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VORSCHLAG.
Wenn die Propaganda eine strenge Mutter wäre, was würde sie sagen? „Hier wird gegessen, was auf den Tisch kommt.“ Das würde sie sagen. Wenn die Propaganda ein autoritärer Vater wäre, was wäre seine Ansage? „Solange Du Deine Füße unter meinen Tisch steckst…“ So begännen Anweisungen. Aber das sind heutzutage Erinnerungen an eine autoritäre Erziehung im Stil von Ekel Alfred, wie sie hierzulande nicht mehr zu finden ist, jedenfalls nicht in liberalen Milieus. Die Herrschaft des Autoritären ist nur noch in anderen Regionen und anderen Kulturen ungebrochen.
Wie Propaganda in modernem Gewand daherkommt, ist lehrreich in den Sozialen Medien zu studieren, etwa auf der von dem kalifornischen Oligarchen erworbenen Plattform, wo neben die Auslobung von Batterieautos und Raketenrüstung die politische Intervention für die neue Rechte und ihren Präsidentschaftskandidaten getreten ist. Dessen Gefolgschaft weiß gar unverhohlen von abstammungsbedingter Überlegenheit zu berichten. In dieser Idiotie gibt es allerdings keine Monopole; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Zurück zu Tick Tock et altera. Die allzu bunte Welt in den bunten Medien bietet kleine Inszenierungen, die als Episoden daherkommen, als Fensterblicke in die Welt, wo sie doch nur Schaufenster sind. Das ist der Kern: Es werden Kaleidoskope mit Inszenierungen geboten, die sich als Realitäten tarnen. Follower glauben so was. Der so Verführte glaubt durch Fenster zu blicken, wo er in Schaufenster glotzt. Spiralen der Indoktrination drehen sich von Episode zu Episode.
Und selbst dort, wo das Fiktionale als Lüge unverkennbar, wird es genommen wie ein guter Witz; die Pointe eint alle, die über sie lachen können. Womit wir beim Kabarett sind. Was soll und was darf in dieser Welt der panfiktionalen Potpourris noch politisches Kabarett? Die Debatte darum, ob es links oder rechts zu sein hat, das Kabarett, die ist vordergründig. Wenn der Kriegstreiber nicht mehr schwarz ist, sondern inzwischen grün, werde ich ihn gleichwohl einen Bellizisten nennen dürfen.
Man hat Zweifel zu säen als Kabarettist. Das ist die Mission der Glossen, den politischen Missionaren das Leben zu erschweren. Mir gefällt sehr die Selbsteinschätzung unseres Urvaters Lichtenberg, der seine Publikation „Sudelbücher“ genannt hat. Keine neue Bibel, kein ehernes Manifest, aber unverschämte Fragen. Das dann doch. Frechheiten im Namen der Freiheit.
Wir stecken unsere Füße also auch unter den Tisch des Oligarchen, löffeln aber seine Suppe nicht. So wäre mein Vorschlag.
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PIEFKES.
Krähen ziehen schwirren Flugs zur Stadt, wohl dem, der jetzt noch Heimat hat. Das ist, wie mancher weiß, nicht von mir, sondern von Friedrich Nietzsche, der, was wenige wissen, ein deutscher Dichter war, der ohne weiteres vernachlässigt werden kann. Warum zitiere ich gleichwohl? Wegen den Herbst, wo wir jetzt haben.
Keine Jahreszeit hat unter den Lyrikern aller Zeiten mehr düstere Stimmungen hervorgerufen als der „fall“, wie der Amerikaner den „autumn “ nennt. Es greifen die Depressiven zur Feder. Na ja, sagen wir, die Larmoyanten; das ist nicht das Gleiche. Die Zugvögel sind raus und haben uns zurückgelassen. Altweibersommer. Vereinsamt.
Man neigt dazu, der Dichtung die Aufgabe zuzuordnen, als Seelenspiegel aufzutreten. Das aber ist schlechte Literatur. Gestern noch habe ich angemerkt, dass man Tagebücher nicht mit Tatsächlichkeiten zu füllen habe. Und mich selbst in die Tradition des großen Bert Brecht gestellt, dessen Elegien Politik machen wollten, nicht Sentimente.
