Logbuch
RUCKREDE.
Wenn eine Rede richtig wichtig sein soll, dann darf man wünschen, dass ein Ruck durch‘s Land geht. Das hatte sich in grauen Vorzeiten der damals amtierende Bundespräsident auf die Fahnen geschrieben; ein bigotter Bayer namens Roman Herzog, eigentlich ein spröder Moralist von Kohl‘s Gnaden. Davon berichtet Bela Anda gerade in den Sozialen; dieser wiederum war einer der Pressesprecher von Gerd Schröder, Kohls Nachfolger. Opa erzählt vom Krieg. Es habe damals nicht geruckt, sagt Bella Anda, sondern nur geruckelt. Der Sprecher von Herzog, unser Kollege Thomas Ellerbeck, habe in allen Redaktionen emsig hinterher telefonieren müssen. Ruckelrede.
Da war noch mehr schief. Ich traf an dem betreffenden Abend in dem protokollarisch völlig falsch gewählten Veranstaltungsort, dem wieder eröffnenden Luxushotel Adlon, den stets angetrunkenen Harald Juhnke, ein Volksschauspieler, an der Bar; er war auf dem Weg zur Ruckrede, wo er in der ersten Reihe saß. Berliner Boulevard. Und dazu predigte der Bigotte Verzicht. Keine bella figura.
Überhaupt kündigt man rhetorisch Großes nicht vorher an. Das geht immer schief. Da ist es mit dem Reden wie dem Beischlaf; die Dinge mögen gelingen, aber nicht allein durch den Vorsatz. PR-Opa Anda weiß das von der Ruckelrede seines Chefs Schröder, die die AGENDA auf die Agenda setzen sollte. War dann im Echo auch so, dass das Bundespresseamt emsig hinterher telefonieren musste. Das Volk wollte nicht von selbst kommen, wenn das als Metapher aus der Liebeskunst hier zulässig sein sollte.
Bleiben wir bei der Redekunst. Überhaupt ist die Ankündigung von was Wichtigem ein PR-Kunststück schwierigster Art. Großes sagt man beiläufig. Es darf klingen wie ein Versprecher; lapsus linguae. So wie: Stadtbild. Diese Tugend nennt sich „sprezzatura“. Aber davon verstehen nur sehr, sehr wenige PR-Leute etwas. Meist ruckelt es ersatzweise emsig bemüht.
Logbuch
DIE TÖCHTER FRAGEN.
Propaganda bleibt immer im Ungefähren, weil sie nicht haftbar gemacht werden will für den Zorn, den sie schürt. Sie ist immer ein Brandstifter, der als Feuerwehr daherkommt. Deshalb ist mir bei der Stadtbild-Debatte unwohl. Ein Kanzler hat die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, Ross und Reiter zu nennen. Also bitte, Herr Merz! Das ist das eine.
Das andere ist, dass die wirkliche Wirklichkeit nicht zugunsten von Wünschbarkeiten ausgeblendet werden darf. Vor allem, wenn es das alltägliche Erleben der Menschen betrifft, die hieran ihre politischen Einstellungen bilden. Der Siegeszug der Rechten wird aus dem Empfinden genährt, dass die Links-Grünen anderen Menschen deren Leben schön reden wollen. Hauptaufgabe der Staatsmedien.
Darum fragen wir die Töchter; ja, einverstanden. Und die kleinen Paschas lassen bitte ihr Messer solange mal stecken. Es werden künftig die Köpfe in Bücher gesteckt. Und es wird Deutsch gelernt, damit der Tellerwäscher aus der Spülküche raus kommt, vielleicht sogar ein eigenes kleines Restaurant eröffnet, seine Tochter studieren kann, seine Enkel in Frieden und Freiheit leben. Das ist mein Vaterland. Das meiner Mutter.
Welch ein hervorragendes Motto: Fragen wir die Töchter! In allen Kulturen, auch und gerade den zugewanderten. Und reden wir darüber. In fließendem Deutsch. Mein Ernst.
Logbuch
DOING THE BOXES.
Englisches Ritual: Die Eingangspost für Regierungsmitglieder kommt in Westminster in besonderen Lederkoffern in auffälligstem Rot. Es sind, unterschiedlich je nach Amt, recht viele Postkoffer, die da zur Bearbeitung anstehen. Im feinen Humor der britischen Oberklasse spricht man bei dieser Sisyphos-Arbeit von „doing the boxes“, die Kisten abarbeiten.
