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DER SOUVERÄN.

Wenn man sieht, was die Leute sich so zusammenwählen, weiß man, dass der SOUVERÄN eine kontrafaktische Annahme ist. Der Wähler spinnt.

Warum ist die AMPEL derart unbeliebt, dass alle drei Parteien ausgerechnet an die AfD abgeben, so dass die Rechtspopulisten zur zweitstärksten Kraft auch in westlichen Bundesländern werden können? Ich staune. REAKTANZ.

Und die Grünen als Ursache der REAKTANZ finden sich dann weniger abgestraft als Rot und Gelb. Verstehe ich nicht. Zumal die FDP; eigentlich ist das LIBERALE doch das Selbstverständlichste unter den politischen Ideen. Und sie hat viel Unsinn verhindert, die liberale Fraktion. Die fliegen ganz raus.

Der braune Bub Aiwanger verdankt der Süddeutschen Zeitung weitere 4 Prozentpunkte und erspart der CSU über schwarzgrün nachdenken zu müssen. Also sagen wir im Ergebnis: Ampel kriegt Arschtritt, Union gestärkt, trotz Merz. Das kapiere, wer will.

Ich falle auf die vorkritische Überlegung zurück, dass es auch an den Personen liegt, so sie Persönlichkeiten sind oder eben nicht. Neulich gab es ein Pressefoto mit den Spitzen des Staates in der ersten Reihe samt Ehepartner. Was für eine schlechtgekleidete, übellaunige Truppe mediokrer Kleinbürger, dachte ich so bei mir.

Ich kann es am deutlichsten an der SPD sagen, die am ehesten die Chance hätte, vielleicht mit der FDP, unter Umständen gar noch mit den Grünen, für eine linksliberale Mitte zu stehen: und dann sehe ich Frau Esken und die Herren Klingbeil-Kühnert. Das ist der Moment, in dem ich den SOUVERÄN verstehe, den der Trotz zur AfD treibt; was ich missbillige.

Ups, das war ja gerade die Ampel. Ein Komödienstadel ohne Glanz oder gar Größe. So schön Olaf zögert, das könnte einfach nicht reichen. In deren Kakophonie findet sich die Union als neue Mitte. Überraschend.

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PREDIGER.

Seit gestern interessiere ich mich für den Predigerorden, der gegründet wurde, um die Katharer zu bekehren. Die DOMINIKANER sind eine erstaunliche Säule christlicher Kultur. Obwohl als Bettelorden angelegt, haben sie als Tradition aus dem Mittelalter bis heute überlebt. In ihrem Konvent in Berlin-Moabit wirken sie seelsorgerisch in Feindesland.

Nicht etwa, weil die Zuwanderung jüngeren Datums viele Muslime hier hat heimisch werden lassen; das fügt sich eigentlich ganz gut. Letzte Woche noch habe ich mir meine Covid-Impfung bei zwei Apothekerinnen mit der kenntlichen Kopfbedeckung abgeholt, nett und kompetent. Nicht wegen des allseitigen Atheismus. Nein, der preußische Protestantismus hat hier im 19. Jahrhundert die Katholiken regelrecht geschliffen.

Aber aus der polnischen Zuwanderung entstand eine eigene katholische Klientel; jüngst zudem aus italienischen Wurzeln. Ich erlebe einen Pater besonderer seelsorgerischer Güte, einen Mann, dessen Bildung ihn eher der Aufklärung zurechnen lässt als dem Hexenhammer. Respekt. Den Quellen kann man entnehmen, dass die mittelalterlichen Dominikaner auch ihren Anteil an Judenhass hatten. Ihr Sendungsbewusstsein als Prediger-Orden ging so weit. Jetzt sind sie dem Frieden zugewandt.

Jedenfalls lehrt mich der Klosterbesuch, dass ein Zusammenleben in Frieden ein Kulturgut ist, dass man verteidigen wollen muss. Die Kriege unserer Tage sind zwar in der Ferne, im Osten wie dem Morgenland, aber doch näher als man meint, wenn ich kriegsgeile Nachbarn die eine oder die andere Kriegspartei loben höre. Da ist der Dominikaner-Dom ein Ort der Kontemplation. Gut so.

