Logbuch
IM WEIN WAHRHEIT.
Die alten Römer soffen, was der Weinschlauch hergab. Wo die herrschten, wurde das Winzertum entwickelt. In vino veritas, so lautete ihr Motto. Die Barbaren tranken Bier. Bis heute ist dieser Limes zwischen Brauen und Keltern eine Kulturgrenze.
Es gibt hier eine episodische Rechtfertigung, die mir gefällt. Man glaubte, dass der Mensch seine Fähigkeit zur Verstellung, also zu lügen und zu betrügen, verliere, wenn er betrunken sei. Vor wichtigen Verhandlungen wurde gesoffen. Den Kompromiss vertraute man dann dem Kater am nächsten Tag an.
Wie bei allen Ausreden war das natürlich nur eine halbe Wahrheit. Man rechtfertigte so auch ein Suchtverhalten, das jene, die ihr Leben gänzlich in die Hände von König Alkohol geben, nicht glücklich macht. Aber die Neigung zum Rausch ist „normaaal“, sprich gattungsspezifisch. Tiere saufen nicht, Pflanzen schon gar nicht. Allenfalls kiffen sie.
Alles was dabei schief gehen kann, sieht man auf den Straßen Hollywoods und anderer Metropolen Amerikas; das Elend kann mit Pillen beginnen, gefördert von jenen, die uns Heilung bringen sollen: Big Pharma. Suchterzeugende Drogen. Das Recht auf Rausch setzt die Fähigkeit zur Kontrolle voraus, bei einer Tätigkeit, die eben diese aussetzen soll. Ein Spiel mit dem Feuer.
Vielleicht ist das der Reiz. Gibt es eine Kulturanthropologie des Drogenkonsums, resp. -missbrauchs? In vino abusus. Kultivierung der Todessehnsucht? Gute Frage.
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HUT UND STOCK.
Am Freitag durch Berlin geschlendert, gestern langer Spaziergang im Westerwald; man lebt in den perversen Zeiten, wo das Taschentelefon die Schritte zählt und eine Meinung dazu hat, ob es denn nun reiche mit der Bewegung.
Handy-Diktatur.
Man kommt in die alberne Lage von Hundebesitzern, deren freier Wille durch das Bedürfnis der Töhle ersetzt wird, in Nachbars Garten zu kacken und Laternenpfähle zu markieren. Im allgemein trägen Berlin sehe ich dazu regelrechte Dienstleister, die ein ganzes Rudel von Fiffis durch den Grunewald führen. Auf dem Land gehen Herrchen und Frauchen noch selbst, respektive das Haustier mit ihnen. Nach meinem Eindruck sind Spazierdackel hier seltener.
Mit dem Spaziergang hat es eine eigenartige Bewandtnis. Man geht, aber man geht nirgendwo hin; eigentlich eine ziellose und insofern zweckfreie Tätigkeit. Selbst der Wanderer will wo hin, auf den Gipfel, durch den Wald, an die Quelle. Spazieren ist im Schillerschen Sinne ein Spiel. Der Spaziergänger ergeht sich. In den Städten flaniert, auf dem Lande lustwandelt er. In beiden Fällen kein Sport, schon gar nicht Arbeit. Auch kein Kampf, obwohl bewaffnet. Womit wir beim SPAZIERSTOCK sind.
Dieses Hilfsmittel der Ambulatoren ist eine eigene Kulturgeschichte wert. Der Stock ist verwandt mit der Krücke des Gebrechlichen, wird aber weniger als drittes Bein genutzt als zum Spielzeug eines Zweibeiners, der mit den überflüssigen Extremitäten, den Armen, eigenartig wedelt. Der städtische Dandy trägt ein kunstvolles Exemplar, der Wandergeselle ein seltenes Astwerk und der englische Offizier ein Symbol seiner Autorität; alle drei prahlen mit ihrem Stab, wozu Freud was sagen könnte.
Bei mir sammeln sich Spazierstöcke, auch vor Jahrzehnten selbstgeschnitztes Urlaubsbeiwerk. Der König der Stöcke aber ist der Eispickel genannte Stock mit Dorn, Hacke und Schaufel sowie Handschlaufe, der das alpine Bergsteigen ermöglicht. Ein nützlicher Geselle und fürchterliche Waffe zugleich. Leo Trotzki ist mein Zeuge.
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DAS WEISSE TUCH.
Betrete ich in Wien ein Kaffeehaus, in Paris eine Brasserie, in Rom ein Restaurant oder das Borchardt in Berlin, was gibt mir dieses Gefühl der sauberen Gastlichkeit? Das weiße Tuch. Auf dem Tisch als Bedeckung oder Serviette und als lange Schürze des Kellners. Gestärkte und gemangelte Kochwäsche, blütenweiß.
