Logbuch
DER ALTE HERR.
Eine Orchesterleistung ist als solche schon großartig; von Virtuosen aufgeführt und einem Genie geleitet, die für den Scheiß ihr Leben lang geübt haben, eine Titanenleistung. Ich empfinde jeden Respekt.
Der Dirigent Herbert Blomstedt wurde 1927 geboren und steht seit 1954 am Pult. Ich höre ihn seit mindestens zwanzig Jahren in Berlin. Er dirigiert regelmäßig nebenbei noch weitere zwölf Orchester und gestern Abend eben wieder die Berliner Philharmoniker. Eine fast chirurgisch präzise Aufführung der furiosen Siebten von Ludwig van.
Kommen wir zum Punkt. Der Mann ist 95! Ja, er saß zwar am Pult auf einem Stuhl, aber ansonsten hat er nichts von dem eingebüßt, was ihn zur Weltgeltung brachte. Tadellos gekleidet dirigiert er aus dem Kopf, das Notenbuch verschlossen vor ihm liegend. Durch und durch ein Herr an Erscheinung. Ein Dirigent, der als Person ganz hinter der Musik verschwindet, das Alter Ego des Komponisten. Mensch, mit 95. Mein Herr Vater war 98, als er auf seinem letzten Ausbruchsversuch aus der Demenz tödlich verunglückte; natürlich muss ich unwillkürlich daran denken. Beklommenheit. Dann aber, ganz am Schluss ein komischer Moment. Dinner for you. Same procedure as last year.
Man hatte Blomberg mit Rücksicht auf sein Alter nur einen Vorhang gegeben. Da aber der Saal noch immer stehend applaudierte, lugte er noch mal, fast verstohlen, aus der Garderobe in den Saal. Und winkt. Genau mit jenem Blick, den Freddie Frinton hat, wenn er mit seiner Mylady oben an der Treppe im Schlafzimmer verschwindet. Da war echt lustig. Ein schelmischer Alter Herr.
Gemischte Gefühle. Und der immer virtuos krakelige Ludwig van. Pauke! Ohne Pauke keinen Ludwig van. Er war bei der Siebten, sagte ein Zeitgenosse schon reif für das Irrenhaus. Und taub wie ein Stein.
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PRIVATES IN DER POLITIK.
Zwischen Amt und Person ist auf das sorgfältigste zu unterscheiden. Das war früher der Lehrsatz. Politiker sind keine Schlagersänger. Ist das vorbei? Willkommen in den Sozialen Medien.
Die Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht, SPD, veröffentlicht in den Sozialen Medien ein selbstangefertigtes Porträtfoto von sich und ihrem Sohn anlässlich von dessen Geburtstagsfeier. Oder das Selfie ist von ihm, dem 21jährigen Alexander. Wir finden es auf Instagram. Eine Protestwelle bricht los. Das Lokal wird angeblich erkannt.
Es soll sich ausweislich der Deckenlampen im Hintergrund um den China Club im Edelhotel Adlon handeln, der nur Mitglieder zulässt, denen 10.000€ Eintritt abgenommen werde. Ich kenn das Ding, weil öfter dorthin eingeladen; ich finde es eher banal. Aber gut. Die Ministerin wird der spätrömischen Dekadenz gescholten. Ich diskutiere den Fall an der Uni und will ihn als Tollpatschigkeit behandeln. Ein kluger Kommilitone widerspricht. Er glaubt, das Ministerium hätte den Eklat gewollt. Soviel Privates in Kriegszeiten?
Die Pressestelle der Ministerin streitet nämlich vor Gericht mit der Presse darum, ob die benennen müsse, wer kürzlich ein ähnliches Foto an Bord eines Bundeswehrhubschraubers von dem Ministersohn gemacht habe, als diese mit ihm nach Sylt geflogen sei, in den Urlaub. Heißt inzwischen HELI-GATE. Ein Fall der höheren Geschicklichkeit in der Spesengestaltung. Sylt ist jene Insel, die man als Domizil der Reichen und Schönen versteht. Da wo die Lindners dieser Welt heiraten. War ich auch schon, auch eher banal.
Was also, wenn die Alleinerziehende aus dem Bundeskabinett ihr Recht auf Privatleben behaupten will? Und dabei nicht das Frugale des Kanzlers wählt, sondern ein bisschen von jenem, dass die VIPs in der Yellow Press ausmacht? Ich sage voraus, dass die Pressemeute den jungen Mann ab jetzt jagen wird. Wie kann man das wollen?
Der Pressesprecher des Ministeriums ist ein ehemaliger TV-Journalist. Die können eh kein PR. Weil, wer gerne isst, deshalb noch nicht kochen kann. Erfahrungssatz.
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GEMÜTLICHKEIT.
Das deutsche Wohnzimmer macht uns kein Volk nach. Schon gar nicht jetzt im Herbst, wenn draußen der Sturm wütet und man sich auf Advent freut. Hier herrscht die Contenance der Kautsch.
