Logbuch
BÜTTENREDE.
Der offizielle Karneval mit all seinem PRUNK wie der bodenständigere, der sich selbst STUNK nachsagt, sie leiden beide daran, dass vorsätzliche Witzeerzähler auftreten, die sich selbst für komisch halten und es deshalb nicht sind. Diese Pappnasen sind autoreferentiell. Selbstbezüglichkeit, das geht gar nicht.
Ich höre gar Kommentare dazu, dass verzögert gelacht werde („Der war schwer!“) oder beiseite gesprochene Einforderungen des TUSCH, des notorischen Pointensignals durch die Saalkapelle. Satire kennzeichnet sich aber nicht als solche, darin liegt ihre Schärfe. Humor lacht nicht mit und über Humoristen. Karneval ist nicht komisch, wenn er es partout sein will.
Die BÜTT, das Rednerpult der Narretei, mag historisch ein Weinfass oder Waschkübel gewesen sein, ihre Bedeutung bekam sie durch die Analogie zur KANZEL, dem Ort der kirchlichen Autorität oder der Richterbank, dem Palastbalkon. Der Büttenredner nutzte eine kühne Amtsanmaßung, die die Jahreszeit ihm ausnahmsweise gewährte. Die BÜTT ist der Ort des Spottes der Beherrschten über ihre Herrschaften. Darin liegt eine intellektuelle Verantwortung.
Und die BÜTT ist der Ort der Kleinkunst des vorsätzlichen Blödsinns. „Wider den tierischen Ernst“, das ist ein gutes Motto. Davon ist, wenn man dem TV glauben darf, wenig geblieben. Als Freund des Kabaretts bedaure ich das. Die Clowns sind an der Macht und sie meinen es bitter ernst.
Logbuch
KATZENSCHWANZ.
Als was gehe ich denn dieses Jahr? Eine Frage großer Bedeutung, wenn man in Regionen unterwegs ist, die den KAPPENZWANG noch eingehalten sehen wollen. Früher war das leichter: Pirat oder Cowboy?
Ein Kölner Volksschauspieler, der eine gewisse äußere Ähnlichkeit mit mir gehabt haben soll, hat sich programmatisch zu dem geäußert, was da im Rheinland abgeht. Ich darf zitieren:
„Du darfst mich lieben für drei tolle Tage/
Du musst mich küssen, das ist deine Pflicht/
Du kannst mir alles, alles Schöne sagen/
Nur nach dem Namen frag mich bitte, bitte nicht:
Nur nach dem Namen frag mich bitte, bitte nicht.“ (Willy Millowitsch)
Der Kreißsaal kennt dann neun Monate später das sogenannte Karnevalskind, das im Kuckucksverfahren aufwächst, was Eltern noch nie daran gehindert hat, später bei dem Kinde Ähnlichkeiten mit dem Gatten der Mutter zu entdecken, der nicht der Vater war, zumindest nicht dieses Kindes. Auch gut.
Überhaupt bringt die Kombination von Alkohol und Infantilität eine gewisse Nonchalance mit sich. Sagen wir, eine geradezu historische Distanz zur aktuellen Seelennot. Beweis:
„Heile, heile Gänsje
Es is bald widder gut,
Es Kätzje hat e Schwänzje
Es is bald widder gut,
Heile heile Mausespeck
In hunnerd Jahr is alles weg.“
(Ernst Neger)
Als dieses Lied 1952 von einem heute Namenlosen zum ersten Mal vorgetragen wurde, weinte der Saal vor Rührung. Man war sich so kurz nach dem Krieg noch sicher: „Das Leben ist kein Tanzlokal.“ Darum Karneval.
Der vornehmste Mummenschanz ist mir der venezianische, in den kunstvolle Masken getragen werden. Man muss erahnen, welche Person sich hinter der kunstvollen Maske verbirgt, ein raffiniertes Spiel besonderer Art. Dem preußischen Protestanten ist das alles fremd. Man kann sich nicht ernsthaft fragen, als was Olaf Scholz (Hanseat) oder Friedrich Merz (Sauerländer, wenn nicht Siegerland) dieses Jahr gehen. Und bei den Grünen, da stellt sich die Frage der Camouflage ganzjährig. Ach, wie humorlos von mir. Wär nur schon Mittwoch.
