Logbuch

FRATZENSCHNEIDER.

Nur wer eine politische ROLLE gefunden hat, wird gewählt. Immer wieder und wieder ein klares und gelerntes Rollenbild. Eine Charaktermaske. Nur Archetypen werden Kanzler.

Vielfalt erfreut, haben die alten Römer gesagt. Das ist Unsinn. Vielfalt verwirrt. Der Politiker, den wir wollen, muss ein Urbild vorleben. Immer wieder neu das Eine und Dasselbe. Bitte keine Ungewissheiten. Eine Rolle ist eine Rolle ist eine Rolle. Das nennt die Wissenschaft das VERBOT der AMBIGUITÄT. Die Menschen wollen wissen, woran sie charakterlich sind.

Wir wollen als Wähler nicht, mal was Neues kennenlernen oder gar etwas UNGEWISSES. Es geht auch bei der Kanzlerfrage um MARKENPOLITIK. Eine Marke ist eine Marke ist eine Marke. Die Volksseele sehnt sich nach den Archetypen ihrer selbst. Das ist wie im Kino: Gib mir den Alltags-Helden! Und, bitte, charakterlich keine Überraschungen. NO SURPRISES.

Deshalb gibt die Frau „Doktor“ Giffey die Ossi-Tusse. Macht sie gut. Das versteht der Berliner. Was Olaf, der Scholzomat, gibt, das verstehen mittlerweile auch viele; da kommt des Hanseatische zum Bescheidenen. Ein Helmut Schmidt für Arme. Mutti als Vati. Was aber der Türken-Armin, so nennen sie Laschet in der CDU in NRW, so genau abliefert, das hat das Land noch nicht gelernt. Zudem gilt der rheinische Tonfall als der Jargon des Luftikus. Ein katholischer Halodri. Kein Adenauer.

Es reicht bei dem hanseatischen Zwangscharakter nicht für 40 Prozent, aber doch für 25. Es fehlt dem Karnevalisten aus Aachen bei den ehedem 33 Prozent inzwischen deutlich 10. Und so segeln wir in eine Rot-rot-grüne Bundesregierung. Der Effekt erfolgreicher Fratzenschneiderei. Wir sind als Wähler ein billiges Publikum.

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INVASIVE NEOPHYTEN.

Sie kommen von weit her und haben hier nix zu suchen. Breiten sich aber dramatisch aus. Sie heißen Kirschlorbeer, Goldregen oder Bärenklau.

Man kann es an ungenutzten Ecken des Stadtbildes wuchern sehen, das neue Pflanzenzeugs. Ich kann mir all die Namen nicht merken. Aber es sind keine heimischen Pflanzen, daher das „neo“ bei den Neophyten. Und sie sind verbreitungswillig, deshalb „invasiv“. Zum Beispiel das „drüsige Springkraut“; im Ernst?

Das ist unhistorisch, viele Urväter sind um die ganze Welt gesegelt, um neue Pflanzen nach Europa zu holen. Man lasse sich das im Botanischen Garten erklären. Sie tauchen aber nicht nur wild auf, sondern machen vor Gartenzäunen nicht halt. Obwohl dort die gleichnamigen Zwerge wachen. Sie verdrängen, höre ich sagen, heimische Arten. Das geht zu weit.

Mich erstaunt schon der Vernichtungswillen, mit dem auf dem Land Steinflächen, vor allem Bürgersteige, von Bewuchs befreit werden. Scharfe Scharber kommen zum Einsatz, sogar regelrechte Flammenwerfer. Glyphosat ist plötzlich ein Segen. Man tauscht sich stolz über illegale Quellen für illegale Chemokeulen aus. Damit kein Grashalm überlebe.

Unübersehbar, dass man reaktionär über Gartenbau reden kann. Oder, dass der Gartenbau, wenn blindlings auf das Gesellschaftliche übertragen, zu Reaktionärem führt. To say the least. Was ja schon mit der Kategorie „Unkraut“ begann. Oder der Wandlung der Wiese in Rasen. Und jetzt die Besatzung durch den Großen Bärenklau. Lehrstücke des Sozialdarwinismus.

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BACKSTAGE.

Hinter der Bühne, da passieren die wichtigen Dinge. Im Scheinwerferlicht benehmen sich danach alle gut. Gepöbelt wird in der Garderobe. Alter Talkshow-Trick von mir.

Einen wirklichen Gegner in der Talkshow-Arena muss man beleidigen, bevor die Kameras angehen. Am besten in der „Maske“, wenn die Gäste in Schminkstühlen nebeneinandersitzen und abgepudert werden, damit sie im Studio nicht glänzen wie die Ostereier. Hier ein gezielter Schlag unter die Gürtellinie und dann im Studio den Gentleman geben. Der Beleidigte findet aus dem Beleidigen nicht mehr raus und macht eine schlechte Figur.