Ich erinnere mich noch an den Schreibtisch des Kanzleramtsministers, als die Regierung Schröder (SPD) gerade die Regierung Kohl (CDU) abgelöst hatte und der Bonner Beamtenmoloch den neuen Herren zeigen wollte, was eine Harke ist. Der neue Leiter BK hatte einen Raummeter Post auf seinem Schreibtisch. Ich besuchte ihn auf einen Sonntag im Amt und sah, er war, hinter dem monströsen Postberg, schlicht verloren. Ich hörte ein böses Wort über das „ancien regime“ in den Amtsstuben: „Die verarschen Euch!“
Was mich an meine Sonntage erinnert, als ich noch im Vorstand eines sehr großen Unternehmens saß. Die Woche war mit Terminen verplant. Freitags am frühen Abend brachte meine Büroleiterin mir die Postkoffer in die Garage des Wohnhauses; nie mehr werde ich diese schwarzen Pilotenkoffer vergessen. Es waren immer vier an der Zahl, auch schon mal sechs. Wenn ich am Tag des Herrn um sechs begann, war ich mittags gegen zwei durch und konnte den restlichen Sonntag dem Familienleben widmen. Vorher alle zwei Stunden ein neuer Koffer aus der Garage. Koffersklave.
Die Mühe war natürlich den analogen Zeiten geschuldet; digital geht das heute ohne „boxes“ und wahrscheinlich auch automatisch mit KI… Paaah. Doing the boxes. Was man lernt, ist Entscheidungen zu treffen, auch wenn die Dinge noch nicht entscheidungsreif. Wer da zögert, erzeugt einen Vorgang, der zurückkommt. Bumerang-Effekt. Wiedergänger. Da geht in der Folgewoche auch noch der Sonntagnachmittag drauf. Es gilt daher bei Entscheidungen an der Spitze immer das Motto des Wyatt Earp: „Shoot first, argue later!“
Logbuch
Männer ohne Eigenschaften, und ab und zu eine nüchterne Frau
Man stelle sich vor, die FIFA erklärte zum Ende der Fußballweltmeisterschaft, dass jetzt zwar Holland im Endspiel gegen „…schlaand“ gewonnen habe, aber die Entscheidung, wer nun Weltmeisters sei, wäre eigentlich einem FIFA-Statut vorbehalten, nach dem die Regierungschefs aller Nationen noch mal zusammentreten und dann unter sich entscheiden, wer denn nun endgültig gewonnen habe, wobei England dagegen sei, dass der, der gewonnen hat, auch der Gewinner ist und Ungarn den Inglesen beipflichtet.
Nichts kann den Ruf der Mafia oder den der FIFA ruinieren, aber das vielleicht doch. Die deutsche Regierungschefin war zunächst für Holland, hat es sich dann aber nach einem Anruf aus Allensbach noch mal überlegt, und ist jetzt für „…schlaand“, will aber beim nächsten Mal vielleicht gar nicht mehr spielen lassen, sondern gleich England folgen. Der deutsche Wähler war ohnehin fehlgeleitet. Die Sozis boten ihm auf den Plakaten einen Maddin Schulz und die CDU zeigten Angie. Aber die wollte gar nicht nach Brüssel. Merkel, der Mäander. Zumindest, sag dann einer in der Runde, kein Alk. Welch ein Argument.
Wir sitzen wegen der sommerlichen Temperaturen vor dem A LA MORT SUBITE und genießen unser Bier mit Bessen-Genever, eine wunderschöne Brasserie im alten Bankenviertel der belgischen Metropole. Niemand der Anwesenden ist in der Lage, in drei Sätzen den Unterschied von Rat, Kommission und Parlament zu erklären. Die EU ist ein institutionelles Monster. Wer macht da was? Wen haben wir gerade wofür gewählt? Tumultartige Gespräche. Obwohl wir in Brüssel sind, der Hauptstadt eben dieser EU, allgemeine Verunsicherung.
Vielleicht ist die Metropole der EU aber auch Straßburg, was im Elsass liegt und wo das Bier besser ist, vor allem aber der Wein. Der Elsässer träumt von einem langen Leben bei gutem Essen. Das Paradies ist dort eine „winstub“. Hier in Belgien nennt man Kneipen „Zum plötzlichen Tod“ und es gibt folgende Biersorten (kein Scherz): Kirsch, Himbeer, Erdbeer, Pfirisch. Und das dunkle Trapistenbier, zu dem uns ein holländischer Genever mit Beerenzusatz („Bessen“) gereicht wird, was das Gesöff zum Likör macht. Wer Kummer hat, der hat auch Likör. Und Erdbeerbier, ich bitte Sie!
