Logbuch

Bei den GEBRÜDERN GRIMM, den beiden der Göttinger Sieben, die Volksmärchen gesammelt haben, gibt es einen gefürchteten Wicht namens RUMPELSTILZCHEN. Ich weiß gar nicht mehr in welchem Zusammenhang, aber wenn man dessen NAMEN weiß, dann zerreißt es sich selbst, das böse Wesen. „Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß!“ Das ist nicht nur ein skurrile Vorstellung aus einem Volksmärchen; der RUMPELSTILZCHEN EFFEKT ist ein Wissenschaftsprinzip. Gib einer komischen Sache einen einprägsamen Namen und sie ist entzaubert. Die Psychoanalyse des Sigmund Freud hat viel von dem. Oder die Physik des Albert Einstein, jedenfalls diese Astronomie. Ich sage nur SCHWARZES LOCH. Finde ich als Laie. Wenn der Rumpelstilzchen-Effekt schon kein ganz astreines Prinzip der Wissenschaft ist, in der Politik funktioniert er garantiert. Ich habe jüngst zwei neue Wörter gelernt, die so was können. Beide schwer zu merken, aber von großer Wirkkraft. RESILIENZ. Das ist die Fähigkeit, schnell wieder auf dem Damm zu sein. Der Resiliente erholt sich ratz fatz. Na ja, und der, dem sie fehlt, der kränkelt lange rum. Insbesondere Unternehmen sollen resilient sein, lerne ich, damit sie Simsalabim aus der Krise kommen. Das andere Rumpelstilzchen-Wort ist REAKTANZ. Das ist, wenn einer die Faxen dicke hat und gar nicht mehr will. Zum Beispiel Hausaufgaben machen, Steuern zahlen oder Masken tragen. Ein Führungsversagen, wenn der geschlagene Esel auch durch weitere Prügel nicht mehr dazu zu kriegen ist, den Karren zu ziehen. Seitdem ich weiß, was Reaktanz ist und was Resilienz, geht es mir schon viel besser. Hoffentlich ergibt sich heute mal eine Gelegenheit, das in einer Zoom-Konferenz das eine oder andere Zauberwort so ganz beiläufig einzuflechten.

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Zu vielen Themen habe ich keine MEINUNG.

Das geht eigentlich nicht, dass man einfach keine Meinung hat, aber ich lebe mit diesem Dilemma. Insbesondere in den Sozialen Medien verbietet sich das eigentlich. Allen voran auf TWITTER. Twitter ist voll von Menschen, die zu allen möglichen Themen entschieden einer bestimmten Meinung sind. Und streitlustig, wenn nicht streitsüchtig. Es herrscht eine stets gereizte Grundstimmung. Immer auf Krawall gebürstet. Geht mir ab. Ich habe den ersten starken Kaffee des Tages genutzt, um mir über mein Defizit Gedanken zu machen. Zunächst sind da die Dinge, die mich nicht interessieren, weil sie mir egal sind. Dazu habe ich auch auf Vorhalten einfach keine Meinung. Dann sind da die Dinge, von denen ich weiß, dass ich sie nicht wissen kann. Warum sollte ich dann dazu eine Meinung haben? Beispiele? Wer im Fußball in dieser oder jener Liga als Nächstes gewinnt; mir egal. Zweitens: Ob es einen Gott gibt; kann ich nicht wissen. Da ist der Unterschied zwischen einem Atheisten, der eine Meinung hat, und einem Agnostiker, der weiß, was er gar nicht wissen kann. Also entspannt bleiben. Und dann sind da die kontroversen Themen, bei denen man in Treibsand gelockt wird. Achtung Sackgasse! Wenn ich keine Böcke habe, mich nutzlos zu verkämpfen, habe ich eben dazu keine Meinung. Etwa, ob der Mohr von Magdeburg dort noch im Dom stehen darf oder nicht. Kommt so ein Thema auf, tue ich so, als hätte ich keine Meinung. Ganz ehrlich ist das nicht. Aber da ich ahne, was der empörungswillige Fanatiker entgegnen wird, bitte ich um Dispens; leider keine Meinung. Na und dann die Situation, wenn „die Blonde“ (A A Gill) vom Frisör kommt und fragt, wie ich die neue Frisur finde. Das habe ich KEINE ABWEICHENDE MEINUNG. Gründe siehe oben. So wie „Blonde“ ( gemäß A A Gill) keine abweichende Antwort auf die Frage des Galans haben, wenn der fragt: „Na, wie war ich?“ Da denkt sich die kluge Frau wie der alte Lateiner: „Anathema est!“ Einfach kein Thema.

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Wie bei HEMPELS UNTERM SOFA.

