Logbuch
ZWANGSEHEN.
Unternehmen haben eine Kultur. Je eine. Die meisten passen nicht zusammen. Das wissen die Schlaumeier an den Börsen aber nicht. Darum scheitern die dort gestifteten Ehen.
Anfang der Siebziger sehe ich mir eine Autofabrik von RENAULT in Frankreich an. Was fasziniert mich? Das Band in der Motorenmontage ist so getaktet, dass sich die Kollegen mit einer Hand Zigaretten drehen können, während die andere den Pressluftschrauber aufsetzt. Die Kippe dann locker im Mundwinkel. Das fand ich als junger Mann toll; Lebensart. Der Hallenboden klebt vom Öl und Fett. In der Mülltonne am Pausenraum leere Weinflaschen.
Dreißig Jahre später in Japan bei NISSAN. Man kann vom Boden essen, hätte meine Frau Mutter gesagt. Picko Bello. Über den Köpfen der Weißkittel Leuchttafeln mit deren Fehlerstatistiken. Der kalkulierte Gesichtsverlust der Arbeiter als Führungsprinzip. Natürlich wird weder geraucht noch gesoffen. NISSAN ist aber leider pleite. Und RENAULT beteiligt sich. Unter dem legendären LOUIS SCHWEITZER, einem Verwandten des ALBERT SCHWEITZER (der Urwalddoktor aus dem Elsässischen) und JEAN PAUL SARTREs (des Philosophen). MITSUBISHI kommt auch noch dazu, zwei Japaner unter französischem Dach. Eine beachtliche Fusion droht damals.
Ich dachte mir: Da bin ich aber mal gespannt. Auf der Pariser Frühjahrsmesse vor 5 oder 6 Jahren sah ich dann das Genie, dass dies konkret bewerkstelligen sollte. Ein Herr Carlos G-Punkt. Hmmm. Zu kurze Hosen, krumm gelaufene Absätze. Ein im Libanon aufgewachsener frankophoner Brasilianer, der beim Reden (er redete laut, sehr viel und sehr schnell) mit den Armen ruderte. Eigentlich wedelte er. Ein agiler Shorty. Kein Urwalddoktor, kein Philosoph weit und breit, nur ein Kostenkiller von besonderen Gnaden. Da dachte ich: Das wird spannend.
Jetzt lese ich ein Buch über ihn, er ist zwischenzeitlich wohl gescheitert, der G-Punkt. Üble Nachrede, zum Beispiel üver diese eine Party in Versailles, die für einen Abend 800.000 gekostet haben soll. Ich weiß die Währung nicht mehr. Angeblich Spesenbetrug. Er hatte zudem verdeckte Aktienoptionen über 140 Millionen Dollar, sagte die amerikanische Börsenaufsicht. Seine Gegner hellwach. Die japanische Justiz war dann irgendwann hinter ihm her. Er soll aus Japan in einem Contrabass-Koffer per Privatflieger in den Libanon geflohen sein. Da sitzt er jetzt mit einem Martini im Schatten eines Zedernhains. Die berühmten Zedern des Libanon. Wehmütig auf eine gescheiterte Ehe blickend. Wundert mich nicht.
Logbuch
PROVINZKÄFFER. ELENDE.
Ein großer Geist kann aus kleinsten Verhältnissen stammen, aus einem regelrechten Provinzkaff. Ich habe da so meine Erfahrungen. Im Westerwald wie unter den Berliner Kiezen. Nicht-Orte. Jedenfalls keine Schweiz.
Schweiz war früher das Attribut des ganz Besonderen. Also der Ort Bretten im Schwäbischen ist keine Schweiz, sondern von jener spröden Hässlichkeit, die die mittlere Kleinstadt in der tiefen Provinz auszeichnet. Grausig. Ich fahr da auf dem Weg nach Tübingen durch. Dabei war hier im frühen 16. Jahrhundert der Mittelpunkt der gelehrten Welt. Hier schlug der Puls des Fortschritts, damals Reformation genannt. Hinter dem brutalen MARTIN LUTHER stand ein zärtlicherer Feingeist namens PHILIPP SCHWARZERDT. Ein Mann aus Bretten.
Bescheidenheit war allerdings nicht sein Problem. Er nannte sich PRAECEPTOR GERMANIAE, das ist: „der Lehrer Deutschlands“ (im Singular, mit bestimmten Artikel). Der Lehrer der Deutschen. Alle Achtung. Den Mut musst Du in einem schwäbischen Kaff wie Bretten erstmal haben. Er zog dann in ein anderes Kaff, in einem nicht minder öden Landstrich. Es zog den Schwaben zu den Ossis, und zwar nach Wittenberg. Ein Problem war ihm nicht genug. Kennt man in Berlin ja, die Schwaben im Osten.
Wittenberg also. Dort unterrichtete er an der damals berühmten Uni Griechisch. Jetzt kommt es. Was macht der Schwabe Schwartzerdt, der der Meister aller Deutschen werden will? Er benennt sich schlicht um. Aus dem deutschen Begriff der „schwarzen Erde“ wird im Altgriechischen „melanch ton“. So wurde PHILIPP MELANCHTON geboren, der seinen Studenten als griechischer Professor für Griechisch entgegen treten konnte. Meisterlich! Ein PR-Genie.
