Logbuch
TRINKGELD.
Zeige mir, wie Du Trinkgeld gibst, und ich sage Dir, wes Geistes Kind Du bist. Das Tip als Charakterspiegel. Aus der Schule des Lebens.
Es geht nicht nur um die Höhe des Betrages, mit dem man seine Zufriedenheit als Gast ausdrückt; es geht auch um die Art, wie man das tut. Das fällt mir wieder ein, weil ich gestern nach einem netten Essen eine Eselei begangen habe. In einer familienfreundlichen Pizzeria („A Mano“) mit kreuznetter Kellnerin zahle ich per Kreditkarte und runde den angesagten Betrag von 83,50 € auf 100 auf. Im Taxi ärgere ich mich darüber.
Ich habe Zweifel, dass die Buchhaltung des Gastro-Konzerns das genau dieser jungen Frau auch bar auszahlt oder ob es in einen Topf geht, der möglicherweise auch noch mal steuerlich rasiert wird. Überhaupt zahlt man Trinkgeld cash. Und zwar so, dass der Service das mit einer Wischbewegung in der Hosentasche verschwinden lassen kann. Beim Tip hat der Staat sein Recht verloren.
Das Trinkgeld soll wegen des freundschaftlichen Klimas der Bewirtung dem Gastgeber erlauben, auf mein Wohl zu trinken; daher historisch der Name. Man vergibt es diskret, zum Beispiel indem man einen Schein auf dem Tisch liegen lässt (der von der Bedienung auch erst abgeräumt wird, wenn der Gast gegangen ist, so, als habe sie es gar nicht gesehen).
Ich vergehe im Fremdschämen, wenn ich am Nachbartisch den alerten Manager mit Amex-Karte brüllen höre “Machen sie mal x €, Frollein!“ und ich am Gesicht des Service sehe, das waren gerade 4 Prozent, die er jetzt auch noch gerne auf der Rechnung hätte. „Wg. Steuer!“ Ein korrekter englischer Anzug hat eine eigene Tasche für Tips, die sogenannte Billet-Tasche; ein Gentleman ist darauf vorbereitet zu tippen, unmerklich, beiläufig.
Mein Tipp für den Tip: In der Brieftasche kleine Scheine sammeln oder mal einen Hunni in 5-Euro-Scheine wechseln lassen. Das ist doch eine Stücklung, die man streuen kann. Je nach Zufriedenheit legt man zwei, drei neben die Kreditkarte und erwähnt das mit keinem Wort. Bei Gelagen auch mal einen größeren Schein, immer 15 Prozent. So das wäre die Regel.
Jetzt nur sicherheitshalber: Nein, man zahlt nie „getrennt“. Nein, man legt nie als Gruppe zusammen. Nein, man teilt keine Rechnung nach Speisen und Getränken. Nein, man entnimmt bei einzelner Überzahlung nicht einen Ausgleichsbetrag aus dem Trinkgeld der anderen; das ist das aller übelste bei „Zusammenlegern“. Ein gutes Trinkgeld ist angemessen und vor allem diskret; es passiert wie zufällig.
Logbuch
ORIGINAL & FÄLSCHUNG.
Aus der Welt der Wissenschaft, die zweite. Zum Anschein des Authentischen. Das Authentische ist kein Wert, der in den Dingen liegt, sondern nur im Umgang mit ihnen. Wie bei den Reliquien.
Dass etwas nicht gefälscht sei, sondern authentisch, das ist argumentativ ein steiler Angang, weil schon mit der Behauptung der Zweifel gesät ist. Der Authentizitätsanspruch ist immer nur der eines Prätendenten, den auch er nur durch Anschlüsse an den aktuellen Wahrheitsdiskurs motivieren kann, dessen Macht zu seinem Ausschluss er entgehen will. Martin Doll (siehe gestriges Logbuch, ebenda, S. 50) zitiert dazu Michel Foucault zur Unterscheidung des Arztes vom Quacksalber (charlatant). Es herrsche dazu der medizinische Diskurs; man spricht heute von „evidenzbasierter“ Medizin. Gänzlich unbeeindruckt davon erweisen sich aber die Anhänger der Homöopathie.
