Logbuch

NO DOXXING.

Die Gettoisierung des sozialen Lebens werde ich nicht als „Opfa“ hinnehmen. Zwischentöne sind nur Krampf im Klassenkampf. Aber Namen nenn ich trotzdem nicht.

Ich habe aus dem fließenden Verkehr einer vierspurigen Straße in eine Einfahrt abzubiegen, die ein haltender PKW blockiert. Ich hupe, nichts passiert; hinter mir hupt jemand, nichts passiert; auf der ebenfalls blockierten Überholspur wird gehupt. Der Delinquent, Namen nenn ich nicht, zieht zwei Meter vor. Alles gut.

Ich stehe in der angestrebten Einfahrt, steige aus und der junge Mann stürmt mir entgegen: „Du kleine Nutte, einmal Huppen reicht. Dreimal Huppen, schlage ich Dir Spasti Fresse ein...“ Ich antworte dem Herrn nicht und versuche den Duft, der ihn umschwebt, einzuordnen. Irgendwas erinnert mich an meine Jugend. Nein, nicht Lebkuchen. Ein Kiffer. Im Berliner Kiez vermutlich auf Tilidin; da ist dann Vorsicht geraten. Ich lasse mich ohnehin nicht zu Ritualen der streetfighting-gangs hinreissen. Ich übersehe ihn.

Die Blonde fotografiert das Kennzeichen des Elektro-Renault: EL- XXXX E. Aus Lingen an der Ems ist der Pöbler. Ich lasse einen Kumpel von der Sicherheit eines dortigen Betriebes mal eine Halterfeststellung machen. Schau an: Wir sind mit Klarnamen auf Instagram und ticktocken. Ach, guck mal an, Malergeselle in Rheine sind wir und seit zwei Jahren mit einem weiblichen Spross des Wedding verheiratet. Wohl die Schwiegermutter abgeladen, als man für Ärger sorgte. Es gibt Fotos von Familienfeiern im Netz. Aber: No DOXXING, Namen nenn ich nicht.

Also, lieber Pöbler, das mit der kleinen Nutte, das winken wir durch; aber Spasti nehmen wir nicht. Das geht hier nicht, eine Behinderung als Schimpfwort. Verstanden? Wir raten zur Einkehr. Nächste allgemeine Verkehrskontrolle im Emsland sucht sonst im Handschuhfach nach Tilidin. Dann ist die Fleppe weg. Denn Zwischentöne sind nur Krampf…

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FALSCHE FREUNDE.

Mit einem Investigativen Journalisten und einer ehemaligen Regierungssprecherin diskutiere ich in einem Seminar der Uni zu Bonn auf Einladung eines großzügigen Publizisten und unter Leitung eines klugen Privatdozenten; eigentlich diskutieren wir nicht, da alle einer Meinung. Dann aber doch eine kritische Frage eines jungen Kommilitonen zu diesem Blog.

Ob das Logbuch nicht FALSCHE FREUNDE anziehe; frage man nämlich den Algorithmus auf LinkedIn nach Ähnlichem, so böte er eine ganze Liste rechter (!) Publizisten an. Es folgt eine Aufzählung von strammen Meinungsjournalisten der Springer-Presse, der NZZ und des Focus. Ich spare mir die Frage, ob man einem (unbekannten) Algorithmus trauen dürfe, indem man ihm eine Absicht eigener Logik unterstellt. Ich frage stattdessen, wohin es führe, wenn man sich daran orientiere, BEIFALL AUS DER RICHTIGEN ECKE zu erreichen und den aus der falschen zu vermeiden.

Immanuel Kant unterscheidet den privaten und den öffentlichen Gebrauch der Vernunft; meint den privatwirtschaftlichen und öffentlichen Gebrauch. Was ein Pastor nach Maßgabe seiner Kirche predige, das ist für ihn privat, also verzeihlich; was er aber an ein lesendes Publikum wende, das ist im Sinne der Aufklärung öffentlich, bedarf daher wirklicher Vernunft. In der Frage wird Kant energisch. Keine Gefälligkeiten!

Ich schreibe hier nach dem kategorischen Imperativ, nicht wegen des BEIFALLS; und wenn dass dann auch rechte Geister zur Pflichtlektüre machen, sei es drum. Wirkliche Freunde haben mir gesagt, sie läsen mich gelegentlich mit Freude, würden das aber nicht auch noch im Netz zugeben. Das verstehe ich gut; es freut mein Herz.