Meine Frisörin berichtete mir, als sie noch auf hatte, dass Kundschaft ausbleibe „wegen Home Office“. Wie? Dreckig und speckig in die Telco? Ja, sagt sie, weiteres Indiz: Es würden in den Boutiquen vornehmlich Blusen gekauft, aber kaum Röcke. Weil unten rum ja egal sei bei ZOOM und TEAMS. So, so, unten rum egal. Man glaubt es nicht. Nicht nur in Mittel- und Osteuropa, wo das Haupthaar traditionell so wenig entfettet ist, dass die Frisur auch ohne Pomade hält; nein, auch im Westen verlottert der Mensch, weil in seinen eigenen vier Wänden. Wir sind ein kultiviertes Geschlecht, wenn wir ins Büro müssen; sonst eher nicht. Das hätte man vom Volk der Dichter und Denker eigentlich nicht gedacht. Ich meine, wir haben SCHILLER und die „Ode an die Freude“ hervorgebracht. Wir sind doch keine Hippies oder Penner. Tja. War BEETHOVEN ein reinlicher Mensch? Wohl kaum, wenn man Zeitzeugen glauben darf. Besucher berichten, dass auch nachmittags noch ein befüllter Nachttopf unter seinem Flügel stand. Zwischen unzähligen Notenblättern, einige weingetränkt, moderten überall Speisereste. Es war beengt in seiner Kemenate und roch streng. Zu mittags eilte der Begnadete, jedenfalls als er von Bonn nach Wien geflohen war, in die Kaffeehäuser, wo er es liebte in Gesellschaft zu speisen. Ging damals, wäre heute auch Essig, da Lockdown. Mein Gott, die Musikgeschichte müsste umgeschrieben werden, hätte man den Dreckspatz LUDWIG VAN zum Home Office gezwungen. Nicht auszudenken.

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Verunstaltung als Körperkunst

Matrosen, Knackis und Nutten, die waren früher tätowiert. Sorry, das war eine milieutypische Ausdrucksweise. Klaustrophile Peergroups nutzten früher die überbordende Tätigkeitslosigkeit ihres Daseins zur gegenseitigen Unterhautkörperbemalung. Bis heute sorgen Knasttattoos für viel Freude  bei Kriminalern, die die Knastträne am Auge oder die drei Punkte an der Daumenwurzel zu würdigen wissen; Vorstrafen auch dann bekannt, wenn der Computer versagt. Oder bildungsbeflissene Freier, die sich beim bezahlten Verkehr Bilder ansehen möchten, erfreut diese oder jene orthografische Entgleisung: „Laff me Du!“ steht zu Professor Unrats Vergnügen auf Lolitas Arschgeweih.

Das sind urkomische, aber wohl unhistorische Apercus. Die Kunst der Entstellung ist eine Fertigkeit der Wilden, um mögliche Feinde in Schrecken zu versetzen. So kam es im Urwald zu großen Ohren, riesigen Lippen oder blutroten Körpern, die die Aborigines nutzten, um Kängurus und Schakale zu erschrecken. Dabei wurde das eigene Entsetzen über die Verunstaltung, die man sich selbst zugefügt hatte, projiziert auf die Feindesseele, der man diesen Furcht und Schrecken    a forteriori gönnte. Man entstellte sich, um zu überleben.

Nun kennen wir von den Anthropologen auch jene Stämme, die sich gewaltige Holzhülsen über das eher zarte Glied stülpen. Wir ahnen, warum das Regiment der Königin riesige Bärenfellmützen trägt. Oder wir wissen, warum der Singvogel singt und der Pfau ein Rad schlägt. Man buhlt um Weibchen. Hier mag eher die Motivlage des Sparkassenangestellten liegen, der nicht den Knecht der Volksbank schrecken will, sondern sich im Zustand der Volltrunkenheit ein Emblem in die bleiche Haut stanzen lässt, um ein cooler Typ zu sein. Er will es in der Disco unter einem knappen T-Shirt zeigen und sich so den anwesenden Kassiererinnen als begattungsfähig anbieten.

Was also hat die ehemalige First Lady Bettina W. bewogen, sich ein Ornament auf den Oberarm zaubern zu lassen? Sie wollte nicht Konkurrentinnen schrecken, nehmen wir mal an, sondern vielleicht Begattungsbereitschaft signalisieren. Ob ihren unteren Rücken auch ein Arschgeweih ziert, wissen wir noch nicht, aber die Massenlektüre des Wulff-Buches, einer Autobiografie, steht ja unmittelbar bevor. Ich sage nach den Auslassungen von Christian Wulff auf seiner Buchvorstellung  eine Orgie, einen Exzess an Belanglosigkeit voraus. Krischan hatte nix macht und die BILD war echt böse für ihn. Wer hätte das gedacht?

Man sieht die Tätowierungen, die einst nur ein Viertel der Männer und ein Siebtel der Frauen verunstalteten, heute immer mehr. Man wagt sich kaum noch in die Sauna; manche leihen sich Henna-Aufkleber von den Kids, um wenigstens für einen Abend cool zu sein. Dabei wird inzwischen auch die sogenannte T-Shirt-Grenze überschritten. Man entstellt sich im Gesicht, auf den Händen. Aber die tintenfarbenen kleinen Embleme, die Bildchen und die Sprüchlein, sie alle sind nicht das wirkliche Problem. Ich werde gezwungen, sogenannte Piercings zu sehen, die mein Entsetzen und meinen Ekel, dann mein Mitleid erregen.

Ach, Kinder, der Körper ist der Tempel der Seele. Der Herr hat Euch nach seinem Bilde geschaffen. Euer Gesicht ist ein Antlitz, in das keine Nägel oder Schlüsselringe gehören. Man muss hoffen, dass Eure Seelen heiler sind als eure Fressen. Sagt hier ein Spießer, der natürlich auch sein Geheimnis hat. Ich trage sogenannte „Pütt-Tattoos“, das sind für Bergleute typische Kohlenstoffeinschlüsse am Knie, die sich auch die zugezogen haben, die auf Schlackeplätzen Fußball spielen mussten, in früher Jugend. Wer so gezeichnet ist, hat für den Hoeneß-Klub nur Verachtung. Schalke-Fans eben. Knappen. Glückauf.

Quelle: starke-meinungen.de