Logbuch
DER DSCHUNGEL.
Eine ursprünglich aus Afrika stammende Freundin erzählt mir, dass sie ihr Sicherheitsgefühl verloren habe, seit ihr in Berlin ein Junkie den Rucksack entrissen habe, im Hauseingang ihrer eigenen Wohnung. Berlin sei ein Dschungel. Sie hasse es. Das ist ja ein Wort, wenn man mit Zulu und Afrikaans aufgewachsen ist.
Die große Stadt ist ein böses Habitat für junge Frauen, weil in dunklen Ecken und missbräuchlich genutzten Parks allfällige Kriminalität lauert; ein Alptraum ständiger Gefährdung für Gut, Seele, Leib und Leben. Man spürt das als alter weißer Mann nicht so. Mich fragt mal der gewaltsozialisierte Nordafrikaner im Tiergarten: „Brauchst Du was, Alta?“. Nö, danke. Oder der selbstbewusste Pubertant aus Arabistan redet mich dreist mit „Na, Meister!“ an, was nur scheinbar Respekt ausdrückt. Ich überhöre es. Und, das ist wichtig, sie gehen mir nicht an die Wäsche. Jungen Frauen rät man hier gar, nicht allein zur Schule zu gehen und Gruppen zu bilden. Für den Schulweg! Strukturelle Gewalt ist ein Thema, mit dem ich mich nicht abfinden werde.
Um 1900 hat man die bedrohliche Stadt THE JUNGLE genannt; damals war Chicago gemeint. Eigentlich stammt die Metapher aus dem britisch besetzten Indien. Die sprichwörtlichen Gesetze des Dschungels sind die der Raubtiere, sprich „Fressen oder gefressen werden“. Mit der drogengestützten und daher irren Beschaffungskriminalität im metropolen Dschungel kommt ein weiteres Moment der Skrupellosigkeit hinzu. Der Junkie gehört sich nicht mehr selbst und ist sich für nichts zu schade. Die Idylle, die Kipling dem Dschungel in seinen berühmten Kinderbüchern gegeben hat, die findet sich in der großen Stadt allenfalls im Hellen. Und den noch bürgerlichen Vierteln. Nicht in den dunklen Ecken der Verwahrlosten Bezirke, in Parkhäusern und Bahnhöfen.
Man komme mir nicht mit dem ortsüblichen Lokalpatriotismus. Ich will meinen Kiez nicht als Dschungel. Es gehört ja schon ein eigener Mut dazu, zu später Stunde oder gar am sehr frühen Morgen die U-Bahn zu nutzen. Für Frauen fast eine „no go area“: Das ist nicht in Ordnung. Mein Mitleid mit pöbelnden Alks aus Osteuropa auf dem S-Bahnsteig hält sich in Grenzen. Nein, ich finde das Ausrufen von „bitches“ durch Gruppen junger Männer nicht komisch, deren Schwestern sich zu verhüllen haben. Und man komme mir nicht mit der Warnung vor Diskriminierung, solange der Täterschutz vor der Vermeidung von Opfern steht. Keine Toleranz gegenüber den Intoleranten.
Wir sind, wen wir schützen. Das ist der Kernsatz von Zivilisation. Das beginnt, nennt mich altmodisch, bei Kindern und Frauen.
Logbuch
Schon Eure Zahl ist Frevel!
Massen machen mir angst. Die zivilisatorischen Vorgaben für Menschen heben sich in größeren Ansammlungen eben derselben recht schnell auf. Das begründet mein Misstrauen gegen Volksabstimmungen. Gestern ging ich an der Berliner Gedächtniskirche durch einige Hundert Fussballfans, die sich in der Verringerung der zivilisatorischen Decke mittels Dosenbier übten.
Als geborener Knappe aus dem Pott sind mir diese Horden aus Lüdenscheid Nord nicht fremd, aber ich habe ein deutsches Hirn. Wenn ich Sport höre, höre ich immer auch Sportpalast. Man kann in diesem Land, das ist die deutsche Krankheit, Herrn Goebbels und seine Siege im Sportpalast nicht wirklich vergessen.
