Logbuch
TASS KAFF.
Der Engländer kürzt sie als CUPA ab, die cup of coffee. Die hysterische Sekretärin fragt, eine Oktave zu hoch: “Käffchen?“ Die Italiener haben eine Wissenschaft draus gemacht mit Maschinen so groß wie Mondlandefähren. Eigentlich gehörte der Kaffee aber den Osmanen.
So ist er über die Welt gekommen, der Lebenssaft aller müden Menschen, aus den Basaren. Der Wein der Muslime. Dann natürlich der Treibstoff der Kolonialherren, in den Kaffeehäusern Londons. Auf der Mitte beider Kulturen das Wiener Café, eine Stätte der Kultur. Kaffee ist das Bier der Klugen, Treibstoff der Wachen, ein Medium der Aufklärung.
Warum beginnt der Tag erst nach dem Genuss eines Kaffees? Man könnte argumentieren, dass das anregende Coffein sei. Aber das ist vordergründig. Kann das Geheimnis im warmen Wasser liegen? Wohl kaum. Obwohl, wenn man sieht, was der Engländer an Tee zu sich nimmt, man schon von Trinkkuren sprechen könnte. Die amerikanischen Kulturbanausen bei Starbucks verunstalten den Ritus mit Glaströgen voll aufgeschäumter Milch und skurrilen Geschmackszusätzen. Zudem fragt mich der Affe mit dem „men‘s bun“ hinter der Theke nach meinem Vornamen, den er auf den Pappbecher pinselt. Ekelhaft.
Wir reden hier von einem echten Morgenkaffee, der mittels der Aromaporen des Filters aus dem Haus Melitta gelaufen ist. Ja, Aromaporen. Vielleicht sprechen wir noch vom Crema aus der Monstermaschine, so sie aus Italien oder der Schweiz stammt. Aber bitte keine Kapseln, weder aus Alu noch aus vulgärem Plastik. Nie. Dann lieber noch den gefriergetrockneten Pulverkaffee, die Notlösung der Obdachlosen.
Und Schweigen. Ruhe. Kein Radio, kein mitlaufendes TV, kein Gespräch. Nur die schwarze Brühe des Osmanen und ich. Kein Geplapper!
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GROSSE KLAPPE.
Mein Motto war mal: Zu allem eine Meinung, aber für nix zu gebrauchen. Aus dem Innenleben der „chatting classes“. Eine gute Nachrede.
Ein junger Kollege berichtet mir, dass er gestern im Nachlass von Professor LUTZ ERBRING an der FU einen Brief von mir gefunden habe, den ich vor zwanzig Jahren an ihn, den Methoden-Papst, geschickt hatte. Dabei erinnere ich eine Peinlichkeit meinerseits.
Ich saß mit dem legendären Prof und seiner Gattin beim Wein, als er von der besonderen akademischen Qualität amerikanischer Unis schwärmte. Er hatte dort seinen PhD gemacht und gelehrt; und die US of A von ihrer besseren Seite kennengelernt. Ich aber, nassforsch wie so oft, habe mich dazu ironisch verhalten. Das war gleich mehrfach dumm.
Mir imponiert wie der Romanist HANS ULRICH GUMBRECHT (ein Alumnus aus Bochum) heutzutage von den Efeu-Unis spricht. Er entfaltet da eine eigene Rolle als Publizist von der IVY LEAGUE. Ich stehe ferner in der Schuld des Germanisten JOCHEN SCHULTE-SASSE (Emeritus in Minneapolis, Minnesota), was eine andere Geschichte ist, wie Kipling sagen würde.
Vor allem aber ist die Freie Universität zu Berlin, kurz FU, ein Kind amerikanischer Güte, die den Kriegsgegner Deutschland nach der Niederlage nicht vernichteten, sondern umerzogen. Zum Beispiel durch eine Uni in Dahlem. Ein anderer Bochumer Alumnus (FRIEDRICH KITTLER) hat dazu Schlaues gesagt, zu der Re-Education. Und unserem klebrigen Nationalcharakter als Moralaposteln.