Die deutsche Urtugend des Gemütlichen ist keine rein teutonische Lebenskunst mehr, seitdem wir wissen, dass es im Dänischen Hygge gibt, was genau das gleiche ist. Nordisch also. Es kennzeichnet eine unambitionierte Lässigkeit familiären Umgangs, im Französischen am ehesten mit NONCHALANCE beschrieben. In diesem Zustand der Entspannung und der zurückhaltenden Heiterkeit steht der Mensch nicht, er sitzt nicht auf Holzbänken oder harten Stühlen, sondern er kautscht.
Zwischen das weiche Bett und den unbequemen Stuhl haben die Götter etwas gestellt, auf dem man dahingesunken halb sitzt, halb liegt. Die Kautsch, oft angereichert durch Kissen, meist gegenüber dem Fernsehgerät. Die Kautschkartoffel gedeiht hier. Sie ernährt sich von schnittfestem Fett (Schippse) und Sirup, um irgendwann einzuschlafen und so den eigentlich köstlichen ersten Tiefschlaf kautschend zu vergeuden.
Jetzt zur Nachricht: Den Kavalier erkennt man an der Ottomane. Er hat vor dem Liegemöbel etwas stehen, das einem niedrigen Tisch ähnelt, aber Polsterung aufweist. Man kann die Ottomane durch ein Tablett mit Teegeschirr zweckentfremden oder mit Büchern belegen, aber das ist verfehlt. Sie ist eine Fußbank. Genauer gesagt, eine Beinablage. Nur, wer die Beine hochzulegen weiß, erahnt, was Gemütlichkeit vermag. Dazu hat man halt eine Ottomane.
Ottomane heißt osmanisch und entstammt dem vorderen Orient. Das verwirrt. Am Ende ist die deutsch-dänische Gemütlichkeit eine türkische Erfindung?
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Schrift ist Gift, O-Ton ist der Tod
Wenn es einen Originalton gibt, fällt das Leugnen schwer. Da wird das Mikrokabel zum Galgenstrick. Vor einigen Jahren hat der Moderator der BBC-Sendung TopGear in einer Anmoderation einen albernen Kinderreim zitiert, der in der traditionellen Fassung das N-Wort enthält. Bekommt man heute die O-Töne noch mal vorgeführt, so kann man bei einem von drei Drehversuchen den Eindruck haben, dass er das N-Wort tatsächlich gesagt hat.
Der damit jetzt in Schande gebrachte Moderator schwört der Öffentlichkeit, dass er die Verwendung dieser Fassung untersagt habe, und bittet in einer persönlichen Video-Nachricht um Verzeihung. Die Leitung der BBC hat noch nicht entschieden, ob sie ihn trotzdem dafür rauswirft. Einen Akt des offenen Rassismus darf man nicht tolerieren. Wo kommen so alte Klamotten plötzlich her? Wer gräbt die aus?
Jeremy Clarkson ist Motorjournalist und hat die erfolgreichste TV-Sendung aller Zeiten auf die Beine gestellt. Es ist eine Sendung für Männer, die nicht gewillt sind, ihre Pubertät zu beenden, und gern mit Autos spielen. Es ist keine Sendung für Lehrerinnen, die gern Fahrrad mit Körbchen fahren, betont nicht. TopGear hat damit einen bisher für unmöglich gehaltenen Erfolg weltweit. Und Jeremy Clarkson gilt als einer der besten seines Fachs. Deutsche Medien nennen ihn den gefürchtetesten Autotester der Welt. Gefürchtet wird er von der Auto-Industrie wegen seines gnadenlosen Urteils. Von seinen Besprechungen hängt der Erfolg oder Misserfolg neuer Autos ganz erheblich ab. Sein Wort schafft oder vernichtet Millionengewinne. Und er ist ebenso unabhängig wie unberechenbar. Man könnte sagen, ein ganz ausgezeichneter Journalist in einer Welt der devoten Schreiberlinge.
Jeremy Clarkson hat zudem eine Meinungs-Kolumne in der Sunday Times. Ich halte ihn für den besten unseres Fachs. Er hat das Format der ganz Bösen, die wir als Literaten in den zwanziger und dreißiger Jahren in Berlin und Wien hatten. Etwas Genie, viel Schlitzohrigkeit, solides Handwerk, eine gute Mischung. Und damit hier zumindest die ganz vordergründigen Unterstellungen überflüssig werden: Ja, ich lese ihn gern, aber ich bin meistens nicht seiner Meinung. Er hat etwas Reaktionäres, zumindest eine gänzlich andere politische Orientierung als ich. Wir sind (auf unterschiedlichen Ebenen, versteht sich) Kollegen, aber er versagt sich mir gegenüber Schmeicheleien. Wohl auch, weil ich Deutscher bin, weil er mich für einen gelernten Linken hält und ich mal Pressesprecher eines Autoherstellers war. Er nennt mich vor Dritten „hunn“ oder „nazi prat“ und „loony left“, was ein Hunne, ein Nazi-Arsch und ein bescheuerter Linker ist. Ich antworte mit gleichem Kaliber. Dritte halten uns für Kumpels.