In Wittenberg war übrigens auch ein Däne edler Abstanmung eingeschrieben, ein gewisser HAMLET. Näheres bei SHAKESPEARE. Aber das ist, man ahnt es schon, eine andere Geschichte.
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SCHADENFREUDE.
Der schottische Koch Tom Kitchin wird in der Presse als Tyrann skandalisiert. Das lese ich mit Freude. Sein Laden hat mich zuvor mies behandelt. Häme? Das ist ja eigentlich unchristlich.
Ein misslungenes Dinner in einem sauteuren Edelrestaurant THE KITCHIN in Edinburgh. Der Empfang findet meine Reservierung nicht und verweist uns rüde aus der Tür in einen Abstellraum. Nach langem Hin-und-her bekomme ich einen freien Tisch vor der legendären Klotür. Laune der Blonden im Keller, wie A A Gill sagen würde. Der Weinservice (von einem Sommelier wage ich gar nicht zu reden) echt mies. Das Menu des Hauses fahrig, sehr unterschiedliche Qualität. A A Gill hätte es ein „rip-off“ genannt, einen Nepp. Übrigens heißt der üble Küchenchef wirklich Tom Kitchin (no pun intended).
Dann, wir haben uns bis zum Dessert durchgekämpft, klingelt mein Handy. Ich gehe ran, einen Notfall fürchtend. Es ist das Restaurant, in dem ich gerade sitze. Ich sei ein „no-show“ trotz fester Buchung; sie würden jetzt eine Strafzahlung vom meiner Kreditkarte einziehen. Mühsam meine Fassung wahrend erwähne ich, dass man mir gegenüber die Buchung bestritten habe, mich nach unsäglicher Streiterei aber nun unschwer an dem Tisch vor dem WC finde. Darauf sagt dieses Wesen: „Ooops!“ und legt auf. Am Tisch saftige Rechnung. Zorn bis heute.
Jetzt lese ich in der TIMES, dass der Chef eben dieser Edelhütte ein Unhold sei, zu körperlicher Gewalt neige und sich Frauen gegenüber übergriffig zeige. Der Laden sei erledigt. Nun gut, denke ich, das hat er ohnehin verdient. Eigentlich sollte ich, einem Rat des Neuen Testaments folgend, die linke Wange hinhalten, nachdem man mir auf die rechte geschlagen hatte.
Aber die Blonde ist da alttestamentarischer. Auge um Auge. Und lobt ein anderes Restaurant Edinburghs, das NUMBER ONE im BALMORAL. Dort allerdings lassen sie chinesische Prinzlinge rein, die sich beim Essen gegenseitig fotografieren und filmen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Logbuch
Männer ohne Eigenschaften, und ab und zu eine nüchterne Frau
Man stelle sich vor, die FIFA erklärte zum Ende der Fußballweltmeisterschaft, dass jetzt zwar Holland im Endspiel gegen „…schlaand“ gewonnen habe, aber die Entscheidung, wer nun Weltmeisters sei, wäre eigentlich einem FIFA-Statut vorbehalten, nach dem die Regierungschefs aller Nationen noch mal zusammentreten und dann unter sich entscheiden, wer denn nun endgültig gewonnen habe, wobei England dagegen sei, dass der, der gewonnen hat, auch der Gewinner ist und Ungarn den Inglesen beipflichtet.
Nichts kann den Ruf der Mafia oder den der FIFA ruinieren, aber das vielleicht doch. Die deutsche Regierungschefin war zunächst für Holland, hat es sich dann aber nach einem Anruf aus Allensbach noch mal überlegt, und ist jetzt für „…schlaand“, will aber beim nächsten Mal vielleicht gar nicht mehr spielen lassen, sondern gleich England folgen. Der deutsche Wähler war ohnehin fehlgeleitet. Die Sozis boten ihm auf den Plakaten einen Maddin Schulz und die CDU zeigten Angie. Aber die wollte gar nicht nach Brüssel. Merkel, der Mäander. Zumindest, sag dann einer in der Runde, kein Alk. Welch ein Argument.
Wir sitzen wegen der sommerlichen Temperaturen vor dem A LA MORT SUBITE und genießen unser Bier mit Bessen-Genever, eine wunderschöne Brasserie im alten Bankenviertel der belgischen Metropole. Niemand der Anwesenden ist in der Lage, in drei Sätzen den Unterschied von Rat, Kommission und Parlament zu erklären. Die EU ist ein institutionelles Monster. Wer macht da was? Wen haben wir gerade wofür gewählt? Tumultartige Gespräche. Obwohl wir in Brüssel sind, der Hauptstadt eben dieser EU, allgemeine Verunsicherung.