Ich kann mir auch nüchtern nicht mal die Namen dieser EU-Politiker merken. Doch, die Außenministerin ist eine Lady Ashton, deren Mimik ich aber nicht qualifizieren werde, weil ich ihren Mann kenne und schätze, eine Größe in der Demoskopie. Und dann ist da noch so ein belgisches Männlein, Rammpeu oder so, der dem Rat vorsitzt. Und dieser geplusterte ewige Portugiese, dem die Franzosen angeblich trauen. Männer und Frauen ohne Eigenschaften. Was ist das für ein Personal? Wer wählt so was?
In der Antike stand dem Idiotischen das Politische gegenüber, als Gegensatz. Das Idiotische waren Haus und Hof, Erwerbstätigkeit. Das Politische war erhaben. Wenn schon nicht Helden, so doch Ausnahmeerscheinungen, wichtige Figuren der Geschichte, so sollten die Staatenlenker sein. Politiker sind unserem Anspruch nach edle Gestalten, die ihr Leben nicht Idiotischem widmen, sondern der Gestaltung des Gemeinwesens, dem europäischen Projekt. Sie haben Charisma, das sind seltene Eigenschaften, die ihren Anspruch auf Führung rechtfertigen.
Der Selektionsprozess für die politische Elite Europas scheint nach anderen Gesetzen zu funktionieren. Darwin steht hier auf dem Kopf: survival of the unfittest. Die Evolution erlaubt sich eine Nische. Wer in seinem Heimatland scheitert, der wird nach Brüssel oder Straßburg getrieben. Das mag der Personalpolitik der nationalen Regierungschefs entgegenkommen, die ihre Versager so entsorgen, aber dem Ruf der EU nützt das nicht. In diesem Milieu der Gescheiterten und Verkannten entstehen dann perverse Wünsche, wie dem nach Erdbeerbier oder einem plötzlich Tod, oder beidem.
Das britische Argument gegen Brüssel war immer, dass hier „unelected officials“ wirken, irgendwelche Eurokraten, die niemals eine Wahl gewonnen haben, jedenfalls keine für ihre supranationale Macht. Die Kraft dieses Einwands hat der englische Premier jetzt ein für alle Mal ruiniert, indem er ausgerechnet jenen Kandidaten ablehnt, der eben dieses Volksvotum hat. Man mag die Rechtspopulisten in Europa verdammen, weil sie mit Zündhölzern am Stroh faschistischer Gesinnungen zündeln. Aber man kann natürlich auch deren Geschäftsmodell erleichtern, indem man die Verächtlichungmachung Europas erleichtert.
Vor dem MORT SUBITE kommen wir mit schwerer Zunge auf Schong Kloht Junker, dem allerorten hinter vorgehaltener Hand vorgeworfen wird, dass er Raucher sei und gelegentlich einen oder zwei trinke. Das leuchtet uns, den Jungs mit dem Gevever im Hirn, den Erdbeeren im Bauch und der Marlboro im Mundwinkel nicht ein, nicht wirklich. Da stimmt uns schon skeptischer, dass der Maddin „Spaßbad“ Schulz aus Würselen ein Trockener Alkoholiker ist, so wie George „Dabbel Juh“ Busch. Und Merkel, da sind sich meine Kumpane sicher, die sei so ruhig und relaxed, dass sie garantiert Grass rauche. Die Ossis durften ja nicht nach Woodstock oder Punah; das holen die jetzt per Cannabis und Puhdys nach. Von ihrem Mann wissen wir, dass er grusinischen Weinbrand sammelt; dafür musste man dereinst nicht in den Intershop.
Was ist mit Cameron? Man tippt in den ungewöhnlich gut unterrichteten Kreisen vor dem „Plötzlichen Tod“ auf Cocain. Der Mann ist Etonian und war in Oxbrigde; das nehmen die da wie andere Aspirin. Hollande (diesmal nicht Fußball, sondern französische Politik): Schuhe mit Plateausohlen und Viagra. Und diese dänische Spitzenpolitikerin, die allenthalben als nächste EU-Präsidentin gehandelt wird? Peer aus Malmö kennt sie von seinem Kaffeefahrten nach Kopenhagen. Er setzt bedeutungsschwanger sein rosa Gerstenkaltschale ab, nimmt noch mal einen tiefen Zug und flüstert dann: „Evian!“ Wir sind star vor Entsetzen. Es gibt solche Momente, in denen der plötzliche Tod als Erlösung erscheint.
Quelle: starke-meinungen.de