Logbuch
VERTEUFELT.
Wer das absolut Böse kennt und bekämpft, kann schlecht Kompromisse machen. Aus der Verteufelung gibt es keinen Ausweg. Die Grünen sitzen in dieser Lebendfalle.
Wenn das vordringlichste Problem das des Klimawandels ist (und der durch Verbrennungen verursacht wird, vulgo menschengemacht ist) und alles, aber auch alles an der Emission von Kohlendioxid gemessen werden muss, dann muss man unter allen Umständen aus jeder VERBRENNUNG raus. Greta-Logik.
Wenn Importenergie die Exporteure mächtig macht, sei es den islamistischen Scheich via Öl oder den russischen Imperialist via Gas (und die amerikanischen Multis das wissen) und man deren Übermacht nicht will, dann braucht man eine HEIMISCHE Energieversorgung.
Nach diesem Chiasmus bleiben nur Sonne, Wind und Atom. Sonne und Wind sind teuer, sehr teuer. Atom könnte helfen. Auch als WIRTSCHAFTSFÖRDERUNG durch günstigen Strom. Das zerreißt die AKW-Rentner bei den Grünen. Politiker der ersten Stunde, die schon in Castor-Transporten den Weltuntergang sahen. Oder simulierten. Halt, stopp! Bei den Grünen in Deutschland. In Frankreich versteht man das, in England, in Schweden, in Finnland, you name it. Von den USA und China nicht zu reden.
Jetzt kommen die Hilfsargumente. Uran werde knapp, deshalb sei die Kernenergie nicht nachhaltig. Himmel hilf. Die Brütertechnologie kommt so wieder zu Ehren. Es gebe noch kein Endlager. Ach, das erste in Finnland steht zur Eröffnung. Die Baukosten stiegen. Ja, wie bei der Elbphilharmonie. Die Abfälle strahlten über Generationen. Stimmt, aber das emittierte Kohlendioxid stirbt ja wohl auch nicht freiwillig und friedlich mit siebzig. Alles Scheingefechte.
Das Problem der Zauberlehrlinge: So hilfreich die Verteufelung in der Opposition ist, so vertrackt ist sie in der Regierung, wenn es gilt mit Augenmaß Kompromisse zu schließen. Jetzt gilt es mit Beelzebub zu buhlen.
Die grüne Revolution frisst ihre Kinder. Stimmt das? Schwerer Gedanke.
Logbuch
WASSER DES LEBENS.
Der Dichter Heiner Müller, der sich der DDR zurechnete, pflegte Zigarren zu rauchen und Whisky zu trinken. Als notorisch Depressiver beides übermäßig. Darüber wurde er immer lakonischer.
Nun halte ich ein mäßig lektoriertes Buch in den Händen, in dem im Titel des ihm gewidmeten Kapitels von „Whiskey“ die Rede ist. Das wäre die irische Variante. Heiner Müller trank aber das Original, den schottischen Whisky. Der Namen stammt von den klösterlichen Marketingexperten die AQUA VITAE (Wasser des Levens) so ins Gälische übersetzten. Müller: Whisky, weil der nach seiner Jugend schmecke. Hat er mir mal so erzählt.
In Schottland wird die Keimung der Gerste durch ein Darren mittels Torffeuer unterbrochen; das nennt der Eingeborene „peaty“, was dabei an Raucharoma entsteht. Peat ist Torf. In Sachsen, wo Heiner Müller aufwuchs, wurde mit Briketts aus Braunkohle in Einzelöfen geheizt; die Luft zeugte davon. Beides der gleichen Stoff, mit unterschiedlichem Grad der Romantisierung.
Ob man das literarische Schaffen von „Max Messer“ (so sein Pseudonym) für wesentlich hält, ist eine Frage des Standpunkts. Ich stimmte mit ihm jedenfalls in der Beurteilung vom irischen Whiskey überein. Eignet sich hervorragend zum Abbeizen alter Möbel.
Logbuch
ZEITZEUGEN, ZUFÄLLIGE.