Schließlich hat ERBRING dem legendären MANFRED GÜLLNER (forsa) zur Honorarprofessur verholfen, der wiederum mich auf PAUL LAZARSFELD gebracht hat, den Papst der Päpste in Fragen der empirischen Sozialforschung. Ich habe mal was zu dessen Frau MARIE JAHODA veröffentlicht, allerdings mit deutlicher Unterstützung einer Ghostwriterin.
Und so hält mein Gedächtnis peinliche Torheiten wach, die mich beschämen sollten, aber es nicht tun. Große Klappe war früher halt mein Markenzeichen. Das hat sich ja nun zum Glück gelegt.
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WOHNRAUM.
Würde der Staat eine angemessene Rendite für Sozialwohnungen garantieren, würden diese wie Pilze aus dem Boden schießen. Wenn man sich darauf verlassen könnte. Man kann nicht.
Die Immobilienpreise in den Metropolen bestimmen chinesische Investoren und WGs mit fünf solventen Mietern in vier Zimmern. Und die modische Nutzung zur Schwarzvermietung durch AirBnB. Insgesamt eine parasitäre Ökonomie. Gibt es das, eine rückwärtsgewandte, also reaktionäre Bewirtschaftung?
Wenn ich als Investor Wohnraum schaffen wollte, würde ich sicher sein müssen, dass ich mein Geld nicht durch Enteignung ganz banal verliere. Wenn ich Wohnungen vermieten wollte, müsste ich sicher sein, dass die Mieten nicht unterhalb meiner Kosten staatlich gedeckelt werden und ich die Gebäude verfallen lassen muss.
Wenn eine Stadt unter Wohnungsmangel leidet, müsste sie frei werdende Flächen für Bebauung zur Verfügung stellen, etwa einen ehemaliges Flugfeld. Und sie müsste den Unsinn ausgedehnter Schrebergärten angehen, die mit Datschen zersiedeln und schlicht gar keine Gärten sind. Und die Modernisierung von hundert Jahre alten Häusern entschieden fördern. Gentrifizierung willkommen!
Vor allem aber: Wenn ich attraktiven Wohnraum schaffen will, muss ich eine andere Architektur zulassen als die elenden Wohnmaschinen der DDR. Wenn wenn wenn.
Dafür bieten Linkspartei und Grüne nicht die Gewähr, große Teile der SPD ebenso wenig; die aber regieren Berlin, eine altgewordene Stadt, in der eine latente Klasse von Altmietvertragsnutzern sich an einer antisemitischen Bürgerinitiative zur Enteignung von Genossenschaften und Aktiengesellschaften erfreut und die aus der Verknappung folgende Verteuerung scheinheilig beklagt. Ein ökonomisch reaktionäres Milieu. Mangelverwaltung als Politik. Hänge-WC gelten als Luxussanierung und gelten damit als verbotswürdig. Bestandsschutz.
Die amtierende Bundesbauministerin kann den Erfolg melden, dass von den 400.000 Wohnungen, die sie bis 2025 versprach, schon 20.000 gebaut sind. Im Fernsehen zeigt man mir eine Alleinerziehende mit fünf Kindern, die keine Wohnung findet, obwohl doch das Amt die Miete zahle. Finde den Fehler.
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Schrift ist Gift
Mein Berufskollege Max Clifford muss möglicherweise wegen sexuellen Missbrauchs in den Knast. Die Delikte sollen in den siebziger Jahren stattgefunden haben und minderjährige Frauen betreffen. Die Ermittlungen wurden erst vor zwei Jahren aufgenommen und die Klagezulassung ist zwei Tage alt. Ich halte das für eine fabrizierte Anklage, aber vor einem englischen Gericht ist man bei Fragen des Sexuallebens nun wirklich in Gottes Hand. Oder der des Teufels. So geht es denen, die immer mit dem Fegefeuer spielen.
Und Max Clifford ist unter den Spin Doktoren eine ganz große Nummer. Ich kenne Max gar nicht aus dem Job, sondern aus dem Polo. Das ist diese grellgrüne Bar im Westbury, gleich bei seinem Büro um die Ecke. Das heißt, sie war grellgrün; inzwischen hat irgendein australischer Hotelmanager die Sitzmöbel blau beziehen lassen. Man kann sich fragen, ob man grellgrün in einem solchen fünfziger Jahre Bau erträgt, aber blau, das geht gar nicht, schon gar nicht, wenn das Ding Polo heißt. Wie man sich bei Vorwürfen dieser Schwere über Polsterfarben unterhalten kann? Im Polo kann man.
