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RUDEL.
Debatte mit geschätzten Freunden um Massenpsychologie. Mein Argument: Massenphänomene, zumal bei kollektivem Gebrauch berauschender Drogen, sind nicht durch PSYCHOLOGIE zu klären, wenn man dabei das Verhalten der Gruppe durch Verallgemeinerung des individuellen Seelenlebens erklären will. Auch was Sigmund Freud dazu 1921 geschrieben hat, ist unzureichend.
Freud erklärt in „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ seine eigene Trieblehre, also sich selbst, aber nicht, was den Einzelnen zur Meute drängt. Warum wollen wir das? Eine tiefere Einsicht könnten man nur durch SOZIOLOGIE gewinnen. Und hier fehlt bisher ein bahnbrechendes Standardwerk. Kein OPUS MAGNUM. Ich weiß, dass das die Psychologen schmerzt, ganz besonders die Psychoanalytiker, die sich schon immer im Besitz tieferer Erkenntnis und höherer Wahrheit wähnten.
Wer hier in der Wissenschaftsgeschichte graben möchte, sollte sich von der Vorherrschaft der Psychoanalyse befreien und FREUD zurückstellen. Ich empfehle zwei andere Linien, die sich noch unversöhnlich zueinander verhalten, aber, wenn zu neuem Niveau gekommen, aus der kleinbürgerlichen Sex-Falle Freuds rausführen könnten.
Zunächst C. G. JUNG, der eine Dominanz kultureller ARCHETYPEN erahnt hat. Das tickt in uns. Dann den BEHAVIORISMUS, der empirisch auf faktisches Verhalten schaut. Was fühlen wir als Rudelwesen und wie verhalten wir uns im Rudel? Wir sind vor allem nämlich geschichtenerzählende und diese inszenierende Gemeinschaftswesen. Rudel halt. Das macht Religion so populär. Und Rädelsführer in der Meute stark. Lehrsatz: Religionssüchtige Rudel.
Sorry, heute keine Pointe. Soll nicht wieder vorkommen.
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MASSENWAHN.
Furchtbare Nachrichten aus einem Schweizer Ski-Ort, in dem eine Silvesterfeier junger Leute zu einer Feuerhölle wird; wohl auch, weil die völlig ungeeignete Architektur der Bar selbst zur Todesfalle wurde. Ich denke an die Szenen der Duisburger Love Parade, wo auch ohne Feuer die Masse sich selbst zum Verhängnis wurde. Wie furchtbar muss es sein, seine Kinder zu verlieren. Meidet die Masse!
Für viele Abenteuer des Tourismus galt schon immer der Charme der Improvisation, zumal im Skisport, der eine abgelegene Bergwelt widersinnig bevölkerte. Après Ski. Die Grand Hotels in den St. Moritz der Alpen waren ja nur die bourgeoisen Flaggschiffe einer seit dem 19. Jahrhundert modernen Massenbewegung der saisonalen Stadtflucht. Eigentlich war Tourismus immer die illusionäre Fehlnutzung bäuerlicher Idyllen zu Massenveranstaltungen. Diese kranke Disproportion hat auch Davos ausgemacht, als ich da noch verkehrte. Für die schwimmenden Stahlknäste namens Traumschiff gilt es allemal. Was treibt die Menschen zur Meute?
Wir reden über Phänomene, die wissenschaftlich weitgehend unerforscht sind; noch immer. Das Standardwerk von Gustave Le Bons zur Massenpsychologie ist keins. Entgegen seiner großen Verbreitung seit 1895 enthält es keine eigenen Erkenntnisse. Hier wurden literarische Beschreibungen von Massenphänomenen zusammengetragen, es gibt keine sozialpsychologische Methode und keine primären Erkenntnisse. Zu lesen sind Exempel der wertenden Wahrnehmung von Masse und vor allem, wenn diese unangenehm; das ist nicht das gleiche.
Lehrsatz: Ein Mob ist immer nur jene Menge von Menschen, die man nicht leiden kann, weil man sie nicht leiden kann. Wer charismatischen Bewegungen angehört, empfindet sie anders als jene, die sie als Bedrohung empfinden. Zu meinen Schülerzeiten spielte ein ebenfalls zweifelhaftes Buch des umstrittenen Psychoanalytikers Wilhelm Reich zu „Massenpsychologie des Faschismus“ eine gewisse Rolle. Stolz konnte ich damals meinem Philosophielehrer ein Exemplar besorgen, einen Raubdruck aus einem sogenannten Alternativen Buchladen Berlins. Ich muss ein Schüler eines gewissen Vorwitzes gewesen sein.
Also: Massenpsychologie ist empirisch, so wie ich es sehe, ein noch recht leeres Feld, an das mal jemand methodisch sauber ran müsste. Massenveranstaltungen sind sicherheitstechnisch immer prekär. Ohne jeden Drang zur Nachahmung sehe ich die Bilder der Silvesternacht als Phänomene des kollektiven Wahns. Es drängt mich nichts in den johlenden Mob; siehe oben. Den Opfern der Schweizer Party unser tiefes Mitgefühl.