Es gelten bei allen Diskussionen um Originalität schlicht die Regeln der Falschmünzerei; solange der falsche Fuffziger unerkannt zirkuliert, ist alles gut. Der Geldschein, im Unterschied zur Goldmünze oder dem Silberling, hat ja seinen Wert nicht in sich; er lebt nur solange er nicht falsifiziert ist.
Also ist Originalität als Gegenbegriff zu dem der Fälschung eine Kategorie der Pragmatik, der sozialen Praxis. Hier steht die ganze Lebendigkeit eines relativen Wahrheitsbegriffes an. Wahr ist, was so behandelt wird, weil es noch nicht verbindlich enttarnt ist. Wahrheit ist eine Kategorie der Pragmatik.
Die Reliquie gilt dem Religiösen als echt, obwohl er weiß, dass sie das nur durch seinen Glauben ist; sie ist echt, weil mit ihr so umgegangen wird.
Logbuch
FAKE.
Neues aus der Wissenschaft. Was ist fachlich das Wesen der Fälschung, wie sie unter Donald Trump sogar höheren Orts eingezogen ist? Die amerikanische Presse hat dazu einen neuen Kommentarmodus: „facts first“! Ob das hilft?
Die Bestimmung von Fälschungen oder Fake News ist dichotomisch, also zu ihrem Gegenteil, schwierig. Was ist denn auf der anderen Seite? Wahrheit, gar absolute Wahrheit? Oder Wirklichkeit? Die wirkliche Wirklichkeit? Im Sinne einer realistischen Weltsicht? Ist „fake“ dem Wesen nach nun das Fiktive oder etwas Fiktionales? Was liegt also zwischen Factum, Facsimile und Artefakt? Über die Kunst zu lügen.
Eine veritable Lüge enttarnt sich erst durch den Nachweis des Vorsatzes, sprich durch den Konflikt des enttarnten Lügners mit dem so Getäuschten. Was aber ist, wenn das Gegenüber getäuscht werden will? Propaganda bedarf zu ihrer Wirksamkeit nicht des Wahrheitsbeweises; ihre Macht entfaltet sich auch im Kontrafaktischen.
Ich lese bei Martin Doll (Fälschung und Fake, Berlin, Kados, 2022, 3. Aufl., S. 35, Anm. 43) einen weitreichenden Hinweis in rhetorischer Anlehnung an Karl Popper, nämlich dass Originale nur so lange zirkulieren, wie sie nicht falsifiziert wurden und ihr Nachleben als Fälschungen fristen müssen, einen Vorgang, den er passim als „Kipplogik“ oder „Enttarnung“ bezeichnet. Sein Lehrsatz: Eine „Verifikation von Originalen (ist) nicht möglich, wohl aber deren Falsifikation.“
Logbuch
Alles Kundschafter des Friedens: Warum Spionage wie Gegenspionage sein müssen
Meine englischen Freunde meinen, wenn sie „Blitz“ sagen, kein Aufleuchten im Gewitter, sondern den Blitzkrieg, den die deutsche Luftwaffe unter Hermann Göring gegen sie geflogen hat. Sie erinnern sich an Bomben über London und Coventry und summen dabei von Vera Lynn „We‘ll meet again“, das sentimentale Lied jener, die im Kampf gegen Hitler ihr Leben lassen sollten. Es waren nicht wenige, und es waren nicht die schlechtesten. Ich frage erst gar nicht, ob sie uns, den Hunnen, die zweimal im letzten Jahrhundert die Welt in einen Krieg gestürzt haben, trauen. Ich frage vorsichtig nach Merkel. Und sie antworten mit der Gegenfrage, ob das die Dame sei, deren Familie freiwillig aus dem Westen in den Osten gezogen sei, die im Kommunismus groß wurde und dann Kohl, den Helden der Wiedervereinigung, aus lauter Dankbarkeit gestürzt habe. Ja, sage ich, eben jene. Man zeigt leicht gequält eine steife Oberlippe. Natürlich trauen sie Merkel nicht.