Mein Kumpel arbeitet bei einem Versteigerungsladen nebenan und wir trafen uns, wenn ich in der City zu tun hatte, hier zum Lunch. Die Küche ist ganz passabel und die Cocktails großartig. Zwei Tische weiter residierte der legendäre Max Clifford. An seinem Tisch saßen nur Gesichter. Damit meint der Engländer, dass man diese Leute nun wirklich kennen müsste. Ich erinnere mich an David Mellor, den schlecht bezahnten Kulturminister und Chelsea-Fan, und an Joe Cocker, diesen Sänger, der die Motorik von Herbert Grönemeyer erfunden hat.
Clifford gilt als PR-Guru; er habe mehr Stories aus den Medien rausgehalten als reingebracht, sagt man. Er war sicher für dreißig Jahre der mächtigste Strippenzieher im Vereinigten Königreich. Eine seiner Erfindungen ist die „Kiss-and-Tell-Story“, also sexuell animierte Indiskretionen. Er hat Popstars versenkt und ganze Regierungen wanken lassen. Dabei war die Quellenlage, wenn man den Gazetten glauben darf, so diffizil nicht: Vieles soll aus den Kundenkarteien von Londons Edelbordellen stammen. Man erinnert sich noch an die Serie um das Callgirl, das in den Commons, dem örtlichen Bundestag, arbeitete.
Max sagt, das seien alles nur frei erfundene Rachegeschichten von miesen Tabloidreportern, denen er zuvor eine andere Geschichte kaputt geschossen habe. Max hatte zum Beispiel die Geschäftsidee mit den Schwulen in der Politik und im Sport. Da sie, jedenfalls früher, am Ende der Karriere waren, wenn das bekannt wurde, hat Max ihnen gesagt, kommt zu mir und es gibt niemals ein „coming out“. Er behauptet, bis heute habe keiner seiner schwulen Klienten eine Enthüllung in der Presse erfahren, obwohl schon manche Story im Rohr gewesen sei.
Wie aber macht er das? Er weist auf seinen Schlüsselbund auf dem Glastischchen und sagt: „Das sind die Schlüssel, die die Türen zu vielen Geheimnissen aufsperren können. Aber zu noch viel, viel mehr Geschichten für immer schließen.“ Ich bin echt beeindruckt. Und verstört. Der Mann lügt doch. Ein Angeber. Wie soll das gehen, eine Geschichte aus der Presse wieder rauszuholen, also zu verhindern, dass sie erscheint? Dazu müsste er ja Dinge über die Entscheidungsebene in den Verlagen und Redaktionen wissen, die man gar nicht wissen kann.
Aber ich habe ihn eben auch erlebt, wenn das Lunch so langsam über den Nachmittag in den Abend wuchs und draußen die Laternen angingen. Da waren wir alle acht oder zehn Martinis weiter. Und niemand, der diese Menge Gin im Bauch hat, kann sich noch verstellen. Ein netter Kerl, etwas einfach gestrickt vielleicht und in der Eitelkeit der Grauhaarigen, klar, mit allen Wassern gewaschen, aber bodenständig. Ein Angeber, kein Verbrecher, schien mir.
Eskapaden gab es durchaus in seinem Leben. Aber eben nicht solche. Sagt er. Und in der alten Tante FAZ zitiert die London-Korrespondentin Gina Thomas ihn mit dem Bekenntnis, das seien nur „grundsolide Sauereien für Erwachsene, die alt genug waren, um zu wissen, was sie taten.“ Auch das halte ich für Angeberei. Was mich skeptisch macht: Das Belastungsmaterial will die Polizei bei einer Hausdurchsuchung in seiner Wohnung gefunden haben. Bezichtigungsbriefe aus 2011. Niemand von der Profession eines Max Cliffort hat so etwas rumliegen, niemand. Das erste, was man in diesem Job lernt, ist: Schrift ist Gift.
Quelle: starke-meinungen.de