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DINNER FOR DESASTER.
Das englische Landleben zeichnet sich dadurch aus, dass in ihm noch nachwirkt, was man unter der traditionellen Herrschaft von Adel und höherem Bürgertum ein GESELLSCHAFTSLEBEN genannt hat. Traditionen werden gepflegt, insofern ist das Ritual von Miss Sophie so absurd nicht. Ich werde Zeuge eines Gesellschaftsspiels, das in gehobener Konversation eben davon handelt. Skurriles aus dem Land von Rosamunde Pilcher. Wir nehmen als Hunnen teil, so nennt der witzelnde Tommy uns Germanen.
Die Idee beim DESASTER DINNER ist es, sich ein möglichst unheilvolles Abendessen zu ersinnen, sowohl was die Gangfolge angeht als auch die Kombination der Gäste. Dabei sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Alle Bemühungen richten sich auf eine möglichst illustre Katastrophe, kulinarisch wie sozial. Wie gesagt, schwarzer Humor.
Man erinnert sich dabei seiner eigenen Katastrophen. Etwa als ich mit der Blonden bei einem größeren Dinner ausgerechnet das Ehepaar Thilo und Ursula am Tisch hatte. Nimmer habe ich in tiefere Trostlosigkeit geschaut als bei dieser traurigen Figuration normalisierten Rassismus; ach wie elend. Und selten war es peinlicher als bei jenen beiden Familienvätern, die mit fünfzig Lenzen entdeckt hatten, dass sie beide vom anderen Ufer und zudem füreinander gedacht. Ich sage nur: gebundene Rüschenbluse mit Schleife. Aber es soll jeder nach seiner Façon selig werden.
Da er sich gerade wieder politisch zu Wort meldet, um Muttis Rache an Merz eine Stimme zu geben, reden wir auch, weil er absolute Person der Zeitgeschichte, über Krischan, wie er zum ersten Mal seine spätere Mehrfachfrau mitbrachte und sich vor Besitzerstolz nicht lassen konnte, das Schwitzhändchen. Oder über die angebliche Pastorengattin aus Thüringen, eigentlich Küchenhilfe, die beim Presseball im Leihkostüm die weißen Handschuhe bis in die Achselhöhlen trug und sich derer nicht zu entledigen wusste, als es galt, das Brot zu brechen, und das einer selbsternannten Botschafterin des grünen Evangeliums.
Bei den Speisen geben Innereien und Rohes sowie Unverzehrbares dankbaren Gesprächsstoff. Oder sehr traditionelle Zubereitungsformen. Schafsmagen. Für mich noch immer der Ekel als solcher: blanchierter Hummer in der Entenpresse. Oder Mulligatawny-Soup, die historisch aus Schildkröten gekocht wird, deren etwas ranzige Strenge mit indischem Pfeffer übertönt wird; Kipling ist mein Zeuge.
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Männer ohne Eigenschaften, und ab und zu eine nüchterne Frau
Man stelle sich vor, die FIFA erklärte zum Ende der Fußballweltmeisterschaft, dass jetzt zwar Holland im Endspiel gegen „…schlaand“ gewonnen habe, aber die Entscheidung, wer nun Weltmeisters sei, wäre eigentlich einem FIFA-Statut vorbehalten, nach dem die Regierungschefs aller Nationen noch mal zusammentreten und dann unter sich entscheiden, wer denn nun endgültig gewonnen habe, wobei England dagegen sei, dass der, der gewonnen hat, auch der Gewinner ist und Ungarn den Inglesen beipflichtet.
Nichts kann den Ruf der Mafia oder den der FIFA ruinieren, aber das vielleicht doch. Die deutsche Regierungschefin war zunächst für Holland, hat es sich dann aber nach einem Anruf aus Allensbach noch mal überlegt, und ist jetzt für „…schlaand“, will aber beim nächsten Mal vielleicht gar nicht mehr spielen lassen, sondern gleich England folgen. Der deutsche Wähler war ohnehin fehlgeleitet. Die Sozis boten ihm auf den Plakaten einen Maddin Schulz und die CDU zeigten Angie. Aber die wollte gar nicht nach Brüssel. Merkel, der Mäander. Zumindest, sag dann einer in der Runde, kein Alk. Welch ein Argument.
Wir sitzen wegen der sommerlichen Temperaturen vor dem A LA MORT SUBITE und genießen unser Bier mit Bessen-Genever, eine wunderschöne Brasserie im alten Bankenviertel der belgischen Metropole. Niemand der Anwesenden ist in der Lage, in drei Sätzen den Unterschied von Rat, Kommission und Parlament zu erklären. Die EU ist ein institutionelles Monster. Wer macht da was? Wen haben wir gerade wofür gewählt? Tumultartige Gespräche. Obwohl wir in Brüssel sind, der Hauptstadt eben dieser EU, allgemeine Verunsicherung.