Ich sammle keine „Likes“. Aber, wenn ich ehrlich sein soll, Freunde der Vernunft schon. Diese Eitelkeit sollte nicht leugnen, wen sie tagein tagaus vor dem Frühstück zum Dichten zwingt.

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SCHNELLE BRÜTER.

Es gibt Menschheitsträume und es gibt Technikfantasien. Zu der Spitze aller Illusionen der Ingenieure gehört die Hoffnung, dass der Ertrag größer sei als der Aufwand. Das Nukleare soll dem nahe kommen können.

Ein grüner Menschheitstraum ist die Annahme vom Genuss ohne Reue. Als Teil der Natur will man ihr nicht mehr entnehmen, als sie selbst regenerieren könne. Man will brav Untertan der Erde sein. Das ist der ideologische Kern des GRÜNEN Zeitgeistes. Kein Raubbau, sondern Nachhaltigkeit. Der fortstwirtschaftliche Ursprung der Nachhaltigkeit ist längst vergessen, weil das ideologische Heilsversprechen so stark ist: NATUR als IDYLLE. Der deutsche Wald als Elysium.

Für die Philosophen unter uns, das ist die Natur von Herrn Rousseau, nicht die von Herrn Darwin. Im Grunde ist es eine religiöse Vorstellung, die des PARADIESES. Darf ich erwähnen, dass selbst die großmäuligen Prediger des Alten Testaments wussten, dass wir als Menschen aus ihm vertrieben sind? Nun aber eine neue Verheißung am Baum der Erkenntnis. Eva lockt wieder Adam. Sie hat da einen neuen Apfel: Die Nuklearphysik verspricht Kernfusionen, die mehr Energie erzeugen als sie verbrauchen.

Das hätte meinen Herrn Vater gewundert. Er war mit Leib und Seele Chemiker und wusste, dass die Reaktionsgleichung eine Gleichung ist. Ich höre seine Stimme noch: Wenn zwei Terme einem dritten gleich sind, so sind sie untereinander gleich. Als sein Sohn noch in der Energiewirtschaft war, wurde gerade der Traum von Kalkar beerdigt. Ich meine mich und das damalige Ende der Plutonium-Technologie. In Kalkar sollte ein SCHNELLER BRÜTER mehr nulklearen Brennstoff erzeugen als der Reaktor dafür verbrauchte. Eine Ingenieursfantasie vom Wert eines Menschheitstraums.

Dazu gibt es jetzt wieder aussichtsreiche Experimente. Die FDP zeigt sich sofort entzückt. Viele Skeptiker halten das für eine Büchse der Pandorra, die Menschen nicht öffnen sollten. Das ist aber eine andere Geschichte, würde Kipling sagen. Mein Hinweis ist: das ist nur unter Bedingungen möglich, die außerhalb der Biosphäre liegen. Daher der gigantische Schutzaufwand bei allen Vorgängen der ISOTOPENFORSCHUNG. Was noch außerhalb der Biosphäre liegt? Nun, die Sonne, das ganze All, die Tiefsee und der Urgrund der Erde, wovon die Vulkane künden. Die Bewohnbarkeit der Erde ist eine Episode.

Ich bringe es irgendwie nicht zu einem grünen Naturverständnis. Wenn man Idylle sucht, fürchte ich, ist die Natur schlicht der falsche Ort.

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Schon Eure Zahl ist Frevel!

Massen machen mir angst. Die zivilisatorischen Vorgaben für Menschen heben sich in größeren Ansammlungen eben derselben recht schnell auf. Das begründet mein Misstrauen gegen Volksabstimmungen. Gestern ging ich an der Berliner Gedächtniskirche durch einige Hundert Fussballfans, die sich in der Verringerung der zivilisatorischen Decke mittels Dosenbier übten.