So auch Bundeskanzler Schröder in der legendären „Elefantenrunde“ am 18. September 2005, als er die knappe Wahlsiegerin Angela Merkel anranzte. Man schob das auf den Rotwein, dem er schon zugesprochen hatte. Das war aber anders. Der kluge Journalist Peter Zudeick offenbart das in seinem neuen Buch („Verbrandt, verkohlt und ausgemerkelt“ im Westend-Verlag). Der ZDF-Moderator Nikolaus Bender hatte in der Garderobe Merkel devot als „Bundeskanzlerin“ begrüßt (was sie noch nicht war) und den amtierenden Kanzler ironisch mit „Guten Abend, Herr Schröder!“ Davon hat sich Gerd nicht mehr erholt. Inzwischen eine Kultsendung.

Mein nettestes Erlebnis in der Kategorie hatte ich bei Anne Will mit einem Vorsitzenden des BeamtenBundes (wo auch die Lokführer-Separatisten hausen), der neben mir gepudert wurde. Er war in einem englischen Sportwagen der Oberklasse angereist, der vermeintliche Tröster von Witwen und Waisen; am Vorabend hatte ich ihn in einem Luxusrestaurant mit Gattin gesehen, wo er den ganz großen Max gab. Ich fragte also laut in der „Maske“, wem denn auf dem Parkplatz vor dem Studio die „Zuhälterkarre“ gehöre. Davon hat er sich nicht mehr erholt.

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Der Fall di Lorenzo: wenn die Linke der Rechten den Steigbügel hält…

Der Chefredakteur der ZEIT und Herausgeber des TAGESSPIEGEL, Giovanni di Lorenzo, hat sich in einer Talkshow vor Millionenpublikum gebrüstet, bei der Europawahl gleich zweimal gewählt zu haben, weil sein Doppelpass als Deutsch-Italiener ihm das erlaube. Zudem habe ihn in Deutschland nicht mal jemand nach einem Ausweis gefragt.

Europa und Europawahl waren lächerlich gemacht und der für Migranten wichtige Doppelpass weiter in Misskredit gebracht. Die Rechtspopulisten dürfen feixen. Den neuen Faschisten stinkt die Integration von Migranten ebenso wie ein demokratisches Europa. Steigbügelhalter sind da willkommen. Bravo Giovanni!.

Am Folgetag dieses PR-Coups hat der stets moralisierende Gesinnungs-Journalist („Wofür stehst Du?“) der BILD seine tiefe Reue gebeichtet; er wolle das auch nie wieder tun. Mit diesen Krokodilstränen war die Verächtlichmachung perfekt. So werden die radikalen Rechten in Österreich, Frankreich, den Niederlanden oder wo auch immer argumentativ alimentiert.

Den Schaden haben all jene, die sich um eine Inklusion von Minderheiten und ein friedliches Miteinander in Europa bemühen. Der Doppelpass ist blamiert als Sonderprivileg der „Scheiß-Ausländer“, auf das nationalistischer Volkszorn jetzt wieder reagieren darf. Frankreich den Franzosen… Eingeborene vor Dahergelaufenen…Ausländer raus.

Dieser Hohn auf Freiheit und Fremde hat in Italien wie Deutschland eine Tradition, die mit den Namen Mussolini und Hitler  verbunden ist. Es riecht nach der Weimarer Verachtung für die Demokratie, derer sich auch die bürgerlichen Eliten schuldig gemacht haben. Ich habe charakterlich wie politisch nie etwas von dem Herrn di Lorenzo gehalten. Ich hätte nicht gedacht, dass diese Missbilligung noch zu steigern ist.

Das erinnert mich an einen Besuch der Mailänder Scala  zwischen Weihnachten und Neujahr. Es versuchten sich an einer Verdi-Oper ein russischer Regisseur und ein tschechischer Sänger in herausgehobener Rolle. Zum Schluss gab es neben dem Beifall aus dem Parkett Buh-Rufe von den Balkonen. Das italienische Stammpublikum pöbelte.

Va a casa, das wurde dem Tschechen zugerufen. Geh nach Hause. Ein bürgerliches Publikum, das zwischen 500 und 1000 € für eine Karte bezahlt hatte, hörte die norditalienische Bourgeoisie in Tönen des Duce. Ich erinnerte mich beschämt an das Brecht-Wort zum deutschen Faschismus. „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

Es wäre mir recht, wenn der Apologet der Rutenträger sich seinem italienischen Landgut widmen würde und seine Zeitungen wieder in die Hand von politischen Köpfen kämen,  denen die europäische Aufklärung mehr wert ist als ein eitler Gag.

Quelle: starke-meinungen.de