Logbuch

FLÜSSIGES BROT.

Was früher eine Weinkarte war, die Auswahl aus sehr vielen Flaschen, ist heute auch dem Bierangebot gegönnt. Flüssiges Brot aus aller Herren Länder. Ich hatte gestern eins namens Delirium Tremens.

Viel Fragwürdiges im Angebot. Aus einer kleinen Sektflasche mit Naturkorken habe ich ein belgisches Sauerbier getrunken, das ungefiltert und spontan vergoren den Charme einer Urinprobe aus dem Altersheim hatte. Der kundige Kellner pries es als den Champagner der Biere. Nun, ich will den in Belgien ansässigen Brauern nicht zu nahetreten, aber mein Ding war es nicht.

Die Biere aus Früchten wie Erdbeeren oder Aprikosen haben wir gemieden; das klingt dann doch zu sehr nach Kindergeburtstag. Stattdessen Indian Pale Ale, sehr lecker. Und zum Dessert der Bierverköstigung dann doch ein sehr süßes dunkles Kellerbier aus Augsburg genommen, in Lingen an der Ems. Das geht wegen Freitachs für Futscher eigentlich nicht. So lange Transportwege sind ökologisch bedenklich.

Weshalb ich auch keinen Wein aus Australien oder Neuseeland trinke. Jedenfalls nicht aus diesen schweren Glasflaschen, die um die Welt gesegelt sind; über Plastikschläuche in Kartons lasse ich mit mir reden. Früher haben kleine Brauer am Ort bestimmt, was der Herr Wirt aus dem Hahn laufen ließ und fertig. Heute sind es Konzerne, die global ein Einheitsgebräu ausschenken. Baustellenbier oder Six-Pack-Qualität, eben die Logik der hoch profitablen Nahrungsmittelindustrie. Unter dem Schirm dieser Uniformität sprießen dann aber doch wieder die kleinen Pilze. Aus Handwerkskulturen. Solches hörte ich gern vor meiner Geschichte.

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FRIEDEN AUSGEBROCHEN.

Mutter Courage glaubt vom Krieg leben zu können, als Marketenderin. Sie fürchtet nur, dass der Frieden ausbricht und ihre Einkünfte ruiniert. Eine unberechtigte Sorge.

Ich habe mein Leben bisher in dem Luxus verbracht, dass sich zwar irgendwo auf der Welt die Völker umbrachten, oft weil Imperien sich arrondierten, aber nicht hier in Europa, jedenfalls nicht in meinem seligen Vaterland.

Ein Vaterland unseliger Vergangenheit. Mein Vater, der den Zweiten Weltkrieg überlebte, wusste von dem Ersten zu erzählen, den sein Vater überlebt hatte. Und von dem Moment, wo die Geschlagenen aus 14/18 sich 1938 freuten, dass der Himmel unter der Luftwaffe brummte, die Richtung Frankreich zog, den Erbfeind diesmal zu erledigen. So lang ist das nicht her.

Aber in unseliger Tradition. Die Goldelse in Berlin ist ein mit Kanonenläufen bestücktes Denkmal, Rohre aus 1870/71. Auch das müssen meine Ahnen überlebt haben. Sie haben diese Kriege nicht nur erlitten, sondern, soviel Ehrlichkeit muss sein, wohl auch geführt. Nicht als Offiziere, sondern als Mannschaften, sprich Kanonenfutter, aber immerhin. Mit keinem Gewinn. Nur dem unverdienten Glück der Davongekommenen.

Mutter Courage, die Tapfere aus dem Dreißigjährigen Krieg Anfang des 17. Jahrhunderts, verliert in ihrem Streben, am großen Unrecht einen kleinen Gewinn zu machen, am Ende alles. Die Tapfere ist die Tragische. Der Dichter will uns sagen: Kriegsgewinnler sind niemals die kleinen Leute. Das war die Illusion der Courage, ihre Lebenslüge. Aber ihre Furcht, dass der Frieden plötzlich ausbricht, die war nun wirklich grundlos.

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HELDEN: HIMMEL LEER.

Warum kauft ein Minister, ein Vizekanzler Gas ein? Wo sind die Unternehmen der Energiewirtschaft? Wo die Bosse der Branche? Haben sich verpisst.

Das ist nicht mehr der Kapitalismus, wie er in den Büchern steht. Ein grüner Wirtschaftsminister, gelernter Kinderbuchautor, bettelt bei den Scheichs um Flüssiggas. ÖKO-STAMOKAP: grün verbrämter staatsmonopolistischer Kapitalismus. Das wäre der Job von großen Energiekonzernen und deren CEOs, Jungs, die Benzol im Blut haben und Eisen fressen. Von mir aus gern auch Mädchen mit Biss. Mein Chef bei der RUHRGAS war aus solchem Holz. Er wurde intern GG genannt; das stand in aller Bescheidenheit für „Gott Gas“. Bei einem devoten Diener vor Scheichs, in solcher Demut, hat der sich nicht erwischen lassen.

Die Helden sind aus. Deren Burgen sind geschliffen. Aus der VEBA wurde E.ON, die jetzt E.off ist. Die RUHRGAS verschwand in etwas, das UNIPER heißt und irgendwelchen Finnen gehört. Was aber machen BP, ESSO und SHELL? Nun, retail is detail. Sie ziehen uns in seltener Dreistigkeit das Fell über die Ohren. Der von den Grünen herbeifantasierte Benzinpreis von 5 Mark pro Liter ist da. Wir zahlen brav schon morgen das Äquivalent von 2,50 € je Liter, für Diesel.