Die Zeiten schwinden. In Köln erlebe ich in erster Adresse Platzdeckchen aus Plastik, nur ein Hirschhorn-Messer kurioser Art in der Tischmitte; die Butter darf freihändig auf‘s Brot aus einem Körbchen aufgetragen werden, keine Dessertteller auf dem Tisch. Ein schmuddeliger Korkuntersatz darf das Tagesgericht im zu heißen Teller, der eine Schüssel ist, beherbergen. Der Laden öffnet nur noch mittags. Das Dinnergeschäft ist den Herrschaften zu stressig.
Öffnungszeiten. Das nächste Thema. Nur noch an drei Tagen in der Woche, Sonntags nie. Dann mal ab 17.00 Uhr, dann ab zwölf. Den Tisch gibt es für anderthalb Stunde, nicht länger; das wird dir schon bei der Buchung entgegengepöbelt. In Leipzig habe ich zurück in den Regen gedurft, weil die Tür zwar unverschlossen, ich aber 15 Minuten zu früh. Die Öffnungszeiten lesen sich inzwischen wie der Beipackzettel eines Krebsmedikaments. Früher hatte man immer auf, halt nur unterschiedliche Karten; morgens, mittags, nachmittags, abends, nachts.
Dann Dienstkleidung der kreativen Art. Alle Kellnerinnen in einem billig bunten Perlonfummel der Größe Unisex oder einem einheitlichen T-Shirt in tiefem Schwarz, weil man dann den Schmuddel nicht so sieht. Wohlgemerkt, wir reden hier nicht über das, was man Systemgastronomie nennt, sondern das obere Ende der Kulinarik. Ich habe in Köln für zwei schmale Lunches 202€ gezahlt plus 20€ Tip. Das Glas offenen Weins zu 18,60€; dafür kriegt man im Einkauf von dieser Qualität eine Pulle. Oder zwei.
Die Logik liegt in dem betrieblichen Bestreben, mit einer Schicht, sagen wir vier oder sechs Leuten, ein Restaurant betreiben zu können. Das ist Unsinn. Erstens liegt die größte Kapitalbindung in der Hardware, dem Laden selbst. Darum machen McDoof und WürgerKing 24/7. Zweitens komme ich nicht mehr.
Für miesen Service zu diesen Preisen, da kann ich mir auch Zuhause ein Butterbrot machen. Oder ein Filet braten. Und ein Döschen Caviar. Oder original italienisch Nudeln nach Hurenart. Das gesparte Geld investiere ich in den Wein.
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Das ist Verachtung der Demokratie, Frau Merkel!
Die europäische Demokratie verfällt. Sie degeneriert am Kopf wie an den Gliedern in undurchsichtige Machenschaften eines bürokratischen Oligopols, einer Kaste also, die sich keinen Wahlen, schon gar keinem Referendum aller Europäer zu stellen bereit ist. Der britische Historiker Perry Anderson sieht solche oligarchischen Strukturen, die nur in Russland oder der Ukraine nachrichtennotorisch sind, an der Spitze der EU wie korrespondierende Missstände in den Mitgliedsländern. „Europe is ill. Referendums are regularly overturned, if they cross the will of rulers.“ Der Wählerwillen treffe nur noch auf die Verachtung der Eliten. Wir erinnern uns an Kohls Überzeugung, dass man den Euro als einheitliche Währung nur einführen konnte, indem man den Wähler nicht fragt.
Der englische Unmut wurde lange vor dem Merkelschen Manöver nach der jüngsten Europawahl formuliert. Deren vermeintlicher Opportunismus hat aber, so lernen wir nun in der sekundierenden Presse, eine höhere Logik. Zwar dachten die Menschen, die europaweit zur Wahl schritten, sie würden den Kommissionschef wählen, das war aber dumm. Nach den Europäischen Verträge schlagen die Regierungschefs mit qualifizierter Mehrheit einen Chef der Kommission vor, wobei sie das Ergebnis der Wahl berücksichtigen. Das Parlament wählt dann den so vorgeschlagenen oder lehnt ihn ab. Die Frankfurter Allgemeine zerfließt vor Verständnis gegenüber dem Verfahren: „Das ist ein vielschichtiger Prozess, der nicht auf offener Bühne stattfinden kann.“ Wenn das keine Perversion von Demokratie ist, was dann?
Aus britischer Sicht sind die so angelegten EU-Verträge obrigkeitsstaatliche Hilfskonstruktionen, mit denen man einst die Nationalvölker überlisten wollte, den Brüsseler Moloch als neuen Suprastaat zu akzeptieren. Irritiert stellt Perry Anderson fest: „The oligarchic cast of its constitutional arrangements, once conceived as provisional scaffolding for a popular sovereignity of supranational scale to come, has over the time steadily hardened.“ Was mal als geschmeidige Tricks erdacht war, um die einfältigen Nationalvölker zu ihrem europäischen Glück zu verführen, ist nun in Beton gegossen, in Stahlbeton. Aber der Fisch stinkt für die englischen EU-Skeptiker nicht nur am Kopf.
