Logbuch

RETAIL IS DETAIL.

Ich gönne dem Versandhändler Amazon seinen Erfolg. Er tut zumindest so, als sei er kundenfreundlich. Was an Warenhäusern ansonsten so die Innenstädte verschandelt, ist aus der Zeit gefallen. Man fürchtet immer, Heinz Erhardt zu treffen.

„Nicht meine Abteilung!“ So wehrt eine ältere Verkäuferin im Warenhaus der Firma Karstadt eine Kundenfrage ab. Sie sagt das patzig und wendet ihren Blick ab. Das piefig gekleidete Wesen hat offensichtlich gerade eine Zumutung überstanden. Man steht als Kunde verdutzt im Raum.

Ein weiteres Wesen angesprochen, sieht man sich zumindest belehrt: „Schreibwaren Dritter!“ Sie meint das Stockwerk. Militärisch knapp, um dann wieder mit Ihresgleichen angeregt zu schnattern. Alle Damen hier beherrschen den Indignationsblick, der einem das Gefühl vermittelt, dass es unerhört sei, sie überhaupt bei ihren kollegialen Gesprächen gestört zu haben.

Deutschland, die Servicewüste. Aber wo kriegen sie diesen Typ der pissigen Mitvierzigerin her, der unter seinen Wechseljahren und den Plattfüßen vom ewigen Rumstehen so massiv leidet, dass es zu dieser Kundenallergie kommt?

Anders bei DM, der Drogeriekette. Motto: „Hier bin ich Mensch. Hier kauf ich ein.“ Das ist Goethe! Zumindest halb. Ich habe es mehrfach getestet. Wenn Du eine Frage hast, begleitet Dich die Verkäuferin quer durch den Laden zu dem richtigen Regal und weist freundlich auf den gesuchten Gegenstand. Bei Ansprache lächeln sie und legen ihre aktuelle Arbeit aus der Hand. Sie sagen: „Zeige ich Ihnen gern!“ IKEA-Kunden zucken dann zusammen, weil sie nicht geduzt wurden, sondern mit einem höflichen SIE angeredet.

Das Chaos vom lifestyligem Asia-Schrott mit Pippi-Langstrumpf-Image entschädigt mich nach einem Zwangsmarsch durch die endlose Ausstellung und einem Schockerlebnis mangelnder Logistik in dem Kürmellager hinter der Kasse zumindest mit einem Pölser. Das ist ein kleines Schweinewürstchen, auf das ich mir selbst drei verschiedene Saucen plus Röstzwiebeln und Gurkenscheiben ferkeln darf. Immer kleckert es auf die Jacke, immer.

Übrigens heißt es nicht KÖTTBÜLLER, sondern CHÖTT, Schwedisch für Fleisch. Soviel Astrid Lindgren muss nun wirklich sein. Unglaublich, was für Banausen sich in den Einzelhandel trauen. Da muss man Standards setzen. Im Englischen: „Well-behaved customers might be served!“

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DER FEIND MEINES FEINDES.

Dass jener mein Freund ist, den mein Feind zu seinem Feind erklärt, das mag sein, muss aber nicht. Denn das ist ausschließlich meine Entscheidung, nicht die der anderen, die sich da bekriegen.

Friedenswahrend ist, was die NATO den Bündnisfall nennt. Alle Bündnispartner werten einen Angriff auf einen ihrer Partner als Angriff auf sich. So geht militärisch Solidarität. Gut. Wenn aber ein Dritter einen Vierten befehdet, dann gibt es keine Zwangsläufigkeiten, darin Kriegspartei zu werden. Sonst wäre ich ja die Geisel jedes Kriegstreibers weltweit. Oder das Bündnis. Es gibt ein starkes Gebot, möglichst nicht beteiligt zu sein. Der Bündnisfall soll eine sehr, sehr seltene Ausnahme sein, nicht ein propagandistisches Allerweltsmittel.

