, heißt es dort, das Existenzrecht des jüdischen Volkes. Ups, „des Volkes“?
Das Existenzrecht eines Volkes kann nur befürworten, wer auch das Gegenteil denken kann: den Völkermord, die sogenannte Endlösung. Was der umlackierte Nazis sagen wollte, betrifft das Exsitenzrecht des jüdischen Staates, also von Israel. Das ist eine Nachricht, das ist ein Bekenntnis. Die verunglückte Formulierung sagt lediglich Selbstverständliches. Für jedes Volk, jede Religion.
Das Existenzrecht eines Menschen wie eines Volkes kann man weder befürworten noch bestreiten. Es geht also um die staatliche Identität Israels. Dass dies eine Nachricht ist, hängt mit der Gründungssituation des Staates Israel zusammen. Und natürlich mit der Geschichte dieses Volkes. Jedenfalls gehört die Existenzberechtigung Israels, Merkel hat es betont, zur Staatsräson Deutschlands.
Eine notwendige Unterscheidung besteht zur jeweiligen Außen- und Sicherheitspolitik der jeweiligen Regierung dieses Staates. Im Unterscheid zu vielen, wenn nicht allen Nachbarstaaten ist Israel unstrittig eine Demokratie, womit man von einer demokratisch legitimierten Politik reden kann, aber eben auch von einer Politik, die sich selbst nicht als alternativlos versteht.
Von einem Staat kann man reden, wenn seine Bürger sein Gewaltmonopol akzeptieren und seine Nachbarn die Integrität der Grenzen. Hierzu gilt der Umkehrschluss: Man wird die Grenzen seiner Nachbarn akzeptieren müssen. Ob die sogenannte Siedlungspolitik Israels dem entspricht, weiß ich nicht zu sagen. Vieles von dem, was ich an islamistischer Propaganda zur territorialen Frage höre, ist gänzlich unakzeptabel; eigentlich alles.
Ob die Palästinenser ein Staatsvolk sind, dem die staatliche Souveränität verweigert wird, weiß ich auch nicht zu sagen. Sowohl bei den Palästinensern wie bei den Kurden scheint diese Frage von einer erheblichen Komplexität. Man wird das ergründen können, denke ich, aber aus dem Bauch weiß ich es nicht zu sagen. Die Vernichtunsrhetorik der Islamisten bedarf keiner Würdigung. Das verbiete sich von selbst: siehe oben.
Überflüssig zu sagen, dass wir keiner Religion gewähren, die Menschen zum Brudermord aufzustacheln; nicht mal zum Mord an dem Ungläubigen. Wir hören Unsägliches von fanatischen Moslems. Wir hören schwerverdauliches von Parteien und Politikern in Israel. Selbst Regierungsmitglieder nehmen Positionen ein, die sich mit meinem europäischen Verständnis eines aufgeklärten freiheitlichen Staates nicht vertragen. Würde ich solche Töne in meinem Vaterland hören, würde ich noch deutlicher.
Völlig im Unklaren bin ich mir über Israel als jüdischen Staat einer sogenannten Einstaatenlösung, wenn das bedeutet, dass die nicht-jüdischen Bevölkerungsteile, die dann möglicherweise in der Mehrheit wären, nur eingeschränkte Rechte genössen. Aber man redet wohl noch über das Zweistaatenmodell, das schwierig genug ist in einer Anrainerwelt der Gottesstaaten islamistischer Prägung.
Ob Israel gegenwärtig einen Angriffskrieg führt oder zu einer Verteidigung gezwungen wurde und ob diese Verteidigung angemessen ist, das weiß ich auch nicht so recht zu sagen. Meine Unkenntnis ist erheblich. Warum melde ich mich trotzdem zu Wort? Weil mir an den Unterschieden liegt. Das Existenzrecht von Juden oder der israelischen Bevölkerung jüdischer Kultur und des Staates Israel sind etwas anderes als die Frage, ob eine Außen- und Sicherheitspolitik klug ist.
Wenn man das gesagt hat, kräuseln sich aber schon die Stirnen der Kombattanden. Man ist nur noch wenige Sätze von einer Zuordnung entfernt, die den zweifelnden Betrachter dämonisiert und ihn im Freund-Feind-Verhältnis der Vernichtung durch eine der beiden Seiten anheimstellt. Was also ist das Thema? Menschen, Religionen, Migrationen, Kulturen, Klassen, Parteien, Staatsorgane, Politiken, Hegemonialmächte, Nationen, Bündnispartner? Jedenfalls nicht vermeintliche Herrenrassen oder ebensolche Religionen und deren vermeintliche Überlegenheit.
Es bleibt ein unpolitischer Wunsch: Mögen die Waffen schweigen. Jeder Krieg ist ein Verbrechen an den Menschen, vielleicht ein staatspolitisch unvermeidliches Verbrechen, aber immer ein Verbrechen.
Quelle: starke-meinungen.de