Vielleicht ist die Metropole der EU aber auch Straßburg, was im Elsass liegt und wo das Bier besser ist, vor allem aber der Wein. Der Elsässer träumt von einem langen Leben bei gutem Essen. Das Paradies ist dort eine „winstub“. Hier in Belgien nennt man Kneipen „Zum plötzlichen Tod“ und es gibt folgende Biersorten (kein Scherz): Kirsch, Himbeer, Erdbeer, Pfirisch. Und das dunkle Trapistenbier, zu dem uns ein holländischer Genever mit Beerenzusatz („Bessen“) gereicht wird, was das Gesöff zum Likör macht. Wer Kummer hat, der hat auch Likör. Und Erdbeerbier, ich bitte Sie!
Ich kann mir auch nüchtern nicht mal die Namen dieser EU-Politiker merken. Doch, die Außenministerin ist eine Lady Ashton, deren Mimik ich aber nicht qualifizieren werde, weil ich ihren Mann kenne und schätze, eine Größe in der Demoskopie. Und dann ist da noch so ein belgisches Männlein, Rammpeu oder so, der dem Rat vorsitzt. Und dieser geplusterte ewige Portugiese, dem die Franzosen angeblich trauen. Männer und Frauen ohne Eigenschaften. Was ist das für ein Personal? Wer wählt so was?
In der Antike stand dem Idiotischen das Politische gegenüber, als Gegensatz. Das Idiotische waren Haus und Hof, Erwerbstätigkeit. Das Politische war erhaben. Wenn schon nicht Helden, so doch Ausnahmeerscheinungen, wichtige Figuren der Geschichte, so sollten die Staatenlenker sein. Politiker sind unserem Anspruch nach edle Gestalten, die ihr Leben nicht Idiotischem widmen, sondern der Gestaltung des Gemeinwesens, dem europäischen Projekt. Sie haben Charisma, das sind seltene Eigenschaften, die ihren Anspruch auf Führung rechtfertigen.
Der Selektionsprozess für die politische Elite Europas scheint nach anderen Gesetzen zu funktionieren. Darwin steht hier auf dem Kopf: survival of the unfittest. Die Evolution erlaubt sich eine Nische. Wer in seinem Heimatland scheitert, der wird nach Brüssel oder Straßburg getrieben. Das mag der Personalpolitik der nationalen Regierungschefs entgegenkommen, die ihre Versager so entsorgen, aber dem Ruf der EU nützt das nicht. In diesem Milieu der Gescheiterten und Verkannten entstehen dann perverse Wünsche, wie dem nach Erdbeerbier oder einem plötzlich Tod, oder beidem.
Das britische Argument gegen Brüssel war immer, dass hier „unelected officials“ wirken, irgendwelche Eurokraten, die niemals eine Wahl gewonnen haben, jedenfalls keine für ihre supranationale Macht. Die Kraft dieses Einwands hat der englische Premier jetzt ein für alle Mal ruiniert, indem er ausgerechnet jenen Kandidaten ablehnt, der eben dieses Volksvotum hat. Man mag die Rechtspopulisten in Europa verdammen, weil sie mit Zündhölzern am Stroh faschistischer Gesinnungen zündeln. Aber man kann natürlich auch deren Geschäftsmodell erleichtern, indem man die Verächtlichungmachung Europas erleichtert.
Vor dem MORT SUBITE kommen wir mit schwerer Zunge auf Schong Kloht Junker, dem allerorten hinter vorgehaltener Hand vorgeworfen wird, dass er Raucher sei und gelegentlich einen oder zwei trinke. Das leuchtet uns, den Jungs mit dem Gevever im Hirn, den Erdbeeren im Bauch und der Marlboro im Mundwinkel nicht ein, nicht wirklich. Da stimmt uns schon skeptischer, dass der Maddin „Spaßbad“ Schulz aus Würselen ein Trockener Alkoholiker ist, so wie George „Dabbel Juh“ Busch. Und Merkel, da sind sich meine Kumpane sicher, die sei so ruhig und relaxed, dass sie garantiert Grass rauche. Die Ossis durften ja nicht nach Woodstock oder Punah; das holen die jetzt per Cannabis und Puhdys nach. Von ihrem Mann wissen wir, dass er grusinischen Weinbrand sammelt; dafür musste man dereinst nicht in den Intershop.
Was ist mit Cameron? Man tippt in den ungewöhnlich gut unterrichteten Kreisen vor dem „Plötzlichen Tod“ auf Cocain. Der Mann ist Etonian und war in Oxbrigde; das nehmen die da wie andere Aspirin. Hollande (diesmal nicht Fußball, sondern französische Politik): Schuhe mit Plateausohlen und Viagra. Und diese dänische Spitzenpolitikerin, die allenthalben als nächste EU-Präsidentin gehandelt wird? Peer aus Malmö kennt sie von seinem Kaffeefahrten nach Kopenhagen. Er setzt bedeutungsschwanger sein rosa Gerstenkaltschale ab, nimmt noch mal einen tiefen Zug und flüstert dann: „Evian!“ Wir sind star vor Entsetzen. Es gibt solche Momente, in denen der plötzliche Tod als Erlösung erscheint.
Quelle: starke-meinungen.de