Das war eine kolossale Unverschämtheit und enge Freunde empfanden Freude an der Frechheit dessen. Allen anderen sei versichert, es geht mir gut. Zu mehr fehlt mir das lyrische Talent. Aber haben Sie, verehrte Freunde, den Raum im Bundeskanzleramt gesehen, in dem unser Regierungschef mit denen Englands und Frankreichs den amerikanischen Präsidenten konferierten? Man tagte in einem profanen IKEA-Sammelsurium. Die Spitze des Westens in einer mediokren Innenarchitektur des Schwedenkitsch. Ich habe mich geschämt.
Aber so ist er ja, der Kleinbürger Scholz, ein gehobener Paria des Mittelständischen, der Scholzomat, eine mäßig verhüllte Sprechpuppe: Auftritt der IKEA-Kanzler. Darin liegt vielleicht das fundamentale Versagen der Ampel, Größe nicht mal vorgetäuscht zu haben. Darauf hätte das Volk aber einen Anspruch. Ganzjährig des Königs neue Kleider ist für unser Geld zu wenig.
Nachfrage: Werde ich jetzt bei dem Zensor, sprich dem grünen Präsidenten des Bundesnetzagentur, gemeldet? Dann würde ich als Schutzschrift hinterlegen wollen: Nicht ich machen den Staat lächerlich, mir läge an Erhabenheit. Die gibt es aber nicht bei IKEA.
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HINWEISE FÜR MEINEN NACHRUF.
Ich habe keinerlei Wünsche, was den Nachruf angeht, der eines fernen Tages auf mich gehalten werden wird; ich muss mir den Unfug ja nicht mehr anhören. Wer aber dafür Quellen sucht, der könnte sich anlesen, was Max Frisch 1950 in sein Tagebuch über seinen Umgang mit Bertolt Brecht geschrieben hat.
Mich mit einigen Plagiaten zu ehren, wäre ja ohnehin angemessen. Also Frisch notiert über den anstrengenden Umgang mit Brecht: „Die Faszination, die Brecht immer wieder hat, schreibe ich vor allen dem Umstand zu, dass hier ein Leben vor allem vom Denken aus gelebt wird.“
Natürlich neidet der schwerfällige Frisch dem Stückeschreiber dessen Fähigkeit zur Glosse. Er notiert im Tagebuch: „Seine Blitze, seine Glossen, gemeint als Herausforderung, die zum wirklichen Gespräch führen soll, zur Entladung und Auseinandersetzung, sind oft schon erschlagend durch die Schärfe des Vortrags.“ Frisch ist fast verletzt durch Brechts scharfe Zunge.
Brecht erscheint dem schwerfälligen Schweizer ungeduldig und, wie er es formuliert, katechisierend, angesichts „… eines Lebens in Hinsicht auf eine entworfene Welt, die es in der Zeit noch nirgends gibt, sichtbar nur in seinem Verhalten, das ein gelebter, ein unerbittlicher und durch Jahrzehnte aussenseiterischer Mühsal niemals zermürbter Widerspruch ist.“ Der Geist, der stets verneint.
Humor bis hin zur Albernheit dürfte nicht unerwähnt bleiben. Ich schlage als Quelle für ein weiteres Plagiat vor: „Es ist... kein Zufall, dass Brecht… so unermüdlich für das Lockere wirbt, das Entkrampfte, eine unerhörte Forderung innerhalb eines Lebens … in Hinsicht auf eine entworfene Welt.“ Die Ähnlichkeit zu Brecht wäre mir erträglich.
Mit Max Frisch dagegen möchte man nicht verglichen werden. Er hat seinen Nachruhm dadurch belastet, dass seine Nächsten ihn der Indiskretion bezichtigen konnten. Man schreibt kein Tagebuch, nicht über Tatsächlichkeiten. Brecht dagegen hatte immer nur die Rolle des unerbittlichen Anklägers gegen alle Welt, der sich selbst und den seinen jedwedes verzieh.