Überhaupt habe ich gelegentlich unter Umständen GEGNER , aber nie FEINDE. Überhaupt habe ich vielleicht politische Gegner, aber sicher nie ethnischen Feinde. Überhaupt bin ich eventuell in einem Konflikt, aber nie zur Vernichtung anderer aufgerufen. Kühle Klugheit, Verantwortungsethik, Mitte und Mass, Angemessenheit, all das auch angesichts großen Unrechts. Man muss der fundamentalen Radikalität jedweder Kriegspropaganda und ihren Polarisierungen widerstehen wollen.

Dann die Sache mit der GEMEINSAMEN SACHE. Tenor: Mein Messias soll der Jesus des einen sein, weil der besser ist als der Messias des anderen. Ich habe keinen Kreuzzug bestellt. Ob nun Gegenreformation oder Reformation, ich nehme an Glaubenskriegen nicht teil; jedenfalls lasse ich mich nicht von Dritten ideologisch rekrutieren. Ich lasse mich ungern diesem oder jenem Lager zuordnen, wenn ich auf dem jeweiligen Schlachtfeld einer wahren Lehre gar nichts zu suchen habe.

Und wenn doch, dann zöge ich aus freien Stücken als Partisan in den Bürgerkrieg, würde aber nicht von der Propaganda irgendwelcher Warlords gezogen. Ciao bella ciao.

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MORAL. GRUNDSÄTZE DER.

Wer feste Werte hat, kann hart urteilen. Woher aber kommen die Tugendwerte? Aus dem Wissen um die Sünde. Weil man ihr eben auch erliegen würde. Der ist rigoros gegen andere, wer die Versuchung zuvor in sich verspürt.

Kurz zur Vorgeschichte um eine gewisse Connie Chatterley: Die der Lebensfreude zugeneigte Gattin wendet sich von dem kriegsversehrten und daher impotenten Herrn des Hauses affektiv ab zugunsten eines etwas proletigen, aber wirkmächtigeren Jägers und wird von eben diesem schwanger, was der Gatte als eher nebensächlich hinnimmt, weil er den Erben als Kuckuckskind zu akzeptieren gedenkt. Ein Erfolgsroman. Erst in der dritten Version ist diese eigentlich schlichte Geschichte mit expliziten Schilderungen sexueller Vorgänge angereichert worden. Wie schon mein Freund Jürgen sagte: „A tergo in Ehren/ Kann niemand verwehren.“

Das Werk galt als obszön und zwar zu Zeiten als dieses geschmackliche Urteil noch moralisch war und obendrein ein Verbot rechtfertigte. Wir sind im England des Jahres 1959. Die Anklage gegen das obszöne Werk führt der ehrenwerte Mervyn Griffith-Jones QC und er verliest im Plädoyer im Old Bailey vor einer Jury eine Passage mit der ausführlichen Beschreibung der „sensation of anal intercourse without spelling out what it is“. Er tut dabei so, als verstehe er nicht. Am Rand des vom ihm gelesenen Buchexemplars steht aber, so die neuste Forschung, als seine Notiz „buggery“. Ein Klartextausdruck. Doppelmoral.

Gefragt, wie er, der Sittenwächter, entscheide, was so obszön sei, dass der Staat einzuschreiten habe, sprich wann Pornografie klagewürdig werde, hat der ehrwürdige Mervyn Griffith-Jones QC geantwortet, er lese, was ihm von seinen Staatsanwälten vorgelegt werde; wenn er dabei eine körperliche Reaktion habe, dann klage er an („if I get an erection we prosecute“). Was zu beweisen war.

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Der größte Lump im ganzen Land

Denunzianten sind doppelt ekelhaft, sie üben Verrat und sind feige. Nicht nur, dass sie jemanden anschwärzen wollen, nein, sie wollen dies unerkannt tun, so dass jenem der Schaden bleibt und ihnen keine Verantwortung erwächst. Heckenschützen, die nicht die Courage haben, zu dem zu stehen, was sie meinen, sagen zu müssen. Denunziantentum ist eine soziale Praxis in Diktaturen. Die Nazis haben es gefördert und die Stasi. Und nun auch der ADAC und die Grünen.