Jetzt, wo ich weiß, dass die Dominikaner gegründet wurden, um die Katharer zu bekehren, werde ich Catos Anweisung, dass sie besser zerstört werden sollten, noch mal überdenken.

Sachdienliche Hinweise, dass die Katharer des Spätmittelalters nicht aus dem Karthago der Antike stammen, können hier nicht berücksichtigt werden, da sie die Pointe ruinieren.

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VON DER KANZEL.

An Kathedralen fasziniert die Höhe des Doms. Die Erdenwürmer schauen auf zu Gott. Dazwischen doziert an Altar und Pult der Priester. Auf einer niedrigeren Stufe der monumentalen Vertikale, aber doch über den Köpfen der Horizontalen.

In allen Kirchen, die ich touristisch kennenlerne, suche ich nach der Kanzel, eine architektonische Besonderheit. Damit alle Gläubigen die Predigt auch akustisch verstehen, ist sie stets über den Köpfen der Gemeinde; meist noch mit einem eigenen Dach versehen, dem Schalldeckel. Es war klar, wer hier erhaben stand, verkündete Gottes Wort.

Ex cathedra sprechen zu dürfen, war eine explizite Auszeichnung; man brauchte dazu eine Erlaubnis höchster Autorität. Das hat sich mit der Reformation nur scheinbar geändert. Zwar durfte nun jeder Laie in der deutschsprachigen Bibel Sinn suchen, aber es wuchs eben auch die Bedeutung des Wortes. Exegese war eine Disziplin.

Das ist der grundlegendste Unterschied zu den heutigen Internet-Religionen: Jeder Depp darf dort auf die Kanzel. Die „influencer“ schaffen sich ihre virtuellen Kirchen, jedenfalls virtuelle Predigtpulte, von denen aus sie ihre Befindlichkeiten global verbreiten. Das Ganze hat etwas von einem unendlich gestellten Stuhlkreis; die Banalität des Horizontalen.

Für die stolze Kirche war klar, dass zwischen der Sünderbank und dem Kathedralendach, sprich dem Himmel, noch immer der Prediger thronte, von oben eingesetzt und gegenüber dem Parkett weisungsberechtigt. Das ist es, was die Sozialen Medien aufgelöst haben, die Priesterweihe. Jedem Depp seine Kanzel. In der Folge weiß auch niemand mehr, wo Gott wohnt.

Die erhabene Vertikale des Doms ist gestürzt; sie liegt quer. Die Laien laben sich an ihrer eigenen Blase. Pun intended.

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Warum ich nicht glaube, was ich lese

Journalismus ist angeblich eine Haltung. So sagen die Blasierten. Mag sein, aber mit notorischen Haltungsschäden. Eine professionelle Deformation nennen die Franzosen die Spuren, die ein Beruf in der Seele des Berufstätigen hinterlässt. Ich mache jetzt seit gut dreißig Jahren PR und habe tagaus, tagein mit Journalisten zu tun und schaue genau so lange jeden Morgen in die Zeitungen, heutzutage halbstündig ins Internet. Einer meiner angelegentlichen Weggefährten ist gerade 80 geworden, der großartige Felix Schmidt, einst Leiter eines öffentlich rechtlichen Senders, Kulturchef des Spiegel, dann Stern-Chefredakteur und schließlich unabhängiger TV-Produzent („Talk im Turm“).

Die FAZ hat einen lieblos heruntergeschmierten Einspalter zu seiner Ehrung gebracht; deshalb lege ich hier nach. Dieser neurasthenische Publizist ist immer in seinem notorischen Ekel vor seiner eigenen Branche größer gewesen als andere in ihrer blasierten Begeisterung. Mit Felix Schmidt und Peter Sloterdijk habe ich das „Philosophische Quartett“ ersonnen, eine der besten ZDF-Serien; natürlich mittlerweile eingestellt. Herr Schmidt war übrigens beim Stern, als die die lausig gefälschten Hitler-Tagebücher gekauft und publiziert haben. Was habe ich von diesem wunderbaren Mann gelernt? Skeptizismus. Ich glaube nicht, was ich lese, insbesondere wenn die Story zu gut ist.