Weil Bert Brecht bei den Theaterproben nicht von seinen Zigarren lassen konnte, hatte das Ministerium für Kultur eine Sondererlaubnis erteilt und einen Feuerwehrmann gestellt, der mit einem Wasssereimer bewaffnet stets hinter Brecht stand. Die Proben waren endlos.
Den hätte ich gerne interviewt, was er von dem Meister hielt.
Als der französische Philosoph Jean Paul Satre 1953 den frisch emitierten deutschen Denker Martin Heidegger besucht, waren beide an Grippe erkrankt. Die Übersetzerin, eine Gespielin der Muse Satres, berichtet, die Herren hätten sich ausschließlich über ihre Gebrechen unterhalten.
Die hätte ich gerne interviewt, was sie von den Granden hielt.
Plan zu einer Literaturgeschichte gemäß zufälliger Zeugen, nach Berichten der Randfiguren.
Logbuch
Der Fall di Lorenzo: wenn die Linke der Rechten den Steigbügel hält…
Der Chefredakteur der ZEIT und Herausgeber des TAGESSPIEGEL, Giovanni di Lorenzo, hat sich in einer Talkshow vor Millionenpublikum gebrüstet, bei der Europawahl gleich zweimal gewählt zu haben, weil sein Doppelpass als Deutsch-Italiener ihm das erlaube. Zudem habe ihn in Deutschland nicht mal jemand nach einem Ausweis gefragt.
Europa und Europawahl waren lächerlich gemacht und der für Migranten wichtige Doppelpass weiter in Misskredit gebracht. Die Rechtspopulisten dürfen feixen. Den neuen Faschisten stinkt die Integration von Migranten ebenso wie ein demokratisches Europa. Steigbügelhalter sind da willkommen. Bravo Giovanni!.
Am Folgetag dieses PR-Coups hat der stets moralisierende Gesinnungs-Journalist („Wofür stehst Du?“) der BILD seine tiefe Reue gebeichtet; er wolle das auch nie wieder tun. Mit diesen Krokodilstränen war die Verächtlichmachung perfekt. So werden die radikalen Rechten in Österreich, Frankreich, den Niederlanden oder wo auch immer argumentativ alimentiert.
Den Schaden haben all jene, die sich um eine Inklusion von Minderheiten und ein friedliches Miteinander in Europa bemühen. Der Doppelpass ist blamiert als Sonderprivileg der „Scheiß-Ausländer“, auf das nationalistischer Volkszorn jetzt wieder reagieren darf. Frankreich den Franzosen… Eingeborene vor Dahergelaufenen…Ausländer raus.
Dieser Hohn auf Freiheit und Fremde hat in Italien wie Deutschland eine Tradition, die mit den Namen Mussolini und Hitler verbunden ist. Es riecht nach der Weimarer Verachtung für die Demokratie, derer sich auch die bürgerlichen Eliten schuldig gemacht haben. Ich habe charakterlich wie politisch nie etwas von dem Herrn di Lorenzo gehalten. Ich hätte nicht gedacht, dass diese Missbilligung noch zu steigern ist.
Das erinnert mich an einen Besuch der Mailänder Scala zwischen Weihnachten und Neujahr. Es versuchten sich an einer Verdi-Oper ein russischer Regisseur und ein tschechischer Sänger in herausgehobener Rolle. Zum Schluss gab es neben dem Beifall aus dem Parkett Buh-Rufe von den Balkonen. Das italienische Stammpublikum pöbelte.
Va a casa, das wurde dem Tschechen zugerufen. Geh nach Hause. Ein bürgerliches Publikum, das zwischen 500 und 1000 € für eine Karte bezahlt hatte, hörte die norditalienische Bourgeoisie in Tönen des Duce. Ich erinnerte mich beschämt an das Brecht-Wort zum deutschen Faschismus. „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“
Es wäre mir recht, wenn der Apologet der Rutenträger sich seinem italienischen Landgut widmen würde und seine Zeitungen wieder in die Hand von politischen Köpfen kämen, denen die europäische Aufklärung mehr wert ist als ein eitler Gag.
Quelle: starke-meinungen.de