Der Unternehmerhimmel ist leer. Keine Helden mehr, aber in der Industrie anonyme Beutelschneider. Angesichts dessen verliert selbst die wirtschaftsliberale FDP den ökonomischen Verstand und erwägt Gutscheine. So geht GRÜNER STAMOKAP. Ich bin platt.

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Schrift ist Gift

Mein Berufskollege Max Clifford muss möglicherweise wegen sexuellen Missbrauchs in den Knast. Die Delikte sollen in den siebziger Jahren stattgefunden haben und minderjährige Frauen betreffen. Die Ermittlungen wurden erst vor zwei Jahren aufgenommen und die Klagezulassung ist zwei Tage alt. Ich halte das für eine fabrizierte Anklage, aber vor einem englischen Gericht ist man bei Fragen des Sexuallebens nun wirklich in Gottes Hand. Oder der des Teufels. So geht es denen, die immer mit dem Fegefeuer spielen.

Und Max Clifford ist unter den Spin Doktoren eine ganz große Nummer. Ich kenne Max gar nicht aus dem Job, sondern aus dem Polo. Das ist diese grellgrüne Bar im Westbury, gleich bei seinem Büro um die Ecke. Das heißt, sie war grellgrün; inzwischen hat irgendein australischer Hotelmanager die Sitzmöbel blau beziehen lassen. Man kann sich fragen, ob man grellgrün in einem solchen fünfziger Jahre Bau erträgt, aber blau, das geht gar nicht, schon gar nicht, wenn das Ding Polo heißt. Wie man sich bei Vorwürfen dieser Schwere über Polsterfarben unterhalten kann? Im Polo kann man.

Mein Kumpel arbeitet bei einem Versteigerungsladen nebenan und wir trafen uns, wenn ich in der City zu tun hatte, hier zum Lunch. Die Küche ist ganz passabel und die Cocktails großartig. Zwei Tische weiter residierte der legendäre Max Clifford. An seinem Tisch saßen nur Gesichter. Damit meint der Engländer, dass man diese Leute nun wirklich kennen müsste. Ich erinnere mich an David Mellor, den schlecht bezahnten Kulturminister und Chelsea-Fan, und an Joe Cocker, diesen Sänger, der die Motorik von Herbert Grönemeyer erfunden hat.

Clifford gilt als PR-Guru; er habe mehr Stories aus den Medien rausgehalten als reingebracht, sagt man. Er war sicher für dreißig Jahre der mächtigste Strippenzieher im Vereinigten Königreich. Eine seiner Erfindungen ist die „Kiss-and-Tell-Story“, also sexuell animierte Indiskretionen. Er hat Popstars versenkt und ganze Regierungen wanken lassen. Dabei war die Quellenlage, wenn man den Gazetten glauben darf, so diffizil nicht: Vieles soll aus den Kundenkarteien von Londons Edelbordellen stammen. Man erinnert sich noch an die Serie um das Callgirl, das in den Commons, dem örtlichen Bundestag, arbeitete.

Max sagt, das seien alles nur frei erfundene Rachegeschichten von miesen Tabloidreportern, denen er zuvor eine andere Geschichte kaputt geschossen habe. Max hatte zum Beispiel die Geschäftsidee mit den Schwulen in der Politik und im Sport. Da sie, jedenfalls früher, am Ende der Karriere waren, wenn das bekannt wurde, hat Max ihnen gesagt, kommt zu mir und es gibt niemals ein „coming out“. Er behauptet, bis heute habe keiner seiner schwulen Klienten eine Enthüllung in der Presse erfahren, obwohl schon manche Story im Rohr gewesen sei.

Wie aber macht er das? Er weist auf seinen Schlüsselbund auf dem Glastischchen und sagt: „Das sind die Schlüssel, die die Türen zu vielen Geheimnissen aufsperren können. Aber zu noch viel, viel mehr Geschichten für immer schließen.“ Ich bin echt beeindruckt. Und verstört. Der Mann lügt doch. Ein Angeber. Wie soll das gehen, eine Geschichte aus der  Presse wieder rauszuholen, also zu verhindern, dass sie erscheint? Dazu müsste er ja Dinge über die Entscheidungsebene in den Verlagen und Redaktionen wissen, die man gar nicht wissen kann.

Aber ich habe ihn eben auch erlebt, wenn das Lunch so langsam über den Nachmittag in den Abend wuchs und draußen die Laternen angingen. Da waren wir alle acht oder zehn Martinis weiter. Und niemand, der diese Menge Gin im Bauch hat, kann sich noch verstellen. Ein netter Kerl, etwas einfach gestrickt vielleicht und in der Eitelkeit der Grauhaarigen, klar, mit allen Wassern gewaschen, aber bodenständig. Ein Angeber, kein Verbrecher, schien mir.

Eskapaden gab es durchaus  in seinem Leben. Aber eben nicht solche. Sagt er. Und in der alten Tante FAZ zitiert die London-Korrespondentin Gina Thomas ihn mit dem Bekenntnis, das seien nur „grundsolide Sauereien für Erwachsene, die alt genug waren, um zu wissen, was sie taten.“ Auch das halte ich für Angeberei. Was mich skeptisch macht: Das Belastungsmaterial will die Polizei bei einer Hausdurchsuchung in seiner Wohnung gefunden haben. Bezichtigungsbriefe aus 2011. Niemand von der Profession eines Max Cliffort hat so etwas rumliegen, niemand. Das erste, was man in diesem Job lernt, ist: Schrift ist Gift.

Quelle: starke-meinungen.de