Vielleicht ist die Metropole der EU aber auch Straßburg, was im Elsass liegt und wo das Bier besser ist, vor allem aber der Wein. Der Elsässer träumt von einem langen Leben bei gutem Essen. Das Paradies ist dort eine „winstub“. Hier in Belgien nennt man Kneipen „Zum plötzlichen Tod“ und es gibt folgende Biersorten (kein Scherz): Kirsch, Himbeer, Erdbeer, Pfirisch. Und das dunkle Trapistenbier, zu dem uns ein holländischer Genever mit Beerenzusatz („Bessen“) gereicht wird, was das Gesöff zum Likör macht. Wer Kummer hat, der hat auch Likör. Und Erdbeerbier, ich bitte Sie!
Ich kann mir auch nüchtern nicht mal die Namen dieser EU-Politiker merken. Doch, die Außenministerin ist eine Lady Ashton, deren Mimik ich aber nicht qualifizieren werde, weil ich ihren Mann kenne und schätze, eine Größe in der Demoskopie. Und dann ist da noch so ein belgisches Männlein, Rammpeu oder so, der dem Rat vorsitzt. Und dieser geplusterte ewige Portugiese, dem die Franzosen angeblich trauen. Männer und Frauen ohne Eigenschaften. Was ist das für ein Personal? Wer wählt so was?
In der Antike stand dem Idiotischen das Politische gegenüber, als Gegensatz. Das Idiotische waren Haus und Hof, Erwerbstätigkeit. Das Politische war erhaben. Wenn schon nicht Helden, so doch Ausnahmeerscheinungen, wichtige Figuren der Geschichte, so sollten die Staatenlenker sein. Politiker sind unserem Anspruch nach edle Gestalten, die ihr Leben nicht Idiotischem widmen, sondern der Gestaltung des Gemeinwesens, dem europäischen Projekt. Sie haben Charisma, das sind seltene Eigenschaften, die ihren Anspruch auf Führung rechtfertigen.
Der Selektionsprozess für die politische Elite Europas scheint nach anderen Gesetzen zu funktionieren. Darwin steht hier auf dem Kopf: survival of the unfittest. Die Evolution erlaubt sich eine Nische. Wer in seinem Heimatland scheitert, der wird nach Brüssel oder Straßburg getrieben. Das mag der Personalpolitik der nationalen Regierungschefs entgegenkommen, die ihre Versager so entsorgen, aber dem Ruf der EU nützt das nicht. In diesem Milieu der Gescheiterten und Verkannten entstehen dann perverse Wünsche, wie dem nach Erdbeerbier oder einem plötzlich Tod, oder beidem.
Das britische Argument gegen Brüssel war immer, dass hier „unelected officials“ wirken, irgendwelche Eurokraten, die niemals eine Wahl gewonnen haben, jedenfalls keine für ihre supranationale Macht. Die Kraft dieses Einwands hat der englische Premier jetzt ein für alle Mal ruiniert, indem er ausgerechnet jenen Kandidaten ablehnt, der eben dieses Volksvotum hat. Man mag die Rechtspopulisten in Europa verdammen, weil sie mit Zündhölzern am Stroh faschistischer Gesinnungen zündeln. Aber man kann natürlich auch deren Geschäftsmodell erleichtern, indem man die Verächtlichungmachung Europas erleichtert.
Vor dem MORT SUBITE kommen wir mit schwerer Zunge auf Schong Kloht Junker, dem allerorten hinter vorgehaltener Hand vorgeworfen wird, dass er Raucher sei und gelegentlich einen oder zwei trinke. Das leuchtet uns, den Jungs mit dem Gevever im Hirn, den Erdbeeren im Bauch und der Marlboro im Mundwinkel nicht ein, nicht wirklich. Da stimmt uns schon skeptischer, dass der Maddin „Spaßbad“ Schulz aus Würselen ein Trockener Alkoholiker ist, so wie George „Dabbel Juh“ Busch. Und Merkel, da sind sich meine Kumpane sicher, die sei so ruhig und relaxed, dass sie garantiert Grass rauche. Die Ossis durften ja nicht nach Woodstock oder Punah; das holen die jetzt per Cannabis und Puhdys nach. Von ihrem Mann wissen wir, dass er grusinischen Weinbrand sammelt; dafür musste man dereinst nicht in den Intershop.
Was ist mit Cameron? Man tippt in den ungewöhnlich gut unterrichteten Kreisen vor dem „Plötzlichen Tod“ auf Cocain. Der Mann ist Etonian und war in Oxbrigde; das nehmen die da wie andere Aspirin. Hollande (diesmal nicht Fußball, sondern französische Politik): Schuhe mit Plateausohlen und Viagra. Und diese dänische Spitzenpolitikerin, die allenthalben als nächste EU-Präsidentin gehandelt wird? Peer aus Malmö kennt sie von seinem Kaffeefahrten nach Kopenhagen. Er setzt bedeutungsschwanger sein rosa Gerstenkaltschale ab, nimmt noch mal einen tiefen Zug und flüstert dann: „Evian!“ Wir sind star vor Entsetzen. Es gibt solche Momente, in denen der plötzliche Tod als Erlösung erscheint.
Quelle: starke-meinungen.de