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Schrift ist Gift, O-Ton ist der Tod
Wenn es einen Originalton gibt, fällt das Leugnen schwer. Da wird das Mikrokabel zum Galgenstrick. Vor einigen Jahren hat der Moderator der BBC-Sendung TopGear in einer Anmoderation einen albernen Kinderreim zitiert, der in der traditionellen Fassung das N-Wort enthält. Bekommt man heute die O-Töne noch mal vorgeführt, so kann man bei einem von drei Drehversuchen den Eindruck haben, dass er das N-Wort tatsächlich gesagt hat.
Der damit jetzt in Schande gebrachte Moderator schwört der Öffentlichkeit, dass er die Verwendung dieser Fassung untersagt habe, und bittet in einer persönlichen Video-Nachricht um Verzeihung. Die Leitung der BBC hat noch nicht entschieden, ob sie ihn trotzdem dafür rauswirft. Einen Akt des offenen Rassismus darf man nicht tolerieren. Wo kommen so alte Klamotten plötzlich her? Wer gräbt die aus?
Jeremy Clarkson ist Motorjournalist und hat die erfolgreichste TV-Sendung aller Zeiten auf die Beine gestellt. Es ist eine Sendung für Männer, die nicht gewillt sind, ihre Pubertät zu beenden, und gern mit Autos spielen. Es ist keine Sendung für Lehrerinnen, die gern Fahrrad mit Körbchen fahren, betont nicht. TopGear hat damit einen bisher für unmöglich gehaltenen Erfolg weltweit. Und Jeremy Clarkson gilt als einer der besten seines Fachs. Deutsche Medien nennen ihn den gefürchtetesten Autotester der Welt. Gefürchtet wird er von der Auto-Industrie wegen seines gnadenlosen Urteils. Von seinen Besprechungen hängt der Erfolg oder Misserfolg neuer Autos ganz erheblich ab. Sein Wort schafft oder vernichtet Millionengewinne. Und er ist ebenso unabhängig wie unberechenbar. Man könnte sagen, ein ganz ausgezeichneter Journalist in einer Welt der devoten Schreiberlinge.
Jeremy Clarkson hat zudem eine Meinungs-Kolumne in der Sunday Times. Ich halte ihn für den besten unseres Fachs. Er hat das Format der ganz Bösen, die wir als Literaten in den zwanziger und dreißiger Jahren in Berlin und Wien hatten. Etwas Genie, viel Schlitzohrigkeit, solides Handwerk, eine gute Mischung. Und damit hier zumindest die ganz vordergründigen Unterstellungen überflüssig werden: Ja, ich lese ihn gern, aber ich bin meistens nicht seiner Meinung. Er hat etwas Reaktionäres, zumindest eine gänzlich andere politische Orientierung als ich. Wir sind (auf unterschiedlichen Ebenen, versteht sich) Kollegen, aber er versagt sich mir gegenüber Schmeicheleien. Wohl auch, weil ich Deutscher bin, weil er mich für einen gelernten Linken hält und ich mal Pressesprecher eines Autoherstellers war. Er nennt mich vor Dritten „hunn“ oder „nazi prat“ und „loony left“, was ein Hunne, ein Nazi-Arsch und ein bescheuerter Linker ist. Ich antworte mit gleichem Kaliber. Dritte halten uns für Kumpels.
Jetzt also soll Jeremy das N-Wort gesagt haben. Und seine Karriere könnte zu Ende sein. Empörung greift Platz: Man stelle sich vor, er hat das N-Wort gesagt, das ganz unzweifelhaft rassistische Konnotationen auslöst. Er soll, so wird nachgelegt, an anderer Stelle auch ein Wort gesagt haben, das nicht in der afrikanischen, sondern nunmehr in der asiatischen Community Empörung auslöst. Clarkson spielt immer mit dem begrenzten Tabubruch; das ist sein literarisches Verfahren. Jetzt also ist der Krug einmal zu oft zum Brunnen gegangen und vielleicht zerbrochen. Ob ich ihn für unschuldig halte? Nun, das ist die gleiche Fragequalität wie beim Fall Max Clifford, wenn auch dessen vermeintliche Delikte weit schlimmerer Natur waren. Nun, ich weiß es nicht. Ob ich es für möglich halte? Ich kann es ganz sicher nicht ausschließen. Und Jeremy Clarkson hat sechs schwere Handicaps: Er ist männlich, groß, weiß, reich, erfolgreich und berühmt. Falsche Ethnie, falsches Geschlecht, falscher Körper, falsche Klasse, falscher Ruf… Einer Gesinnungsjustiz reichen meist schon zwei oder drei der sechs Gründe für einen Schuldspruch.