Der ADAC will eine demokratische Organisation werden, indem er eine Möglichkeit zur anonymen Denunziation von Fehlverhalten schafft. Das trompetet er voller Stolz in die Welt. Was da als tolle Idee verkauft wird, passt zur restlichen Verlogenheit des Neuanfangs. Das wirkliche Kalkül ist, ich zitiere hier interne Erwägungen der Berater des ADAC, dass man in der Vereinsführung Schweinereien erfährt, bevor sie in der Süddeutschen Zeitung stehen. So gewinnt man Zeit und kann noch klammheimlich etwas machen, das die PR-Leute „clean your act nennen“. Wenn der neue Ethik-Beirat des ADAC diese Praxis deckt, ist er schon heute erledigt.

Zweites Beispiel: In Berlin, Bezirk Pankow, regieren die Grünen und die Alt-Roten und installieren eine staatliche Garantie „gesunder Lebensverhältnisse“ durch die Einrichtung von „Milieuschutzgebieten“ gegen „Überfremdung“.  Es wurde ein „Zweckentfremdungsgesetz“ beschlossen, das die Nutzung von Wohnungen der autochthonen Bevölkerung (Prenzelberger) durch Touristen verhindern soll. Die Bevölkerung wird zum Blockwarttum aufgefordert und darf anonyme Hinweise an die Behörden geben, wenn der Milieuschutz verletzt wird.

Als Indizien nennt Jens-Holger Kirchner (Grüne) allen Ernstes: regelmäßiger Wäschewechsel, englische Sprache und Fantasienamen an Klingeln. Fünfhundert anonyme Hinweise von Nachbarschaftsinformanten liegen schon vor. Die Behörden können gar nicht so schnell abarbeiten, wie denunziert wird. Die besten Chancen hatman vermutlich, wenn man die ortübliche „gesunde Lebensart“ hat undSchackelin Kwiatkowksi heißt, die Bettwäsche nicht wechselt und auch Hochdeutsch eine Fremdsprache ist. Schwäbisch geht am Prenzelbergnatürlich auch.

Was sich hier zur sozialen Praxis des Denunziantentums auswächst, beginnt natürlich früher. Schon die alberne Unart der Blogosphäre, nur unter Spitznamen seine Meinung sagen zu können oder extensiv zu pöbeln, gehört zum Syndrom. Das Informalitätsgebot der Netzkommunikation ist ohnehin pubertär; dort, wo es dazu dient, die Täter von Rufmord zu tarnen, ist es einfach ekelhaft. Ich unterhalte mich nicht mit erwachsenen Menschen, die sich „horny69“ oder „bigprick“ nennen und im bürgerlichen Beruf auf Sparkassen oder in Finanzämtern den Biedermann geben.

Man kann die Feigheit des Verrates tarnen hinter stolzen Begriffen wie dem des Whistleblowers. Mich beeindruckt das nicht. Faseleien von demokratischer Meinungsbildung sind perfide. Die Feigheit des Heckenschützen widerspricht jeder bürgerlichen Kultur. Sie ist ein Auswuchs von Diktaturen und sie schafft Diktaturen.

Gestern abend bin ich schwankenden Schrittes aus Harry’s Bar gekommen und habe mit meinem Freund Davide Desanzuane noch eine geraucht. Wir stehen auf dem Weg zu seinem Büro am San Marco vor einer Bronzetafel, die einen Löwenkopf zeigt, dessen Maul offen steht. Übermütig will ich die Öffnung als Aschenbecher missbrauchen, als ermir in den Arm fällt.

Die „Bocca di Leone“ war in finsteren Zeiten eine feste Einrichtung der venezianischen Stadtoberen, die zur Denunziation aufforderte. Hier konnte man gefahrlos Freund wie Feind verraten. Es schüttelt uns. Und so zitiert mein italienischer Freund mit liebenswertem Akzent einen deutschen Dichter, den deutschesten aller deutschen Dichter, Hoffmann von Fallersleben: „Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.“

Quelle: starke-meinungen.de