Als geborener Knappe aus dem Pott sind mir diese Horden aus Lüdenscheid Nord nicht fremd, aber ich habe ein deutsches Hirn. Wenn ich Sport höre, höre ich immer auch Sportpalast. Man kann in diesem Land, das ist die deutsche Krankheit, Herrn Goebbels und seine Siege im Sportpalast nicht wirklich vergessen.
Die Skepsis richtet sich weniger gegen die beseelten Horden als gegen ihre Anführer. Meine Verachtung gilt den Profiteuren des Programms von Brot und Spielen. Und die sachlich völlig unangemessene Konnotation zum Pogrom will nicht aus dem Kopf. Ich sehe bei den Anführern diesen neuen Typ des kahlrasierten alerten Jünglings, der Boss-Anzüge trägt, weil er das Label dieser Marke für sich selbst als Anspruch annimmt. Die Herren haben so ostentativ Idealfiguren, dass man die Absicht bemerken muss, also entweder eine Essstörung oder eine homoerotische Neigung angenommen werden muss.
Und dann ereilt das deutsche Hirn die österreichische Assoziation; ich erinnere die Körpersprache eines Jörg Haider und finde sie bei Geert Wilders wieder. Man soll nicht Birnen mit Äpfeln vergleichen und es geht nicht um eine politische Bewertung der Persönlichkeiten. Wir reden über Inszenierungscodes,  öffentliche Ästhetik. Das Glatte eines Beckenbauer oder eines Löw, Herren, die sie Kaiser oder Jogi nennen, ist mir unheimlich; und ich gestehe, das Wurstige an dem Metzgerbub Hoeneß fand ich so schlecht nicht.
Von der Gedächtniskirche zur Frauenkirche in Dresden. Gleich gegenüber dem wiedererrichteten Dom sitze ich in einem kanadischen Steakhaus mit Namen Ontario und trinke kanadischen Riesling zu einem Bisonsteak. Der Osten ist echt bunt und ohne Scheu vor jenem Teil der Welt, der ihm so lange versperrt war. Am Nachbartisch, direkt in der Blickrichtung zur Frauenkirche, eine Gruppe von Alerten, die sich laut über den Rasenballsport in Leipzig austauscht. Mit großem Geld will man einen Retortenverein in die erste Bundesliga schieben. Man kann das, weil man es im Eishockey und dem Motorsport konnte und die Geldquelle sprudelt.
Im Dresdner Kanada spricht die Kellnerin sächsisch und die Gäste an dem lauten Tisch das Deutsch der Alpenrepublik.
Unwillkürlich erscheint die Schlüsselszene aus Baby Schimmerlos vor dem inneren Auge. Der steinreiche Fabrikant, von Mario Adorf brillant gegeben, droht dem Journalisten mit seiner Freigebigkeit. Corporate Social Responsibility heißt das heute, wenn die dicken Brieftaschen drohen: „Ich scheiß Dich zu mit meinem Geld…“ Adorf bringt den Satz in bayrischem Ton; in Leipzig will man ihn auch schon in österreichischem gehört haben. Das hat dann selbst die Deutsche Fussball Liga beeindruckt. Sie hält nun RB Leipzig für einen Verein des Breitensports, der dem Freizeitvergnügen und der Körperertüchtigung dient. Die Leipziger freuen sich, dass sie endlich wieder was gelten in der Welt.
Während man wieder Opfer seiner Assoziationen zu werden droht, zerreisst ein Witz der Herrenrunde am Nachbartisch die Kontemplation. Die Madeln seien in Leipzig recht hübsch, sagt der eine. Und gar nicht mal teuer, fügt der andere hinzu. Schallendes Gelächter. Offensichtlich fürchtet man sich nicht vor den Eingeborenen. Ein Hauch von Kolonialismus weht durch den Bratenduft. Der Riesling ist unangenehm süß, das Bison zäh und der Nachtisch hat eine Hippe als Ahornblatt. Mir wird übel.
Der Massensport hat nicht nur viel Geld verdient, wo er sich zum Profi-tum aufschwingt, er zieht nun auch viel Geld an, großes Geld. Retorten werden möglich, um die Massen zu bewegen. Große Brieftasche kriegen das Sagen. Man erinnert sich daran, wenn man den kleinwüchsigen englischen Herrn aus dem Motorrennsport vor einem deutschen Gericht sieht. Er wurde in England nach dem Größenunterschied zu seiner hochgewachsenen damaligen Ehefrau befragt. Ob er sich da nicht klein vorkäme. „Not when I’m standing on my wallet.“ So ist das wohl.

Quelle: starke-meinungen.de