Was in den Shit-Storms auf „facebook“ nicht aufscheint, ist der politische und der ökonomische Hintergrund solcher Skandale. In England tobt nach amerikanisch calvinistischem Vorbild ein rigoroser Neo-Puritanismus; Moral als öffentliche Waffe, ohne dass man sieht, wer sie führt. Das gefällt mir nicht. Eine Hexenjagd ist nicht dadurch legitimiert, dass es gegen Hexen geht. Weil in den Social Media niemand Latein kann, fragt niemand „cui bono?“ Ich bin kein Verschwörungstheoretiker und werde nicht irgendjemandem die Schuld an irgendetwas geben, aber ich sehe doch titanische Interessen hinter den kleinen schmutzigen Zeitungsgeschichten. Beispiel Politik: Niemand hat böseren Spott über die englischen Sozis und die Gewerkschaften geäußert als Clarkson. Was er alles so zu „His Tonyness“ (Tony Blair) geschrieben hat, das hat ein ganzes Wahlkampfteam bei den Konservativen nicht auf’s Blatt gekriegt. Die würden schon ein Fass aufmachen, wenn er wegen des N-Wortes gehen müsste.
Motorjournalisten gelten in Deutschland nichts, weil die restliche Journaille sie für bestechlicher als sich selbst hält. Möglicherweise wird umgekehrt ein Schuh draus, aber das will ich hier nicht überbetonen. Ich will erzählen, was Clarkson mit einem wirklich furchtbaren Auto, ich glaube, es war ein Vauxhall sprich Opel sprich GM, machte. Die Jungs seiner Redaktion haben die Karre auf einen Bauernhof gefahren, das Schiebedach geöffnet, den Schlepper mit großem Tank rangefahren und die Karre mit hunderten Litern von Gülle komplett aufgefüllt. Nie mehr habe ich so gelacht. Bei GM soll die Freude geringer gewesen sein. Leute mit solchem Humor leben auch im Land der berühmten englischen Version, des schwarzen, gefährlich.
Über ein Auto, das ich früher mal zu vertreten hatte, schrieb er, es sei ein „dreary and boring car“: „If you thought the last Passat was dull to behold, you really aint’t seen nothing yet. This new one ist sculptured dishwater. It looks like it was styled by someone who was either in a big hurry to get the job done or who was having sex at the time. As a result, it is the motoring equivalent of Belgium: something you simply won’t notice.“ So stand es am 31. Juli 2005 in der Sunday Times. Ich erwähne das nur, damit man meine Achtung vor Clarkson als Journalist nicht verwechselt mit Dank für Gefälligkeitsberichterstattung. Nett ist er nicht, der Junge.
Eine trostlose und langweilige Karre in der Form von gestaltetem Spülwasser, eine Limousine voller Gülle, ein politisch inkorrekter Witz über Belgien…und dann jetzt aus den Archiven ausgegraben, als Gottesgeschenk an alle Feinde, ein N-Wort. Ich habe im letzten Sommer mit Jeremy am beheizten Außen-Pool meines Kollegen Paul, auch bekannt als The-Sleeping-Policeman, hinter dessen Cottage in der Nähe von Cambridge gesessen und werde eine seiner Wehmütigkeiten nicht vergessen. „Know what, Klaus, the most valuable thing in the world is anonymity.“ Ist sie dahin, dann darf der Mob bei einem N-Wort die Schlinge über den Galgen werfen. Nein: dann bittet jemand den Medienmob, in den Archiven zu graben und etwas zu schreiben, das den Mob verleitet, aus dem Mikrokabel einen Galgenstrick zu knoten. So geht das mit dem Rufmord. Da ist dann Rauch, obwohl es kein Feuer gab.
Quelle: starke-meinungen.de