Logbuch

MESSER.

Ein richtiger Junge hat ein Messer in der Hosentasche. Völlig klar. Mindestens mit Schnitzklinge und Säge. Auswahl nach oben offen. Dank Schweizermesser. Mindestens das ganz kleine mit Schere, Pinzette und Zahnreiniger. Eh klar.

Genderfragen interessieren mich nicht. Aber natürlich kann auch ein Mädchen ein Messer zu stecken haben. Die Königsdisziplin wird mit Laguiole erreicht, dem schlanken Franzosen mit der Fliege drauf. Oft mit Korkenzieher.

Das Offiziers- oder Sackmesser des Schweizer Militärs ist sprichwörtlich und hatte als Grundausstattung einen Dosenöffner; übrigens ursprünglich in Solingen, der deutschen Messerstadt im Niederbergischen, gefertigt, bis es Victorinox selbst konnte. Manchmal gehe ich in deren Flagshipstore am Tauentzien und kaufe mir noch eins. Taschenmesser kann man nicht genug haben.

Man erkennt den Dilettanten daran, dass er den amerikanischen Leatherman in diesem Zusammenhang erwähnt. Das Unding von einem Multitool ist eine überambitionierte Zange, sonst nichts. Anfangen lässt sich damit rein gar nichts. Und getragen würde es am Gürtel, wo allenfalls Fahrtenmesser hingehören, also Boyscout-Quatsch. Unwürdig.

Ob das italienische Springmesser etwa auch in die von mir gepriesene Art gehöre, werde ich gefragt. Und was mit feststehenden Klingen sei. An Bahnhöfen werde man neuerdings darauf gefilzt. In Flugzeugen gingen die ja noch nie. Alles Mädchenfragen.

Auf dem Petersplatz wurde ich mal mit einem Laguiole erwischt. Der Carabinieri schaut es sich an. Klappklinge und auf der Gegenseite genau so langer Dorn zum Eiszerkleinern, ein Hammergerät mit schwarzem Perlmutt. Nicht ungefährlich. Er nimmt es mir ab und rät mir, ihn wieder anzusprechen, wenn die Audienz vorüber. Ich finde ihn nach zwei Stunden wieder und er steckt mir den Dolch grinsend in die Tasche. „Das brauchst Du, um Äpfel zu schälen?“ „Genau!“ Der Mann weiß halt, dass ein richtiger Junge immer ein Messer zu stecken hat.

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PARADIES AUF ERDEN.

Wie erklärt man jemandem aus Stellenbosch, warum die Eingeborenen hier am Ort Äpfel keltern und das saure Gesöff preisen. Südafrika hat die herrlichsten Weine. Und der Hesse Fallobst von der Kitschenwiese.

Nur die Frauen können das Land noch retten, höre ich. Der alte weiße Mann spricht über seine Heimat und die bitterarme Bevölkerung schwarzer Abstammung in Gettos. Wenn sich hier kein Matriarchat durchsetze, drohe die Verwahrlosung ganzer Milieus. In mir springt die automatische Zensur an. Lausche ich einem Rassisten? Ich bin mir nicht sicher. Und höre dann doch zu.

In Johannisburg hält man nachts nicht an roten Ampeln, weil der Überfall auf das Auto geradezu erwartbar ist. Die persönliche Sicherheit sei in „gated communities“ einigermaßen gut, aber nicht alle Bewohner seien noch bereit, die sauteure private Sicherheitsfirma zu bezahlen. Am Rande seines Viertels hinter Stacheldraht habe sich eine illegale Wellblechsiedlung gebildet, deren Bewohner nun auf das Recht pochten, das abgesperrte Gebiet durchqueren zu dürfen. Dann sei es auch tagsüber nicht mehr sicher für Frauen und Kinder.

Ich sitze in einer Frankfurter Äppelwoi-Kneipe neben einem Buren, einem Touristen aus Südafrika. Und weiß gar nicht, ob ich dessen Geschichten glauben soll. Er arbeite, berichtet er, als Migrant auf Mauritius als Bau-Ingenieur, werde da aber nicht in Pension gehen können. Die ehemalige Strafinsel der britischen Kolonisatoren in Indien, das sagenumwobene Mauritius, gebe ihm, dem Südafrikaner, keinen Pass. Er wolle im Alter nach Europa.

Flüchtlingsgespräche auf höherem Niveau. Die Idylle meiner Heimat beschämt mich. Er fragt mich, ob ich etwa unbewaffnet durch das Nachtleben Sachsenhausens ziehe. Ja, sicher! Das könne er zuhause nicht wagen. Selbst die Polizei sei in einem Ausmaß korrupt, dass oft nur ein Krüger Rand helfe. Oder eben eine Glock. Starker Tobak.

Ich wende mich ab. Es bleibt aber das schlechte Gewissen des Beschenkten. Nicht durch die Räuberpistolen des Buren. Nein, beschämt durch die Selbstverständlichkeit, mit der wir unseren Frieden hier hinnehmen. Noch nie, sagte mir der weiße Mann, habe er Schulkinder auf Fahrrädern allein auf dem Schulweg gesehen. Noch nie. Das sei ungeheuerlich. Wie wir das geschafft hätten? Gute Frage.

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GOTTESLÄSTERERUNG.