Wenn die Briten ein Bild von der „malavita“ Europas malen sollen, so beginnen sie, bevor sie zu Tony Blair und David Cameron kommen, mit dem deutschen Kanzler der Einheit. „A fresco (der europäischen Krankheit, KK) could start with Helmut Kohl, ruler of Germany for sixteen years, who amassed some two million Deutschmarks in slush funds from illegal donors whose names, once he was exposed, he refused to reveal for fear of the favours they had recieved coming to light.“ Das ist ja perfide! Kohl habe die Namen illegaler Parteispender nicht genannt, damit man nicht herauskriegen könne, welche Gefallen er denen dafür getan habe. Der Engländer sieht in den europäischen Nationen eine durchgängige Verwebung der politischen Eliten in Wählerverachtung und persönlicher Vorteilsnahme.
Gemach, sagt da die deutsche Seele. Das mag ja so sein in Irland oder Frankreich. Aber zum Glück bricht jetzt die deutsche Volkswirtin Maike Richter ihr Schweigen und haut den Kanzler der Einheit raus. Kohl habe mit den 2,1 Millionen DM in den Jahren 1993 bis 1998 zwar gegen das Parteiengesetz verstoßen, aber nicht gegen die Verfassung. Schließlich hatte er den Schmiergeldgebern versprochen, sie nicht zu denunzieren. Das Ermittlungsverfahren gegen ihn sei zudem gegen die Zahlung von 300.000 DM eingestellt worden. Zudem sei das Schmiergeld ja nur ein halbes Prozent der regulären Einnahmen der CDU in dem Zeitraum gewesen. Die Kritik daran, dass Kohl die Spender nicht nennen wollte, verbiete sich wegen der Lebensleistung des CDU-Granden. Wesentlich aber: In Deutschland drohte damals ein Linksruck, den Kohl verhindern musste. Es handelte sich also um eine Art Staatsnotstand.
Maike Richter, die durchaus selbstkritisch einen „verzeihlichen Fehler“ einräumt, ist die jetzige Ehefrau Kohls, die ihren greisenhaften Gatten pro domo rauszuhauen gedenkt. “Mein Mann hat einen Fehler gemacht, der kein Verstoß gegen das Grundgesetz, sondern gegen das Parteiengesetz war.“ Und aus dem Verfahren habe er sich ja mit 300.000 DM rausgekauft. So ist das unter Fürstens. Dass man im Big Time Crime nicht mit Bekennermut überlebt, hat Berlusconi bewiesen. Frau Richters Argumentation um den Staatsnotstand erhält Unterstützung durch einen italienischen Kollegen des Cavaliere. Der hatte sich 1512 aus der aktiven Politik zurückziehen müssen, da die Demokratie in seiner Heimat durch eine Oligarchie ersetzt wurde, und schrieb nun ein Werk zum Staatsgeschäft und dazu, wie es so zugeht unter Fürstens. Darin heißt es, dass Politiker sich nur dann an ihre Versprechen zu halten hätten, wenn das der Erhaltung des Staates diene. Und sonst eben nicht.
Wenn es also um „mantenere lo stato“ geht, dann ist alles erlaubt. Seien wir großzügig und räumen ein, dass das Argument gelten mag, wenn es denn nun gilt. Ein Wahlsieg der SPD über Kohls CDU, das wäre kein Staatsstreich gewesen. Der Mann hatte für seinen Bimbes also keine staatspolitische Begründung. Und die Verhinderung von Martin Schulz als Kommissionschef, die im Moment Merkel umtreibt, ist keine Staatsaffäre auf europäischem Niveau. Ob nun der trockene Alkoholiker aus Würselen oder der Kettenraucher aus Lietzeburg es wird…Und das englische Argument, dass der ältere Herr aus Luxemburg kein neues Gesicht ist, stimmt und bedeutet nichts.
Was also bedeutet noch was in dieser Welt? Dass die Souveränität von den Völkern ausgeht, das bedeutet was. Dass Wahlen kein Affentheater sein dürfen. Dass Wahlergebnisse gelten, egal, wie sehr uns die dann gewählten Gesichter gefallen. Es geht nicht um Schulz oder Juncker. Es geht um uns, die Wähler. Europa ist unheilbar krank, wenn es wählen lässt, um den Wähler von der Nichtigkeit dessen zu überzeugen, was er da gerade veranstaltet hat. Soweit darf der Zynismus der Machiavelli-Adepten nicht gehen. Demokratieverachtung, liebe Frau Merkel, verzeihen wir nicht. Auch nicht Mutti!
Quelle: starke-meinungen.de