In Mailand treffe ich Jeff, einen amerikanischen Juden, der in der US-Army gedient hat und mit dem Haufen in Franken gelegen hat. Nach dem Austausch über fränkische Würste und das Bier (die Brüste der dortigen Mädel eingeschlossen), reden wir über den NSA, jenen Nachrichtendienst, der Europa erzürnt. Jeff sagt, er traue keinem Nachrichtendienst. Obwohl er keinen Zweifel an seinem Patriotismus zu dem Land lässt, das seine Heimat ist, ist er doch ein kritischer Soldat. Sie schicken dich in die Scheiße, sagt er, und lügen vorher wie nachher. Und du hast das Problem, weil es dein Arsch ist, den sie dir abschießen. Wir sprechen offen über den Irak, in den er fast gemusst hätte. Und dann wage ich erst gar nicht mehr die Frage, ob er, da er schon seinem Geheimdienst nicht traut, denn meinem traut. In seinem Hinterkopf schlummert eine Erinnerung an einen mit deutscher Perfektion organisierten Holocaust, in dem er seine Ahnen verloren hat. Nicht wenige und nicht die schlechtesten.
Russen sind sentimental, insbesondere wenn sie saufen, also fast immer. Mein Freund Sergej spricht unter Tränen vom großen vaterländischen Krieg, aus dem sein Väterchen nicht heimgekehrt ist. Später am Abend, ein oder zwei Flaschen vom Wässerchen weiter, erfahre ich, dass sein Vater sehr wohl zurückkam, aber der Genosse Stalin einen Dreh fand, ihn dann nach Sibirien zu verfrachten, wo er verschollen ist. Wir trinken darauf, dass die Schufte Hitler und Stalin in der Hölle bleiben mögen, bis sie zufriert. Kein anderes Land hat soviel Opfer aus dem Zweiten Weltkrieg zu beklagen, wie die der Roten Armee und die unter der russischen Zivilbevölkerung. Die Verrohung ergriff beide Seiten. Natürlich sahen es viele Rotarmisten als ihr Siegerrecht an, sich an deutschen Mädchen und Frauen zu vergehen. Nicht wenige sind dem nur durch Fraternisieren entgangen, und nicht die schlechtesten.
In Italien darf man zwar vom Faschismus sprechen, aber nicht Mussolini erwähnen. Die deutsche Annahme, dass der Führer nur eine Kopie des Duce war, ist ganz falsch, eine Idiotie der Kartoffelfresser. In Italien waren nahezu alle im Widerstand. Nicht wenige, aber sicher die besten, also eigentlich alle. Man singt „ciao bella ciao“, das große Lied des Partisanen, der in den Bergen unter einer Blume liegt. Der italienische Nationalcharakter hält das Bescheißen unter Freunden für Sportsgeist. Niemand käme auf die Idee, einem italienischen Staatsdiener irgend etwas zu glauben. Man zahlt ja nicht mal Steuern. Und den deutschen Diensten, kann man denen trauen? Ich frage das, und schon tut es mir leid. Ich blicke in Gesichter, die das blanke Entsetzen zu Fratzen verzerrt. Wie blöd kann man sein?
Man hat in New York nach wie vor ein klares Gefühl dafür, dass die Anschläge am 11. September (9/11) von Herrschaften begangen wurden, die zuvor in Hamburg lebten. Warum zum Teufel soll man darauf verzichten, Deutschland zu überwachen? Weil dies ein souveräner Staat ist? Und was, wenn, ganz ausnahmsweise, mal nicht? Die größte Hoffnung auf Stabilität, sprich Frieden, liegt in einem möglichst dichten System von Spionage und Gegenspionage. Ich finde den DDR-Jargon für Spione durchaus treffend: Kundschafter des Friedens. Im Sinne des Gleichgewichts des Schreckens möchte ich darum bitten, dass sich bitte alle Nationen an dem Spiel beteiligen. Ich schlafe ruhiger, wenn es niemanden gibt, der glaubt, seine Arglist bliebe unentdeckt.
Quelle: starke-meinungen.de