Die Skepsis richtet sich weniger gegen die beseelten Horden als gegen ihre Anführer. Meine Verachtung gilt den Profiteuren des Programms von Brot und Spielen. Und die sachlich völlig unangemessene Konnotation zum Pogrom will nicht aus dem Kopf. Ich sehe bei den Anführern diesen neuen Typ des kahlrasierten alerten Jünglings, der Boss-Anzüge trägt, weil er das Label dieser Marke für sich selbst als Anspruch annimmt. Die Herren haben so ostentativ Idealfiguren, dass man die Absicht bemerken muss, also entweder eine Essstörung oder eine homoerotische Neigung angenommen werden muss.
Und dann ereilt das deutsche Hirn die österreichische Assoziation; ich erinnere die Körpersprache eines Jörg Haider und finde sie bei Geert Wilders wieder. Man soll nicht Birnen mit Äpfeln vergleichen und es geht nicht um eine politische Bewertung der Persönlichkeiten. Wir reden über Inszenierungscodes, öffentliche Ästhetik. Das Glatte eines Beckenbauer oder eines Löw, Herren, die sie Kaiser oder Jogi nennen, ist mir unheimlich; und ich gestehe, das Wurstige an dem Metzgerbub Hoeneß fand ich so schlecht nicht.
Von der Gedächtniskirche zur Frauenkirche in Dresden. Gleich gegenüber dem wiedererrichteten Dom sitze ich in einem kanadischen Steakhaus mit Namen Ontario und trinke kanadischen Riesling zu einem Bisonsteak. Der Osten ist echt bunt und ohne Scheu vor jenem Teil der Welt, der ihm so lange versperrt war. Am Nachbartisch, direkt in der Blickrichtung zur Frauenkirche, eine Gruppe von Alerten, die sich laut über den Rasenballsport in Leipzig austauscht. Mit großem Geld will man einen Retortenverein in die erste Bundesliga schieben. Man kann das, weil man es im Eishockey und dem Motorsport konnte und die Geldquelle sprudelt.
Im Dresdner Kanada spricht die Kellnerin sächsisch und die Gäste an dem lauten Tisch das Deutsch der Alpenrepublik.
Unwillkürlich erscheint die Schlüsselszene aus Baby Schimmerlos vor dem inneren Auge. Der steinreiche Fabrikant, von Mario Adorf brillant gegeben, droht dem Journalisten mit seiner Freigebigkeit. Corporate Social Responsibility heißt das heute, wenn die dicken Brieftaschen drohen: „Ich scheiß Dich zu mit meinem Geld…“ Adorf bringt den Satz in bayrischem Ton; in Leipzig will man ihn auch schon in österreichischem gehört haben. Das hat dann selbst die Deutsche Fussball Liga beeindruckt. Sie hält nun RB Leipzig für einen Verein des Breitensports, der dem Freizeitvergnügen und der Körperertüchtigung dient. Die Leipziger freuen sich, dass sie endlich wieder was gelten in der Welt.
Während man wieder Opfer seiner Assoziationen zu werden droht, zerreisst ein Witz der Herrenrunde am Nachbartisch die Kontemplation. Die Madeln seien in Leipzig recht hübsch, sagt der eine. Und gar nicht mal teuer, fügt der andere hinzu. Schallendes Gelächter. Offensichtlich fürchtet man sich nicht vor den Eingeborenen. Ein Hauch von Kolonialismus weht durch den Bratenduft. Der Riesling ist unangenehm süß, das Bison zäh und der Nachtisch hat eine Hippe als Ahornblatt. Mir wird übel.
Der Massensport hat nicht nur viel Geld verdient, wo er sich zum Profi-tum aufschwingt, er zieht nun auch viel Geld an, großes Geld. Retorten werden möglich, um die Massen zu bewegen. Große Brieftasche kriegen das Sagen. Man erinnert sich daran, wenn man den kleinwüchsigen englischen Herrn aus dem Motorrennsport vor einem deutschen Gericht sieht. Er wurde in England nach dem Größenunterschied zu seiner hochgewachsenen damaligen Ehefrau befragt. Ob er sich da nicht klein vorkäme. „Not when I’m standing on my wallet.“ So ist das wohl.
Quelle: starke-meinungen.de