Jetzt also soll Jeremy das N-Wort gesagt haben. Und seine Karriere könnte zu Ende sein. Empörung greift Platz: Man stelle sich vor, er hat das N-Wort gesagt, das ganz unzweifelhaft rassistische Konnotationen auslöst. Er soll, so wird nachgelegt, an anderer Stelle auch ein Wort gesagt haben, das nicht in der afrikanischen, sondern nunmehr in der asiatischen Community Empörung auslöst. Clarkson spielt immer mit dem begrenzten Tabubruch; das ist sein literarisches Verfahren. Jetzt also ist der Krug einmal zu oft zum Brunnen gegangen und vielleicht zerbrochen. Ob ich ihn für unschuldig halte? Nun, das ist die gleiche Fragequalität wie beim Fall Max Clifford, wenn auch dessen vermeintliche Delikte weit schlimmerer Natur waren. Nun, ich weiß es nicht. Ob ich es für möglich halte? Ich kann es ganz sicher nicht ausschließen. Und Jeremy Clarkson hat sechs schwere Handicaps: Er ist männlich, groß, weiß, reich, erfolgreich und berühmt. Falsche Ethnie, falsches Geschlecht, falscher Körper, falsche Klasse, falscher Ruf… Einer Gesinnungsjustiz reichen meist schon zwei oder drei der sechs Gründe für einen Schuldspruch.
Was in den Shit-Storms auf „facebook“ nicht aufscheint, ist der politische und der ökonomische Hintergrund solcher Skandale. In England tobt nach amerikanisch calvinistischem Vorbild ein rigoroser Neo-Puritanismus; Moral als öffentliche Waffe, ohne dass man sieht, wer sie führt. Das gefällt mir nicht. Eine Hexenjagd ist nicht dadurch legitimiert, dass es gegen Hexen geht. Weil in den Social Media niemand Latein kann, fragt niemand „cui bono?“ Ich bin kein Verschwörungstheoretiker und werde nicht irgendjemandem die Schuld an irgendetwas geben, aber ich sehe doch titanische Interessen hinter den kleinen schmutzigen Zeitungsgeschichten. Beispiel Politik: Niemand hat böseren Spott über die englischen Sozis und die Gewerkschaften geäußert als Clarkson. Was er alles so zu „His Tonyness“ (Tony Blair) geschrieben hat, das hat ein ganzes Wahlkampfteam bei den Konservativen nicht auf’s Blatt gekriegt. Die würden schon ein Fass aufmachen, wenn er wegen des N-Wortes gehen müsste.
Motorjournalisten gelten in Deutschland nichts, weil die restliche Journaille sie für bestechlicher als sich selbst hält. Möglicherweise wird umgekehrt ein Schuh draus, aber das will ich hier nicht überbetonen. Ich will erzählen, was Clarkson mit einem wirklich furchtbaren Auto, ich glaube, es war ein Vauxhall sprich Opel sprich GM, machte. Die Jungs seiner Redaktion haben die Karre auf einen Bauernhof gefahren, das Schiebedach geöffnet, den Schlepper mit großem Tank rangefahren und die Karre mit hunderten Litern von Gülle komplett aufgefüllt. Nie mehr habe ich so gelacht. Bei GM soll die Freude geringer gewesen sein. Leute mit solchem Humor leben auch im Land der berühmten englischen Version, des schwarzen, gefährlich.
Über ein Auto, das ich früher mal zu vertreten hatte, schrieb er, es sei ein „dreary and boring car“: „If you thought the last Passat was dull to behold, you really aint’t seen nothing yet. This new one ist sculptured dishwater. It looks like it was styled by someone who was either in a big hurry to get the job done or who was having sex at the time. As a result, it is the motoring equivalent of Belgium: something you simply won’t notice.“ So stand es am 31. Juli 2005 in der Sunday Times. Ich erwähne das nur, damit man meine Achtung vor Clarkson als Journalist nicht verwechselt mit Dank für Gefälligkeitsberichterstattung. Nett ist er nicht, der Junge.
Eine trostlose und langweilige Karre in der Form von gestaltetem Spülwasser, eine Limousine voller Gülle, ein politisch inkorrekter Witz über Belgien…und dann jetzt aus den Archiven ausgegraben, als Gottesgeschenk an alle Feinde, ein N-Wort. Ich habe im letzten Sommer mit Jeremy am beheizten Außen-Pool meines Kollegen Paul, auch bekannt als The-Sleeping-Policeman, hinter dessen Cottage in der Nähe von Cambridge gesessen und werde eine seiner Wehmütigkeiten nicht vergessen. „Know what, Klaus, the most valuable thing in the world is anonymity.“ Ist sie dahin, dann darf der Mob bei einem N-Wort die Schlinge über den Galgen werfen. Nein: dann bittet jemand den Medienmob, in den Archiven zu graben und etwas zu schreiben, das den Mob verleitet, aus dem Mikrokabel einen Galgenstrick zu knoten. So geht das mit dem Rufmord. Da ist dann Rauch, obwohl es kein Feuer gab.
Quelle: starke-meinungen.de