Was ist eine zu gute Story? Nehmen wir ein Beispiel: Der Alte hat eine Geliebte, eine junge Chinesin, die in gebrochenem Englisch Tagebuch schreibt. Stellen Sie sich vor, Sie sind die Ehefrau oder die Tochter eines früheren Staatschefs und lesen das folgende über Ihren Gatten respektive Vater: „Oh shit, oh shit… whatever why, I‘m so, so missing Tony. Because he is so, so charming and his clothes are so good. He has such good body and he has really, really good legs, butt…And he is slim tall and good skin…blue eyes, which I love, love his eyes…“  Butt heißt übrigens Hintern. Die Rede ist von Tony Blair, dem ehemaligen Premierminister des Vereinigten Königreichs.

Der Tagebuchauszug soll von Wendi Deng stammen, der ehemaligen Ehefrau von Rupert Murdoch, einem der mächtigsten und sicher reichsten Verleger Amerikas, einem Weltenlenker. Der Altersunterschied zwischen den beiden nunmehr Geschiedenen liegt bei 38 Jahren; Rupi hat sie gefreit, als er 68 und Wendi 30 war. Dem Ungestüm ihrer Jugend sollen in der 14jährigen Ehe auch Affären mit dem englischen Regierungschef und einem Vorstand  der Internetkrake Google zu verdanken sein. Blair habe sich heimlich auf der heimischen Farm eingefunden, als Rupi außer Haus war. Als Rupi dann die Gerüchte hörte, hat er das Personal befragt. Shit happens.

Gemein daran war, dass Blair seinen Wahlsieg in England, der ihn ins Amt gebracht hatte, angeblich dem Boulevardblatt The Sun verdankte, das Murdoch gehört. Ich erinnere mich noch an die Seite Eins nach dem Wahlsonntag. Es stand dort in typisch britischem Understatement: „The Sun won it!“ Nicht der Souverän, das Wahlvolk, hatte die Unterhauswahlen gewonnen, sondern, so die Schlagzeile, das Massenblatt. Demokratische Ordnungspolitik ist nicht die eigentliche Tugend der „tabloids“ in UK. Zudem war Tony Blair der Pate (englisch: „godfather“) eines der gemeinsamen Kinder von Rupi und Wendi. Da schlägt man doch nicht heimlich auf, um einen bei Mutti zu verstecken; ich bitte Sie.

Die Story stand in „Vanity Fair“ und wird nun von der „Welt am Sonntag“ fortgeschrieben. Ich glaube sie nicht. Die Story ist zu gut. Ich will nicht beckmessern, wie man das macht, mit einem Heer von Secret Service- Agenten im Schlepptau irgendwo einen heimlichen „One-Night-Stand“ abzuliefern. Ich will Ihr Auge nur auf ein Detail lenken. Die Multimillionärsgattin Wendi Deng soll, wie oben zu lesen, in Pidgin English angeblich in ihr Tagebuch gekritzelt haben, dass ihre erotische Präferenz unter anderen damit zusammenhänge, dass Sir Tony gute Kleidung trage.

Was immer die „desperate housewives“ dieser Gehaltsklasse in Silicon Valley antreibt, es ist nicht der Anzug des Auszuziehenden. Der Text hat eine implizite soziale Perspektive und stammt von einem Redaktionsproleten in der Fleet Street, ich wette. Hier schreibt Andy Cap aus Wolverhampton, der im Anorak zur Arbeit kommt, für die Essex-Girls, die sein Blatt kaufen. Wendi Deng war klüger als Bettina Wulff und hat das weder kommentiert noch sonst irgendwelche Fragen beantwortet. Fleet Street Smear, nennt man das in meinem Club.

Nun sitzt die englische Presse längst nicht mehr in der Fleet Street, sondern in den Docklands die Themse runter. Und man nennt das dichtende Prekariat in den Redaktionsstuben nicht ungestraft proletarisch. Aber, das war mein Punkt, ich glaube diese Geschichte nicht. Sie ist zu gut für das, was der Boulevard „gut“ nennt, weil wir, die Leser, das gut finden. Es ist unser schlechter Geschmack, der hier bedient wird. Wie bei Wulff. Kehren wir also vor der eigenen Tür. Das sei also zur Ehre des 80. Geburtstags von Felix Schmidt heute gesagt. Skepsis haben wir von ihm gelernt. Und die Achtung vor einem Beruf, der so oft deroutiert.

Quelle: starke-meinungen.de