No pics! Viele Religionen verbieten die bildliche Darstellung des Göttlichen. Einige sind da echt rigoros, insbesondere Schulen des Protestantismus und des Islam. Bildverbote. Bildersturm.

Nun hängt es in einem meiner Büros da an der Wand, das Selbstbildnis des Malers, mit dem etwas unverschämten Anspruch, dass genau so wie er auch der Religionsstifter ausgesehen habe. Mir gefällt an Albrecht Dürer diese Kombination aus Handwerk, Genie und bürgerlichem Selbstbewusstsein. Der Mann konnte was und war frech wie Dreck!

Da zeigt sich, was in den Metropolen dieser Zeit, in Nürnberg, Venedig und Antwerpen an BÜRGERLICHKEIT entstand. Alle Achtung. Sie langten rigoros in die Antike zurück (und nannten es Wiedergeburt) und griffen nach den Schätzen der Welt (als Gemeinwohl verstanden). Kultur und Kolonialismus. Warum sollte ein solches Ego vor der Religion halt machen? Dürer war halt dem Gottessohn wie aus dem Gesicht geschnitten. Oder umgekehrt, der ihm. Und?

Der kunstgeschichtliche Witz von Dürer ist das „AD“ als Signatur und Marke. Seine Frau nahm den Markenschutz sehr ernst. Fälscher wurden regelrecht bedroht. Das Authentische als Rechte-Schutz, in einer Zeit, die die technische Reproduzierbarkeit zu erfinden beginnt. Und genau hier hat das Abbild Jesu aus dem Schweißtuch der Heiligen Veronika seinen Witz. Gottesähnlichkeit wird auf die Schüppe genommen.

Denn das „vera icon“ des Schweißtuches hat keinen Schöpfer im Sinne eines Malers, der seinem Gestaltungswillen freien Lauf ließe; es ist das Original aller Originale. Das hat schon die Antike fasziniert: ein nicht von Menschenhand geschaffenes Kunstwerk. Authentischer geht es nicht. Man spielt mit dem Schöpfungsbegriff. Man will Gott sein. Ein agnostisches Abenteuer.

Darum ist das echt frech. Drunter tun sie es nicht, die Herren Künstler. Faszinierend.

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Der Fall di Lorenzo: wenn die Linke der Rechten den Steigbügel hält…

Der Chefredakteur der ZEIT und Herausgeber des TAGESSPIEGEL, Giovanni di Lorenzo, hat sich in einer Talkshow vor Millionenpublikum gebrüstet, bei der Europawahl gleich zweimal gewählt zu haben, weil sein Doppelpass als Deutsch-Italiener ihm das erlaube. Zudem habe ihn in Deutschland nicht mal jemand nach einem Ausweis gefragt.

Europa und Europawahl waren lächerlich gemacht und der für Migranten wichtige Doppelpass weiter in Misskredit gebracht. Die Rechtspopulisten dürfen feixen. Den neuen Faschisten stinkt die Integration von Migranten ebenso wie ein demokratisches Europa. Steigbügelhalter sind da willkommen. Bravo Giovanni!.

Am Folgetag dieses PR-Coups hat der stets moralisierende Gesinnungs-Journalist („Wofür stehst Du?“) der BILD seine tiefe Reue gebeichtet; er wolle das auch nie wieder tun. Mit diesen Krokodilstränen war die Verächtlichmachung perfekt. So werden die radikalen Rechten in Österreich, Frankreich, den Niederlanden oder wo auch immer argumentativ alimentiert.

Den Schaden haben all jene, die sich um eine Inklusion von Minderheiten und ein friedliches Miteinander in Europa bemühen. Der Doppelpass ist blamiert als Sonderprivileg der „Scheiß-Ausländer“, auf das nationalistischer Volkszorn jetzt wieder reagieren darf. Frankreich den Franzosen… Eingeborene vor Dahergelaufenen…Ausländer raus.

Dieser Hohn auf Freiheit und Fremde hat in Italien wie Deutschland eine Tradition, die mit den Namen Mussolini und Hitler  verbunden ist. Es riecht nach der Weimarer Verachtung für die Demokratie, derer sich auch die bürgerlichen Eliten schuldig gemacht haben. Ich habe charakterlich wie politisch nie etwas von dem Herrn di Lorenzo gehalten. Ich hätte nicht gedacht, dass diese Missbilligung noch zu steigern ist.

Das erinnert mich an einen Besuch der Mailänder Scala  zwischen Weihnachten und Neujahr. Es versuchten sich an einer Verdi-Oper ein russischer Regisseur und ein tschechischer Sänger in herausgehobener Rolle. Zum Schluss gab es neben dem Beifall aus dem Parkett Buh-Rufe von den Balkonen. Das italienische Stammpublikum pöbelte.

Va a casa, das wurde dem Tschechen zugerufen. Geh nach Hause. Ein bürgerliches Publikum, das zwischen 500 und 1000 € für eine Karte bezahlt hatte, hörte die norditalienische Bourgeoisie in Tönen des Duce. Ich erinnerte mich beschämt an das Brecht-Wort zum deutschen Faschismus. „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

Es wäre mir recht, wenn der Apologet der Rutenträger sich seinem italienischen Landgut widmen würde und seine Zeitungen wieder in die Hand von politischen Köpfen kämen,  denen die europäische Aufklärung mehr wert ist als ein eitler Gag.

Quelle: starke-meinungen.de